HVMV-Präsident Peter Rauch über die Herren-WM 2019 und den Handballsport im Land

Handball ist im Trend. Und das nicht nur wegen der aktuellen WM der Herren in Deutschland und in Dänemark. In M-V kann der Handballsport jedenfalls auf eine lange Tradition zurückblicken. Namen wie Frank-Michael Wahl, Hans-Georg Jaunich, Wolfgang Böhme, Andrea Bölk oder Heike Axmann stehen für große internationale Erfolge.

Handball hat in M-V Tradition… Blick in die Wismarer Spielhalle an der Bürgermeister-Haupt-Strasse. Foto: M.M.

Interview

Peter Rauch über die aktuelle Handball-WM der Herren, den Handballsport in M-V und die Situation im Nachwuchbereich

Frage: Zurzeit steht die Handball-WM im Fokus des sportlichen Interesses. Wie beurteilen Sie die Chancen der deutschen Nationalmannschaft nach der Vorrunde? Wie schätzen Sie das internationale Kräfteverhältnis ein?

Peter Rauch: Ganz nüchtern betrachtet haben wir, sprich unsere Nationalmannschaft, gerade die Pflicht erledigt, jetzt folgt die Kür. Aber das festzustellen, wäre zu emotionslos. Es waren schon unvergessliche Tage diese Vorrunde in Berlin mit einem großartigen Publikum nebst toller Stimmung. Fast immer über 13.500 Zuschauer – das war toll und stand unserem Handballsport schon gut zu Gesicht.

In der Kür, soll heißen in der Hauptgruppe, kommen nun mit Island, Kroatien und Spanien drei Kontrahenten, mit denen ich gerechnet hatte, die es in sich haben werden. Auf dem Weg in das angestrebte Halbfinale brauchen wir dreimal Spitzenleistungen. Wenn wir die an allen drei Tagen abrufen können, werden wir zum Halbfinale nach Hamburg fahren. Aber, wie gesagt, die „Prokop-Boys“ müssen alles auch sich herausholen – eine Angriffsleistung, wie gegen Russland in der Vorrunde, werden sie sich nicht leisten können. Aber ich bin sehr optimistisch.

Zum zweiten Teil der Frage… Pauschal kann man einschätzen, dass die „üblichen Verdächtigen“, wie Frankreich, Dänemark, Kroatien, Spanien, Norwegen und auch Deutschland ein ernstes Wörtchen bei der Medaillenvergabe mitreden wollen und werden. Auf dem Vormarsch ist Schweden. Erfreulich, dass  diesmal mit Brasilien und Ägypten zwei Teams in der zweiten Runde noch dabei sind, was vorher nicht so selbstverständlich war. Eine Tendenz der letzten Jahre hat sich bestätigt: Die Spitze ist breiter geworden, und wenn die vermeintlichen Favoriten nicht ihre Klasse abrufen, können sie in einem Spiel auch schon mal stolpern.

Frage: Von der WM nach M-V… Wie bewerten Sie die Leistungssituation hierzulande – gerade mit Blick auf die dritten und vierten Ligen?

Peter Rauch: Das Niveau in der dritten Liga hat sich beträchtlich gesteigert und es ist erfreulich, dass bei den Männern vor allem der HC Empor, aber auch Schwerin eine beachtliche Rolle spielen. Das Hinspiel zwischen den beiden Vertretungen aus M-V  in Schwerin am 31. Oktober 2018 mit über 3.000 Zuschauern hat schon Spaß auf „mehr davon bitte“ gemacht. Bei den Frauen werden es Schwerin und Wismar bis zum Schluss schwer haben, die Klasse zu halten. Aber ich denke, sie packen es beide.

Auf dem Sprung aus der vierten Liga (Ostsee-Spree-Liga) ist der Stralsunder HV nach einer starken Hinrunde. Er wird sicher im nächsten Jahr in der dritten Liga vertreten sein. Dann hätten wir ein gutes Trio in dieser Liga. Das wäre zweifelsohne schön, aber ich hoffe ja weiterhin, dass die zweite Bundesliga auch in naher Zukunft wieder greifbar wird für uns im Land. Unter dem Titel „Bündelung der Kräfte“ haben wir in M-V die Substanz für eine zweite Liga-Mannschaft. Dann sportlich und auch wirtschaftlich.

Frage: Wie stellt sich aus Ihrer Sicht  die aktuelle Nachwuchs-Situation in M-V dar?

Peter Rauch: Der Verband ist für seine verantwortungsvolle Rolle im Hinblick auf den Nachwuchsleistungssport strukturell gut aufgestellt und verfügt über ausreichend Trainer-Man-Power bzw. nun auch über die Finanzen. Es gilt vermehrt diese guten Rahmenbedingungen in den nächsten Monaten gemeinsam mit allen Vereinen, nicht nur unseren Stützpunkten, allseitig zu nutzen und effektiv einzubringen.

Probleme für den Nachwuchs in unserem Bundesland sind fehlende regionale Perspektiven im Spitzenhandball, da es keine Bundesligisten in M-V gibt und örtliche Vorbilder unmittelbar fehlen, von denen unser Sport lebt.

Frage: Welche Herausforderungen gilt es in den kommenden Monaten zu meistern?

Die Sport- und Kongreßhalle in Schwerin: Spielstätte der Mecklenburger Stiere Schwerin. Foto: M.M.

Peter Rauch: Zuallererst geht es um die Gestaltung eines attraktiven Spielbetriebs, Dann um die Verbesserung der Zusammenarbeit und Kommunikation zwischen Verband, Bezirks-Handballverbänden und Leistungsvereinen sowie der Leistungsvereine untereinander zur Realisierung der Jugendbundesligaprojekte männliche und weibliche Jugend A.

Die guten gemeinschaftlichen Kooperationen zuerst im weiblichen und nun auch im männlichen Bereich gilt es zu intensivieren. Die Vertrauensbasis hat sich meines Erachtens verbessert und das ist die Voraussetzung für eine erfolgreiche Zusammenarbeit. Wir sind auf einem guten Weg, dürfen aber in unseren Bemühungen nicht nachlassen.

Letzte Frage:  Wie viele aktive Handballerinnen und Handballer gibt es eigentlich in M-V?

Peter Rauch: In Mecklenburg-Vorpommern gibt es gegenwärtig etwa 7.300 Handballerinnen und Handballer.

Vielen Dank und weiterhin bestes Engagement!

 

Geschichte / Informationen / Daten

WM 2019 in Deutschland/Dänemark

In den beiden Hauptrunden spielen Kroatien, Deutschland, Frankreich, Spanien, Island und Brasilien (Gruppe 1) sowie Dänemark, Schweden, Norwegen, Ungarn, Ägypten und Tunesien (Gruppe 2). Für die Deutsche Nationalmannschaft zählen der Sieg gegen Brasilien (34:21) und das Remis gegen Frankreich (25:25) aus der Vorrunde auch für die Hauptrunde. Die nächsten Spiele für das Team um Bundestrainer Christian Prokop finden am 19. Januar gegen Island, am 21. Januar gegen Kroatien und am 23. Januar gegen Spanien statt. Das WM Finale steigt am 27. Januar in Herning (Dänemark).

Historisches zu den WM in der Halle

Neun Länder mit WM-Gold in der Halle

Bei den bisherigen Weltmeisterschaften im Hallen-Handball der Herren (zwischen 1938 und 2015) teilten sich Frankreich (6x), Schweden (4x), Rumänien (4x), Deutschland (3x), Russland (mit UdSSR, 3x), Spanien (2x), Kroatien (1x), Tschechien (mit Tschechoslowakei, 1x) und Jugoslawien (1x) die Titel.

Von zusammen 75 WM-Medaillen gingen 74 an europäische Länder. Einziger Ausreißer war 2015 die „multi-nationale Mannschaft“ von Katar bei der WM im eigenen Land. Das Team holte unter der Leitung seines spanischen Trainers Valero Rivera im Finale gegen Frankreich Silber.

Deutschland dreimal Weltmeister und siebenmal WM-Gastgeber

Gleich bei der ersten Hallen-Handball-WM der Herren 1938 holte die deutsche Auswahl vor heimischem Publikum Gold. Danach war Deutschland noch fünfmal Gastgeber : 1958 in der DDR, 1961 in Westdeutschland, 1974 in der DDR, 1982 in Westdeutschland, 2007 im vereinten Deutschland und 2014 zusammen mit Dänemark.

1958 in der DDR wurde die damalige gesamtdeutsche Auswahl Dritter hinter Schweden und der Tschechoslowakei. Gespielt wurde seinerzeit auch in der Rostocker Sporthalle Marienehe, in der die Vorrunden-Gruppe D mit Dänemark (Sieger), Jugoslawien, Österreich und Brasilien ihre Begegnungen austrug. Im Nationalteam agierten mit Hans Beier, Hans-Jürgen Hinrichs, Klaus-Dieter Matz, Günter Mundt und Wolfgang Niescher auch damals aktuelle und frühere Spieler aus „M-V“.

Drei Jahre später stand das vorerst letzte Mal eine gesamtdeutsche Handball-Mannschaft auf dem Parkett (bis zur deutschen Vereinigung 1990). Ab da an gingen DDR und BRD auch handballsportlich getrennte Wege. Hinter Rumänien, der Tschechoslowakei und Schweden wurde die deutsche Auswahl 1961 Vierter, wieder mit „MVlern“: Hans Beier, Hans-Jürgen HInrichs und Wolfgang Niescher.

1974 war die DDR wieder Gastgeber. Fünf WM-Spiele fanden 1974 in Schwerin statt (Vorrunde: Rumänien gegen Polen 18:14, Schweden gegen Spanien 14:15 bzw. Rumänien gegen Schweden 18:20, Hauptrunde: Tschechoslowakei gegen Rumänien 13:20 bzw. DDR gegen Ungarn 17:10). Zwei Spiele konnten in Rostock besucht werden (Vorrunde: Rumänien gegen Spanien 21:11 bzw. Polen gegen Spanien 21:15). Ebenfalls zwei Spiele wurden in Wismar organisiert (Vorrunde: Schweden gegen Polen 10:20 und Platzierungsrunde: Japan gegen Bulgarien 22:23). Hinter Rumänien und vor Jugoslawien wurde Team Ost Vize-Weltmeister. Aus M-V-Sicht spielten mit: Reiner Ganschow, Wolfgang Böhme und Josef Rose.

Vier Jahre danach gastierten die Handballer ’78 in Dänemark. Das westdeutsche Team überraschte und holte in einem dramatischen Finale gegen die Sowjetunion WM-Gold .

Im Jahr 1982 trafen sich die weltbesten Mannschaften wieder in Westdeutschland. Die DDR-Auswahl mit den Rostockern Jürgen Rohde und Frank-Michael Wahl wurde Sechster, die Mannschaft der BRD wurde Siebenter. Weltmeister wurde die Sowjetunion – vor Jugoslawien, Polen und Dänemark.

Bis zum nächsten WM-Gold für Deutschland dauerte es fast 30 Jahre. Und wieder sollte es eine Heimspiel sein. Im Finale in der Kölnarena siegte das Team um Trainerlegende Heiner Brand gegen Polen und sicherte sich so Titel Nummer drei. Im erweiterten WM-Kader 2007 befand sich übrigens auch der gebürtige Schweriner Stefan Schröder.

Erfolgreiche Mecklenburger und Vorpommern im WM-Aufgebot dabei

Insgesamt konnten bislang 15 Mecklenburger und Vorpommern WM-Medaillen erkämpfen: 1958 gab es Bronze für Hans Beier, Jürgen Hinrichs, Klaus-Dieter Matz, Günter Mundt und Wolfgang Niescher, 1970 folgte Silber für Klaus Prüsse, Reiner Ganschow, Klaus Langhoff, Gerhard Gernhöfer, Peter Randt (alle Rostock) sowie Josef Rose (Ahlbeck), 1974 wurden die Rostocker Reiner Ganschow, Wolfgang Böhme und der Ahlbecker Josef Rose Vize-Weltmeister hinter Rumänien und jeweils Bronze erspielten 1978 Frank-Michael Wahl, Wolfgang Böhme bzw. Helmut Wilk (Rostock) und 1986 Rüdiger Borchardt zusammen mit Frank-Michael Wahl (wiederum alle Rostock). Dazu kommt der gebürtige Schweriner Stefan Schröder als Teil des im WM-Kaders von 2007.

Erfolge bei Feldhandball-WM und olympischen Turnieren

Zwei Handball-Legenden aus M-V im Gespräch: Frank-Michael Wahl und „Jimmy“ Prüsse. Foto: Wolfgang Gross

Erfolgreich waren deutsche Herren-Nationalmannschaften zudem bei Weltmeisterschaften im früher populären Feldhandball. Zwischen 1938 und 1966 kamen 6 Goldene und 2 Silberne zusammen. Zweimal war Deutschland Gastgeber: 1938 (Sieger Deutschland) und 1955 (Sieger gesamtdeutsche Auswahl). Die DDR konnte 1963 mit den Mecklenburgern Klaus Prüsse und Klaus-Dieter Matz Gold erkämpfen. Aufgrund rückläufiger Entwicklungen war die WM ’66 die letzte internationale Großveranstaltung in dieser Sportart.

Bei olympischen Handball-Turnieren der Männer kommen deutsche Mannschaften auf bislang 2 x Gold, 2 x Silber, 1 x Bronze. Im olympischen Feld-Handball-Turnier 1936 in Berlin gewann Deutschland und beim olympischen Hallen-Handball-Turnier 1980 in Moskau triumphierte die DDR mit Frank-Michael Wahl und Hans-Georg Jaunich (beide SV Empor Rostock)

Neben Berlin 1936 (Feldhandball) war auch München 1972 (Hallenhandball) Gastgeber eines olympischen Turnieres. Jugoslawien schaffte damals Olympia-Gold vor der Tschechoslowakei und Rumänien. Die DDR mit den „M-V“-Spielern Wolfgang Böhme, Reiner Ganschow, Klaus Langhoff, Peter Larisch, Peter Randt und Josef Rose kam auf Platz vier, die westdeutsche Mannschaft mit dem gebürtigen Schweriner Wolfgang Braun belegte Rang sechs.



 

Dritte und Vierte Liga 2019: Die nächsten Spiele für MV-Teams

3. Liga der Herren

27.01.: HC Empor Rostock vs. HSV Hannover
02.02.: SC Magdeburg II vs. Mecklenburger Stiere Schwerin
31.03.: Mecklenburger Stieren Schwerin und dem HC Empor Rostock

Anmerkung: Das Hinspiel im Derby zwischen den Mecklenburger Stieren Schwerin und dem HC Empor Rostock in der Schweriner Sport- und Kongreßhalle endete am 31. Oktober 2018 mit einem 26:25-Sieg der Schweriner. Am 31. März 2019 wird das Derby-Rückspiel in der Rostocker Stadthalle ausgetragen.

3. Liga der Frauen

26.01.: TSG Wismar vs. Eintracht Hildesheim
27.01.: SV Grün-Weiß Schwerin vs. MTV 1860 Altlandsberg

4. Liga der Herren

02.02.: SV Fortuna 50 Neubrandenburg vs. MTV 1860 Altlandsberg
02.02.: SG Uni Greifswald/Loitz vs. VfV Spandau
02.02.: HSV Insel Usedom vs. Stralsunder HV
02.02.: Bad Doberaner SV 90 vs. HV GW Werder

4. Liga der Frauen

10.02.: SV 63 Brandenburg-West vs. Rostocker HC

Text und Interview: M. Michels