Staffel-Gold für Schöneborn/Schleu

Die „Golden Girls“ haben wieder zugeschlagen: Gleich zum Auftakt der Europameisterschaften in Minsk haben sich Lena Schöneborn (Bonn) und Annika Schleu (Berlin) den Titel in der Staffel gesichert. Für das Duo ist es nach WM-Gold 2012 und 2016 sowie EM-Gold 2015 bereits der vierte gemeinsame Titel in dieser Disziplin.

Lena Schöneborn musste im Schlussspurt alles geben, um sich dem Angriff von Anna Buriak auf der letzten Runde zu erwehren. Trotz Trainingsrückstand nach langer Verletzungspause gelang es der 31-Jährigen, die russische Athletin auf der Laufstrecke in Schach zu halten und direkt im ersten Wettkampf der Titelkämpfe das ersehnte Gold für das deutsche Team zu sichern. Daran hatte Annika Schleu maßgeblichen Anteil: Denn zuvor hatte die Berlinerin einmal mehr eine fulminante Vorstellung im Laser-Run gezeigt und den 27-Sekunden-Rückstand auf das russische Duo bereits aufgeholt.

Es war im wahrsten Sinne des Wortes eine Teamleistung, dank der Schöneborn und Schleu ihren bereits vierten Staffel-Titel bei Titelkämpfen einfuhren. Während die Olympiasiegerin von 2008 für 12 der 18 Siege im Fechten sorgte, gelang der Weltranglistenfünften aus Berlin ein fehlerfreier Ritt. Beide glichen kleine Schwächen der anderen immer wieder aus und behielten über den gesamten Wettkampftag die Medaille im Blick. Der Sieg in der Bonusrunde beim Fechten gab zudem den nötigen Motivationsschub zwischendurch.

Hinter dem Duo aus Russland gewann die Staffel aus Weißrussland die Bronzemedalle. Morgen gehen die Brüder Patrick und Marvin Dogue (beide Potsdam) bei den Männern an den Start.

Stimmen:

Annika Schleu: „27 Sekunden auf Platz 1 vor dem Laser-Run waren natürlich eine ganze Menge. Ich habe sofort angegriffen und am Ende hat sich der Mut ausgezahlt. Ein spannender Wettkampftag mit glücklichem Ausgang für uns.“

Lena Schöneborn: „Ehrlich gesagt war ich mir nicht sicher, ob ich die Russin im Endspurt bezwingen kann. Die letzten Meter waren hart. Super, dass wir mit dem Sieg belohnt wurden.“

Ergebnisse:

  1. Annika Schleu/Lena Schöneborn (Berlin/Bonn), 1389 Punkte; 2. Alise Fakhrutdinova/Anna Buriak (Russland), 1387 Punkte; 3. Tatsiana Khaldoba/Katsiaryna Arol (Weißrussland), 1339 Punkte.

Tobias Bürger / Deutscher Verband für Modernen Fünfkampf

EXKURS

Sportliches Kalenderblatt im Modernen Fünfkampf: Die extremen WM vor vier Jahren, 2013 in Kaohsiung auf Taiwan

Interview von M.M. mit Lena Schöneborn, Olympiasiegerin von 2008, am 29.August 2013

Taifun „Trami“ getrotzt / Die Welt-Titelkämpfe 2013 im Modernen Fünfkampf im Rückspiegel / Nachgefragt bei Lena Schöneborn

Eine traditionsreiche olympische Sportart, die einst auch in M-V beliebt war, hatte in diesem Sportsommer 2013 ebenfalls ihre Weltmeisterschaften – wie die sportiven Kolleginnen und Kollegen zum Beispiel im Schwimmen, Wasserspringen, Wasserball, in der Leichtathletik, im Ringen, im Judo, im Rudern oder im Kanurennsport.

Sportart mit beeindruckender Historie

Dabei gehörte der Moderne Fünfkampf ja ohnehin nicht gleich zum Programm der Olympischen Spiele der Neuzeit und war ja eine Erfindung des Begründers derselben – von Baron Pierre de Coubertin. Erst bei den fünften Olympischen Spielen der Neuzeit, 1912 in Stockholm, durften zunächst die Modernen Fünfkämpfer unter den fünf olympischen Ringen starten, die Frauen durften das erst 88 Jahre (!) später, 2000 in Sydney.

Erster Olympiasieger wurde ein Schwede – 1912 Gösta Lilliehöök. Stephanie Cook, eine Britin, wurde 2000 Premieren-Olympiasiegerin. Zuletzt, bei den Spielen in London 2012, gewannen der Tscheche David Svoboda und die Litauerin Laura Asadauskaite.

Weltmeisterliche Ambitionen im Modernen Fünfkampf

Weltmeisterschaften für die Herren und Damen folgten erst 1949 in Stockholm bzw. 1978 in Jönköping – 37 Jahre nach der olympischen Premiere. In Stockholm 1949 setzte sich der Schwede Tage Bjurfeldt vor den Finnen Lauri Vilkko und Victor Platan durch.29 Jahre später, bei der ersten (inoffiziellen) Frauen-WM in Jönköping 1978, siegte die Britin Wendy Norman vor ihrer Landsfrau Wendy Skipworth und der Kanadierin Absokon. Bei der ersten offiziellen Frauen-WM 1981 in London schaffte die Schwedin Anne Ahlgren das goldene Podest. Insgesamt waren bei den bisherigen WM zwischen 1949 und 2012 Russland (mit UdSSR) mit 123 Medaillen, davon 49 x Gold, Ungarn mit 121 Medaillen, davon 49 x Gold und Polen mit 66 Medaillen, davon 33 x Gold, die erfolgreichsten Nationen bei Welt-Titelkämpfen im Modernen Fünfkampf.

Deutschland – eine erfolgreiche Nation im Modernen Fünfkampf

Deutschland war ebenfalls ein fleißiger WM-Medaillensammler – gerade in den letzten zehn Jahren – mit 45 x Edelmetall, davon 9 x Gold. Dabei ist insbesondere die weltmeisterliche Bilanz von Lena Schöneborn mit jeweils 4 x Gold, Silber und Bronze herausragend. Weitere sportliche Meilensteine für den deutschen Modernen Fünfkampf-Sport waren der Olympiasieg 1936 durch Gotthard Handrick, der Olympiasieg 2008 durch Lena Schöneborn oder der WM-Einzel-Triumph von Eric Walter 2003. Unvergessen ist auch die Heim-WM 2007 in Berlin  mit der imposanten Ausbeute für die deutsche Mannschaft von 2 x Gold, 2 x Silber, 1 x Bronze.

Herausragende WM-Momente im „M.F.“

Aus internationalem Blickwinkel gab es ebenfalls im Modernen Fünfkampf herausragende Momente, so bei den WM 1961, als feststand, dass der Russe Igor Nowikow sein viertes WM-Einzel-Gold hintereinander erkämpfen würde, bei den WM 1969, als klar war, dass der Ungar Andras Balczo zum fünften Mal WM-Gold hintereinander erringen konnte, oder bei den WM 1994, als eine Dänin Großartiges vollbrachte – Eva Fjellerup wurde seinerzeit zum vierten Mal Einzel-Weltmeisterin. Erste nordamerikanische WM-Erfolge waren bislang sehr spärlich – erst 1979 holte der US-Amerikaner Robert Niemann bei den Herren Gold. Im Jahr 1983 wurde Lynn Chernobrywy  aus Kanada die Nummer eins bei den Frauen.

Zurückgeblickt auf „einzelne Dekaden“

Schaut man auf die letzten Dekaden – im Hinblick auf die Herren-Einzel-Wertungen – zurück, so ist verblüffend, dass fast nahezu Ungarn stets vorn mit dabei war. 1953 in Cocas de Santos siegte der Ungar Gabor Benedek vor seinem Landsmann Istvan Szondy und dem US-Amerikaner William Andre, 1963 in Magglingen gewann der Ungar Andras Balczo vor seinem Landsmann Ferenc Török und dem Russen Igor Nowikow, 1973 in London – die große Ausnahme – gab es den sowjetischen Dreifach-Sieg durch Pawel Lednew, Wladimir Schmeljew und Boris Onistschenko, 1983 in Warendorf triumphierte Anatoli Starostin (UdSSR) vor Tamas Szombathlyi aus Ungarn und Jewgeni Zinkowski (UdSSR), 1993 in Darmstadt war der Brite Richard Phelps die Nummer eins vor Laszlo Fabian (Ungarn) und Sebastian Deleigne (Frankreich) und 2003 in Pesaro sorgte Eric Walter für einen Überraschungssieg vor Erik Johansson (Schweden) und Michal Michallik (Tschechien).

Bei den Frauen, wie erwähnt erst seit 1978 weltmeisterlich, dominierte 1983 in Göteborg die bereits genannte Kanadierin Lynn Chernobrywy vor Anne Ahlgren aus Schweden und Sarah Parker aus Großbritannien. Zehn Jahre später, 1993 in Darmstadt, war die Dänin Eve Fjellerup, die sich vor den Polinnen Iwona Kowalewska und Dorota Idzi durchsetzte, nicht zu bezwingen. Und im Jahr 2003, in Pesaro, war die Ungarin Szuzsa Vörös vor Olesja Welitschko (Russland) und Kate Allenby (Großbritannien) die Erste.

Kaohsiung 2013 im Fokus

Was war aber weltmeisterlich aktuell?! Anno 2013 ging es nach Kaohsiung, zu den 57.Weltmeisterschaften im Modernen Fünfkampf. Und die deutschen Damen und Herren hegten – fast schon traditionell – Medaillen-Ambitionen, wie sollte es auch anders sein, wenn eine Olympiasiegerin und mehrfache Weltmeisterin wie Lena Schöneborn mit dabei ist, die allerdings aufgrund universitärer (Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin) und beruflicher Verpflichtungen 2013 – sportlich betrachtet – etwas kürzer trat …

Es klappte nicht ganz mit dem neuerlichen Edelmetall – die WM in Kaohsiung bleiben dabei als Titelkämpfe der sportiven und witterungsbedingten Kapriolen in Erinnerung. Taifun „Trami“ stellte die Modernen Fünfkämpferinnen und Fünfkämpfer auf harte Proben, die sich damit in einer sechsten  „inoffiziellen Disziplin“, „dem Kampf gegen „Trami“, beweisen mußten.

Am besten kamen die Teams aus Frankreich, Litauen, Großbritannien, Ungarn und Russland mit den Bedingungen zurecht. In den Einzel-Entscheidungen triumphierten Laura Asadauskaite sowie Justinas Kinderis (jeweils aus Litauen), die Goldmedaillen in den Team-Wettbewerben sicherten sich Großbritannien (Frauen) sowie Frankreich (Herren), die Staffel-Konkurrenzen waren „eine Sache“ für die Ukraine (Frauen) sowie die Ungarn (Herren) und in der Mixed-Staffel setzte sich Frankreich durch.

Die erfolgreichsten Starterinnen und Starter – im Hinblick auf die Medaillen-Anzahl – waren 2013 Ganna Buriak, Irina Khokhlova sowie Victoria Tereschuk (Ukraine) mit jeweils 1 x Gold, 1 x Bronze und Alexander Lesun (Russland) mit 1 x Silber, 2 x Bronze.

Zehn Länder erkämpften sich die 21 WM-Medaillen in Kaohsiung: Frankreich und Litauen holten jeweils 2 x Gold, die Ukraine 1 x Gold, 2 x Bronze, Großbritannien 1 x Gold, 1 x Silber, Ungarn 1 x Gold, 1 x Bronze, Russland 2 x Silber, 3 x Bronze, China 2 x Silber, Brasilien bzw. Lettland  jeweils 1 x Silber sowie Korea 1 x Bronze.

Der „ewige Medaillenspiegel“ der „M.F.“-WM zwischen 1949 und 2013 – Ungarn mit 50 x Gold

Der „ewige Medaillenspiegel“ der WM im Modernen Fünfkampf wird damit nach Kaohsiung von Russland mit 128 Medaillen, davon 49 x Gold, vor Ungarn mit 123 Medaillen, davon 50 x Gold, Polen mit 66 Medaillen, davon 33 x Gold, und Großbritannien mit 46 Medaillen, davon 18 x Gold, angeführt. Deutschland bleibt bei 45 Medaillen, davon 9 x Gold.

Bislang, bis 2013, errangen 32 Nationen bei Weltmeisterschaften im Modernen Fünfkampf WM-Medaillen, davon 18 Länder eine oder mehrere WM-Titel.

Wie lautet nun das WM-Resümee 2013 von Lena Schöneborn?!

L.Schöneborn über den Taifun über Taiwan, die Wettkämpfe in Kaohsiung und weitere Ambitionen

Nachgefragt

„Die Stimmung war doch etwas angespannter …“ 

Frage: Lena, die Modernen Fünfkämpferinnen und Fünfkämpfer mußten in Kaohsiung sogar mit einem Taifun kämpfen. Wie lautet Ihr persönliches und allgemeines Resümee zu den Welttitelkämpfen 2013?

Lena Schöneborn: Den Taifun haben wir zum Glück nur am Rande miterlebt. Dennoch war er stark genug, dass unsere Wettkämpfe teilweise nachgeholt, teilweise vorgezogen wurden. Dieses führte dann zu einer Wettkampfreihe über vier Tage ohne Pause, die ganz schön geschlaucht hat.

Frage: Wie beurteilen Sie Ihre eigenen Wettkämpfe? Was war gut, wo lief es aus Ihrer Sicht eher suboptimal?

Lena Schöneborn: Mit den Fechten und Laufen/Schießen bin ich zufrieden. Zum wiederholten Male habe ich leider durch Abwürfe beim Reiten viele Punkte verloren. Auch mit dem Resultat im Schwimmen bin ich nicht hundertprozentig zufrieden, hier jedoch ist der Grund klar: Die fehlende Winterarbeit durch mein Praktikum und den Masterabschluss.

Frage: Wie war ansonsten die Stimmung in Kaohsiung? War das Publikumsinteresse rege?

Lena Schöneborn: Die sonst so fröhliche, entspannte Stimmung international unter allen Trainern und Athleten war etwas angespannter als sonst, bedingt durch die ständigen Änderungen im Zeitplan.

Die Staffel am Ende hat jedoch wie immer besonders viel Spaß gemacht und konnte wie geplant durchgeführt werden. Leider blieben die Zuschauer-Massen weitestgehend aus, da herrscht in den europäischen Ländern doch ein größeres Interesse.

Frage: Wie geht es nun für Sie nach Kaohsiung weiter – sportlich, beruflich und persönlich?

Lena Schöneborn: Nächste Woche werde ich die Saison mit einem Einladungswettkampf für Mix-Staffeln (ein Mann/eine Frau) in Moskau beenden. Danach gönne ich mir eine Trainingspause und anschließen fange ich mit der Grundlagenarbeit wieder an. Parallel werde ich weiterhin ein wenig Berufserfahrung im Marketing sammeln. Mittelfristig möchte ich mich dann für die Olympischen Spiele in Rio 2016 qualifizieren.

Vielen Dank und weiterhin maximale Erfolge – sportlich, persönlich und beruflich!

Last but not least: Der gebürtige Rostocker Willi Remer wurde bei den Olympischen Spielen 1932 in Los Angeles im Modernen Fünfkampf Olympia-Fünfter.

Marko Michels

Foto (Michels): Lena Schöneborn beimFechten.