Doping, Gier und Pharisäertum im olympischen Sport

Nun ist es also amtlich. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat seine Entscheidung in puncto Teilnahme bzw. Nicht-Teilnahme Russlands an den XXIII. Olympischen Winterspielen in Pyeongchang getroffen. Russland wird von den Winterspielen 2018 ausgeschlossen. Nur einzelne russische Athletinnen und Athleten, die nicht in vermeintliche Doping-Praktiken verwickelt waren, dürfen unter neutraler Flagge bei den kommenden Spielen starten.

Staatsdoping in Russland mit extremen Konsequenzen

Doping – Symbolbild

Das IOC sieht es nach dem Report des Chef-Ermittlers der WADA (World Anti-Doping Agency) , Richard McLaren, als erwiesen an, dass Russland zwischen 2011 bis 2015 institutionelles Doping, also Staatsdoping, betrieb.

Rund 1000 russische Athletinnen und Athleten sollen laut McLaren-Report Nutznießer dieses Systems gewesen sein. Die Angaben in diesem Report stützen sich dabei auf den früheren Chef des Moskauer Anti-Doping-Labors und Whistleblower Grigorij Rodtschenkow, der die Ermittlungen der WADA „ins Rollen“ brachte.

25 russische Teilnehmerinnen und -Teilnehmer der Winterspiele 2014 in Sotschi wurden bislang schon disqualifiziert. Elf Medaillen wurden dem russischen OLympia-Team 2014 zusätzlich aberkannt, darunter vier Goldmedaillen (im Zweier- bzw. Vierer-Bob der Herren: Teams des Piloten Alexander Subkow, Skeleton der Herren: Alexander Tretjakow und im Skilanglauf der Herren/50 Kilometer: Alexander Legkow), sechs Silbermedaillen, eine Bronzemedaille.

Russland steht damit am Pranger der olympischen Bewegung, des Weltsportes allgemein…

Doping-Diskussionen und kein Ende/Was ist mit den Deutschländern?

Über Olympia liegt jedoch ein Schatten, der weit über das vermeintliche russische „Doper-Reich“ hinausgeht. Es ist schon erstaunlich, wie hierzulande die Diskussionen geführt werden. Anstatt aktuell mit dem Finger auf andere, insbesondere Russland, aber auch China oder die USA, zu zeigen, sollte der Finger zunächst die eigene Brust antippen.

Die Deutschländer und das Doping. Das war vor gar nicht all zu langer Zeit kein Gegensatz, sondern eine Symbiose. Wenn es um gedopten Sport ging, da liefen die Deutschen aus Ost und West – leider – vorn mit.

Vor neun Monaten (28.März 2017) gab es zur Doping-Problematik und Doping-Geschichte „Made in East-Germany“ und „Made in West-Germany“ ein äußerst interessantes Interview bei  ZEIT-ONLINE. Befragt wurde der frühere deutsche Leichtathletik-Wurftrainer Hansjörg Kofink, seit Jahrzehnten einer der renommiertesten Kämpfer gegen Doping im Sport.

Doping-Ost versus Doping-West

Klar benannten Hansjörg Kofink und die beiden Journalisten Fabian Scheler und Oliver Fritsch, was in der DDR und in Westdeutschland jahrzehntelang sportlicher Doping-Alltag war. Wurde in Deutschland-Ost zentral, zwanghaft bzw. systematisch gedopt, so geschah dieses in Deutschland-West föderal bzw. systematisch. Hierzu Hansjörg Kofink: „…Gedopt wurde hüben wie drüben. In der DDR lief es zentral gesteuert und war deswegen einfacher zu entdecken. Im anderen Teil Deutschlands lief es verdeckt, weil die Verantwortung bei den einzelnen Sportlern lag. Deshalb müssen ja Insider auspacken, wie jetzt geschehen. Von den wahren Schuldigen aber, den Spitzenfunktionären, hat bis heute kein Einziger westdeutsches Doping eingeräumt…“

Das allein ist schon nicht hinnehmbar, gab es doch im westdeutschen Sport zahlreiche nachgewiesene Fälle zum Einsatz von leistungsfördernden Substanzen in der Leichtathletik, im Radsport, im Schwimmen, im Rudern, im Kanusport oder in der Schwerathletik in den 1970er und 1980er Jahren. Allzu leicht wurde nur der DDR deren Doping-Vergangenheit vorgeworfen, ohne die westdeutschen Verfehlungen in diesem Bereich schonungslos zu offenbaren.

Das führte dazu, dass die Aufarbeitung der deutsch-deutschen Dopingvergangenheit zu Recht als einseitig angesehen wurde. Das ist aber nun vorbei. Wer nachhaltig einen sauberen Sport möchte, muß die eigene Vergangenheit aufarbeiten. Denn: Wie heißt es so schön in einer alten Weisheit: „Wer seine Vergangenheit nicht kennt, ist dazu verdammt, diese zu wiederholen!“.

Moralfreiheit im Spitzensport?!

Der Leistungssport von heute scheint allerdings „moralfrei“ zu sein. Die Antwort von Hansjörg Kofink im besagten ZEIT-ONLINE-Interview auf die Frage „Ist der Sport moralfrei?“  fiel daher auch deutlich aus: “ Mit Sicherheit. Trotz der hehren olympischen Idee. Im Grunde hat der olympische Sport noch nie das gehalten, was er verspricht. Pierre de Coubertin wollte nie Ranglisten zwischen Staaten, er wollte keine Profis. Was haben wir? Ranglisten und Profis. Und wir Deutschen sind leider immer dabei. Wir spielen in der Sportgeschichte eine verheerende Rolle. Es gibt zwei Sündenfälle: Die ersten politisch instrumentalisierten Spiele fanden 1936 in Deutschland statt, viele danach orientierten sich an Hitlers Spielen. Und 1990 vereinigten sich Doping-West und Doping-Ost. Ohne Konsequenzen, ohne Aufarbeitung, alles wurde unter den Tisch gekehrt. Wenn ich Bulgare oder Kubaner wäre, wäre ich doch blöd, wenn ich es anders machen würde. Und der verlogenste Teil des Weltsports ist das IOC mit einem Deutschen an der Spitze, Thomas Bach. Er kennt diese Vorgänge genau, für ihn beginnt deutsche Sportgeschichte aber erst mit der Gründung des DOSB 2006…“

Leider wurde dieses Interview viel zu wenig diskutiert. Ähnlich wie der 800 Seiten-Bericht (2013) einer Berliner Forschergruppe um den bekannten Sporthistoriker Giselher Spitzer zum systematischen Doping in Westdeutschland.

Inzwischen gaben einige Sportler und Trainer aus Westdeutschland jahrelanges Doping zu, aber echte Lehren wurden anscheinend daraus nicht gezogen.

Braucht der Sport eigentlich Heldinnen und Helden?!

Noch immer werden in Deutschland, ob in West oder in Ost, vermeintliche Olympiaheldinnen und Olympiahelden hoch gejazzt, obwohl hinreich bekannt ist oder zumindest sein sollte, wie diese zu Edelmetall kamen.

Wie meinte schon der deutsche Aphoristiker Erwin Koch treffend: „Früher hieß es im Sport: Achtung! Fertig! Los! – Heute ruft man dagegen: Pharma zieh!“.

Das Problem vieler Leistungssportarten ist jedoch, dass diese – insbesondere mit Blick auf Fußball, Profi-Boxen, American Football, Basketball, Tennis, Eishockey oder Baseball – lediglich als „Wirtschaftszweige“ verstanden werden. Nur der Profit zählt, der einzelne Mensch hingegen nicht! Uninteressant scheint für Sportfunktionäre und Sportzuschauer zu sein, wie die jeweilige Athletin bzw. der jeweilige Athlet zu seinen (gewünschten?) spektakulären Leistungen kommt.

Sport ist Nebensache

Im Wort „Sport“ steckt bekanntlich das lateinische „disportare“ (sich zerstreuen)! Sport ist also Nebensache und nicht Hauptsache und schon gar nicht ein Mittel zum „Geld“erwerb oder gar ein Beruf. Er ist nur Ausgleich zu einer sinnvollen, aufrichtigen und nachhaltigen Tätigkeit!

Aus dem wahren Sport, der Werte, wie Freundschaft, Aufrichtigkeit, Fairness, friedliches Miteinander und ehrliche Leistung, vermittelt, wurde die „Ware Sport“.

Baron Pierre de Coubertin, der große Begründer der Olympischen Spiele der Neuzeit, wollte Spiele, wie sie sich heute präsentieren, nie. Doch die heutigen Olympia-Verantwortlichen ignorierten Coubertin und dessen olympische Auffassungen.

Was dabei herauskommen kann, lässt sich heute in der ehemaligen DDR und im ehemaligen Westdeutschland „besichtigen“. Viele unsportliche Pharisäer sind dort zwischen Kap Arkona und Bayrischem Wald unterwegs. Zum Ruhme des Sportes allerdings weniger…

Aber wehe, wehe, wehe, wenn „ich“ auf das Ende sehe…

Russland wurde zu Recht bestraft, hat seine jahrzehntelange Reputation als „große Sportnation“ nachhaltig verloren. Vom vermeintlichen Glanz der Winterspiele 2014 in Sotschi bleibt nicht viel. Einige, wie der französische Biathlet Martin Fourcade, zweifacher Olympiasieger und elffacher Weltmeister, warnen jedoch, nicht nur Russland zu kritisieren: „Russland hat kein Monopol auf Doping!“.

Auch woanders wird immer noch gedopt. Verdeckter, raffinierter, stiller. Der Leistungssport steht unter Generalverdacht. Wie war das noch mit Marion Jones, Lance Armstrong, Justin Gatlin und vielen anderen mehr…

Olympia, die olympische Flagge müßte 2017 eigentlich Trauerflor tragen.

Wird ein olympisches Umdenken erfolgen? Oder ist die Sportwelt mit der Bestrafung Russlands bereits mit sich „im Reinen“?! Das wäre verheerend – und wohl das endgültige Ende von Olympischen Spielen der Neuzeit…

Warum gingen noch einmal die Olympischen Spiele in der Antike zugrunde?! An Betrug, Gier, Gigantismus, politischer Einflußnahme und Dekadenz! Sind wir schon wieder so weit?!

 

Marko Michels