Im Gespräch mit Joachim Masuch, Präsident des Landesfußballverbandes M-V

Das Jahr 2018 war nicht gerade ein erfolgreiches deutsches Fußball-Jahr – zumindest im Profi-Bereich. Seie da nun das Vorrunden-Ausscheiden der deutschen Herren bei der WM in Russland. Oder, dass die Frauennationalmannschaft beim renommierten „SheBelieves Cup“ in den USA  nur Vierte wurden. Die Liste ist erweiterbar…

Etwas anders sieht es da regional betrachtet aus. Der Drittligist FC Hansa Rostock als nach wie vor stärkster Fußball-Verein in M-V hat für 2019/20 das Ziel, in die zweite Bundesliga aufzusteigen. Die Frauen des 1. FC Neubrandenburg 04 gewannen 2018 währenddessen zum vierten Mal hintereinander den Mecklenburg-Vorpommern-Pokal.

Fußball – Symbolbild

Interview

Joachim Masuch über den deutschen Fußball, die WM in Rußland, die Entwicklung des Frauenfußballs, die Entwicklungen in M-V und weitere sportliche Herausforderungen hierzulande

„Der Sport insgesamt in M-V benötigt ein Sportinfrastruktur-Entwicklungsprogramm…“

Frage: 2018 war nicht gerade ein deutsches Fußball-Jahr. Wie beurteilen Sie die letzten Monate, vor dem Hintergrund der WM und der Nations-League?

Joachim Masuch: Mit Sicht auf die deutsche Herren- Nationalmannschaft, die sich ja „Die Mannschaft“ genannt hat und als solche nicht wahrgenommen wurde, ist es ein sportlich desaströses Fußball-Jahr! Wir sind als amtierender Weltmeister nach Russland gefahren und als Gruppen-Letzter (!) in einer nicht schweren Gruppe ausgeschieden!

Auch im Rückblick bleibt für mich unverständlich, wie die sportliche Leitung, die sich ja bereits in den Vorbereitungsspielen abzeichnende Tendenz der „Zufriedenheit / Selbstüberschätzung / Abkehr von den Fans“ seit dem Frühjahr 2018 ohne Reaktion hingenommen hat und zudem auch an Spielern festgehalten hat, die offensichtlich nicht bereit waren oder es nicht mehr können, auf hohem Niveau alles zu geben bzw. abzurufen!

Hierzu gehören auch die Kader-Zusammenstellung und das Team um die Mannschaft! Aber auch die nach der WM angekündigten gravierenden Veränderungen der Nationalmannschaft – Einbau junger und hungriger Spieler – und Verschlankung des Betreuer-Stabes sind bisher nicht ausreichend erkennbar praktiziert worden.

Frage: Wie ist Ihre Meinung zur Perspektive des deutschen Herren- und Frauen-Fußballsportes? Im kommenden Jahr haben ja die Frauen ihre WM in Frankreich…

Joachim Masuch: Für die Herren-Nationalmannschaft wird es wieder Zeit brauchen, um das Niveau der vergangenen Jahre, als wir ständig auf den vorderen Plätze der Weltrangliste zu finden waren, zu erlangen. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir dieses nicht mit dem Spieler-Kader erreichen können, der bei der WM versagt hat. Auch der in der Nations-League erfolgte, zaghafte Einbau neuer und junger Spieler ist nicht ausreichend, um im schneller gewordenen Spitzenfußball eine wieder führende Rolle einnehmen zu können. Hinzu kommt, dass unsere Nationalspieler auch wieder erkennbar gerne das Nationaltrikot tragen und in diesem alles für einen erfolgreichen Spielausgang geben!

Für den Frauen-Bereich haben wir seit dem Ende der Tätigkeit von Silvia Neid als Bundestrainerin ja eine nahezu ähnliche Tendenz der sportlichen Abwärtsentwicklung wie bei den Herren erleben müssen. Hier ist aber auch festzustellen, dass es insgesamt an einer breiten Basis im Frauenfußball fehlt, um eine erfolgreiche Frauen-Nationalmannschaft zusammen zu stellen und dann auch professionell auf wichtige Turniere vorbereiten zu können. Es bleibt abzuwarten, wie die erfolgte personelle Veränderung der sportlichen Führung um die neue Bundestrainerin  Martina Voss-Tecklenburg auch zu neuem Schwung und damit Rückkehr in die Weltspitze führen kann!

Der Präsident des Landesfußballverbandes M-V, Joachim Masuch, bei einem früheren Treffen mit den beiden Kroos-Brüdern. Foto: Joachim Masuch/privat

Frage: Der gebürtige Greifswalder Toni Kroos kann hingegen mit Real Madrid auf ein erfolgreiches Jahr zurück blicken. Welche Rolle kann Toni in der künftigen DFB-Auswahl spielen?

Joachim Masuch: Auch Toni Kroos hat bei der WM weit unter dem Niveau gespielt, dass wir alle von ihm gewohnt sind. Leider durchlebt er derzeit bei Real Madrid auch eine Situation, nachdem nach drei nacheinander gewonnenen Champions-League-Titeln nunmehr eine Phase erreicht ist, in der es nun neue Herausforderungen zu meistern gilt.

Und dennoch: Toni sollte aus meiner Sicht der Spieler in einer neuen Nationalmannschaft sein, der diese führen und prägen kann. Mit seinen 28 Jahren hat er sportlich bereits alles – außer einer Europameisterschaft – gewonnen, kann aber auch noch bis zur kommenden WM 2022 auf hohem internationalem Niveau Fußball spielen.

Frage: Vom internationalen Fußball zum Fußball in M-V. Wie bewerten Sie die bisherigen Leistungen des FC Hansa Rostock in der Saison 2018/19? Kann der Aufstieg in Liga zwei gelingen?

Joachim Masuch: Der Start in die neue Saison war holprig und passte so gar nicht zum öffentlichen Bekenntnis „Gemeinsam steigen wir auf“. Mit der Rückkehr von Oliver Hüsing und Marcel Hilßner in die Mannschaft ist auch eine neue spielerische Qualität erkennbar und führte dazu, dass das Ziel des Wiederaufstieges in die zweite Bundesliga wieder realistischer vermittelt werden kann.

Der Wunsch vieler Fußballanhänger in Mecklenburg-Vorpommern ist es natürlich, dass der FC Hansa Rostock wieder in der zweiten Bundesliga vertreten ist, zumal dieses dann auch dem Verein ganz andere finanzielle Möglichkeiten schafft.

Letzte Frage: Wie ist die Situation im Fußballsport in M-V insgesamt betrachtet? Wo sind noch „Baustellen“? Was klappt sehr gut?

Joachim Masuch: Wir hatten ja gerade am 5. Oktober 2018 unseren achten Ordentlichen Verbandstag in Linstow, auf dem auch die Situation des Fußballsportes in MV betrachtet wurde. Insgesamt haben wir weiterhin eine Zunahme an Mitgliedern, auf derzeit circa 59.000, aber auch eine stagnierende Tendenz bei der Anzahl unserer Vereine (circa 475).

Es wird für unsere Vereine immer schwieriger, eine zeitgemäße Sport-Infrastruktur angeboten zu bekommen und diese dann nicht zuletzt bezahlen zu können. Insoweit habe ich deutlich darauf hingewiesen, dass der Sport insgesamt in M-V ein Entwicklungsprogramm zur Sportinfrastruktur benötigt, dass durch die Landesregierung finanziell gefördert wird.

Die Bereitstellung der Sportstätten ist und bleibt Aufgabe der Städte und Gemeinden. Auch ist es ein zunehmendes Problem, dass die Nutzungsentgelte für die Nutzung der Sportplätze und -hallen steigen, dieses dann durch erhöhte Mitgliedsbeiträge in den Vereinen kompensiert werden muss. Ich wünsche mir an dieser Stelle, dass für den Kinder- und Jugendsport in M-V die Nutzung der Sportanlagen insgesamt kostenneutral gestaltet werden sollte, wie es im Übrigen bereits in einigen Bundesländern der Fall ist.

Als Verband sind wir mit der Situation der Aufstiegsbereitschaft unserer Vereine in die Verbandsliga nicht ganz zufrieden auch nicht mit der derzeitigen sportlichen Situation, die sich unter anderem in zweistelligen Ergebnissen widerspiegelt. Auch ist die Gesamtsituation im Frauenfußball mit Blick auf die Verbandsliga M-V mit nur sechs Teams unbefriedigend. Hier gilt es, ebenfalls Vereine zu motivieren, mehr in den Frauenfußball zu investieren als bisher! Eine positive Trendwende haben wir bei der Anzahl der einsatzfähigen Schiedsrichtern im Kreis- und Landesspielbetrieb erreichen können, so dass wir hier insgesamt gut aufgestellt sind.

Vielen Dank und weiterhin bestes Engagement für den Fußballsport!

Eine Neubrandenburgerin bei der U 17-WM in Uruguay dabei

Vom 13. November bis 1. Dezember findet die 6. U 17-WM der Frauen in Uruguay statt. Auch eine frühere Neubrandenburgerin ist für die deutsche Auswahl nominiert: Lina Jubel (Jahrgang 2001). Diese spielt seit ihrem vierten Lebensjahr Fußball und war bis zum April 2018 beim 1. FC Neubrandenburg 04 zu Hause (zuvor zudem beim FFV Neubrandenburg aktiv). Seit August 2018 kickt Lina Jubel für den VfL Wolfsburg II.

In der WM-Vorrunde in Uruguay trifft sie mit der deutschen Auswahl auf Nordkorea (14. November), Kamerun (17.11.) und USA (21. November).

Bei den vergangenen U 17-WM gingen bislang drei Titel an Korea (2008 und 2016 an Nordkorea und 2010 an Südkorea). Die beiden anderen Titel holten sich 2012 Frankreich und 2014 Japan.

 

M.Michels