Mit LSB-Präsident Andreas Bluhm im Gespräch

Andreas Bluhm, Präsident des Landessportbundes M-V. Foto: Andreas Bluhm/privat

Der meteorologische Sommer endete zwar Ende August, der Sportsommer geht jedoch weiter. Seit Juni standen eine ganze Reihe von regionalen, nationalen und internationalen Wettkämpfen auf dem Programm, in denen nicht wenige Athletinnen und Athleten aus M-V überzeugten. Aktuell sorgten unter anderem die Seglerinnen Birte Winkel/Theres Dahnke, die Tauchsportlerin Lisa Dethloff sowie die Ruderasse Marie Louise Dräger und Hannes für internationale Erfolge.

Weitere sportliche Highlights stehen im September und Oktober auf dem Programm. So die Weltmeisterschaften für die Leichtathleten und Paraleichtathleten in Doha bzw. in Dubai, die Ringkampf-WM in Kasachstan, die Welttitelkämpfe der Boxer in Jekaterinburg oder auch die Turn-Weltmeisterschaften in Stuttgart.

Interview

Andreas Bluhm, Präsident des Landessportbundes Mecklenburg-Vorpommern über den Sportsommer 2019 und die Erfolge aus MV-Sicht, die Entwicklung des hiesigen Leistungs-, Nachwuchs- und Breitensports, die Stand der Dinge ein Jahr vor Tokyo 2020 und neue Herausforderungen.

„Ohne Ehrenamt funktioniert im Sport gar nichts…“

Herr Blum, Mecklenburg-Vorpommern feierte in den letzten Wochen einige sportliche Erfolge. Was waren für Sie besondere Highlights?

Andreas Bluhm: Die Sommer-Monate sind traditionell sportintensive Wochen, in denen es von einem Höhepunkt zum nächsten geht.

Anfang des Monats Juli fanden zum Beispiel im schwedischen Karlstad die XIII. Baltic Sea Youth Games statt, bei denen wir mit über 70 jungen Sportlerinnen und Sportlern aus verschiedenen Sportarten teilnahmen und gute Ergebnisse erzielen konnten; auch die Öresundspiele und andere Wettkämpfe sorgten vor allem im sportlichen Nachwuchs für tolle Erlebnisse und Erfolge.

Beeindruckend waren auch die Leistungen und die Cleverness von Lea Sophie Friedrich bei ihren Bahnradwettkämpfen, die Weltmeistertitel für Marie Louise Dräger und Hannes Ocik; für ihn mit dem Achter der dritte Titel in Folge. Die Judoka Annika Würfel, die Ringerin Rebekka March, die Nachwuchsseglerinnen Birte Winkel und Theres Dahnke, die Triathletin Lena Meißner, die Taucherin Lisa Dethloff, die Leichtathletin Claudine Vita – sie alle haben für viel Freude gesorgt und stimmen optimistisch für die nächsten Monate.

Und nicht zuletzt die Leistungen der „Schmetterlinge“ bei der Damen-Volleyball-EM – bei denen mit Kimberly Drewniok, Denise Hanke, Anna Pogany bzw. Marie Schölzel vier aktuelle und mit Jennifer Geerties, Louisa Lippmann bzw. Jana-Franziska Poll drei ehemalige SSC-Spielerinnen im DVV-Aufgebot waren – zeigen, dass bei uns im Lande tolle Sportlerinnen und Sportler zu Hause sind.

Knapp ein Jahr vor Olympia bzw. den Paralympics 2020 in Tokyo: Wo steht der Leistungssport in M-V aus Ihrer Sicht?

Andreas Bluhm: Die Kadersportlerinnen und -sportler der jeweiligen Altersbereiche unseres Landes bereiten sich intensiv und mit hohem persönlichen Einsatz auf die entsprechenden Wettkämpfe und Qualifikationsmöglichkeiten für die Olympischen Spiele bzw. Paralympics vor.

Dabei werden sie von ihren Trainer- und Betreuerstäben nach besten Möglichkeiten unterstützt. Wir alle hoffen, dass sich viele in den Ausscheidungen durchsetzen können und ihr Ticket nach Tokio erhalten.

Die potentiellen Teilnehmer an den jeweiligen Spielen wollen wir im Rahmen der Initiative „ Wir in Tokio“ vorstellen und bekannt machen, damit sich die Einwohner unseres Landes auch mit ihren Athletinnen und Athleten identifizieren können.

Das alles täuscht aber nicht über die im Moment sehr komplizierte Situation in der  Leistungssportentwicklung hinweg. Kann man im Nachwuchsleistungssport bei uns im Lande durchaus von einer soliden Basis sprechen, ist im Spitzenbereich die „Decke“ aus ganz verschiedenen Gründen dünn.

Hinzu kommen nach wie vor so manche Unwägbarkeiten aus der Leistungssportreform selbst, sind doch nur drei (Boxen, Rudern, Volleyball weiblich) der insgesamt neun Bundesstützpunkte der Sommersportarten vom Bundesinnenministerium und dem DOSB bis 2024 genehmigt, die anderen (Kanu, Leichtathletik, Radsport, Schwimmen, Segeln und Triathlon) nur bis 2020, mit allen damit im Zusammenhang bestehenden Unklarheiten.

Es ist offen, ob diese für den gesamten Sport in MV wichtige Struktur und Ausstrahlung so erhalten bleibt und nach welchen Kriterien dies geschieht. Auch einige offene Fragen, die sich aus der Bund-Länder-Vereinbarung zum Leistungssport von Ende 2018 ergeben, sind nicht gerade förderlich für die notwendige Klarheit und Kontinuität im Leistungssport.

Der Landessportbund MV ist hier mit der Landespolitik im ständigen Dialog, um Lösungen zu gestalten. Und blicken wir über Tokio 2020 hinaus, dann sind eine ganze Reihe von Rahmenbedingungen zu entwickeln bzw. zu verbessern. Das würde aber dieses Interview sprengen.

Der Leistungssport ist nur ein kleiner Teil des Sportes… Wie beurteilen Sie die Entwicklung des Breitensportes im Land?

Andreas Bluhm: Gestartet in den Sportsommer 2019 sind wir am 22. Juni mit den Seniorensportspielen des Landessportbundes in der Bernsteinstadt Ribnitz-Damgarten. Mehr als 2000 Seniorinnen und Senioren haben sich dort sportlich betätigt und viel Freude gehabt. Diese breitensportlichen Wettkämpfe stehen exemplarisch für einen bedeutenden Teil der Breitensportentwicklung im LSB MV, denn gerade im Bereich der etwas früher Geborenen haben wir einen nicht unerheblichen Mitgliederzuwachs.

Das Bedürfnis nach sportlicher Betätigung, gesundheitlicher Fitness, Geselligkeit und Leistung führt immer mehr in die Sportvereine.

Vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung wird dies auch in Zukunft so sein und noch an Dynamik zunehmen. Sich darauf gut vorzubereiten ist eine Herausforderung an den LSB, die Stadt- und Kreissportbünde und Fachverbände, an viele Vereine. Ganz besonders gilt das auch für den ländlichen Raum. Vielfältiger werden die Aktivitäten zum Erwerb des Sportabzeichens, neben dem Wettkampfbetrieb entstehen auch immer mehr allgemeine Sportgruppen. Auch im Kinder- und Jugendbereich konnten wir die positiven Entwicklungen der zurückliegenden Jahre fortsetzen.

Kurzum, der Breitensport entwickelt sich gut und solide. Alle Förderer des Sports sind aufgefordert, diesem guten Trend auch mit entsprechenden Rahmenbedingungen zu entsprechen, auf allen Ebenen, von der Kommune bis zum Land.

Angeblich werden nicht nur die Kinder immer unsportlicher, haben Gewichtsprobleme… Welche Konzepte hat der hiesige LSB?

Andreas Bluhm: Seit mittlerweile vier Jahren führt der LSB jährlich im April Konferenzen zum Thema „Sport und Gesundheit“ durch, mit großer Resonanz und verschiedenen Schwerpunktsetzungen. Sie machten stets deutlich: der organisierte Sport hat bisher schon viel für die Gesellschaft geleistet und ist aufgefordert, seine Expertise noch stärker in die Debatte einzubringen.

Die wachsende Zahl der Kooperationen von Vereinen und Kitas, von Vereinen mit Schulen, die Frage der Gestaltung der Ganztagsschule mit Hilfe von Sportvereinen – hier ist ein riesiger Bereich von vor allem ehrenamtlichen Engagement im Dienste der Gesellschaft.

Hier weiter voranzukommen ist ein wesentliches Element der gegenwärtigen Breitensportkonzeption des LSB, die übrigens auf dem Sporttag 2020 fortzuschreiben ist. Mehr hin zu altersgruppenübergreifenden und niedrigschwelligen Breitensportangeboten könnte ein Weg sein, noch mehr junge und ältere Menschen zum aktiven Sporttreiben zu bewegen.

Was sind aus Ihrer Sicht die kommenden großen Herausforderungen des LSB?

Andreas Bluhm: Ich hatte schon auf die Konsequenzen des demographischen Wandels für den Alltag in unseren Sportvereinen und -strukturen verwiesen. Ihn als Chance zu verstehen und ihn bewusst und erfolgreich zu gestalten, ist die große Herausforderung der nächsten Jahre. Bildungsangebote zu entwickeln, Übungsleiter dafür zu gewinnen und zu qualifizieren, ist für uns als Dachorganisation sehr wichtig.

Die  Leistungssportreform ist ja auch noch nicht in trockenen Tüchern und wird uns alle noch ziemlich fordern.

Auch die Gestaltung des Schulsports im Sinne von gutem Sportunterricht, mehr Bewegung in der Schule und wieder mehr sportlichen Wettbewerben zwischen Schulen und Kommunen/Kreisen gehört dazu wie auch die Weiterentwicklung der Sporteliteschulen.

Und nicht zuletzt die Sanierung und der Bau von Sportstätten vor dem Hintergrund sich verändernder Förderung durch die Europäische Union ist als Herausforderung zu betrachten, einschließlich der dringend erforderlichen Vereinfachung der Antragstellung und Abrechnung.

Welche Bedeutung hat das Ehrenamt im Sport für Sie persönlich?

Andreas Bluhm: Ohne Ehrenamt funktioniert im Sport gar nichts. Nicht im Verein, nicht in örtlichen, kreislichen oder landesverbandlichen Strukturen. Der Hallen- oder Platzwart, Schieds- oder Kampfrichter, selbst der Transport von Sportlerinnen und Sportlern zu Punktspielen oder Wettkämpfen – alles ist von ehrenamtlichen Engagement durchzogen.

Fast 40.000 sind es in der großen Sportfamilie unseres Landes und diesen engagierten Frauen und Männern gebührt Hochachtung, Dank und ehrliche Würdigung. Gut, das es sie alle gibt. Im Interesse des Sports und unserer Gemeinschaft!

Vielen Dank und weiterhin bestes Engagement für den Sport in MV!