Eine „Wismarer“ Eisschnellläuferin am Rande der WM 2008 befragt …

Die Eisschnelllauf-WM im Mehrkampf Mitte Februar in Berlin bot hervorragenden Eisschnelllauf-Sport.

Während sich bei den Damen Paulien van Deutekom (Holland) durchsetzte, gewann bei den Herren deren Landsmann, Titelverteidiger Sven Kramer.

Seit rund 120 Jahren werden Welt-Titelkämpfe im Eisschnelllaufsport ausgetragen. Waren diese zunächst noch inoffiziell (1889), so haben diese seit 1891 offiziellen „Status“.

Die Frauen kämpfen seit 1933 (inoffiziell) und seit 1936 (offiziell) um WM-Medaillen.

Mecklenburg-Vorpommern stellte mit der gebürtigen Wismaranerin Jacqueline Börner-Schubert und der gebürtigen Rostockerin Karin Kessow-Drbal bislang zweimal Eisschnelllauf-Weltmeisterinnen im Mehrkampf.

Mit beiden Sportlerinnen unterhielt sich M.M. am Rande der WM 2008 in Berlin.

Jacqueline Börner-Schubert

– Steckbrief –

Geburtstag: 30.03.1965

Geburtsort: Wismar

Beruf: Studium Pädagogik/Geschichte, ausgebildete Bankkauffrau bei der „Berliner Volksbank“

Wohnorte: 1965-1969 Wismar/Rostock, ab 1969 Berlinerin

Sportarten: bis 1975 Leichtathletin, ab 1975 Eisschnellläuferin

Verein: Berliner Turn- und Sportclub (erster „Eis-Verein“: Dynamo Südost Berlin)

Trainer: Rainer Klehr (erster Trainer !, Thomas Schubert (späterer Ehemann !)

Erfolge: 1987/1989 EM-Dritte, 1990 EM-Zweite, 1990 Weltmeisterin im Mehrkampf, 1992 Olympiasiegerin über 1500 Meter

Persönliche Bestzeiten auf den Einzelstrecken:
100 Meter: 11,27 Sekunden 1993 in Berlin, 500 Meter: 40,90 Sekunden 1996 in Calgary, 1000 Meter: 1:20,55 Minuten 1987 im Alma-Ata, 1500 Meter: 2:04,54 Minuten 1990 in Calgary, 3000 Meter: 4:19,86 Minuten 1990 in Calgary, 5000 Meter: 7:31,51 Minuten 1990 in Calgary

Interview mit Jacqueline Schubert (ehemals Börner)

Als Mecklenburger „Göre“ zum Eisschnelllauf …

Frage: Jacqueline, an der Ostseeküste, in Wismar wurden Sie geboren. Ihre Eltern – Mutter als Stewardess und der Vater als Borddrucker – heuerten auf der MS „Fritz Heckert“ an, auf der sie manchmal mitfuhren.

Sie hatten als Hanseatin also schon frühzeitig Kontakt mit dem Element Wasser – allerdings in flüssiger Form.

War Ihr Weg damit zum Eisschnelllaufen vorgezeichnet – auch wenn die Arbeitsgrundlage später das „gefrorene Wasser“ sein sollte ?!

Jacqueline Schubert: Mein Vater war auch ambitionierter Radsportler und nahm mich bereits als „Göre“ zu allen möglichen Sportveranstaltungen mit, ob „im oder am Wasser“.

Ich versuchte mich ja „ein wenig“ als Leichtathletin. Als unsere Familie dann 1974 nach Berlin-Lichtenberg zog, in die Nähe des Sportforums, wußte ich gleich: „Ja, Jacqueline `irgendeine Sportart` mußt du machen !“.

Fußball für Frauen war ja damals – leider, leider oder letztendlich (für mich persönlich)`“Gott sei Dank !“ für Frauen verpönt – so suchte ich weiter und schaute bei den Eisschnellläufern vorbei.

Und „sofort“ wußte ich: Das ist spannend und sieht auch gar nicht schwer aus, denn immerhin war ich schon sehr erfolgreich „auf zugefrorenen Pfützen“ Schlittschuh gelaufen.

Aber es war dann doch schwieriger als gedacht. Die ersten Übungsstunden waren echt schlimm.

Oder wie GNTM-Juror Bruce Darnell sagen würde: Ich tapste wie Pinocchio auf dem Eis …

Bei den ersten Trainingsstunden hing ich mehr in den Armen des Übungsleiters, als dass ich „Eisberührung“ hatte !

Der damalige TSC-Trainer Rainer Klehr machte mir jedoch Mut: „Mädel, aus dir mache ich eine richtige Eisschnellläuferin !“. Das schaffte er dann auch.

Allerdings war der Weg dorthin „steiniger“ oder besser gesagt „glatter“ als erwartet.

Frage: Sie standen jahrelang im „Schatten“ der ostdeutschen „Eis-Diven“ Karin Enke, Andrea Schöne oder Christa Rothenburger.

Den „absoluten“ internationalen Durchbruch schafften sie 1990 mit dem WM-Titel im Mehrkampf, dem zweiten für eine Mecklenburgerin nach 1975 für Karin Kessow.

Hatten Sie zuvor einen schweren Stand, nicht nur sportlich, gegenüber Karin Enke & Co. ?!

Jacqueline Schubert: Ach, für mich war es damals ein „hohes Gut“, eine „sportliche Ehre“ gemeinsam mit solchen Ausnahme-Könnerinnen wie z.B. Karin Enke auf dem Eis sein zu dürfen. Für mich waren sie Vorbilder, Leitfiguren.

Ihre Leistungen spornten mich an. Außerdem konnte ich mir hinsichtlich ihrer Technik oder Ausdauer eine Menge abschauen.

Im „Schatten“ stand ich somit nicht – im Gegenteil. Das „Licht“, welches die Drei „ausstrahlten“, hat meine Karriere befördert, „wachsen lassen“.

Frage: Kaum waren Sie auf dem „goldenen Gipfel“ des Eischnelllauf-Sportes angekommen, mußten sie (fast) einen gesundheitlichen und damit auch sportlichen „Super-GAU“ hinnehmen.

Im Sommer 1990 wurden sie beim Rad-Training von einem PKW angefahren und sehr schwer verletzt. Erst im Frühjahr 1991 konnten sie wieder mit dem Training beginnen.

Wie haben sie sich dennoch „durchgebissen“ … Gab es auch Momente der Resignation ? Waren Sie stets so kämpferisch, dass sie Ihre eislaufsportliche Karriere unbedingt fortsetzen wollten ?

Jacqueline Schubert: Für mich war gar damals gar nicht der Unfall so ein einschneidendes Erlebnis. In jenem Jahr 1990 ging es auch um meine berufliche Zukunft, um persönliche Perspektiven.

Kurz vor der deutschen Einheit war ja „alles im Fluß“. Keiner wußte so richtig, wie es weiter gehen sollte.

Es gab ja diese immensen gesellschaftlichen Veränderungen, die ich auch sehr begrüßte, einerseits. Andererseits waren da ebenfalls die existenziellen Sorgen.

Der Unfall war dabei nur ein (Negativ-)Ereignis von vielen. Für mich stand somit nicht so sehr das mögliche Aus der sportlichen Karriere im Vordergrund, denn ich war ja schon Weltmeisterin und Olympia`92 noch so weit weg.

Ich dachte nur, auch wenn es mit dem Eisschnelllaufen nicht mehr klappen sollte: „Ich habe meine Leistung gebracht, muß mir und anderen nichts mehr beweisen.“.

Allerdings hatte ich auch viel Glück mit meinen behandelnden Ärzten. Sie sprachen mir Mut zu, hatten psychologische Qualitäten und bauten mich ebenfalls mental auf.

Das Aufbau-Training nach dem Unfall wirkte sich sogar positiv auf meine weitere Trainingsgestaltung aus. Elemente aus diesem Ausbau-Training „übernahm“ ich in meinen normalen Sport-Alltag und schaffte so „nahtlos“ die Rückkehr aufs Eis-Oval.

Als ich dann 1991 an einer Radwanderung über 180 Kilometer von Berlin nach Leipzig ohne Probleme teilnahm, wußte ich: „Ich bin wieder auf dem Eis dabei !“.

Frage: Fast sensationell – vor dem Hintergrund Ihres Unfalles 1990 – wurden sie 1992 bei den Winterspielen in Albertville Olympiasiegerin über 1500 Meter.

Für Sie eine Genugtuung, auch nach mancher Unstimmigkeit mit Sportfunktionären vor 1990, oder ganz einfach die Erfüllung eines Lebenstraumes ?!

Jacqueline Schubert: Olympia ist für jede Sportlerin und jeden Sportler so großartig.

Es gibt sportlich nichts Besseres. Der Olympiasieg war die Erfüllung eines Lebenstraumes, ein großes Glück, eine Selbstbestätigung und ein erfolgreicher Augenblick, den man nicht vergißt.

An die ersten drei Tage danach erinnere ich mich gar nicht mehr so genau (Nicht etwa, weil ich zu viel „Champus“ getrunken hätte … :-)), ich lebte wie in Trance. Es war Freude und Glücksgefühl zugleich !

Auch wenn ich ansonsten nicht „bibelfest“ bin: Der liebe Gott hat es mehr als gut mit mir gemeint: Er hätte mir in Albertville`92 auch Bronze „schenken“ können – und ich wäre sehr, sehr glücklich gewesen …

Jedoch Gold – das war der „Hammer“ !

Frage: 1997 beendeten sie Ihre Laufbahn, ohne jemals nationale Meisterin gewesen zu sein. Fehlt Ihnen dieser Titel in Ihrer Pokal-Sammlung ?

Jacqueline Schubert: Ach, mir sind die internationalen Titel eh wichtiger. Ich bin nicht so eine „Erbsenzählerin“ nach der Devise: Pokal gewonnen, abgehakt. Pokal nicht gewonnen, also unzufrieden …

Sicherlich wäre auch ein nationaler Titel schön gewesen, aber im Leben geht nun einmal nicht alles in Erfüllung.

Frage: Mittlerweile sind Sie Trainerin bei Ihrem alten Klub TSC Berlin. Was ist schwieriger: Auf dem Eis selbst zu laufen oder hinter der Bande Anweisungen zu geben ?

Jacqueline Schubert: Auf dem Eis ist man für sich selbst verantwortlich, aber ein Trainer hat den härteren Job. Er muß Fachkenntnis und zugleich auch Menschenkenntnis besitzen.

Des Weiteren muß er Einfühlungsvermögen aufweisen und zugleich in der Lage sein, seine Schützlinge zu entsprechenden Leistungen zu führen.

Mittlerweile wird in der heutigen Zeit auch viel Organisationstalent verlangt. Auch Sponsoren müssen gewonnen werden; Trainingspläne werden individuell erstellt.

Viele Trainer und Übungsleiter arbeiten ja im Sport ehrenamtlich. So etwas kann man gar nicht hoch genug loben. ES ist schon erstaunlich, was heute im Ehrenamt geleistet wird !

Frage: Die WM 2008 in Berlin ist ein echter Publikums-Magnet. An beiden Tagen war die Halle ausverkauft. Ist Berlin das deutsche Eisschnelllauf-Mekka ?

Jacqueline Schubert: Na klar. Berlin ist „Mittelpunkt der Eisschnelllauf-Welt“, auch wenn das einige Holländer ganz anders sehen.

Aber die Stimmung bei den WM war phantastisch, die Halle an beiden Tagen ausverkauft. Zudem gab es herausragende Leistungen.

In Berlin wird Eisschnelllaufen nicht organisiert, sondern zelebriert ! In Berlin steppte der „WM-Bär“ auf dem Eis …

Frage: Claudia Pechstein, mit fünfmal Gold die erfolgreichste Winter-Olympionikin aus Deutschland „aller Zeiten“, zeigte auch in dieser Saison wieder gute Leistungen.

Ausgerechnet klappte es bei der Heim-WM nicht so richtig … Was zeichnet Claudia Pechstein, diese „Gold-Getterin“, dennoch aus ?

Wie beurteilen Sie insgesamt das Niveau der Mehrkampf-WM 2008 ?

Jacqueline Schubert: Die WM hat mit Paulien van Deutekom und Sven Kramer würdige Weltmeister. Beide boten die beständigsten und herausragendsten Leistungen dieser Titelkämpfe.

Claudia ist ein Natur-Talent, die sehr willensstark und (trainings-)fleißig ist. Es gibt halt Tage, da läuft es nun einmal nicht.

Schade, dass es für Claudia nun gerade bei der WM so war. Aber ich finde, sie sollte diese WM abhaken und nach vorn blicken. Sie ist eine erfolgreiche Kämpferin. Das hat sie bereits in der Vergangenheit so super bewiesen ! (Anmerkung: Claudia Pechstein belegte im Gesamt-Ranking der WM Rang sieben)

Letzte Frage: Wann sind Sie wieder einmal in Ihrer mecklenburgischen Heimat ?

Jacqueline Schubert: Also, ich bin jedes Jahr einmal an der Ostseeküste. Die salzige Ostsee, der schmackhafte Fisch und immer eine „steife Brise“ um die Ohren – das ist Natur, wie ich sie liebe.

Nicht umsonst habe ich meinem Thomas ja vor vier Jahren in der „alten Heimat“ das Ja-Wort gegeben …

Übrigens: Kompliment für Ihr akzentfreies „Berlinern“. Wie lange brauchte die gebürtige Hanseatin Jacqueline Börner, um eine „waschechte Hauptstädterin“ zu werden ?

… Oder besser formuliert: Wie „mutierten“ Sie vom „Wismarer Hering“ zur „Berliner Bärin“ ?

Jacqueline Schubert: Oh, das geht schneller als man denkt. Sechs Monate Berlin und sogar der überzeugteste Bayer wird zum Preussen-Fan !

Vielen Dank und alles Gute!

Text/Foto: Marko Michels