Schon im ersten Spiel der Saison, im Volleyball Supercup, war Kimberly Drewniok beeindruckt vom Potential ihrer Mannschaf; die SSC-Diagonalspielerin schwärmt von der positiven Energie im Team. Im Themeninterview über Angst und Mut stellt sich schnell raus: Wer so viel Grundvertrauen ins Leben mitbekommen hat, wie die 21-jährige Sauerländerin, lässt sich auch von Erwartungsdruck und gelegentlichen Niederlagen nicht einschüchtern.

SSC-Diagonalspielerin Kimberly Drewniok in Aktion - Foto: Eckhard Mai

Kimberly Drewniok in Aktion – Foto: Eckhard Mai

Kimberly, zunächst erst mal für alle Norddeutschen: Wie muss man sich eine Kindheit in Balve im Sauerland vorstellen?
Wunderschön! Ich liebe meine Kindheit, die war echt toll. Ich habe bei meiner Mutter gelebt, mit zwei Hunden, zwei Katzen und Pferden und war immer nur draußen in der Natur. Mit drei habe ich zum ersten Mal auf einem Pferd gesessen.

Mit 3 Jahren auf ein großes Pferd – das traut sich nicht jeder.
Für mich war das ein Familienmitglied, deshalb hat mich das keine Überwindung gekostet. Als Kind ist man auch übermütiger und denkt gar nicht so darüber nach, was man macht. Wir waren da sehr frei, sind durch die Wälder galoppiert, haben uns ausgetestet.

Macht eine freie Kindheit mutiger als eine sehr behütete?
Das spielt bestimmt eine Rolle. Wir werden alle groß und müssen uns irgendwann allein den Herausforderungen stellen, und wenn man es dann nicht gelernt hat, fällt das sicher schwerer. Ich habe von meiner Mutter vorgelebt bekommen, dass man mutig durchs Leben gehen kann, dass sich alles fügt, wie es sich fügen soll. Ich habe ein großes Grundvertrauen ins Leben und gehe nach meinem Herzen.

Gibt es denn überhaupt etwas, was Dir Angst macht?
Ein bisschen Angst hat sicher jeder. Niemand will zum Beispiel drüber nachdenken, dass der Familie etwas passieren könnte. Aber sonst würde mir jetzt nichts einfallen, nein, ich bin kein besonders ängstlicher Mensch. Ich hab auch keine Phobien oder sowas wie Angst vorm Fliegen. Das heißt aber auch nicht, dass ich jetzt sagen würde, ich mach zum Beispiel Fallschirmspringen mit links, das braucht auf jeden Fall Mut.

Also vielleicht eher Respekt als Angst?
Ja, das trifft es besser, gerade bei unbekannten, neuen Sachen, bis man sie besser einzuschätzen weiß und lernt, damit umzugehen.

Was macht dabei den Unterschied zwischen Respekt und Angst aus?
Dass man Vertrauen hat, sich dem Ereignis zu stellen. Respekt liegt zwischen Angst und Mut.

Dann so gefragt: Was in Deinem Leben hat Dir bisher am meisten Respekt gemacht?
Als der Schritt kam, aus meinem geliebten Sauerland in die große Hauptstadt Berlin zu gehen. Das war am Anfang undenkbar für mich. Aber dann dachte ich mir, ich bin 16, ich kann immer wieder zurück, und ich möchte nicht bereuen, dass ich es nicht probiert habe. Ich fand es dann toll, dass ich so viel Zeit mit dem Sport verbringen durfte, den ich liebe, und war supermotiviert. Damals war das aber auch für mich der richtige Zeitpunkt. Ich bewundere Menschen, die das schon mit 13, 14 Jahren machen. Da hätte ich mir das nicht zugetraut.

Wie war das mit dem Schritt aus Wiesbaden nach Schwerin, als alle gespannt waren, wie Du die Fußstapfen von Louisa Lippmann ausfüllen würdest?
Natürlich habe ich mir darüber Gedanken gemacht und konnte mir vorstellen, was auf mich zukommt. Louisa ist hier zu der Top-Spielerin herangewachsen, die sie ist, und Schwerin ist ein Erfolgsverein, von dem Siege immer auch erwartet werden. Es hätte auch sein können, dass ich anfangs nicht gut spiele, weil ich mit diesem Druck nicht klarkomme. Aber ich wusste, dass ich so eine Chance nicht so bald wieder bekomme, deshalb war schnell klar, dass ich mich der Herausforderung stelle. Ich sehe mich auch als einen anderen Spielertyp als Louisa und fokussiere nicht auf einen Vergleich mit ihr, sondern auf meine eigenen Werte.

Was bringt Mut also nach Deiner Erfahrung im Leben?
Dass man seinen eigenen Weg noch besser leben kann. In der heutigen Gesellschaft wird man schnell in Muster gesteckt. Wenn dir der übliche Weg Schule – Studium – Arbeit aber nicht liegt und du dir was anderes vorstellst, dann ist Mut hilfreich, aus dem Radar zu springen und das zu machen, was du willst, auch wenn andere das vielleicht für leichtsinnig halten. Ängstliche Personen würden sicher seltener einen anderen Weg probieren, und selbst wenn, ist die Frage, ob sie dann genauso glücklich damit werden können wie mutigere Menschen, die auch damit leben könnten, dass sie es versucht haben, selbst wenn es nicht klappt… Ich glaube, Mut spielt schon eine große Rolle dafür, dass ich sagen kann, wenigstens hab ich‘s getan, etwas versucht. Das Selbstvertrauen, etwas zu wollen und es auch anzugehen.

Am Ende scheint alles an Vertrauen als Mutmacher zu hängen.
Ja. Ich merke das auch im Spiel. Anfangs gab es beim Volleyball nur Spaß, erst mit den Jahren kam man in eine Rolle, dass man abliefern muss, dass der Druck steigt. Da gab es auch Situationen, wo ich nicht abrufen konnte, was ich kann und wo ich gemerkt habe, dass der Kopf eine Rolle spielt. Wenn ich aber von außen das Gefühl bekomme, dass man mir vertraut, dann vertraue ich mir auch selber mehr und gehe mit mehr Mut ins Spiel, weil ich weiß, was ich kann und worauf ich zurückgreifen kann. Wenn ich frei spiele, wenn ich mir vertraue, ohne drüber nachzudenken, dann spiele ich am besten.

Könnte Angst trotzdem eine Berechtigung haben?
Ja, schon. Ich glaube, dass man an Angst auch wächst. Wenn man etwas überwunden, sich aus einer Situation herausgekämpft hat, mit sich selber ausgemacht hat, ist das ein tolles Gefühl.

Angst als Motor, nicht als Bremse?
Ja, das klingt schön. Dass man Kraft und Motivation daraus schöpft, dass man es angeht und schaut, wie man damit umgehen kann, ein Stück an sich arbeitet und sich dabei selber neu kennenlernt.

Fällt es da nach einem Fehlschlag schwerer, wieder mutig zu sein?
Das kommt vielleicht auch darauf an, woran es gescheitert ist. Man muss reflektieren und sehen können, was man anders machen kann und in der nächsten ähnlichen Situation anwenden, was man daraus gelernt hat.

Die Frage nach Zukunftsängsten erübrigt sich wahrscheinlich…
Ich bin ein Step-by-Step-Denker, der Fokus liegt jetzt auf Volleyball. Aber man muss sich schon auch vorbereiten. Wenn du weißt, was du möchtest, bringt das wieder neue Herausforderungen. Darauf freue ich mich auch schon. Jetzt kann es aber gern noch eine Weile so weitergehen.

Nationalspielerin Kimberly Drewniok wurde am 11. August 1997 in Menden (NRW) geboren. Mit 9 Jahren fing sie mit dem Volleyball an und merkte schnell: Das ist mein Sport! Über den VCO Berlin und SC Potsdam kam die Diagonalangreiferin 2017 nach Wiesbaden, 2018 nach Schwerin. Nach Hause ins Sauerland kommt sie in spielfreien Zeiten immer wieder gern zum Abschalten zurück.

Text: Kathrin Wittwer/SSC