Klaus-Dieter Soldat, Geschäftsführer der TSG Wismar, über Vergangenes und Kommendes im Frauen-Handballsport

Es ist bald weltmeisterliche Handball-Zeit. Die Welt-Titelkämpfe im Frauen-Hallen-Handball, bereits die 23.Auflage, steigt noch in diesem Jahr: vom 1.Dezember 2017 bis 17.Dezember 2017.

Begonnen hat „alles“ vor mehr als 60 Jahren, im Juli 1957. Damals gab es die ersten Hallen-Handball-WM für Frauen in Jugoslawien und die Tschechoslowakei triumphierte vor Ungarn, Jugoslawien und (West-)Deutschland. Deutsche Frauen-Teams waren danach viermal Weltmeister, die DDR 1971, 1975 bzw. 1978 und das vereinte Deutschland 1993.

Nach fast einem Vierteljahrhundert Wartezeit wäre wieder einmal WM-Gold für den traditionsreichen deutschen Frauen-Handball-Sport sicher großartig, man sollte aber nicht zu vermessen sein.

Leider erlebten die „Ladies“ während des Türkei-Trips am 30.September/1.Oktober einen herben Rückschlag. Sie gewannen zwar das EM-Qualifikationsspiel gegen die Türkinnen klar mit 30:16, aber Leistungsträgerin Anne Hubinger, Jahrgang 1993, die in Ribnitz-Damgarten geboren wurde und beim SV Motor Barth 2001 ihre handballsportliche Karriere begann, verletzte sich beim Abschlußtraining zum Türkei-Spiel schwer.

Sie fällt für die WM aus, wird mindestens sechs Monate nicht Handball spielen können. Ganz bitter für die sympathische Sportlerin, die hoffentlich schnell wieder genesen wird. Wie sagte schon der erfolgreiche niederländische Eisschnellläufer Kees Verkerk, der in seiner Laufbahn zwar große Siege feierte, aber auch extreme Niederlagen hinnehmen mußte: „Du wächst, in dem du stürzt und wieder aufstehst!“. Also, Kopf hoch und weiter kämpfen, Anne…

Zurzeit sind auch die Frauen-Handball-Team des SV GW Schwerin in der dritten Liga und der TSG Wismar bzw. vom Rostocker HC in der OOS gefordert.

Wie beurteilt nun Klaus-Dieter Soldat, der Geschäftsführer der TSG Wismar, das aktuelle Handballgeschehen im Frauenbereich?!

Klaus-Dieter Soldat, Geschäftsführer der TSG Wismar (rechts im Bild). Foto: M.M.

Klaus-Dieter Soldat über das handballsportliche Jubiläum 2017, die kommende Frauen-Handball-WM im Dezember 2017 in Deutschland, die WM-Chancen des deutschen Teams, den Frauen-Handball in M-V und die „persönlichen“ Sportler des Jahres

„Ich glaube durchaus an die Chancen im eigenen Land!“

Frage: Vor 60 Jahren gab es die ersten Frauen-Hallen-Handball-WM. Aber in diesem Jahr wurde noch ein größeres Jubiläum in puncto Handball gefeiert…

Klaus-Dieter Soldat: Am 29.Oktober 2017, vor genau 100 Jahren, ist ja in Deutschland der Handball als Frauensportart ins Leben gerufen worden. Max Heiser ist es zu verdanken, eine Alternative zum robusten Fußballspiel geschaffen zu haben. Die Egeln wurden zunächst aus Hockey und Fußball abgeleitet und mit einem Faustball gespielt. 1920/21 erfolgte die erste Deutsche Meisterschaftsrunde der Frauen. Natürlich haben die Männer diese Sportart dann für sich auch erkannt. Zunächst wurde im „Freien“ gespielt, um später in den Sporthallen die „Attraktivität des Handballs“ stürmisch weiterzuentwickeln.

Deutschland ist im Welthandball der Herren etabliert, während beim Damen-Handball die erfolgreichsten Jahre sehr weit zurückliegen. 1993 konnten die DHB-Frauen in Norwegen im Finale gegen Dänemark nach Verlängerung letztmalig die WM-Krone erreichen.

Frage: Zum Aktuellen… Herr Soldat, die Frauen-WM 2017  rückt immer näher und dann passierte beim Türkei-Trip die Verletzung von Anne Hubinger Ende September.. Hat die Mannschaft trotz des Ausfalls von Leistungsträgerin A.Hubinger noch eine Chance?

Klaus-Dieter Soldat: Ich glaube durchaus an die Chancen im eigenen Land! Trainer Michael Biegler ist ein erfahrener und hervorragender Stratege. Die Gruppe sollte unser Team erfolgreich meistern und punktuell ist dann auch alle möglich! Entscheidend wird sein, dass die Mannschaft mit Selbstvertrauen ihr tatsächliches Leistungsvermögen dann in den Spielen auf die Platte bringt. Eine gute Mischung aus Erfahrung und Jugend liegt für diese schwere Turnier vor.

Frage: Am 1.Dezember ist um 17.00 Uhr in der Arena Leipzig das erste Spiel der „Ladies“ gegen Kamerun. Auch die anderen Partien in der Vorrunde, gegen Serbien, Südkorea, China und die Niederlande, finden in Leipzig statt. Nach der Insolvenz des HC Leipzig ist die Stimmung der Leipziger Handball-Fans ja auch nicht gerade „oben auf“. Was erwarten Sie vom Spielort Leipzig? Was erwarten Sie allgemein von dieser WM für die Frauen-Handball-Begeisterung in Deutschland?

Klaus-Dieter Soldat: Leider hat der HC Leipzig seine Ausnahmestellung als mehrfacher  Deutscher Meister mit der Insolvenz 2017 dem nationalen Frauen-Handball sehr geschadet. Aber wer spricht heute noch von TuS Walle Bremen, TV Lützelinden oder Nürnberg, die vielfache nationale und internationale Titel sammelten, die vor Jahrzehnten alle gleiche Entwicklungen nahmen.

Einige gibt es schon nicht mehr.  Das fachlich tolle Publikum in Leipzig aber wird uneingeschränkt der DHB-Auswahl  den Rücken stärken. Besser konnte der Spielort nicht gewählt werden, die Region ist „frauenhandball-erfahren und -treu“. Das auch noch  in einer tollen Spielstätte!

Frage: Mit welche Teams rechnen Sie bei den WM besonders?

Klaus-Dieter Soldat: Echte Favoriten sehe ich nicht, aber Dänemark, Norwegen, den Niederlanden oder Brasilien traue ich einiges zu. Es wird enge Spiele geben, wobei sich in der Vorrunde die stärksten Mannschaften schon durchsetzen werden. Da sich die ersten vier Mannschaften für die K.O.-Runde qualifizieren, sind auch Überraschungen nicht ausgeschlossen. Für Spannung im Frauen-Handball ist allemal gesorgt. Sehr erfreulich auch die Mitteilung, das eine Übertragung im öffentlich-rechtlichen TV erfolgt.

Frage: Mit Blick auf das Frauen-Handball-Geschehen in M-V (Liga 3 und OOS)… Wie beurteilen Sie die bisherige Resultate der SV GW Schwerin, der TSG Wismar und des Rostocker HC 2017/18?

Das Team der TSG Wismar in Aktion. Foto: M.M.

Klaus-Dieter Soldat: Die Grün-Weißen aus Schwerin sind gut gestartet und können den Klassenerhalt schaffen. Mit dem Leistungszentrum in der Landeshauptstadt M-V  im Rücken ist es wichtig, als gegenwärtig  einziger Landesvertreter im Frauen-Handball in einer DHB-Liga zu spielen.

Der zweite Leistungsstützpunkt Rostock ist in der Oberliga Ostsee-Spree vom Anspruch her unterrepräsentiert. Aber die Entwicklung in den letzten Jahren, verbunden mit einer guten Nachwuchsarbeit,  ist hinsichtlich des Ergebnisses im Erwachsen-Bereich unbefriedigend.

Blick in die Handball-Halle an der Wismarer Bürgermeister-Haupt-Straße. Foto: M.M.

Für die TSG Wismar ist der Abstieg aus der dritten Liga 2017 unnötig und sehr enttäuschend gewesen. Der Kader konnte weitgehend zusammengehalten und punktuell  sogar gestärkt worden. Die kurzfristige Trainer-Neubestellung mit Sportfreund Philipp Nisius stärkt die Hoffnung eins sofortigen Wiederaufstiegs. Aber es ist kein Selbstläufer und bedingt einer erheblichen Leistungssteigerung, um wirklich nächstes Jahr in der dritten Liga dabei zu sein.

Letzte Frage: Am 18.November fand ja die Sportgala 2017 in Wismar statt. Wer waren für Sie die Athletinnen und Athleten des Jahres in der Region und in ganz Deutschland?

Klaus-Dieter Soldat: In der Region bin ich besonders beeindruckt von den Nachwuchsreiterinnen Justine und Flora Reemtsma aus Groß Walmstorf, die national und international hervorragend dabei sind. Ansonsten bin ich ein Leichtathletik-Freund, wobei wir – deutschlandweit betrachtet – mit David Storl im Kugelstoßen oder den Diskusbrüdern Christoph bzw. Robert Hartig ganz starke Leute im Weltmaßstab dabei haben.

Vielen Dank, dann weiterhin bestes sportliches Engagement und maximale Erfolge!

M.Michels