Im August war das Interesse am Reitsport vor allem auf die olympischen Wettkämpfe in Rio de Janeiro gerichtet. Die Vielseitigkeits- und Dressur-Reitsportlerinnen und -Reitsportler der Deutschen Reiterlichen Vereinigung konnten durchweg überzeugen. Michael Jung wiederholte auf „Sam“ sein Einzel-Gold von 2012 im Vielseitigkeitsreiten. Dressur-Reiterin Isabelle Werth auf „Weihegold“ komplettierte ihre umfangreiche olympische Medaillen-Sammlung in der Dressur seit 1992 auf nunmehr 6 x Gold, 4 x Silber – ist damit die erfolgreichste Reiterin der Olympia-Geschichte. Die deutschen Springreiter gewannen Bronze in der Mannschafts-Wertung, hinter Frankreich und den USA. Im Einzel-Wettbewerb der Springreiter gab es beim Sieg des Briten Nick Skelton auf „Big Star“ zwar kein weiteres Edelmetall für das deutsche Team, aber auch so ist die deutsche reitsportliche Bilanz mit jeweils zweimal Gold, Silber und Bronze 2016 erfreulich genug.

In der Einzel-Wertung der Dressur brillierte die Britin Charlotte Dujardin auf „Valegro“ mit einem olympischen Rekord in der Punktzahl. Charlotte konnte ihren Olympiasieg von 2012 wiederholen.

Aber nicht nur der olympische Reitsport ist interessant. Es gibt auch die nichtolympischen Disziplinen und vor allem die regionalen Vereine, die sich um die Gewinnung und die Förderung der reitsportlichen Talente verdient machen. Einer davon ist der Voltigier- und Reitverein Ostseeküste e.V. in Rostock-Warnemünde (Anm.: Sitz des Vereins.  Die Pferde stehen im Gut Klein Nienhagen.)

Von Rio nach Rostock-Warnemünde… Im Gespräch mit Reittrainerin Dajana Schult

… über die olympischen Reitsport-Wettbewerbe 2016, den Voltigier- und Reitverein Ostseeküste e.V., dessen Entwicklung, den Zuspruch bei den jungen Talenten und weitere Ambitionen

„Kinder und Jugendliche lernen, Verantwortung zu übernehmen, sich durchzusetzen und Vertrauen zu entwickeln…“

Frage: Im August fanden die olympischen Wettkämpfe im Reitsport statt. Verfolgten Sie das dortige Geschehen? Wenn ja, wer imponierte Ihnen dort? Wie beurteilen Sie die Resultate? Im Vielseitigkeitsreiten gab es ja eine Menge Stürze…

Dajana Schult: Ich habe nicht alles verfolgt. Die Ergebnisse ja, aber von dem, was ich gesehen habe, hat mir wieder Isabell Werth und Michael Jung imponiert. Tolle Reiter und tolle Pferde. … Auch interessant, einmal die anderen Länder zu sehen.

Nur schade, dass auf einem so hohen Niveau manche Reiter das Wohl ihres Pferdes in den Hintergrund rücken lassen. Man sieht teilweise auch unzufriedene Pferde. Ich habe ebenfalls das Gefühl, die Richter schenken der Behandlung der Pferde leider zu wenig Beachtung, wenn die Leistungen stimmen und die Pferde abliefern, ist das ausreichend.

Diese Tiere arbeiten gern für ihre Reiter, da kann man erwarten, dass die Reiter durchweg dankbar sind und ihren Pferden nicht durch Gezerre an den Zügeln oder die Anwendung der Rollkur Schmerzen zufügen.

Frage: Zu Ihrem Verein… Das Voltigieren ist ein Schwerpunkt der Vereinsarbeit. Was ist für Sie das Faszinierende am Voltigieren? Warum hätte es auch das Voltigieren verdient, olympisch zu werden?

Dajana Schult: Voltigieren ist ein unglaublich vielseitiger Sport, der viele körperliche und soziale Kompetenzen in alters- und geschlechtsgemischten Teams schult und abverlangt. Es kommt in unserem Sport nicht darauf an, wer man ist, sondern nur darauf, wie man sich ins Team einbringt, wie leistungsbereit man ist. Das hat schon für die Jüngsten einen sehr hohen pädagogischen Wert, weshalb das Voltigieren ein toller Sport für Kinder und Jugendliche ist.

Durch die Arbeit mit dem Pferd lernen Kinder und Jugendliche außerdem, Verantwortung zu übernehmen, sich durchzusetzen und Vertrauen zu entwickeln.

Verdient hätte der Sport den olympischen Status, weil damit sein Bekanntheitsgrad in die Höhe schnellen würde. Voltigier-Vereine haben einen sehr hohen zeitlichen, finanziellen und organisatorischen Aufwand.

Oft müssen mehrere Pferde untergebracht, zeitintensiv versorgt und durch Ehrenamtler ausgebildet und fit gehalten werden. Regelmäßig stehen mehrtägige Lehrgänge, Turniere und Trainingslager an, Equipment muss gekauft und instandgehalten werden. Wir sind auf Sponsoren angewiesen und es ist ungleich schwerer, Sponsoren für unseren Sport zu gewinnen, als für weitaus populärere Sportarten, wie beispielsweise Fußball.

Was die tatsächlichen olympischen Aussichten für das Voltigieren angeht, kann es noch eine Weile dauern. Auch wenn auf der ganzen Welt gerade viel passiert, viele Nationen den Sport für sich entdecken und Volontäre sowie Trainer aus erfahrenen Ländern zu sich holen, so ist der Sport noch nicht verbreitet genug, sowohl auf Leistungs- als auch auf Breitensport-Niveau.

Eine schwierige Hürde stellt auch das Mindestalter für Athleten bei den Olympischen Spielen dar. Im Gruppenvoltigieren sind viele Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren aktiv, die durch ihre geringe Größe ein elementarer Bestandteil der spektakulären Küren sind. Sie turnen ganz oben, werden geworfen und gehoben – das kann man nicht einfach weglassen oder die jungen Turner austauschen.

Für die Olympischen Spiele kämen demnach nur das Einzel- und Doppelvoltigieren infrage, was eine gute Basis für eine weitere Öffnung ist.

Den Faktor „Pferd“ darf man ebenso auf keinen Fall außer Acht lassen. Es braucht, Zeit, Geduld und Wissen, ein Pferd für den Leistungsbereich auszubilden, es in Ausdauer, Kraft und Balance und Gelassenheit zu schulen.

Nur Pferde, die diese Fähigkeiten haben und eins mit ihrem Longenführer und ihren Voltigierern sind, sollten sich auf Weltniveau präsentieren.

Leider gibt es auch in unserer Sparte des Pferdesportes einige schwarze Schafe, die die Leistung über das Wohlergehen ihres Pferdes stellen. Die faire Behandlung und das Wissen ums Pferd muss weltweit die Basis für den Sport darstellen.

Frage: Deutschland ist ja auch im Voltigieren führend. Bei den letzten EM und WM gingen die Mannschaftstitel an Neuss-Grimlinghausen, während bei den WM 2014 Gold an Joanne Eccles (Großbritannien, Frauen) bzw. Jacques Ferrari (Frankreich, Herren) und bei den EM 2015 die Titel an Simone Jaiser (Schweiz, Frauen) bzw. Jannis Drewell (Deutschland) gingen. Wie ist nun der Zuspruch der jungen Voltigier-Talente in Ihrem Verein?

Dajana Schult: …Die Mädels in unserem Verein sind sehr gut informiert, was den nationalen und internationalen Voltigier-Sport angeht. Pferde, Musiken, Outfits, einzelne Turner, nahezu alles können sie zuordnen.

Wir besuchen neben unseren regionalen Turnieren auch regelmäßig größere Meisterschaften, auch als Teilnehmer. Die Mädchen – und der eine Herr im Team – sind sehr strebsam und können sich durchaus auf dieser Ebene präsentieren.

Vom 25.August bis 28.August 2016  präsentiert sich mein Doppel auf der Deutschen Meisterschaft in Verden.

Frage: Wie verlief die Entwicklung des Voltigier- und Reitvereines Ostseeküste in den letzten Jahren? Welche Erfolge waren zu verzeichnen?

Dajana Schult: Die Entwicklung ist großartig! Vor über 14 Jahren gründeten Cornelia Schuldt und ich eine Voltitruppe.

Anfangs hätten wir nicht gedacht, dass es mal so etwas Tolles wird, wie es jetzt ist. Wir durften viele Erfahrungen sammeln und haben auch einige Erfolge zu verzeichnen.

Im Jahr 2006 gründeten wir dann den eigenen Verein. Mit unserem wundervollen Pferd „World Walker“ durften wir 2012 das erste Mal an einer Deutschen Meisterschaft teilnehmen.

2014 hatten wir das ein grandioses Erfolgsjahr. Wurden Landesmeister und nahmen am deutschlandweiten Vergleich der L-Gruppen statt, wo wir am ersten Tag noch auf Rang eins lagen, dann im Finale Bronze holten.

Folgend, 2015, zeigte sich unser neues Doppel (Thea Louise Hildebrandt und Julia Frenz)  mit einer immer wachsenden Leistung auf der Deutschen Jugendmeisterschaft (Rang 6), auf der Norddeutschen Meisterschaft (Bronze Medaille) und auf dem deutschlandweiten Vergleichs-Cup (Rang 4). Dieses Jahr nun die „Senior Deutsche“…

Im Juli richteten wir sogar erstmalig in der Geschichte Mecklenburg-Vorpommerns die Deutsche Jugendmeisterschaft in Redefin aus. Es war eine sehr gelungene, wirklich grandiose Veranstaltung mit viel Zuspruch.

Letzte Frage: Wie kamen Sie selbst zum Voltigieren? Sie sind ja ohnehin eine vielseitige Frau…

Dajana Schult: Ich kam durch eine Freundin durch das Reiten zum Voltigieren. Ich habe mit 6 Jahren angefangen zu reiten und mit 11 Jahren zu voltigieren. Da ich mit 3 Jahren Ballett begonnen habe und quasi mein ganzes Leben lang schon tanze, war das Voltigieren für mich eine Mischung aus meinen beiden Lieblingssportarten – und so probierte ich es aus und bin heute noch fasziniert davon.

Vielen Dank, weiterhin bestes Engagement für das Voltigieren und maximale Erfolge – sportlich, beruflich und persönlich!

Zur weiteren Anmerkung: Das Voltigieren war 1920, bei den VII.Olympischen Spielen der Neuzeit in Antwerpen, schon einmal unter der Bezeichnung „Kunstreiten“ im olympischen Programm. Damals gab es zwei Konkurrenzen bei den Herren. Die Einzelwertung entschied Jos Bouckart (Belgien) vor Charles Field (Frankreich) und Paul Finet (Belgien) für sich. Die Mannschafts-Wertung gewann Belgien vor Frankreich und Schweden.

Marko Michels