Die Olympischen Spiele vor  mehr als 120 Jahren in Athen bzw. vor mehr als 60 Jahren in Melbourne

Olympische Diskussionen allerorten. In acht Monaten, im Februar 2018, werden die 23.Olympischen Winterspiele in Pyeongchang stattfinden. In knapp drei Jahren, Ende Juli/Anfang August 2020, ruft Tokyo dann die Sportjugend der Welt.

Olympia ist inzwischen in keinem guten „Fahrwasser“.  Es wurde immer „bombastischer“, „größer“, „gigantischer“, „trendiger“ und „elitärer“ (Blickt man allein darauf, wer sich die teuren Olympia-Tickets leisten kann!). In den Arenen rollt nicht nur „der Rubel“, die wirtschaftlichen bzw. politischen Protagonisten sitzen auf den Tribünen und frönen dem Tun im Schwimmbecken, auf Tartanbahnen, auf Bahnen, Pauschenpferden, richtigen Pferden oder sonstigen Gerätschaften. Sponsoren versuchen immer mehr, Einfluß auf die Gestaltung des olympischen Programmes zu erhalten. Ähnliches gilt für die diversen „TV-Rechte-Inhaber“…

Die Nachrichten aus Rio 2016 waren zudem alles andere als erfreulich: Korruption, Umweltskandale, verschmutzte Gewässer, Zwangsumsiedlungen aufgrund der Schaffung neuer Stadien, extrem teure Sportanlagen, deren nachhaltige Nutzung fraglich ist, und ein Austragungsland, das ebenfalls große wirtschaftliche Probleme hatte bzw. hat, in dem es auch eine große Armut gibt.

Von Athen 1896 zu Melbourne 1956

Vor mehr als 120 Jahren und vor mehr als 60 Jahren war dagegen zwar nicht alles gut, aber Olympia war noch für die Sportlerinnen und Sportler da, nicht für Sponsoren, Funktionäre oder Mainstream-Journalisten.

Olympia ist inzwischen ein Geschäft, dabei wird übersehen, dass genau das der Grund für den Untergang der Olympischen Spiele der Antike war: Korruption, Geldverschwendung, Betrug und politische Einflußnahme.

In Athen 1896 nahmen nur knapp 250 Athleten aus 14 Ländern teil, die Wettkampfstätten und Unterkünfte, auch für die Offiziellen, waren bescheiden. Die Presse berichtete sachlich, wenn auch nicht immer emotionsfrei. Die Amerikaner sammelten die meisten Goldmedaillen (11), die Griechen die meisten Medaillen insgesamt (50) und die Deutschen kamen auf sieben erste Plätze, sechs zweite Plätze und einen dritten Platz. Aber der Medaillenspiegel spielte 1896 überhaupt keine Rolle. 44 Entscheidungen in 9 Sportarten gab es. Das Fußball-Turnier fiel aus – nur ein deutsches Team hatte gemeldet. Rudern, bis auf eine Entscheidung, und Segeln fielen gänzlich der Witterung zum Opfer. Die Sportler nahmen es mit Gelassenheit hin.

Vor mehr als 60 Jahren – Olympia in Melbourne

Melbourne 1956 war da schon etwas anders, aber immer noch sehr angenehm. Es gab schon 151 Entscheidungen in 18 Sportarten – immer noch eine überschaubare Anzahl. Rund 3300 Athletinnen und Athleten aus 72 Nationen waren vor Ort  (in Melbourne und bei den separaten Reiterspielen in Stockholm).

Auch Sportlerinnen und Sportler mit „MV-Hintergrund“ waren darunter. Es gab sogar Medaillen-Glanz aus M-V-Sicht. Der Ruderer Karl-Heinrich von Groddeck, in Tutow (heutiger Landkreis Vorpommern-Greifswald) geboren, schaffte mit dem deutschen „Zweier mit“ Silber. Der Hockeyspieler Heinz Radzikowski, 1925 in Stolpe geboren, wurde mit der gesamtdeutschen Feldhockey-Mannschaft Dritter.

Der Hanseate Horst Mann qualifizierte sich ebenfalls für Olympia 1956. Dieser, in Neustettin geboren,  sorgte bereits 1955 für eine ziemliche Überraschung, als er in 47,8 Sekunden den DDR-Meistertitel über die 400 Meter gewann. Im Olympia-Jahr 1956 wiederholte Horst Mann den Triumph. Überhaupt war er ein großartiger 400 Meter-Läufer, der  in seiner sportlichen Karriere unter anderem für Einheit Rostock, die HSG Wissenschaft Greifswald und den SC Empor Rostock startete, wobei er den damaligen DDR-Rekord auf 47 Sekunden verbessern konnte.

Dazu der frühere Läufer und spätere Trainer Peter Schoenen (Wismar, 2016 verstorben), der gerade in seinen jungen Jahren große Erfolge feierte, bei der Hochschulsportgemeinschaft Wismar Marita Koch betreute und wegen seiner politischen Haltung zur SED-Sportführung in der DDR dann später „Berufsverbot“ erhielt: „Horst Mann war damals schon ein Idol für uns junge Läufer. Er beeindruckte mit seinen Leistungen national und international. Wir freuten uns damals alle, dass einer von uns aus Mecklenburg die Qualifikation für Olympia schaffte. Horst Mann war ein Vorbild für uns.“

Beste Jahre 1954, 1955 und 1956

Seine besten Jahre hatte Mann 1954 bis 1956: So war es letztendlich keine Überraschung mehr, dass er zu jenen 37 Sportlerinnen und Sportlern der DDR (von 276) gehörte, die sich für das gesamtdeutschen Olympia-Team 1956 qualifizieren konnten. Auch der 1931 in Skordiniza geborene Friedrich Janke, der nach 1945 zunächst in Mecklenburg lebte, gehörte zum deutschen Olympia-Aufgebot 1956 in Melbourne. Janke startete über 5000 Meter.

Zwei aus M-V „läuferisch“ in Melbourne

„Down Under“ war für beide mecklenburgische Läufer allerdings nicht die Offenbarung, beide kamen über die Vorläufe nicht hinaus. Friedrich Janke verpasste dann vier Jahre später, 1960 in Rom, eine Medaille denkbar knapp. Er wurde Vierter. Später trainierte er solche Weltklasse-Läuferinnen, wie beispielsweise Uta Pippig, Ulrike Bruns oder Gunhild Hoffmeister.

Den 400 Meter Lauf von Melbourne gewann der Amerikaner Charles Jenkins in 46,7 Sekunden vor Karl-Friedrich Haas, den gebürtigen Berliner, der für den 1.FC Nürnberg startete und den zeitgleichen Dritten Voitto Hellsten (Finnland) bzw. Ardalion Ignatjew (Sowjetunion).  Über die 5000 Meter triumphierte Wladimir Kuz (Sowjetunion), der auch über die 10000 Meter siegte, in 13:39,6 Minuten vor Gordon Pirie (Großbritannien) und Derek Ibbotson (Großbritannien).

Auch wenn es mit einer leichtathletischen Olympia-Medaille „Made in M-V“ 1956 noch nichts wurde. Erfreuliche olympische Schlagzeilen aus deutscher Sicht gab es dennoch. So gewannen die Kanuten Meinrad Miltenberger/Michel Scheuer im Zweier-Kajak die erste olympische Goldmedaille für deutsche Sportlerinnen und Sportler im Rahmen Olympischer Sommerspiele nach dem zweiten Weltkrieg. In Melbourne fanden diese ziemlich spät vom 22.November bis 8.Dezember 1956 statt. Im australischen Sommer, aber im deutschen Frühwinter sozusagen.

Melbourne 1956 hatte seine Reize

Dabei: Das erste „sommerliche Olympia-Gold“ für einen deutschen Sportler ging eigentlich an einen Reiter. Die strengen Quarantäne-Bestimmungen der Australier verhinderten die Einreise der Pferde auf den fünften Kontinent und so mußten die olympischen Medaillengewinner im Reitsport außerhalb Australiens ermittelt werden.

Vom 10. bis 17. Juni gab es daher „Olympische Reiterspiele“ in Stockholm, die zum Programm der XVI.Olympischen Sommerspiele gehörten. Dabei sorgten die deutschen Springreiter, allen voran Hans Günter Winkler auf „Halla“ für Furore. Trotz eines Leistenbruches und dank eines überragenden „Halla“ sicherte sich der Ausnahme-Reiter Gold im Einzel und auch im Team.

Die dann folgenden 1956er (Gesamt-)Spiele standen zunächst unter keinem guten Stern. Nach dem Aufstand in Ungarn und dem damit verbundenen Einschreiten der russischen Truppen forderten viele Länder einen Boykott der Spiele. Zudem sorgte die Suez-Krise für eine aufgeheizte politische Atmosphäre. Dennoch kam es zu keinem größeren Boykott, die meisten Sportlerinnen und Sportler aus Ost und West waren weiter als ihre Politiker zu Hause und schlossen grenzübergreifend Freundschaften.

Unrühmliche Ausnahme: Das Wasserballspiel zwischen Ungarn und der Sowjetunion, bei dem es Schlägereien innerhalb und außerhalb des Wassers gab.

Erfreulich hingegen das Miteinander im Gewichtheben… Das Duell USA gegen UdSSR endete zwar 4:3 für die USA, aber es gab freundschaftliche Kontakte zwischen den Teams aus beiden „verfeindeten“ Ländern.

Das US-Gewichtheber-Team  um Tommy Kono und Paul Anderson, den „Kran von Tennessee“, hatte im vorolympischen Jahr 1955 eine Wettkampfreise durch die UdSSR, da entstanden bereits gute Kontakte. Paul Anderson engagierte sich übrigens auch in den USA sozial sehr stark, betreute sozial benachteiligte Jugendliche…

Für die Highlights aus deutscher Sicht sorgten neben den Kanuten Meinrad Miltenberger/Michel Scheuer und Reiter Hans Günter Winkler auch der Turner Helmut Bantz mit Gold im Pferdsprung und Ursula Happe ebenfalls mit Gold im Schwimmen (200 Meter Brust).

Im Bantamgewicht erkämpfte Boxsportler Wolfgang Behrendt das erste Olympia-Gold für die DDR, vor Song Soon-Chun (Südkorea), Claudio Barrientos (Chile) bzw. Frederick Gilroy (Irland).. Nach Abschluß der Olympischen Spiele in Melbourne war die Sowjetunion mit 37 x Gold, vor den USA mit 32 x Gold, Australien mit 13 x Gold, Ungarn mit 9 x Gold, Italien und Schweden mit jeweils 8 x Gold und dem gesamtdeutschen Team mit 6 x Gold die erfolgreichste Mannschaft.

Überschaubare Spiele mit herzlicher Atmosphäre

Die Stars der Spiele 1956 waren die russische Turnerin Larissa Latynina (4 x Gold) und die australische Leichtathletin Betty Cuthbert (3 x Gold).

Für „Gänsehaut-Feeling“ sorgte die Abschlussfeier in Melbourne. Auf Vorschlag des in Melbourne lebenden jungen Taiwan-Chinesen John Wing kamen als Ausdruck echter Völkerfreundschaft die Teams nicht streng geordnet nach Länder-Teams ins Stadion, sondern bunt gemischt, ohne Fahnen, Wimpel und nationalem Trara.

Melbourne 1956 – Olympia war damals eben noch relativ familiär und gemütlich. Die Politik blieb auch dort zwar nicht „außen vor“, aber am Ende gab es sogar einige aufrichtige Sport-Freundschaften zwischen den vermeintlichen „Klassenfeinden“.  Und auch Mecklenburger und Vorpommern waren mittendrin!

Marko Michels