35. Weltmeisterschaften in Pesaro

Sportgymnastische Präsentation bei der Gerätturn-WM 2007 in Stuttgart. Foto: Michels

„Gymnastik mit Rhythmus“ – das gibt es bald, ganz weltmeisterlich, im italienischen Pesaro. Vom 29. August 2017 bis 3. September 2017 werden zum bereits 35. Mal die weltbesten Sportgymnastinnen gesucht. Favorisiert sind wieder einmal die Athletinnen aus Russland. So kann die Turnernation scheinbar aus einem schier endlosen Reservoir an hoch talentierten Gymnastinnen schöpfen. Zuletzt sorgten die nunmehr neunzehnjährigen Awerina-Zwillinge für Furore. Arina Awerina schaffte bei den Europameisterschaften 2017 in Budapest dreimal Gold sowie bei den „World Games“ 2017 in Wroclaw dreimal Gold und einmal Bronze. Ihre Schwester Dina kam bei den EM in Budapest zu dreimal Gold, einmal Silber und bei den „World Games“ in Wroclaw zu einmal Gold und dreimal Silber.

Seit den ersten Welt-Titelkämpfen 1963 errangen russische (bzw. sowjetische) Sportgymnastinnen zusammen 290 Medaillen, darunter 141 x Gold. Im Medaillenspiegel folgen Bulgarien mit 167 Medaillen (64 x Gold), die Ukraine mit 90 Medaillen (26 x Gold), Weissrussland mit 64 Medaillen (64 x Gold), Spanien mit 37 Medaillen (7 x Gold), Italien mit 27 Medaillen (7 x Gold) und Deutschland mit 14 Medaillen (5 x Gold). WM-Titel gingen zudem an Tschechien (einschließlich CSR, vier), Griechenland (ebenfalls vier) und Nordkorea (einer).

Hoffnungsvolles Team Deutschland für Pesaro

Für Deutschland werden  in den Einzel-Konkurrenzen Lea Tkaltschewitsch und Noemi Peschel starten. In der Gruppe sind Leas ältere Schwester Sina sowie Daniela Huber, Anni Qu, Julia Stavickaja, Alexandra Tikhnowich und Natalie Hermann vor Ort.


 

WM-Historie

Deutschland 3x Gastgeber

Deutschland war bis dato dreimal WM-Gastgeber, so 1981 in München, 1997 in Berlin und 2015 in Stuttgart. In München 1981 dominierte Bulgarien mit 5 x Gold, 8 x Silber, 2 x Bronze. Mehrkampf-Einzel-Gold holte Anelia Ralenkowa (Bulgarien). Bei den Welt-Titelkämpfen`97 in Berlin lieferten sich Russland (3 x Gold, 3 x Silber, 3 x Bronze) und die Ukraine (3 x Gold, 2 x Silber, 2 x Bronze) „ein Duell“ um die Top-Position im Medaillen-Ranking. Die Ukrainerin Jelena Vitrichenko wurde vor zwanzig Jahren die Nummer eins im Einzel-Mehrkampf. Und 2015 in Stuttgart schafften die russischen Sportgymnastinnen 8 x Gold, 6 x Silber. Yana Kudryavtseva triumphierte 2015 im Einzel-Mehrkampf.

WM außerhalb Europas

Außerhalb Europas wurden Welttitelkämpfe in der RSG bislang nur 1971 in Havanna, 2002 in New Orleans, 2005 in Baku, 2009 in Mie (Japan) und 2014 in Izmir veranstaltet. Bei den WM 1971 in Havanna gab es den bisher einzigen WM-Titel in der RSG für ein nicht-europäisches Land. Die Nordkoreanerin Sun Duk Jo war in der Konkurrenz mit dem Ball die Nummer eins.

Deutsche WM-Erfolge

Für deutsche Gymnastinnen (DDR, Westdeutschland und vereint) gab es bis 2014 insgesamt 5 x Gold, 6 x Silber und 3 x Bronze. So wurde Ute Lehmann aus der DDR Vize-Weltmeisterin im Mehrkampf in Kopenhagen 1967. Carmen Rischer (Bundesrepublik) durfte dann in Madrid 1975 über WM-Gold im Mehrkampf jubeln, ihre Mannschaftskollegin Christiana Rosenberg über WM-Silber.

In den WM-Einzelkonkurrenzen mit den verschiedenen Geräten errangen deutsche Gymnastinnen in der Folgezeit, nach 1965, weiteres Edelmetall, so Ute Lehmann 1967 Bronze mit dem Seil, Christiana Rosenberg 1975 Gold mit dem Ball und mit den Keulen und Silber mit dem Band bzw. Carmen Rischer 1975 Gold mit dem Band und mit dem Reifen (zusammen mit der Japanerin Mitsuru Hiraguchi), Silber mit dem Ball und mit den Keulen. (Anmerkung: 1975 nahmen die Länder des Ostblocks nicht an den WM im damaligen „Franco-Spanien“, in Madrid, teil.) Carmen Rischer holte dann – nach ihren großen WM-Erfolgen 1975 – noch eine WM-Silbermedaille 1977 in Basel.

Bianca Dittrich (DDR) wurde 18 Jahre später, 1985 in Valladolid, mit dem Ball WM-Dritte. Eine zusätzliche Bronze-Medaille sicherten sich die DDR-Gymnastinnen auch im Gruppen-Finale 1973 in Rotterdam.

Olympia-Historie aus deutscher Sicht

Auch bei olympischen Wettkämpfen leisteten deutsche Gymnastinnen Herausragendes.

Vor 63 Jahren war dabei die Gruppengymnastik bei den Olympischen Spielen 1952 in Helsinki erstmals im olympischen Programm. Damals siegten die Schwedinnen vor den Russinnen und den Ungarinnen. Brigitte Kiesler, 1924 in Ludwigslust geboren, wurde seinerzeit mit der Bundesrepublik Fünfte im Turn-Mannschaftsmehrkampf und sogar Vierte in der Gruppengymnastik mit Handgeräten (auch mit Westdeutschland).

Und 32 Jahre später, bei den Spielen 1984 in Los Angeles, kam dann die Rhythmische Sportgymnastik endgültig in das olympische Programm – mit dem Einzel-Mehrkampf. Regina Weber (Bundesrepublik) erreichte eine hervorragende Bronze-Platzierung hinter der Kanadierin Lori Fung und der Rumänin Doina Staiculescu.

Die „Spiele des Ostblocks“ 1984, die so genannten „Wettkämpfe der Freundschaft“, wurden dezentral in neun verschiedenen real-sozialistischen Staaten organisiert. Die Wettkämpfe in der Rhythmischen Sportgymnastik wurden seinerzeit in Sofia veranstaltet. Dort war Bulgarien mit 6 x Gold, 2 x Silber, 1 x Bronze am besten. Die Goldmedaille im Einzel-Mehrkampf sicherte sich Diliana Georgiewa (Bulgarien).

Die bisherigen olympischen Goldmedaillen im Einzelmehrkampf errangen Russland (2000 Julia Barsukowa, 2004 Alina Kabajewa, 2008 bzw. 2012 Jewgenija Kanajewa und 2016 Margarita Mamun), die Ukraine (1992 Oleksandra Tymoschenko bzw. 1996 Kateryna Serebrjanska), Weissrussland (1988 Marina Lobatsch, Weissrussische SSR innerhalb der SU) und, wie erwähnt, Kanada (1984 Lori Fung).

Jana Berezko-Marggrander – zweimal bei Olympia plus olympische Jugend-Bronze

Eine der besten deutschen Sportgymnastinnen der letzten 20 Jahre beendete nach den Spielen 2016 in Rio ihre leistungssportliche Karriere. Jana Berezko-Marggrander vom TSV Schmiden (Jahrgang 1995) wurde neunzehnmal deutsche Meisterin. Bei den Olympischen Jugend-Sportspielen 2010 in Singapur gewann sie Bronze, bei den Junioren-EM im selben Jahr dreimal Bronze und als erste deutsche Sportgymnastin nahm sie an zwei Olympischen Spielen (2012 in London und 2016 in Rio) teil.

Marko Michels