Im Gespräch mit Ulrike Balzer vom Landesfußballverband M-V

Das Jahr 2019 ist für den Frauenfußball ein ganz besonderes. Einerseits wegen der 8. Frauen-Fußball-WM in Frankreich (7. Juni bis 7. Juli), andererseits geht es auch um die Startplätze für Olympia 2020. Auch regional tut sich viel in des Deutschen liebster Sportart. Was genau, das erklärt die Vorsitzende des Ausschusses für Frauen- und Mädchenfußball im Landesfußballverband M-V, Ulrike Balzer, im Interview.

Ulrike Balzer über die aktuellen Entwicklungen im Frauenfußball, über den Stellenwert des Frauenfußballs in einem weithin Männer dominierten Sport, und die hiesige Nachwuchsarbeit

Ulrike Balzer – Vorsitzende im Ausschuss für Frauen- und Mädchenfußball (Foto: privat)

Frage: Frau Balzer, wie läuft es derzeit im Mädchen- und Frauen-Fußball in MV? Wie beurteilen Sie die Entwicklung?

Ulrike Balzer: Im Landesfußballverband Mecklenburg-Vorpommern  haben wir erstmals von den F-Juniorinnen (sechs Jahre) bis zu den Ü 35-Frauen verschiedene Spielangebote. Dabei sammeln insbesondere die Mädels ihre ersten Erfahrungen oft gemeinsam mit den Jungs.

Nun gilt es, diese an den Fußball zu binden und Perspektiven in ihren Vereinen zu geben. Denn oft ist es so: Nur dort, wo sich jemand für den Mädchen- und Frauenfußball interessiert, gibt es ihn auch. Um mehr Aufmerksamkeit bzw. Interesse wecken zu können, müssen wir allerdings noch mehr Spielerinnen im Alter von sechs bis zehn Jahren für den Fußball gewinnen. Umso mehr freut es uns, wenn Vereine wie der FC Seenland in Warin oder der Penzliner SV, zum Beispiel, neue Mädchen- oder Frauen-Teams gründen.

Frage: Welches sind die Zentren des Mädchen- und Frauen-Fußballsportes in MV? Welche Vereine haben dabei eine besonders erfolgreiche Nachwuchsarbeit?

Ulrike Balzer: In M-V ist das Landesleistungszentrum in Neubrandenburg, das ähnliche Strukturen wie der FC Hansa Rostock für die Junioren hat. Dort werden unsere talentiertesten Spielerinnen mit Früh-Training am Sportgymnasium gefördert und nachmittags beim 1. FC Neubrandenburg 04 weiter ausgebildet.

Während es im Frauenbereich circa 40 Frauen-Mannschaften auf dem Klein- und Großfeld gibt, haben nur sehr wenige Vereine im Land reine Mädchen-Mannschaften. Hier sind vor allem der TSV 1860 Stralsund, der Rostocker FC und der FSV 02 Schwerin zu nennen, die sogar mindestens zwei bis drei Mädchen-Mannschaften im Nachwuchsbereich aufgebaut haben.

Aber auch der Lübzer SV, FC Anker Wismar und der Penzliner SV engagieren sich bereits seit vielen Jahren für den Mädchen-Fußball und werden dies auch zukünftig tun. Die Mädels von Rastow und Ludwigslust werden in der kommenden Saison beispielsweise als Spiel-Gemeinschaft in der AOK-Verbandsliga der B-Juniorinnen antreten. Ein gutes Beispiel dafür, dass im weiblichen Bereich vor allem lösungsorientiert gedacht wird, um den Mädels das Fußballspielen auch weiterhin zu ermöglichen.

Frage: Wie beurteilen Sie die Bedeutung und den Stellenwert des Mädchen- und Frauen-Fußballs in der hiesigen Sportlandschaft?

Ulrike Balzer: Der Mädchen- und Frauenfußball ist eine Randsportart innerhalb der Sportlandschaft von MV. Gerade weil es nicht so viele Teams gibt, muss dieser immer wieder um Akzeptanz kämpfen und Vorurteile ausräumen. Doch gerade die Höhepunkte, wie die Hallen-Landesmeisterschaften oder die Endspiele des Landespokals werden medial unter anderem vom NDR M-V oder den Regionalzeitschriften wahrgenommen und präsentiert.

Symbolbild Fußball

Frage: Inzwischen ist die WM der Frauen in der „heißen Phase“. Was beurteilen Sie das Niveau des Turniers?

Ulrike Balzer: Während der WM 2019 haben wir viele spannende Spiele mit hohem Spiel-Tempo und großartigen Technik-Aktionen gesehen. Eine tolle Werbung für den Frauenfußball sowie ein klares Indiz dafür, wie sich der Frauenfußball insbesondere in den letzten vier Jahren in allen 24 teilnehmenden Nationen weiter entwickelt hat. Auch die deutsche Nationalmannschaft hat sich spielerisch gut verkauft und sich – auch neben dem Platz – sympathisch präsentiert.

Mal schauen, ob jetzt das eine oder andere Mädchen vor dem Bildschirm motiviert wurde, selbst die Fußballschuhe anzuziehen? Spannend bleibt jetzt, wer sich in den Halbfinals durchsetzt. Denn alle vier Teams, die USA, England, die Niederlande und Schweden, haben sowohl in der Defensive und Offensive überzeugt.

Meine Favoriten für den Einzug ins Finale sind die USA und die Niederlande, wobei die Damen aus der USA bereits seit Beginn der WM äußerst spielstark nach vorn kombinieren und äußerst effektiv vor dem Tor agieren.

Letzte Frage: Welche Nachwuchs-Spielerinnen aus MV haben derzeit gute Perspektiven für eine DFB-Nationalmannschaft?

Ulrike Balzer: Die Top-Talente aus M-V wechseln zurzeit bereits ab dem Jahrgang der C-Juniorinnen (13/14 Jahre) in die Clubs mit Bundesliga-Mannschaften, den 1. FFC Turbine Potsdam, VFL Wolfsburg oder auch zum Magdeburger FFC bzw. RB Leipzig.

Für uns ist es bereits ein Erfolg im Bereich der Talent-Förderung, wenn sie diesen Schritt erfolgreich gehen und dort sich zu Stammspielerinnen entwickeln. Genauso erfreulich ist, dass es bei der Landesauswahl immer wieder Spielerinnen schaffen, eine Einladung zum DFB-Lehrgang zu erhalten.

Vielen Dank und weiterhin bestes Engagement für den Frauen- und Mädchen-Fußball in M-V!

Eine Übersicht zu den Vereinen im Frauen- und Mädchen-Fußball in M-V gibt es unter https://www.lfvm-v.de/projekte/frauen-maedchenfussball/vereinsuebersicht/

 

Infos und Fakten

  • Die Halbfinals der achten Frauen-Fußball-WM in Frankreich bestreiten die USA und England (am 2. Juli 2019) sowie die Niederlande und Schweden (am 3. Juli 2019). Das Finale wird dann am 7. Juli 2019 in Lyon ausgetragen. Das deutsche Team unterlag leider im Viertelfinale Schweden mit 1:2 und verpasste damit auch die Olympia-Quali für Tokyo 2020.
  • Weltmeisterschaften der Frauen werden seit 1991 ausgetragen. seit Atlanta ’96 gibt es außerdem olympische Turniere. Die WM-Titel gingen bislang an die USA (dreimal), Deutschland (zweimal) sowie Norwegen und Japan (je einmal). Mit dreimal Olympia-Gold halten die USA auch dort den Rekord. Deutschland holte in Rio 2016 den Sieg.

2011 fand die Frauen-Fußball-WM in Deutschland statt. Blick in das Olympiastadion während des damaligen Eröffnungsspiels. Archiv-Foto: M.M.

  • Auch Rostockerinnen spielten schon oft eine herausragende Rolle im deutschen Frauen-Fußball. Die Frauen der BSG Post Rostock wurden 1990 letzte DDR-Fußballmeisterinnen. Und in der letzten DDR-Frauen-Nationalmannschaften 1990 liefen die Hansestädterinnen Kathrin Baaske, Katrin Prühs-Erdmann und Sybille Lange auf. Große internationale Erfolge feierten zudem Stefanie Draws und Jennifer Zietz. Draws wurde 2007 U 19-Europameisterin mit der deutschen Auswahl. Zietz holte in der Nationalmannschaft von 2009 EM-Gold.
  • Anfang der 2000er feierte eine Neubrandenburgerin große Erfolge. Mit der DFB-Auswahl schaffte Viola Odebrecht WM-Gold 2003 und Olympia-Bronze 2004.

Text und Interview: Marko Michels