Segel-Ass Birte Winkel über ihre sportlichen Ambitionen…

In der 470er Klasse wird in Mecklenburg-Vorpommern traditionell sehr erfolgreich gesegelt. Auch in diesem Jahr wurde diese Erfolgstradition fortgesetzt, unter anderem durch segelsportliche Frauen-Power. So wurden Birte Winkel (Jahrgang 1997) vom Schweriner Yachtclub und Theres Dahnke (Jahrgang 1998) vom Plauer Wassersportverein zusammen Junioren-Vize-Weltmeisterinnen und Junioren-Europameisterinnen.

Birte Winkel (rechts) und Theres Dahnke (Foto: privat)

Interview

Birte Winkel über ihr segelsportliches 2018, ihre Segel-Partnerin Theres Dahnke, ihre Begeisterung für die 470er Klasse und die Herausforderungen neben dem Segelsport.

„Die 470er Klasse ist unglaublich vielfältig…“

Frage: Erst einmal noch herzlichen Glückwunsch zu Ihren Titeln! Wie verliefen die Regatten bei den Junioren-EM und -WM aus Ihrer Sicht?

Birte Winkel: Bei beiden Events hatten wir eine perfekte Vorbereitung. Das Material war dabei zudem perfekt und zumindest bei der Junioren-EM hatten wir super Bedingungen beim Training. Zwar verlief der erste Tag noch nicht ganz optimal, aber danach passte einfach alles. Wir kamen mit den Bedingungen gut zurecht, konnten konstant vordere Plätze sichern und so unseren Vorsprung immer weitet ausbauen. Zum Abschluss dann ganz oben auf dem Podest zu stehen und seine eigene Hymne zu hören, ist einfach ein unglaubliches Gefühl.

Bei den Junioren-WM waren die Windbedingungen hingegen schwierig und wir mussten oft warten, bis wir überhaupt segeln konnten. Wir starteten sehr gut in die Serie, direkt mit einem Sieg, und setzten uns an die Spitze des Feldes.  Doch… Dann kam leider der „schwarze Tag“ für uns. An diesem besagten Tag waren etwas andere Bedingungen, als an den anderen Tagen und es wollte einfach nicht laufen. Durch den vorher aufgebauten Puffer nach hinten fielen wir allerdings nur auf den zweiten Platz zurück. Trotz der verlorenen Führung bei der Junioren-WM waren wir zufrieden mit dem Endergebnis und auch mit der gesamten Saison.

Frage: Seit 2014 segeln Sie zusammen mit Theres Dahnke. Klappte das Zusammenspiel gleich auf Anhieb?

Birte Winkel: Wir starteten in einem Trainingslager im Februar zusammen. Seinerzeit war ich eigentlich nur für Theres damalige Vorschoterin eingesprungen. Wir hatten viel Spaß und auch die Zusammenarbeit auf dem Boot klappte von Anfang an ganz gut. Daraus entstand dann die Idee, doch zusammen die nächste Saison zu bestreiten.

Frage: Warum wählten Sie gerade die 470er Klasse? Was fasziniert Sie insbesondere an dieser Disziplin?

Birte Winkel: Wir entschieden uns für die 470er, weil wir ja schon bei den 420ern auf diese Klasse hingearbeitet und uns damit eine gute Basis dafür geschaffen hatten. Die 470er Klasse ist unglaublich vielfältig. Man hat die seglerische, die physische und die Bootsbau-Komponente vereint in einer Klasse. Vor allem aber spielt ebenfalls das Trimmen des Bootes im direkten Vergleich eine große Rolle, was das Segeln an sich sehr komplex macht. Man kann viel am Boot basteln und somit optimieren, was mir besonders großen Spaß bereitet.

Frage: Wie sieht Ihr Tagesablauf aus? Wie oft trainieren Sie täglich an Land und im Wasser? Zudem sind Sie ja Studentin und haben bestimmt auch Hobbys…

Birte Winkel: Ja, wir studieren beide und versuchen, so gut es geht, den Anschluss an der Uni zu schaffen bzw. zu halten, wenn kein Training ansteht. Ab Februar sind wir ja fast dauerhaft unterwegs. Wir trainieren bzw. sind auf Wettkämpfen. Wenn man dann einmal zwischendurch zu Hause ist, dann stehen das Athletik-Training und das Universitäts-Studium auf dem Programm. Im Winter sind wir circa sechs Einheiten im Kraftraum und bereiten uns jeweils auf die kommende Saison vor. Dabei bleibt leider nicht viel Zeit für Hobbys. Ich gehe jedoch gerne mal schwimmen oder mache eine Fahrrad Tour. Aber zumeist ist die freie Zeit bereits für die Familie und Freunde reserviert.

Frage: Welche sportlichen und persönlichen Ziele haben Sie mit Blickrichtung auf 2019 und 2020?

Birte Winkel: Unser Ziel ist es, uns für sie Olympischen Spiele 2020 zu qualifizieren. Wir haben in diesem Sommer gesehen, dass wir uns gut entwickelten und beschlossen, dass wir „diesen Sprung“ zu den Senioren schaffen können.  Im Jahr 2019 wollen wir bei den Junioren-Events natürlich gerne wieder Medaillen abräumen und auch bei den Senioren zeigen, was wir können! Die erste wichtige Regatta für uns im kommenden Jahr ist der Weltcup in Genua und anschließend dann die EM in Aregai. Dort wollen wir testen, wie wir uns bei den Senioren behaupten können.

Vielen Dank, eine optimale vorolympische Saison mit maximalen Erfolgen!


Symbolbild

Exkurs

Die 470er Klasse aus MV-Sicht

Seit 1976, seit der olympischen Regatta vor Kingston, sind die 470er bei den Herren olympisch. Bis 1984 handelte es sich dabei um eine offene Klasse. Seit der olympischen Regatta vor Pusan 1988 dürfen „ganz offiziell“ auch die Frauen bei den 470ern ran.
Der erste Olympiasieg ’76 ging seinerzeit an das deutsche Duo Harro Bode / Frank Hübner. Vor Tallinn 1980 belegten dann zwei Rostocker
Platz zwei. Jörn Borowski und Egbert Swensson (SC Empor Rostock) mussten sich lediglich den Brasilianern Eduardo Penido / Marco Soares geschlagen geben. Platz drei ging seinerzeit an die Finnen Jouko Lindgren und Georg Tallberg.

Die Olympiasiege bei den Herren gingen an folgende Nationen:

– 1976 Deutschland
– 1980 Brasilien
– 1984 Spanien
– 1988 Frankreich
– 1992
Spanien
– 1996 Ukraine
– 2000 Australien
– 2004 USA
– 2008 und 2012 Australien
– 2016 Kroatien

„Aussies“ am erfolgreichsten

Die erfolgreichsten „470er Länder“ im Herren-Bereich bei Olympia sind Australien mit 3 x Gold, 1 x Silber, Spanien mit 2 x Gold, 1 x Silber und die USA mit 1 x Gold, 3 x Silber, 1 x Bronze.

Segeln – eine Sportart mit Tradition und Erfolgen in M-V. Foto: M.M.

Frauen seit 1988 unter den olympischen Ringen am Start

1988, bei der olympischen Premiere für die Frauen segelte auch eine gebürtige Grevesmühlenerin vorne mit. 12 Jahre später, bei den Spielen in Sydney, wurde Wibke Bülle (Jahrgang 1970) zusammen mit der Berlinerin Nicola Birkner Fünfte. 

Wibke Bülle konnte zudem Podestplätze bei WM und EM erringen. So wurde sie 1991 WM-Dritte mit Susanne Peters, 1996 WM-Dritte, 1997 Vize-Weltmeisterin und 1998 WM-Dritte (jeweils mit Nicola Birkner). Bei Europameisterschaften gab es für Bülle Silber 1989 (mit Susanne Peters) und Bronze 1993 (mit Nicola Birkner).

Die Premieren-Siegerinnen unter den fünf olympischen Ringen waren in der 470er Klasse seinerzeit die US-Amerikanerinnen Allison Jolly und Lynne Jewell.

Im Jahr 2016 konnten die Britinnen Hannah Mills/Saskia Clark Gold ersegeln.

Die Olympiasiege bei den Damen gingen an folgende Nationen:

– 1988 USA
– 1992 und 1996
Spanien
– 2000 Australien
– 2004
Griechenland
2008 Australien

Weitere 470er-Meilensteine  für M-V

Zweimal WM-Gold für MV holten 1993 und 1994 Ines Bohn und Sabine Rohatzsch (Schweriner Yacht-Club). Ausserdem ging 1982 EM-Gold an das Duo Jürgen Brietzke / Ekkehard Schulz (SC Traktor Schwerin). Beide nahmen 1988 auch an den Olympischen Spielen teil. Sportliche Leistungsträger sind aktuell definitiv Matti Cipra und Malte Winkel mit EM-Bronze 2018.

Segelregatta – Symbolbild

Blick auf die olympische Segel-Historie mit MV-Bezug

Zuletz gab es für den Deutschen Segel-Verband zumindest eine Olympia-Medaille. 2016 holten Erik Heil/Thomas Plössel Bronze in der Klasse „49er“. Damit stehen dem DSV insgesamt 27 olympische Medaillen (8 x Gold, 8 x Silber, 11 x Bronze) zu Buche.

Auch Rostocker sind diesbezüglich verewigt. Vor allem die Rostocker „Drachen“ waren zwischen 1964 und 1972 bestens dabei. Das Gespann Peter Ahrendt, Wilfried Lorenz und Ulrich Mense holte 1964 Silber. Für Olympia-Edelmetall sorgten auch Paul Borowski, Konrad Weichert und Karl-Heinz Thum: 1968 Bronze und 1972 Silber.
Und „so“ ging es weiter. Vor Kingston 1976 wurden der gebürtige Rostocker Dieter Below und seine Crew Olympia-Dritte im Soling.
Jörn Borowski/Egbert Swensson (Rostock) waren dann 1980 vor Tallinn weit vorn: mit Silber bei den 470ern.

Zu den Athleten aus MVs Segel-Vereinen, die an Olympischen Spielen teilnahmen, gehören außerdem der heutige LSB-Geschäftsführer Torsten Haverland und Ronald Rensch (Schweriner Yacht-Club, Teilnahme vor Savannah 1996 in der 470er), Monika Leu (Schweriner Yacht-Club, Teilnahme vor Athen 2004 in der 470er) und Franziska Goltz (Schweriner Seglerverein von 1894, Teilnahme vor Weymouth 2012 in der Klasse Laser Radial).

Text und Interview: M. Michels