Rostocker Vorzeigeathletinnen Leni Böhm und Hanna Chrobak zwischen Schulalltag, täglichem Training und Bundesligaeinsätzen
„Wenn mehr Leute sehen, wie vielseitig und spannend der Sport ist, würden sich bestimmt auch mehr dafür interessieren“, sind sich Leni Böhm und Hanna Chrobak sicher. Die beiden 16- und 15-Jährigen sind die derzeit erfolgreichsten Kunstturnerinnen des Hanseturnvereins Rostock. Heißt, sie müssen es wissen, immerhin verbringen sie einen großen Teil ihrer Zeit in den Turnhallen der Nation – allein um die 20 Stunden pro Woche für ihr Training. Die Sportklasse am Rostocker CJD macht’s möglich. Und natürlich der Hanseturnverein als einzige Turn-Talentschule für Gerätturnen weiblich in MV.
Dass Leni und Hanna ganz dem Turnen verfallen sind, merkt man ihnen nicht nur daran an, wie sie über ihren Sport sprechen. Auch ein flüchtiger Blick in die Vita der beiden genügt schon. Seit Jahren bestimmen die Schützlinge der HTV-Trainerinnen Inga Palm und Jeannine Staat die landesweiten Wettkämpfe mit. So sehr, dass die Entwicklungsmöglichkeiten in Mecklenburg-Vorpommern schnell ausgeschöpft waren.
Leni Böhm turnt im Ligabetrieb mittlerweile für den SV Großhansdorf (Schleswig-Holstein) in der Regionalliga. Fünf Einsätze hatte sie auf der vierthöchsten nationalen Wettkampfebene in der vergangenen Saison. Zwar kam ihr Team 2025 „nur“ auf den 7. Tabellenplatz. Jedoch gelang es den Großhansdorfern in einem starken Relegationswettkampf, den Verbleib in der Liga zu sichern. Noch erfolgreicher ging die Saison für Hanna Chrobaks Team aus. Auch sie turnt für den SVG, allerdings für die Erste in der 2. Bundesliga. Die Ausbeute: ein historischer 4. Platz. Leider sollte die junge Rostockerin nur auf zwei Einsätze kommen. Ein Anriss der Außenbänder im Fuß machten ihr schnell einen Strich durch die Rechnung. „Da musste ich leider fast ein halbes Jahr schonen und konnte nicht alles trainieren, leider habe ich dadurch auch Wettkämpfe verpasst“, zeigt sich die 15-Jährige noch etwas wehmütig.
Dass die beiden Landeskaderathletinnen noch einiges in ihrer Turnkarriere vor haben, steht außer Frage. Was genau, und was sie sonst noch über sich und das Gerätturnen zu sagen haben, verrieten sie im Interview.


„Wir lachen viel gemeinsam und versuchen Schritt für Schritt besser zu werden.“
Interview
Ihr habt zusammen mit euren Teams jeweils den Klassenerhalt geschafft. Zufrieden?
Beide: Wir haben uns natürlich sehr gefreut.
Leni: Die Saison war spannend und es war am Ende richtig knapp. Es freut uns, dass wir unseren Platz dann in der Relegation nochmal verteidigen konnten.
Mit u.a. Maja Reimann, Lisa Plath oder Lynn Schwäke sind ein paar erfahrene „Seniorinnen“ in den Großhansdorfer Teams dabei. In wieweit könnt ihr von deren Routine und Erfahrung profitieren?
Beide: Die älteren Turnerinnen bringen oft Ruhe und Gelassenheit ins Team. Das hilft auch uns ruhiger zu bleiben. Vor allem bei Ligawettkämpfen ist das Teamgefühl besonders, wir feuern uns gegenseitig an und helfen uns so unser Bestes zu geben. Auch wenn etwas nicht klapp fängt, einen das Team auf.
Wie viele Geräte werden bei einem Ligaturnier pro Person eigentlich geturnt?
Beide: Unterschiedlich wie es für das Team am besten ist. Das wir dann von den verantwortlichen Trainern festgelegt. Grundsätzlich können insgesamt bei einem Wettkampf maximal 10 Turnerinnen an den Start gehen. An jedem Gerät dürfen in der Regionalliga 5 Turnerinnen starten und in der 2. Bundesliga sind es 4 pro Gerät.

Was sind eure Lieblingsgeräte? Welches Element turnt ihr am besten?
Leni: Barren. Was ich am besten turne, ist schwer zu sagen aber am liebsten den Doppelsalto in der Akro.
Hanna: Sprung und Barren. Am liebsten turne ich den Jäger am Barren
Wann habt ihr den Entschluss gefällt, nach Schleswig-Holstein zu wechseln?
Beide: Wir hatten in MV keine Möglichkeit uns einem Ligateam anzuschließen. Wir sind trotzdem nicht nach Schleswig-Holstein „gewechselt“. Wir starten in den Großhansdorfer Teams aber sonst weiterhin in und für MV.
Seht ihr mittelfristige Möglichkeiten für ein überregionales MV-Team?
Beide: MV- Auswahlmannschaften sind schon bei bundesweiten Wettkämpfen gestartet.
Was bedarf es eurer Meinung nach, um Gerätturnen noch beliebter zu machen?
Beide: Geräteturnen könnte beliebter werden, wenn es mehr Aufmerksamkeit bekommt und weniger streng wirkt. Wenn mehr Leute sehen, wie vielseitig und spannend der Sport ist, würden sich bestimmt auch mehr dafür interessieren.
Gerätturnen für Jungs fehlt in MV gefühlt vollständig. Warum ist das so? Oder ist das für euren Alltag egal?
Beide: Ist für unseren Alltag nicht wichtig. Unsere Turnhalle ist eine Frauenturnhalle und verfügt nicht über alle Geräte für die Jungs.

Wie gelingt es euch, Schule und Leistungssport unter einen Hut zu bringen?
Beide: Wir sind auf dem CJD also einer Sportschule in einer Sportlerklassen. Somit haben wir die Möglichkeit vor der Schule zu trainieren und die Oberstufe auf 3 Jahre zu strecken. Das macht es für uns leichter, trotzdem ist es nicht immer einfach und mit Stress verbunden. Oft müssen wir noch spät abends lernen und Hausaufgaben machen. Insgesamt trainieren wir ca. 20 Stunden pro Woche.
Welche Trainingseinheiten gehen da gut, was mögt ihr weniger?
Beide: Morgens im Frühtraining und samstags ist die Halle ruhiger und da trainiert es sich besser. Nachmittags ist die Halle manchmal sehr voll und da wird es dann auch laut, das stört, wenn man sich konzentrieren muss.
Wo seht ihr aktuell eure Stärken?
Beide: Wir motivieren und helfen uns gegenseitig im Training. Auch wenn es manchmal schwer ist, geben wir nicht auf und bleiben bei unseren Zielen. Außerdem lachen wir viel gemeinsam und versuchen Schritt für Schritt besser zu werden.
Und eure Schwächen?
Beide: Wir sind schnell frustriert, wenn etwas im Training nicht funktioniert, also wenn wir ein Element nicht schaffen oder runterfallen. Da verlieren wir dann manchmal die Geduld, wenn etwas nicht auf Anhieb klappt. Damit müssen wir noch lernen besser umzugehen.
Der HTV Rostock hat zuletzt mittels zweier Crowdfunding Aktionen erfolgreich Geld gesammelt. Was wünscht ihr euch, müsste sich ändern, wenn es um die Finanzierung eures Sportes geht?
Beide: Mehr Förderungen für neuere und entsprechende Geräte, sowie Unterstützung bei den Wettkampfkosten und eine bessere Bezahlung für die Trainer.
Ihr habt bestimmt klare Vorstellungen für 2026. Welche Großevents und Vorhaben stehen auf eurem Turnierplan?
Beide: Erstmal die Landesmeisterschaften und dann muss man gucken welche Möglichkeiten sich ergeben. Außerdem streben wir einen Klassenerhalt in der Liga an.
Und was meint ihr, ist für euch darüber hinaus noch machbar… 1. Bundesliga?
Hanna: Wir sind natürlich dabei unsere Übungen aufzustocken, um mehr Punkte zu turnen und uns für höhere Wettkämpfe zu qualifizieren. Der Aufstieg in der Bundesliga hängt ja immer vom ganzen Team ab.
Vom 23. bis 26. Juli wird Hannover mit den Finals 2026 zum Zentrum des Spitzensports – inklusive der DM im Gerätturnen. Warum sollte man sich dafür eurer Meinung nach unbedingt Eintrittskarten besorgen?
Beide: Wir finden, man sollte sich auf jeden Fall Tickets holen, weil Geräteturnen live einfach viel besser ist und die Stimmung in der Halle einfach toll ist. Erst dann sieht man, wie schwer die Übungen eigentlich sind. Außerdem ist es cool, die besten Turnerinnen und Turner Deutschlands turnen zu sehen.
Wie seid ihr eigentlich zum Kunstturnen gekommen?
Beide: Wir waren mit unserem Kindergarten bei Kitasport in unserer Halle, waren waren wir erst beim Kinderturnen und wurden dann gefragt, ob wir in die Turntalentschule wechseln möchten.
Wenn nicht Gerätturnen, in welcher Sportart würdet ihr euch sehen?
Leni: Volleyball
Hanna: Leichtathletik
Neben dem Turnen, was hat in eurem Leben einen besonderen Stellenwert?
Freunde und Familie sind uns wichtig, auch wenn uns nicht viel Zeit dafür bleibt. Da ist es schön, dass wir untereinander gut befreundet sind.
Vielen Dank und dir viel Erfolg für die Zukunft.
Das Interview mit Leni und Hanna haben wir schriftlich geführt.
