Wenn sich vom 5. bis 9. August die besten Nachwuchs-Leichtathletinnen und -Leichtathleten der Welt im legendären Hayward Field von Eugene messen, ist auch Mecklenburg-Vorpommern prominent vertreten. Gleich fünf Talente aus dem Nordosten hatten den Sprung in das 71-köpfige Aufgebot des Deutschen Leichtathletik-Verbandes geschafft. Nach der verletzungsbedingten Absage von Sprinterin Paula Springstein reisen mit Emily Scherf, Maria Schnemilich, Theo Hielscher und Michal Fatyga vier Athletinnen und Athleten aus MV in den US-Bundesstaat Oregon. Die Titelkämpfe finden vom 5. bis 9. August 2026 statt.
Zu den aussichtsreichsten deutschen Starterinnen zählt Kugelstoßerin Emily Scherf vom SC Neubrandenburg. Die 19-Jährige bestätigte bei den Deutschen U20-Meisterschaften in Bochum-Wattenscheid ihre Favoritenrolle und sicherte sich mit 16,68 Metern den Titel. In der U20-Weltbestenliste rangiert sie derzeit auf Platz fünf und darf sich deshalb auch auf internationaler Bühne einiges ausrechnen. Scherf, die früher als Leistungsturnerin aktiv war und wie ihre Mutter zum Kugelstoßen fand, bringt bereits vier deutsche Meistertitel mit. Ihre Stärken beschreibt die Athletin von Trainer Dieter Kollark selbstbewusst: „Ich bin ehrgeizig, diszipliniert und mental stark. Ich halte durch, wo andere aufgeben – selbst nach Rückschlägen finde ich immer wieder zurück in den Ring.“
Ebenfalls für den SC Neubrandenburg startet Michal Fatyga, dessen Nominierung angesichts einer schwierigen Saison alles andere als selbstverständlich war. Ein Muskelriss im Januar und ein Außenbandriss beim Basketball im März hatten den Sportgymnasiasten lange ausgebremst. Umso bemerkenswerter war sein Auftritt bei der U20-DM: Nur fünf Wochen nach der Bandverletzung lief der aus Burg Stargard stammende 400-Meter-Spezialist in 47,58 Sekunden Saisonbestzeit und gewann Bronze. In Eugene ist der Schützling von Thomas Peucker sowohl für die männliche als auch für die gemischte 4-mal-400-Meter-Staffel vorgesehen. Sein Motto passt zu seinem bisherigen Saisonverlauf: „Denke nicht so oft an das, was dir fehlt, sondern an das, was du hast.“
Ein echtes Herzschlagfinale erlebte Theo Hielscher vom TSV 1860 Stralsund. Der 17-Jährige steigerte seine persönliche Bestleistung im 800-Meter-Finale von Bochum-Wattenscheid um rund zwei Sekunden auf 1:49,63 Minuten und gewann die Silbermedaille. Im Kampf um das WM-Ticket entschied letztlich eine Hundertstelsekunde: Der Berliner Paul Johann Weber lief als Dritter 1:49,64 Minuten und hatte trotz erfüllter Norm das Nachsehen. „Theo lief über die 800 Meter ein fantastisches Rennen. Wir alle sind unglaublich stolz auf seine Entwicklung, seinen Fleiß und seinen Erfolg“, erklärte sein Verein. Hielscher trainiert bereits seit seinem achten Lebensjahr beim TSV unter Eckard Hornke und wird nun im Hayward Field seine internationale Premiere auf ganz großer Bühne erleben. Der Vorlauf über 800 Meter steht bereits am ersten Wettkampftag auf dem Programm, das Finale folgt am 8. August.
Für Maria Schnemilich vom 1. LAV Rostock ist der Schritt auf die internationale Bühne dagegen nicht neu. Die Siebenkämpferin gewann bereits 2024 Bronze bei der U18-Europameisterschaft und reist nun mit weiteren starken Ergebnissen im Gepäck in die USA. Bei der U20-DM holte sie Bronze über 100 Meter Hürden und verbesserte ihre persönliche Bestleistung auf 13,70 Sekunden. Hinzu kamen jeweils fünfte Plätze im Weitsprung mit 5,94 Metern und im Speerwerfen mit 43,07 Metern. Schnemilich, die ihre Karriere beim Bad Doberaner SV 90 begann und von Birger Voigt trainiert wird, hatte bis vor Kurzem noch den Abiturstress an der Rostocker Christophorusschule zu bewältigen. Demnächst möchte sie in den USA studieren und trainieren und sich damit ihrem großen Traum von einer Teilnahme an Olympischen Spielen nähern.
Eigentlich hätte auch Paula Springstein vom Ostsee Sprint- und Laufteam Rostock zu den MV-Startern gehört. Die 17-Jährige war trotz muskulärer Probleme bei der U20-DM für die 200 Meter sowie die 4-mal-100-Meter-Staffel nominiert worden und sollte im deutschen Quartett an Position drei laufen. Da die Beschwerden auch nach mehreren Wochen nicht vollständig abgeklungen waren, musste die von ihrer Mutter Grit Breuer-Springstein trainierte Ausnahmesportlerin jedoch schweren Herzens absagen. „Nach drei schwierigen Wochen musste ich eine der härtesten Entscheidungen meiner Saison treffen: Ich werde nicht bei der U20-Weltmeisterschaft starten“, teilte Springstein mit. Sie bedankte sich bei ihrer Familie, ihren Freunden und ihrem Team für die Unterstützung und richtete den Blick bereits nach vorn: „Wir sehen uns 2027.“
Mit fünf Nominierten aus vier Vereinen hat MV seine Vielseitigkeit unter Beweis gestellt: Das Spektrum reicht vom Sprint und Mittelstreckenlauf über das Kugelstoßen bis zum Siebenkampf. Besonders bemerkenswert sind dabei die unterschiedlichen Wege nach Eugene – von Fatyga, der sich nach mehreren Verletzungen zurückkämpfte, über Hielschers Hundertstelsekunden-Entscheidung bis hin zu Scherfs Rolle als mögliche Finalkandidatin.
Nun wartet auf das MV-Quartett die größte Bühne, die die internationale Nachwuchs-Leichtathletik zu bieten hat. Das Hayward Field war u.a. bereits 2014 Austragungsort der U20-Weltmeisterschaften und beherbergte 2022 die Weltmeisterschaften der Erwachsenen. In dieser besonderen Atmosphäre wollen Scherf, Schnemilich, Hielscher und Fatyga Erfahrungen sammeln, persönliche Bestleistungen angreifen und sich im besten Fall weit vorn platzieren.
red