Im Gespräch mit Dr. Monika Knauer, Geschäftsführerin des Verbandes für Behinderten- und Rehasport in M-V, über die baldige Goalball-EM in Rostock, die Erfolgschancen für die deutschen Mannschaften, die internationale Konkurrenz, das Faszinierende am Goalball-Spiel und die Goalball-Traditionen in M-V

EM-Silber 2017 für die Deutsche Herrennationalmannschaft (Foto: privat)

Ein sportliches Highlight im paralympischen Sport sind in diesem Herbst die Goalball Europameisterschaften in Rostock. Vom 8. bis 13. Oktober werden die jeweils zehn besten Damen- und Herrenmannschaften um die europäischen Titel wetteifern. Nachgefragt bei VBRS-Geschäftsführerin Dr. Monika Knauer

Frau Knauer, was können die Zuschauer und Interessierte von der EM erwarten?

Dr. Monika Knauer: Mit Blick auf die Paralympischen Spiele 2020 ist die EM in Rostock für die europäischen Teams die letzte Chance, sich für Tokio zu qualifizieren. Daher können wir uns alle auf ein hochkarätiges Turnier freuen. Insgesamt finden an den fünf Wettkamptagen 66 Spiele in einer paralympischen Team-Sportart, die bereits seit 1976 im Programm der Paralympics ist, statt.

In Rostock werden zwanzig Mannschaften – jeweils zehn bei den Damen und bei den Herren – mit 120 Aktiven an den Start gehen. Die Zuschauer können sich auf interessante Spiele freuen. Denn: Goalball ist durch die vielen Angriffsaktionen sehr attraktiv und spektakulär. In einer 24minütigen Begegnung, bei zwölf Minuten effektiver Spielzeit pro Halbzeit, haben beide Teams durchschnittlich über 100 Würfe.

Hat M-V eine besondere Tradition im Goalball?

Dr. Monika Knauer: Und ob! Im nordwestmecklenburgischen Neukloster wird seit 2001 Goalball gespielt. Seit 2007 werden zudem im Nachwuchs-Landesstützpunkt Goalball in Kooperation mit dem VfL Blau-Weiß Neukloster und dem „Überregionalen Förderzentrum SEHEN“ Goalball-Talente frühzeitig gesichtet und langfristig gefördert.

Im Laufe der Jahre haben zahlreiche Nachwuchsspieler aus Neukloster mit den Jugendnationalmannschaften Medaillen bei internationalen Meisterschaften gewinnen können. Mit der Anerkennung eines Paralympischen Trainingsstützpunktes (Bundesstützpunkt im Para Sport) 2017 hat sich in Rostock in Kooperation mit dem Rostocker Goalballclub Hansa auch der Spitzensport etabliert.

Der Rostocker Club zählt seit Jahren in Deutschland und in Europa zu den führenden Goalball-Teams. Nicht zuletzt nahmen aus Mecklenburg-Vorpommern auch schon Goalball-Spielerinnen und -Spieler an den Paralympics teil, so 2008 in Peking die Greifswalderin Natalie Ball und 2016 in Rio die Rostocker Thomas Steiger, Christian Friebel und Reno Tiede. Reno Tiede hat sich 2018 mit dem deutschen Team bereits für die Paralympics 2020 qualifiziert. Doch zuvor bereitet er als OK-Leiter die Europameisterschaft in Rostock federführend vor.

Welches sind denn die führenden Nationen?

Dr. Monika Knauer: Insbesondere Brasilien, die USA, die Türkei und Litauen bestimmen das internationale Niveau maßgeblich mit. Bei den Paralympics in Rio 2016 gewann bei den Herren Litauen vor den USA bzw. Brasilien. Die deutschen Herren belegten einen bemerkenswerten sechsten Platz. Bei den Frauen triumphierte die Türkei vor China bzw. den USA. Die deutschen Damen hatten sich für Rio leider nicht qualifiziert.

Spätestens seit der WM in Malmö im letzten Jahr gehört auch das deutsche Herren-Team als Vize-Weltmeister hinter Brasilien und vor Belgien bzw. Litauen zu den internationalen Spitzen-Teams. Bei den Frauen holte sich 2018 Russland den WM-Titel vor der Türkei, Brasilien und Kanada.

In Rostock hoffen wir auf Medaillenränge der beiden deutschen Teams, bei den Herren träumen wir sogar vom EM-Titel.

Was ist für Sie persönlich das Faszinierende am Goalball-Sport?

Dr. Monika Knauer: Auf die Attraktivität der Sportart, die komplexen Anforderungen an die Spieler/Innen und die Schnelligkeit des Spiels wies ich bereits hin. Abers es sind zwei weitere Aspekte, die diese Sportart für mich so interessant machen. Goalball gehört zu den Sportarten, die ohne viel Aufwand inklusiv gespielt werden können. Der Rostocker Goalballclub lebt diese Inklusion. Jeder findet seinen Platz im Verein, ob als Spieler oder Organisator, Freund oder Förderer. Ich kann mir daher auch Goalball als Sportart in der Schule für den inklusiven Sportunterricht gut vorstellen.

Und noch etwas ist faszinierend – die Stille während der Ball im Spiel ist, folgen pantomimische stumme Freudenausbrüche bei erfolgreichen Abschlüssen bis dann mit dem Pfiff des Schiedsrichters den Emotionen freien Lauf gelassen wird. In Rio 2016 habe ich erlebt, wie 12.000 Zuschauer, vorwiegend stimmungsvolle sing- und tanzfreudige Brasilianer, den Anweisungen der Schiedsrichter gefolgt sind und Stille bzw. laut hörbare Begeisterung im Wechsel zu erleben waren. Sehr beeindruckend!

Und nicht zuletzt sind es Spieler wie Reno Tiede, die diese „ihre“ Sportart leben, andere mitreißen und begeistern können, für ihre Träume und Visionen hart trainieren und alles geben.

Vielen Dank und eine erfolgreiche Goalball-EM in Rostock!

mic

 

Weitere Informationen zur Goalball-EM 2019 in Rostock unter: http://www.em-rostock2019.de/