Im Gespräch mit Erfolgsturnerin Elisabeth Seitz über die WM in Doha und ihren Bronze-Wettkampf

Vom 25. Oktober bis 3. November fanden die diesjährigen Weltmeisterschaften im Gerätturnen in Doha/Katar statt. Besonders imponierten die Turner aus Russland und China sowie die Turnerinnen aus den USA. Auch eine deutsche Turnerin konnte jubeln. Die 25-jährige Stuttgarterin Elisabeth Seitz gewann Bronze am Stufenbarren, hinter der Belgierin Nina Derwael und der Amerikanerin Simone Biles.

Elisabeth Seitz – Foto: © 24passion

Interview

Frage: Elisabeth, im weltmeisterlichen Rückspiegel: Wie verlief der WM-Wettkampf am Stufenbarren in Doha aus Ihrer Sicht? Was waren die ganz besonderen Momente?

Elisabeth Seitz: Mit meiner Übung selbst war ich sofort mehr als zufrieden. Klar gibt es immer Kleinigkeiten, die man besser machen kann, aber im Großen und Ganzen war die Übung super. Ganz besonders war natürlich der Moment, als die Wertung von Aliya Mustafina angezeigt wurde und es klar war, dass ich Bronze gewonnen habe.

Frage: Wie war das ganze „WM-Drumherum“?

Elisabeth Seitz: Die Stimmung im Team war sehr gut, was auch an unserem überragenden achten Platz zu sehen war. Auch die Unterkunft war spitze – dieses Mal hatten wir ein sehr schönes Hotel, was uns natürlich alle sehr gefreut hat. Auch an der Organisation kann man nichts bemängeln… Schade war nur, dass in den meisten Wettkämpfen kaum Zuschauer saßen. Das wird in Stuttgart im nächsten Jahr ganz sicher anders werden. (Anmerkung: Die Turn-WM 2019 finden vom 4. bis 13. Oktober in der baden-württembergischen Landeshauptstadt statt!)

Frage: Besonders eindrucksvoll präsentierte sich die vierfache Olympiasiegerin und mehrfache Weltmeisterin Simone Biles aus den USA. Was zeichnet Simone aus Ihrer Sicht aus?

Elisabeth Seitz: Sie ist einfach eine Frau voller Power und gleichzeitig voller Freude. Es ist einfach unglaublich was sie leistet. Die ganze Turnwelt und noch viele mehr sind beeindruckt von ihr – ich natürlich auch!

Frage: In knapp zwei Jahren stehen die olympischen Turnwettkämpfe in Tokio auf dem Programm… Sie selbst waren schon bei den Spielen 2012 und 2016 dabei, verpassten in Rio Bronze am Stufenbarren knapp. Was sind Ihre Ziele für 2020?

Elisabeth Seitz: Zuerst einmal hoffe ich sehr, dass wir uns als Team qualifizieren, das steht an erster Stelle. Ich selbst gebe natürlich alles, damit ich letztendlich Teil des Teams sein kann. Die Ziele in Tokio sind dann klar. Das Erreichen des Teamfinals mit dem Team Deutschland. Und ich würde mich natürlich liebend gerne wieder ins Barrenfinale qualifizieren, wo ich dann ganz klar eine Medaille anpeilen werde.

Frage: Einige Kritiker meinen, dass das Turnen zwar immer spektakulärer werde, darunter aber die künstlerische Komponente leide. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Elisabeth Seitz: Gerade am Boden steht die künstlerische Komponente wieder mehr im Vordergrund. Wenn diese nicht stimmt, bekommt man Abzüge. Demnach ist Ausdruck und Tanz weiterhin ein wichtiger Teil der Übungen.

Letzte Frage: Was ist Ihr Ausgleich zum Turnen?

Elisabeth Seitz: Mein Ausgleich sind Uni und meine Freunde. Zum einen habe ich mit einem Lehramtsstudium angefangen, was mich auch gut vom „Turnstress“ ablenken kann, zum anderen bin ich oft einfach nur froh, mich vor dem TV entspannen zu können oder meine Freunde zu treffen.

Vielen Dank und weiterhin maximale turnsportliche Erfolge!

Symbolbild-Turnen

 

Die Turn-WM 2018 in Zahlen

Die erfolgreichsten Länder in Doha waren:

  • die USA mit neun Medaillen (darunter viermal Gold)
  • Russland mit sieben Medaillen (darunter zweimal Gold)
  • China mit sechs Medaillen (darunter viermal Gold)
  • Japan mit sechs Medaillen (aber ohne WM-Gold)

Insgesamt erkämpften Turnerinnen und Turner aus 17 Ländern WM-Medaillen, davon 7 Staaten einen oder mehrere WM-Titel.

Simone Biles (USA) avancierte zur erfolgreichsten Turnerin:

Die Amerikanerin holte in Katar viermal Gold (Team, Einzel-Mehrkampf, Sprung und Boden) sowie je einmal Silber und Bronze. Die 21-Jährige gewann damit seit 2013 insgesamt 14 x WM-Gold, 3 x Silber, 3 x Bronze. Zur erfolgreichsten Kunstturnerin avancierte sie bereits bei Olympia 2016 mit viermal Gold und einmal Bronze.

Bester WM-Turner 2018:

Der Russe Artur Dalaloyan kam mit Gold im Einzel-Mehrkampf und am Boden sowie zweimal Silber und einmal Bronze unter den Männern am öftesten aufs Podest .

Bemerkenswert:

Der Grieche Eleftherios Petrounias gewann in Doha seinen dritten WM-Titel an den Ringen (nach 2015 und 2017; dazu Olympia-Gold 2016). Ihre dritten WM-Titel an „ihren“ Geräten errangen 2018 ebenfalls der Koreaner Ri Se-gwang am Sprungtisch (WM-Gold 2014, 2015 und 2018, plus Olympia-Gold 2016) und der Niederländer Epke Zonderland am Reck (WM-Gold 2013, 2014 und 2018, plus Olympia-Gold 2012).



 

EXKURS – Olympia und Turnen aus MV-Sicht

Mexiko-City 1968 und München 1972

Olympische und weltmeisterliche Erfolge feierte einst auch Mecklenburg-Vorpommern. Den Medaillen-Anfang machte 1968 die gebürtige Rostockerin Marianne Noack, die 1968 mit der DDR-Riege Olympia-Bronze in Mexiko-City gewann und bei den WM 1970 Silber mit der Mannschaft erkämpfte. Die ebenfalls in Rostock geborene Christine Schmitt (Jahrgang 1953) gehörte 1968 als Ersatz-Turnerin zur olympischen DDR-Turnauswahl. Ihren endgültigen internationalen Durchbruch feierte sie mit WM-Bronze auf dem Schwebebalken 1970.

Mit der Mannschaft holte Christine Schmitt an der Seite von Marianne Noack zudem Silber. Höhepunkt ihrer Karriere war dann noch Olympia-Silber mit der Mannschaft bei Olympia 1972 in München. In München 1972 gewann der Rostocker Reinhard Rychly ebenfalls eine olympische Turn-Medaille. Mit der DDR-Mannschaft errang er Bronze hinter Japan und der Sowjetunion.

Die überragenden Turn-Nationen in Mexiko-City:

  • Japan mit 6 x Gold (insgesamt 12 Medaillen)
  • die UdSSR 5 x Gold (insgesamt 18 Medaillen)
  • die CSSR 4 x Gold (insgesamt 6 Medaillen)

In München dominierten:

  • die UdSSR (6 x Gold, 6 x Silber, 4 x Bronze)
  • Japan (5 x Gold, 5 x Silber, 6 x Bronze)
  • die DDR (3 x Gold, 4 x Silber, 2 x Bronze)

Von Moskau 1980 nach Seoul 1988

Die Hoffmann-Brüder Lutz und Ulf (mit “Neustrelitzer Wurzeln”) setzten von 1980 bis 1988 die internationalen Kunstturn-Erfolge für M-V fort. Bei den Olympischen Spielen erturnte Lutz Hoffmann mit der DDR-Riege den 2. Platz. Sein jüngerer Bruder Ulf war dreimal auf einem Olympia- bzw. WM-Podest. Jeweils mit den DDR-Teams belegte er bei den WM 1985 und 1987 den Bronze-Rang; bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul gab es sogar Silber – die immer noch vorerst letzte olympische Medaille für die deutschen Turner im Mannschaftsmehrkampf.

Das „Nonplusultra“ in Moskau:

  • war die Sowjetunion (9 x Gold, 8 x Silber, 5 x Bronze)
  • vor der DDR (2 x Gold, 3 x Silber, 6 x Bronze)
  • und Rumänien (2 x Gold, 3 x Silber, 2 x Bronze)

Medaillenranking in Los Angeles:

  • die USA, China und Rumänien mit je fünf Goldmedaillen

In Seoul 1988 waren vorn:

  • die UdSSR mit 11 x Gold, 5 x Silber, 3 x Bronze
  • vor Rumänien mit 9 Medaillen (davon 3 x Gold)
  • und der DDR mit 8 Medaillen (davon einmal Gold)

Olympische Turn-Olympionikinnen nach 1990

Nach 1990 konnten drei weitere Turnerinnen aus Rostock an olympischen Wettkämpfen teilnehmen: Einerseits Christine Thoms, die Ersatz-Turnerin bei den Spielen 1988 in Seoul war als die DDR-Riege Dritte wurde, und andererseits Kathleen Kern-Stark, die 1992 und 1996 für den DTB startete. Und Jana Günther war 1992 in Barcelona dabei.

Auch die “Vier-Tore-Stadt” hat eine erfolgreiche Turnerin aufzuweisen. Die 1980 in Neubrandenburg geborene Yvonne Pioch startete 1996 bei Olympia.

Last but not least: Eine weitere klasse Turnerin kommt aus Ludwigslust. Brigitte Kiesler war Olympionikin 1952 in Helsinki, wurde mit der Bundesrepublik Fünfte im Mannschaftsmehrkampf und Vierte in der Gruppengymnastik mit Handgeräten.

Text und Interview: M. Michels