Nachgefragt bei der deutschen Kanu-Rennsportlerin Steffi Kriegerstein

Die olympischen Konkurrenzen im Kanu-Rennsport und im Kanu-Slalom 2016 in Rio  liegen bereits wieder drei Monate zurück.

Deutsche Kanu-Rennsportlerinnen und -sportler in Rio äußerst erfolgreich

Die deutschen Kanu-Sportlerinnen und -Sportler präsentierten sich in der brasilianischen Metropole in ausgezeichneter Form und wurden mit viermal Gold, zweimal Silber, einmal Bronze erfolgreichste Mannschaft vor Spanien mit dreimal Gold, einmal Bronze, Ungarn mit dreimal Gold und Grossbritannien mit zweimal Gold, zweimal Silber.

Kanusportliche Olympiasiege errangen zudem die Slowakei, Neuseeland, Frankreich und die Ukraine. Insgesamt sicherten sich 21 Länder olympische Kanu-Medaillen 2016.

Von Dresden nach Rio: Steffi Kriegerstein

Eine die ebenfalls für „Schwarz-Rot-Gold“ in Rio startete, war Steffi Kriegerstein vom WSV „Am Blauen Wunder“ Dresden e.V. Die hervorragende Kanu-Rennsportlerin erkämpfte im Kajak-Vierer Olympia-Silber in Rio. Bereits vor den Spielen 2016 konnte Steffi Kriegerstein schon zahlreiche Erfolge erkämpfen, so bei den EM bzw. WM der Junioren sowie in der Altersklasse U 23 zwischen 2009 und 2014 siebenmal Gold und bei den Elite-WM 2015 in Mailand Gold im K 2 über 500 Meter.

Geboren wurde Steffi Kriegerstein im Olympia-Jahr 1992. Damals, bei den Olympischen Spielen in Barcelona, gab es aus M-V-Sicht für Ramona Portwich bzw. Anke von Seck Gold im K 2 über 500 Meter und ebenfalls für Ramona Portwich sowie Anke von Seck sowie für Katrin Borchert (geboren in Waren/Müritz, SC Neubrandenburg), zusammen mit Birgit Schmidt, Silber im K 4 über 500 Meter..

Wie blickt nun aber Steffi Kriegerstein auf Rio 2016 zurück?!

Nachgefragt

St.Kriegerstein über die olympische Regatta im Kanu-Rennsport 2016, über die Kanu-Hochburg Neubrandenburg und ihre beruflichen Ambitionen

„Bewegung liegt mir im Blut…“

Frage: Frau Kriegerstein, mit dem Abstand von drei Monaten… Wie lautet Ihr persönliches Resümee zu den olympischen Kanu-Rennsport-Konkurrenzen 2016?

Steffi Kriegerstein: Die Konkurrenz war wie jedes Jahr sehr stark. Aber genau so soll es auch zu Olympia sein. Gerade für uns Randsportarten ist dies ein Wettkampf, in dem wir einmal aus dem Schatten der anderen großen Sportarten hervortreten können.

Favoritinnen gab es viele im Vierer-Kajak über 500 Meter. Äußerst erstaunlich war, dass die Top-Favoritinnen aus Polen bereits im Zwischenlauf ausschieden. Aber das ist Olympia.

Jeder mobilisiert seine Kräfte anders und so kam es eben, dass wir nach einem sehr holprigen Vor- und Zwischenlauf uns umso mehr auf den Endlauf konzentriert haben. Durch die Europameisterschaft sowie Weltcups war eine grobe Renn-Struktur der Konkurrenz bekannt, aber wie schon gesagt, Olympia ist immer für Überraschungen gut.

Die Ungarinnen sind seit Jahren das Top-Boot, aber wir wollten zeigen, dass wir auch etwas drauf hatten. Und letztlich ist uns – mit dem zweiten Platz und einem doch recht geringen Abstand zu den Ungarinnen – eine große Überraschung gelungen.

Frage: M-V ist ja eigentlich auch eine Hochburg des Kanu-Rennsportes, auch wenn in Rio 2016 keine Kanu-Sportlerinnen und -Sportler aus M-V dabei waren. Trainieren Sie mitunter auch in M-V? Verfolgen Sie das Kanu-Geschehen in M-V zudem ein wenig?

Steffi Kriegerstein: Es gibt viele Kanu-Hochburgen in Deutschland. Da man sich erst einmal national gegen die Konkurrenz durchsetzen muss, schaut man natürlich, wo potenzielle Gegner herkommen könnten.

M-V hat vor allem in meiner Kindheit eine große Rolle gespielt, weil zu dieser Zeit viele Kanuten aus meiner Heimatstadt Dresden nach Neubrandenburg auf das Sportinternat gewechselt sind.

Zu dieser Zeit war es – sportlich gesehen – eine sehr gute Wahl. Aktuell gibt es jedoch keine Sportlerin in meiner Geschwindigkeitsklasse, mit der ich trainieren kann.

Auch Trainingslager oder Trainingseinheiten spielen sich mehr in Kienbaum, Duisburg, München bzw. zu Hause oder in Leipzig ab. … Kienbaum, Duisburg und München vor allem, weil dort sehr gute Trainingsbedingungen bzw. Strecken sind, Leipzig insbesondere,  weil dort der Bundestrainer wohnt und um Tina Dietze eine sehr gute Trainingsgruppe besteht.

Letzte Frage: Immer „nur“ Kanu-Rennsport geht ja nicht…  Welche Ambitionen haben Sie neben dem Kanu-Rennsport?

Steffi Kriegerstein: Ich bin mit dem Sport groß geworden. Mir macht es nichts aus, auch einmal in meiner Freizeit in meinem Verein zu sitzen und mit den Sportlerinnen bzw. Sportlern zu quatschen.

Viele sind seit Jahren meine besten Freunde, es ist wie eine zweite Familie. Wenn ich aber wirklich mal keine Lust habe, versuche ich die Freizeit, die ich habe (und die ist zeitlich wirklich sehr begrenzt), so gut es geht mit Familie und Freunden zu verbringen.

Sie geben mir Kraft und Halt, wenn es einmal wieder nicht so gut läuft. Neben diesem Aspekt versuche ich mich aber auch, sportlich viel auszutesten… Ist wohl eine Berufskrankheit.

Bewegung liegt mir im Blut. Den ganzen Tag ruhig sitzen, lässt mich körperlich um 100 Jahre altern. Ich fühle mich nicht wohl und werde schnell zickig.

Neben dem Sport studiere ich noch Medien-Management an der Hochschule Mittweide, denn auch der Kopf braucht seinen Sport…

Also, alles in allem bin ich mit Leistungssport, Bundeswehr Sportfördergruppe und Studium mehr als genug ausgelastet.

Vielen Dank, dann weiterhin alles erdenklich Gute sportlich, beruflich sowie persönlich und maximale Erfolge!

… Info: M-V und der olympische Kanu-Rennsport

Die erfolgreichsten Kanutinnen und Kanuten bei Olympia aus M-V sind Ramona Portwich (Rostock) – 3 x Gold, 2 x Silber – 1988/96, Andreas Dittmer (Neustrelitz, Neubrandenburg) – 3 x Gold, 1 x Silber, 1 x Bronze – 1996-2004, Anke von Seck (Rostock) – 3 x Gold, 1 x Silber – 1988/92 und Rüdiger Helm (Neubrandenburg) – 3 x Gold, 3 x Bronze – 1976/80.

Von Ilse Kaschube bis Andreas Dittmer

Der olympische Medaillen-Regen für Kanutinnen und Kanuten aus M-V begann übrigens mit der Silbermedaille von Ilse Kaschube (Neubrandenburg) 1972 im K 2 über 500 Meter.

Ilse Kaschube, die heute mit dem ebenfalls früher sehr erfolgreichen Kanuten Klaus Zeisler verheiratet ist, über ihren damaligen Erfolg: „Ich erinnere mich gerne an die Olympiade 1972 zurück. Ich war neunzehn Jahre jung und unbeschwert, wir wollten zeigen, dass wir in der Lage waren gute Leistungen zu bringen. Als es dann die Silberne wurde, waren wir selbst überrascht. Man kann es nicht mit ein paar Worten wiedergeben, was sich alles an der Regattastrecke abgespielt hat. Die Stimmung war großartig, die Anfeuerungen der Zuschauer waren ab 250 Meter bis ins Ziel zu hören. Wir wurden regelrecht ins Ziel gejubelt , so kam es uns jedenfalls vor. Es war einfach schön.“

Und wie beurteilt der neben Rüdiger Helm erfolgreichste Kanu-Rennsportler aus M-V, Andreas Dittmer, seine olympischen Triumphe von 1996 bis 2004 (zudem noch Olympionike 2008)?!

Dazu Andreas Dittmer: „Zum schönsten Moment der Karriere… Der nachhaltigste, emotionalste Wettkampf waren die olympischen Entscheidungen 2004 in Athen. Ich galt ja vor diesen Spielen über die 1000 Meter-Distanz als nahezu unschlagbar. Ich fuhr mit „breiter Brust“ und noch mehr Optimismus nach Athen, war dreimal hintereinander Weltmeister auf dieser Strecke geworden. Doch es kam „alles“ anders. Obwohl ich dort das schnellste Rennen meines Lebens ablieferte, war der Spanier David Cal doch knapp vor mir. Die Niederlage tat weh, gerade weil auch die Leistung stimmte.

Nur – und hier half die sportliche Erfahrung – ich akzeptierte, dass an diesem Tag ganz einfach ein Anderer besser war. 24 Stunden später wollte ich es dann über 500 Meter unbedingt wissen. Ich war ungemein motiviert, hatte einen festen Siegeswillen, wollte Revanche und „meine“ Goldmedaille und – es gelang. Im Endspurt setzte ich ungeahnte Kräfte frei, wollte es wissen. Diese Goldmedaille war eine unglaubliche Genugtuung, ein echter Höhepunkt.“

Zahlreiche Kanu-Highlights für M-V von 1976 bis 2012

Die ersten olympischen Kanu-Rennsport-Goldmedaillen gab es zuvor 1976 durch Rüdiger Helm, Bernd Olbricht und Carola Zirzow (alle SC Neubrandenburg). Martin Hollstein (SC Neubrandenburg) erkämpfte dann 2008 mit Andreas Ihle im Zweier-Kajak über 1000 Meter die vorerst letzte olympische Goldmedaille für einen Verein in M-V.

Vier Jahre später, bei den olympischen Kanu-Wettbewerben 2012 im Dorney Lake bei Windsor, gewann der gebürtige Schweriner Peter Kretschmer, der für den SC DHfK Leipzig startet, mit Kurt Kuschela (KC Potsdam) Gold im Zweier-Canadier über 1000 Meter.

Und 2020 „steigt“ die olympische Regatta im Kanu-Rennsport in Tokyo! Hoffentlich wieder mit M-V-Beteiligung…

Marko Michels

Foto (Michels): Erfolgreiche Kanu-Rennsportler aus M-V, vom SC Neubrandenburg – Martin Hollstein, Thomas Lück und Andreas Dittmer.