Nachgefragt beim Bundesverband Deutscher Gewichtheber

Die olympischen Konkurrenzen in Rio mussten letztendlich ohne russische und bulgarische Gewichtheberinnen und Gewichtheber auskommen, nachdem dort massive Dopingvergehen nachgewiesen wurden. Dafür waren andere, ehemals des Dopings überführte Athleten wieder zugelassen. Diese präsentierten Leistungen, die teilweise noch besser waren als vor deren Doping-Sperren. Nicht nur ein Schelm, der Böses dabei denkt… Und einer verlor bereits seine Medaille: Der Zyprer Antonis Martasidis verlor Bronze in der Klasse bis 85 Kilogramm nach einem positiven Dopingtest.

China vor Kasachstan und Thailand

Die olympische Medaillen-Wertung im Gewichtheben 2016 gewann China mit sieben Medaillen (5 x Gold) vor Kasachstan mit fünf Medaillen (1 x Gold), Thailand mit vier Medaillen (2 x Gold) und Nordkorea mit vier Medaillen (2 x Gold). Bei den Frauen waren China (3 x Gold) bzw. Thailand (2 x Gold, 1 x Silber) am besten und bei den Herren hatten ebenfalls China (2 x Gold, 2 x Silber) bzw. der Iran (2 x Gold) die führende Position inne.

Mit Zweikampf-Weltrekorden setzten sich Deng Wei (China, Frauen, bis 63 Kilogramm), Long Quingquan (China, Herren, bis 56 Kilogramm), Nijat Rahimov (Kasachstan, Herren, bis 77 Kilogramm), Kianoush Rostami (Iran, Herren, bis 85 Kilogramm) und Lasha Talakhadze (Georgien, Herren, über 105 Kilogramm). durch.

Deutsche Olympia-Gewichtheber mit guten Plätzen

Aus deutscher Sicht belegten Sabine Kusterer (bis 58 Kilogramm), Nico Müller (bis 77 Kilogramm) sowie Jürgen Spieß (bis 105 Kilogramm) jeweils zehnte Ränge. In der Gewichtsklasse über 105 Kilogramm schafften Alexej Prochorow und Almir Velagic die Ränge sechzehn bzw. neun. 260 Gewichtheberinnen und Gewichtheber aus 94 Ländern waren in Rio am Start, 21 Nationen holten Medaillen, darunter neun Staaten eine oder mehrere Goldmedaillen.

Wie beurteilt nun Dr. Christian Baumgartner, Präsident des Bundesverbandes Deutscher Gewichtheber, das olympische Geschehen 2016 im Gewichtheben im Rückblick?!

Nachgefragt

Dr. Christian Baumgartner über die olympischen Entscheidungen im Gewichtheben in Rio, die Doping-Problematik, die Entwicklung des deutschen Gewichthebens, die Talente im deutschen Gewichtheben und weitere Ambitionen

„Gewichtheben als Kernsportart der Olympischen Spiele wird eine gute Zukunft haben…“

Frage: Die olympischen Entscheidungen 2016 im Gewichtheben liegen fast vier Monate zurück. Wie bewerten Sie die Ergebnisse aus internationalem und deutschem Blickwinkel?

Dr. Christian Baumgartner: Die olympischen Gewichtheber-Wettkämpfe in Rio standen – wie noch nie bei Spielen zuvor – unter dem Einfluss des Themas Doping.

Bemerkenswert war, dass es nicht nur Gerüchte oder Einzelfälle zu diskutieren gab, sondern umfassend Fakten auf dem Tisch lagen, sei es durch die Nachtests der Proben aus Peking und London oder durch den ersten Mc Laren-Bericht, der offen das russische Staatsdoping thematisierte.

In der Konsequenz daraus hatte das Exekutivkomitee des Weltverbandes IWF, dem ich auch angehöre, keine russischen Sportler zu den Olympischen Spielen zugelassen.

Zuvor war bereits das bulgarische Team wegen einer Vielzahl von Dopingfällen von den Spielen ausgeschlossen worden. Viele, auch ich, dachten, dies würde einen deutlichen Einfluss auf die Wettkämpfe in Rio haben.

Betrachtet man die Leistungen, die dann in manchen Gewichtsklassen auf die Bühne gebracht wurden, musste man sich oft wundern. Es wurden Weltrekorde zelebriert, die natürlich berechtigte Zweifel an der erbrachten Leistung aufkommen lassen. Dies hat der Wahrnehmung des Gewichthebens in der Öffentlichkeit sehr geschadet.

Aus deutscher Sicht ist zu sagen, dass unsere Athleten nicht nur von der Platzierung her, sondern auch vom eigenen persönlichen Leistungsanspruch zum Teil deutlich unter den Erwartungen geblieben sind.

Wir wissen, dass wir daran zu arbeiten haben und nicht alles nur unter dem Aspekt des Dopings gesehen werden kann und soll.

In der Konsequenz muss weiter daran gearbeitet werden, international die Chancen-Gleichheit wieder zu verbessern, sprich dem Doping weiter die Grundlage zu entziehen; und wir müssen bei uns selbst noch intensiver alle Möglichkeiten ausschöpfen um wieder häufiger ganz oben zu stehen.

Wir wissen zudem, wie Weltklasse geht, das haben wir in der Vergangenheit schon oft nachgewiesen. Wir müssen dafür nur wieder die geeigneten Athleten mit den nötigen besonderen Fähigkeiten finden in Deutschland.

Frage: Gewichtheben gehört neben der Leichtathletik, dem Schwimmen, dem Radsport oder dem Triathlon zu den Sportarten, die ganz besonders unter Dopingfällen leiden, wie angesprochen, wobei wahrlich nicht nur russische Gewichtheber zu den Dopingsündern gehören… Wie beurteilen Sie die olympische Zukunft des Gewichthebens?

Dr. Christian Baumgartner: Ich denke, dass Gewichtheben als Kernsportart der Olympischen Spiele auch eine gute Zukunft haben wird, wenn wir konsequent daran arbeiten, das Doping und den Betrug zu bekämpfen.

International waren wir meines Wissens der erste Verband, der zwei Teams wegen Dopings komplett von den Spielen ausgeschlossen hat.

Es wird sehr genau beobachtet werden, wie wir uns selbst als Sportart um das Thema kümmern und welche Fortschritte wir machen.

Wenn wir hier nicht nachlassen und Schritt um Schritt vorwärts gehen, sehe ich auch für die Zukunft das Gewichtheben im Kern der Olympischen Spiele.

Frage: Wie beurteilen Sie ansonsten die Entwicklung des Gewichthebens in den letzten Jahren? Wie ist es um den Nachwuchs bestellt?

Dr. Christian Baumgartner: Als sogenannte Randsportart oder kleine Sportart haben wir Nachwuchsprobleme, da gibt es nichts darum herumzureden.

Wir befassen uns im deutschen Verband natürlich damit, wie wir gezielt die Talente finden und für unsere Sportart gewinnen können, welche die besonderen Fähigkeiten haben, an die internationale Spitze zu kommen.

Aber: Wir haben einige wenige Talente, die eine gute Perspektive im Hinblick auf Tokyo 2020 oder die Spiele 2024 haben. Die müssen wir gezielt fördern und möglichst noch neue Talente finden und ausbilden.

Gewichtheben ist allerdings ein Sport, bei dem man keine schnellen Erfolge erzielen kann. Wir gehen von acht bis zehn Jahren aus, die ein junger Athlet benötigt um – sauber – an die Weltspitze zu kommen.

Deshalb brauchen wir, und ich sage das auch im Kontext der aktuellen Leistungssportreform, eine langfristig angelegte Strategie um 2024 oder sogar erst 2028 wieder ganz vorn mitreden zu können. Wir wollen das und wir haben in Deutschland die Möglichkeiten dazu.

Vielen Dank, weiterhin bestes Engagement für das Gewichtheben, schöne weihnachtliche Festtage und einen optimalen Jahreswechsel bzw. maximale Erfolge 2017!

… Zur Info: M-V und das Gewichtheben

Mecklenburgerinnen und Mecklenburger waren leider nicht aktiv in Rio dabei, aber Mecklenburg-Vorpommern hat dennoch eine große sportliche Tradition im Gewichtheben. Gewichtheber aus Stralsund, Barth, Rostock oder Schwerin erkämpften in der Vergangenheit schon zahlreiche Medaillen bei nationalen und internationalen Wettkämpfen, so auch der gebürtige Schweriner Marco Spanehl, Jahrgang 1967, Verein: Berliner TSC.

Marco Spanehl wurde unter anderem im Zweikampf EM-Vierter 1989, EM-Fünfter 1990, WM-Sechster 1990 und EM-Sechster 1994, erkämpfte EM-Bronze 1992 im Stoßen und nahm 1992 an den Olympischen Spielen in Barcelona teil. Dort wurde er Dreizehnter im Federgewicht, in dem seinerzeit Naim Süleymanoglu (Türkei) vor Nikolai Peschalow (Bulgarien), He Yingqiang (China) sowie Neno Terzizki (Bulgarien) gewann.

Auch weitere gute olympische Ränge und sogar olympisches Edelmetall gab es schon für Gewichtheber aus M-V: So belegte der gebürtige Schweriner Jürgen Ciezki in Montreal 1976 Platz fünf (zweites Schwergewicht). Bei den Spielen 1976 konnte der gebürtige Barther Helmut Losch, für Stralsund startend, zudem Bronze (Superschwergewicht) erkämpfen.

Und bei den Olympischen Spielen 1980 in Moskau durfte sich Jürgen Heuser (auch in Barth geboren und für Stralsund startend) über Silber (Superschwergewicht) freuen. Andreas Behm belegte dann 1992 in Barcelona Rang drei im Leichtgewicht. Dort kam der gebürtige Rostocker Mario Kalinke (für Stralsund antretend) auf Rang neun (zweites Schwergewicht).

Marko Michels