Die deutschen Rennrodler Tobias Wendl und Tobias Arlt über das Rennrodeln allgemein und ihre olympischen Ambitionen

Vierzehnmal gab es Doppelsitzer-Entscheidungen im Rennrodeln unter den fünf olympischen Ringen. Zehnmal waren dabei deutsche Duos vorn.

Erstes olympisches Doppelsitzer-Gold für deutsche Rodler 1968

Den Anfang machten Klaus-Michael Bohnsack/Thomas Kähler 1968. Es folgten Horst Hörnlein/Reinhard Bredow 1972, die zeitgleich mit Paul Hildgartner/Walter Plaikner (Italien) auf Rang eins kamen. Von 1976 bis 1992 waren dann stets deutsche Doppelsitzer ganz oben: Hans Rinn/Norbert Hahn (1976/1980), Hans Stanggassinger/Franz Wembacher (1984), Jörg Hoffman/Jochen Pietzsch (1988) und Stefan Krauße/Jan Behrendt (1992).

1994 triumphierten dann die Italiener Kurt Brugger/Wilfried Huber und unterbrachen die deutsche Phalanx. 1998 gab es jedoch wieder Gold für Stefan Krauße/Jan Behrendt. Und sowohl 2006 als auch 2010 standen die österreichischen Brüder Andreas Linger/Walter Linger ganz oben. Und in Sotschi 2014 jubelte endlich wieder Schwarz-Rot-Gold dank Tobias Wendl/Tobias Arlt.

Europa dominant

Bemerkenswert: Von 42 olympischen Medaillen im Doppelsitzer gingen 38 nach Europa. Die restlichen 4 erkämpften die US-Amerikaner Mark Grimmette, Brian Martin, Chris Thorpe, Gordy Sheer und Clay Ives 1998/2002.

Wie ist jedoch die sportliche Gemütslage gegenwärtig bei Tobias Arlt (WSCV Königssee) und Tobias Wendl (RC Berchtesgaden), beide Jahrgang 1987?!

Das Duo errodelte bei Winter-Olympia 2014 zweimal Gold (im Doppelsitzer und im Team), schaffte unter anderem achtmal WM-Gold und dreimal EM-Gold.

MV-SPORT fragte nach

Tobias Arlt und Tobias Wendl über ihr Sommertraining, die olympischen Ziele 2018, die internationale Konkurrenz, die Gründe für die deutsche Rennrodel-Dominanz, die Faszination Rennrodeln und ihren Ausgleich zur „Rodlerei“

„Die Geschwindigkeit fasziniert ganz einfach…“

Frage: Erfolgreiche Wintersportler werden bekanntlich im Sommer gemacht… Wann ging es „so richtig“ mit der Olympia-Vorbereitung los? Wie sah das sommerliche Training aus?

Die beiden TobiASSE in gewohnter Jubel-Pose! Foto: BSD / Reker

Tobias Arlt: Das Sommertraining begann bei uns Anfang April. Wir hatten somit knapp einen Monat, um uns von der letzten Saison zu erholen. Das Sommertraining haben wir wie die letzten Jahre auch schon aufgebaut. Am Anfang recht viel Ausdauertraining, Kraftaufbau und Stabitraining. Ebenso waren wir auch häufiger klettern. Im Laufe des Sommers wurde es dann immer spezieller mit Starttechnik und zum Beispiel auch Sprinttraining. Als Rodler muss man sehr vielseitig trainieren und vor allem auch über eine gute Koordination verfügen.

Frage: Nach Olympia-Gold 2014 soll es 2018 bestimmt wieder Olympia-Gold werden… Wie beurteilen Sie das internationale Kräfteverhältnis in den Doppelsitzern – mit Rückblick auf den aktuellen olympischen Zyklus?

Tobias Wendl: Gold zu gewinnen haben wir uns bei den Olympischen Spiele in Sochi schon nicht als Ziel gesetzt. So ist es jetzt auch im Hinblick auf die kommen Spiele.

Wir wollen unsere Leistung zeigen, die wir von klein auf gelernt haben, und einen schönen Wettkampf fahren. Unseren „Traum“ vom Olympiasieg haben wir uns in Sochi erfüllt, sodass wir ohne jeglichen Druck und zuversichtlich zu den kommenden Spielen schauen können.

Das internationale Feld ist niemals zu unterschätzen. Die Mitbewerber sind immer für Überraschungen gut, aber die größte Konkurrenz kommt aus dem eigenen Lager.

Frage: Rennrodeln bei Olympia. Da sind viele deutsche Medaillen fast schon „Pflicht“. Wie groß ist eigentlich der sportliche Druck, wenn (vermeintlich) die Medaillen längst verteilt sind? Blickt man auf einige mediale Prognosen zu Winter-Olympia 2018 dann scheinen die dortigen vier Goldmedaillen für Schwarz-Rot-Gold schon „gebucht“ zu sein.

Tobias Arlt: Das kann man nie sagen. Jedes Rennen ist ein Rennen für sich. Da spielen die Tagesform und andere Faktoren auch eine große Rolle. Aber wenn man als deutscher Athlet an den Start geht, wird eine Medaille immer erwartet und somit sind wir den (vermeintlichen) Druck ja schon gewohnt. Druck machen wir uns selbst nicht. Wir haben schon alles erreicht, wollen aber trotzdem mit zwei guten Läufen überzeugen!

Frage: Warum sind die Deutschen aber gegenüber dem „Rest der Welt“ im Rennrodeln so dominant? Liegt es an der speziellen „deutschen Rennrodel-DNA“? Liegt es daran, dass Deutschland so viele Rodelbahnen hat oder auch am besseren Material? Aus Ihren Erfahrungen: Ist bei der internationalen Konkurrenz nicht längst schon ein wenig Resignation vorhanden?

Tobias Wendl: Ein Hauptbestandteil für den Erfolg der deutschen Rennrodler ist mit Sicherheit die gute Jugendarbeit und zum anderen das Vier-Bahnen-System, das wir haben. Die beiden Faktoren in Kombination haben sich jetzt schon über Jahrzehnte bestätigt. Noch dazu kommt, dass wir sehr gute Technologie- und Innovationspartner mit BMW etc. haben. Sie unterstützen uns im materialtechnischen Bereich sehr gut. Resignation bei der Konkurrenz ist nicht zu spüren. Österreich und Russland, zum Beispiel, haben in der vergangenen Saison einen  großen Schritt vorwärts gemacht.

Frage: Viele Sporttalente streben zum Fußball, zum Handball, zum Basketball, zur Leichtathletik oder zu den angeblichen Trend- bzw. Funsportarten… Wie kamen Sie zum Rennrodeln? Was ist das Faszinierende daran?

Starkes Duo Tobias Wendl/Tobias Arlt. Foto: BSD Reker

Tobias Wendl: Ich kam über die Schule zum Rennrodeln. Es war quasi Schulsport und das hat mir anfangs schon mal sehr gut gefallen. Neben dem Rodeln habe ich auch andere Sportarten, wie Fußball, Biathlon, Ringen, Judo, Skifahren und noch weitere mehr, ausprobiert. Aber letztendlich hat mich die Geschwindigkeit beim Rennrodeln am allermeisten fasziniert! Das Gefühl, wenn man mit knapp 150 Kilometern in der Stunde durch den Eiskanal fährt, ist unbeschreiblich.

Tobias Arlt: Ich bin mit vier Jahren das erste Mal auf einem Rodel gelegen und vom Labyrinth in Königssee gefahren… Das hat mich so begeistert und nicht mehr losgelassen. Das Streben nach Perfektion, die Fliehkräfte, die Geschwindigkeit – das alles ist so einzigartig und macht den Rodelsport so faszinierend!

Natürlich macht man auch nebenbei andere Sportarten, ich habe unter anderem in der Jugend Tennis und Fußball gespielt. Ich war zudem jeden Urlaub mit meinen Eltern beim Windsurfen. Später bin ich dann Motorrad gefahren und nun spiele ich nebenbei als Ausgleich leidenschaftlich gerne Golf.

Frage: Wer hat eigentlich auf einem Doppelsitzer mehr zu tun – der Vorder- oder Hintermann? Und: Warum gibt es eigentlich noch keine Frauen-Doppelsitzer und Mixed-Doppelsitzer?

Tobias Wendl: Im Doppel muss alles sehr synchron ablaufen. Somit hat jeder von uns beiden seine eigenen „Aufgaben“, da kann man nicht sagen, wer mehr oder weniger zu tun hat. Die Klasse Doppelsitzer ist eine offene Rennklasse, das heißt,  man könnte auch ein Mixed-Doppel an den Start bringen. … Und: Ich glaube gehört zu haben, dass bei den nächsten Olympischen Spielen eine extra Klasse für Damen-Doppelsitzer gemacht werden soll.

Frage: Was erhoffen Sie sich von Winter-Olympia 2018 – auch jenseits des Sportlichen? Die politische Lage auf der koreanischen Halbinsel ist ja alles andere als friedvoll…

Tobias Wendl/Tobias Arlt: Vor allem faire und friedliche Spiele!

Letzte Frage: Wie sieht Ihr Leben ohne Rodel-Schlitten aus?

Tobias Wendl: Ich geh gerne auf den Berg und genieße die Natur. Nebenbei spiele ich auch Golf. Ansonsten hat eigentlich in der Regel bei mir alles ein bisschen mit Sport zu tun.

Tobias Arlt: Bei mir steht da ganz klar die Familie im Vordergrund, da will ich so viel Zeit wie möglich mit meiner Frau und meinen zwei Mädels verbringen! Dann bin ich nur Papa und das ist wunderschön…

Vielen Dank, dann alles erdenklich Gute und weiterhin maximale Erfolge, besonders bei Olympia in Pyeongchang!

Marko Michels

Zur Info:

Die spätere Wahl-Stralsunderin Ilse Geisler wurde bei der Olympia-Premiere des Rennrodelns 1964 bei den IX. Olympischen Winterspielen in Innsbruck Zweite hinter Team-Kollegin Ortrun Enderlein. Acht Jahre später, bei den XI. Olympischen Winterspielen 1972 in Sapporo, gab es ebenfalls Silber für die Wahl-Rostockerin Ute Rührold (hinter Team-Kollegin Anna-Maria Müller). Diesen Erfolg wiederholte Ute Rührold bei den XII. Olympischen Winterspielen 1976 in Innsbruck (hinter Team-Kollegin Margit Schumann). mm