Zwei M-V-Leichtathletinnen streben zu den IPC-WM in der Leichtathletik im Juli 2017 nach London

Vom 4.August bis 13.August finden in diesem Jahr die 16.IAAF-Weltmeisterschaften in der Leichtathletik seit 1983 statt. Austragungsort wird London, die Olympia-Stadt von 1908, 1948 und 2012, sein.

An gleicher Stelle gibt es zuvor jedoch auch Welt-Titelkämpfe in der Leichtathletik für Sportlerinnen und Sportler mit Handicaps. Zwischen dem 14.Juli und 23.Juli stehen in der britischen Hauptstadt die 8.IPC-WM in der Leichtathletik seit 1994 im Fokus.

Dabei sind aus M-V-Sicht auch die gebürtige Pasewalkerin Martina Willing, die für den Brandenburgischen Präventions- und Rehabilitationssportverein in Cottbus startet, und die gebürtige Neubrandenburgerin Lindy Ave, Mitglied der HSG Uni Greifswald.

Martina Willing wird im Speerwerfen und Kugelstoßen starten. Lindy Ave hat die 100 Meter, 200 Meter und den Weitsprung im Blick.

Die erfahrene Martina Willing gewann in ihrer langen sportlichen Karriere bei den Paralympics zwischen 1988 und 2016 insgesamt dreimal Gold, sechsmal Silber bzw. fünfmal Bronze sowie bei den IPC-WM 1998-2015 viermal Gold, siebenmal Silber bzw. zweimal Bronze.

Die neunzehnjährige Lindy Ave feierte indes ebenfalls schon große Erfolge, wurde bei den Junioren-WM 2015 Erste über 100 Meter, Zweite jeweils über 200 Meter bzw. im Weitsprung und bei den Junioren-WM 2016 Erste über die 100 Meter bzw. 200 Meter und Dritte im Weitsprung. Bei den Paralympics 2016 erreichte Lindy zudem vordere Platzierungen, so Rang vier über die 4 x 100 Meter, Rang fünf über die 100 Meter und Rang sechs im Weitsprung.

Bei den vorerst letzten IPC-Leichtathletik-WM, im Oktober 2015 in Doha, konnten die deutschen Leichtathletinnen und Leichtathleten mit Handicaps, unter ihnen auch Sportlerinnen aus M-V, einige Erfolge feiern. In Doha gab es für Schwarz-Rot-Gold 8 x Gold, 7 x Silber, 9 x Bronze.

„Für M-V“ gab es sechs Medaillen, so durch die gebürtige Ueckermünderin Marianne Buggenhagen mit jeweils Gold im Kugelstoßen bzw. im Diskuswerfen, durch die gebürtige Schwerinerin Vanessa Low mit Gold im Weitsprung bzw. Silber über die 100 Meter, durch die gebürtige Pasewalkerin Martina Willing mit Gold im Speerwerfen und durch die Rostockerin Jana Schmidt mit Bronze über die 100 Meter.

Die erfolgreichsten Mannschaften bei den Leichtathletik-WM der IPC 2015 in Doha stellten China mit 85 Medaillen, darunter 41 x Gold, Russland mit 69 Medaillen, darunter 24 x Gold, die USA mit 39 Medaillen, darunter 13 x Gold, und Großbritannien mit 31 Medaillen, darunter 13 x Gold.

Allgemeiner Rückblick auf die Paralympics 2016 – aus M-V-Blickwinkel und nicht zuletzt aus leichtathletischer Sicht

Bei den Paralympics 2016 in Rio starteten siebzehn Athletinnen und Athleten aus M-V: im Judo Ramona bzw. Carmen Brussig (beide PSV Schwerin), im Radsport Stefan Nimke (Pilot, PSV Schwerin) bzw. Kai Kruse (Schweriner SC), im Goalball Reno Tiede, Thomas Steiger bzw. Christian Friebel (Rostocker Goalball-Club), im Rollstuhl-Fechten Simone Briese-Baetke und Balwinder Cheema (beide TuS Makkabi Rostock), in der Leichtathletik Jana Schmidt (1.LAV Rostock) bzw. Lindy Ave (HSG Uni Greifswald) und im Schwimmen Denise Grahl (Hanse SV Rostock).

Dazu kamen noch die gebürtige Greifswalderin Verena Schott (Schwimmen, für Berlin startend),  der gebürtige Schweriner Torben Schmidtke (Schwimmen, für Potsdam startend), die gebürtige Ueckermünderin Marianne Buggenhagen (Leichtathletik, für Berlin startend), die gebürtige Pasewalkerin Martina Willing (Leichtathletik, für Cottbus startend) und die gebürtige Schwerinerin Vanessa Low (Leichtathletik, für Leverkusen startend).

Paralympische Highlights aus M-V-Sicht seit 1990

Paralympische Höhepunkte aus MV-Sicht waren seit 1990 ff. zweifellos die Goldmedaille von Karl-Christian Bahls im Bogenschießen 1992, die neun Goldmedaillen von 1992 bis 2008 der Leichtathletin Marianne Buggenhagen, die in Ueckermünde geboren wurde, die drei Goldmedaillen von 1988 bis 2016  der Leichtathletin Martina Willing, die in Pasewalk geboren wurde, und die vier Schwimm-Medaillen der Wahl-Greifswalderin Natalie Ball 2004 oder die Judo-Goldmedaillen der Zwillingsschwestern Brussig (PSV Schwerin) 2012.

Wer gewann jedoch für M-V Medaillen bei den letzten beiden Paralympics 2012 in London bzw. 2016 in Rio de Janeiro?!

Von London 2012…

Bei den Paralympics 2012 in London gab es auch einige Medaillen für M-V. Ramona und Carmen Brussig (PSV Schwerin) gewannen, wie angesprochen, Judo-Gold in ihren Gewichtsklassen, wobei Ramona schon 2004 in Athen Gold erkämpfte. Die gebürtige Ueckermünderin Marianne Buggenhagen holte Kugelstoß-Silber. Jana Schmidt, die aus Waren/Müritz stammt und für den 1.LAV Rostock startet, belegte im Weitsprung Rang vierzehn und in ihrer Parade-Disziplin, den 100 Metern, den Bronze-Rang.

Ein gebürtiger Schweriner, der einst beim PSV Schwerin bzw. Hanse-Schwimmclub Greifswald seine Karriere begann bzw. weiter entwickelte und mittlerweile beim SC Potsdam aktiv ist, Torben Schmidtke, erkämpfte Silber über die 100 Meter Brust. Die in Greifswald geborene Verena Schott (für Berlin startend) errang hingegen Silber über 200 Meter Lagen.

Und eine gebürtige Schwerinerin war bei den Paralympics 2012 ebenfalls vorn mit dabei. Vanessa Low, nun Leverkusen, kam im Weitsprung auf Platz sechs und im 100 Meter Sprint auf Rang vier.  Mit dem Speer holte die gebürtige Pasewalkerin Martina Willing 2012 Bronze.

Auch auf der Planche konnte eine Wahl-Rostockerin mehr als überzeugen. Simone Briese-Baetke erreichte mit dem Degen 2012 Silber.

…nach Rio de Janeiro 2016

Die gebürtige Schwerinerin Vanessa Low (für Leverkusen startend) konnte vor Jahresfrist Gold im Weitsprung sowie Silber über 100 Meter erkämpfen, die Judo-Zwillingsschwestern Ramona bzw. Carmen Brussig vom PSV Schwerin schafften jeweils Silber in ihren Gewichtsklassen, die gebürtige Schwerinerin Denise Grahl (Hanse SV Rostock) belegte den Silber-Platz über 50 Meter Freistil im Schwimmen, das Schweriner Tandem-Rad-Duo Stefan Nimke bzw. Kai Kristian Kruse fuhr im 1000 Meter Zeitfahren zu Bronze und der gebürtige Schweriner Torben Schmidtke (SC Potsdam) errang ebenfalls Bronze über 100 Meter Brust im Schwimmen.

Jeweils Silber gab es für die gebürtige Ueckermünderin Marianne Buggenhagen im Diskuswerfen und für die gebürtige Pasewalkerin Martina Willing im Speerwerfen.

Das deutsche Herren-Goalball-Team mit Reno Tiede, Thomas Steiger bzw. Christian Friebel (Rostocker Goalball-Club) verpasste nach einer denkbar knappen 6:7-Niederlage im Viertelfinale gegen die USA „hauchdünn“ die Spiele um die Medaillen.

Nun geht es aber aktuell, im Juli 2017, in der paralympischen Kernsportart Leichtathletik um weltmeisterliche Titel und Medaillen.

Und vom 30.September bis 7.Oktober wird es dann bei den IPC-WM im Schwimmsport, also für Schwimmerinnen und Schwimmer mit Handicaps, in Mexico-City spannend.

Exkurs: Vorgestellt – Christina Dittmer (SC Neubrandenburg), die Entdeckerin von Lindy Ave / Interview mit M.M. vom 16.9.2016

Die 15.Paralympics in Rio de Janeiro standen vor zehn Monaten im sportlichen Fokus. Aus Mecklenburg-Vorpommern waren, wie eingangs erwähnt, siebzehn Athletinnen und Athleten aus Mecklenburg-Vorpommern aktiv vor Ort – Sportlerinnen und Sportler mit Handicaps aus dem deutschen Nordosten, die ihren Geburtsort oder ihren Verein in M-V haben.

Von Lindy Ave…

Eine von diesen Sportlerinnen war Lindy Ave, die bei Rostock-Sport auch schon vorgestellt wurde. Lindy ist Jahrgang 1998, wurde in Neubrandenburg geboren und startet für die HSG Uni Greifswald.

Mit ihren knapp 18 Jahren konnte die gebürtige Neubrandenburgerin bereits einige herausragende Erfolge feiern, so bei den Junioren-WM 2015 und 2016.

Bei den Elite-WM 2016 konnte Lindy ebenfalls überzeugen – mit fünften Rängen über die 100 Meter bzw. 200 Meter und mit Rang sechs im Weitsprung. Und dann natürlich bei den Paralympics 2016.

…und ihrer Entdeckerin Christina Dittmer

Entdeckt hat die ambitionierte Sportlerin, die bei den Paralympics 2016 weitere internationale Erfahrung im Elite-Bereich sammeln möchte, Christina Dittmer vom SC Neubrandenburg. Christina Dittmer war zugleich die erste Trainerin von Lindy Ave.

Christina Dittmer ist ohnehin eine Wegbereiterin des Sportes für Athletinnen und Athleten mit Handicaps beim SC Neubrandenburg. Sie baute beim SCN im Jahre 2007 eine Abteilung für den Handicap-Sport beim SCN auf, die insbesondere in den Bereichen Leichtathletik und Boccia in Deutschland und darüber hinaus einen ausgezeichneten Ruf hat.

Nachgefragt bei Christina Dittmer nach

Christina Dittmer über die Entwicklung der Abteilung für Sport mit Athletinnen bzw. Athleten mit Handicaps beim SCN, ihre Arbeit vor Ort, die bisherigen sportlichen Erfolge, Paralympics-Starterin Lindy Ave und die Suche nach einer Nachfolgerin bzw. einem Nachfolger

„Ein Entwicklungsprozess, der anstrengend war, aber zugleich viel Freude bereitete…“

Frage: Frau Dittmer, vor neun Jahren schufen Sie beim SC Neubrandenburg eine Abteilung für den Sport für Athletinnen bzw. Athleten mit Handicaps. Wie verlief die Anfangszeit? Welche Hürden waren zu meistern?

Christina Dittmer: Der Verband für Behinderten- und Rehabilitationssport M-V (VBRS MV) hat 2007 in Zusammenarbeit mit dem Bildungsministerium ein Projekt ins Leben gerufen bei dem es darum geht, Menschen mit Behinderung genau solche Entwicklungschancen zu geben, wie zum Beispiel Kindern und Jugendlichen an den Sportgymnasien ohne Einschränkungen.

Ich wurde als Lehrerin bzw. Trainerin eingestellt und genau diese ausgezeichnete Zusammenarbeit zwischen den Schulen sowie dem Sportclub war aus der heutigen Sicht der einzige richtige Weg.

Heute habe ich mit dem Überregionalen Förderzentrum Neubrandenburg und der Kranichschule Neubrandenburg zwei Partnerschulen, bei denen die Schulleitungen und alle Kollegen hinter mir stehen.

Auch beim Sportclub Neubrandenburg war man nicht so sehr überzeugt davon, dass sich der Behindertensport etablieren kann. Anfang der 1990iger Jahre hatte man schon einmal eine Abteilung Behindertensport, die sich dann wieder aufgelöst hat. Zudem ist der Behindertensport sehr teuer. Kinder von Förderschulen und deren Eltern waren gewohnt, dass alle Leistungen kostenlos sind. Plötzlich sollte man Geld für zusätzliches Sporttreiben bezahlen. Das war nicht so leicht.

Des Weiteren mussten die Kinder an den Förderschulen lernen, dass man beim Training wirklich trainieren muss und dass nicht der Spiel-Spaß allein im Vordergrund steht. Das war ein mühevoller Entwicklungsprozess, der anstrengend war, aber auch immer Freude bereitete. Sonst hätte ich sicherlich nicht durch gehalten.

Frage: Wie ist inzwischen der Zuspruch zum Handicap-Sport beim SC Neubrandenburg aktuell betrachtet?

Christina Dittmer: Heute ist das ganz anders. Der Zuspruch in den Trainingsgruppen ist sehr gut. Heute fördere ich an der Kranichschule dreizehn Kinder und am ÜFZ Neubrandenburg zehn Kinder. Alle in der Sportart Leichtathletik. Nur die besten Sportler dürfen Mitglied beim Sportclub Neubrandenburg werden. Das ist ein Anreiz.

Frage: Insbesondere in der Leichtathletik und beim Boccia weisen die Neubrandenburger Sportlerinnen und Sportler mit Handicaps hervorragende Ergebnisse auf. Welche Erfolge waren dort in diesem Jahr zu verzeichnen?

Christina Dittmer: In der Leichtathletik haben wir in diesem Jahr an sehr vielen schönen Wettkämpfen teilgenommen. Bei den Landesmeisterschaften in Königs Wusterhausen waren die Medaillen unserer Sportler kaum zu zählen.

Aber auch beim Jugendländer-Cup in Rostock, bei dem die besten Sportlerinnen und Sportler aus ganz vielen Bundesländern an den Start gingen, waren wir mit einer Gold-, drei Silber-  und einer Bronze-Medaille im Mehrkampf sehr erfolgreich.

Den krönenden Abschluss bildeten dann die Deutschen Meisterschaften in Berlin. Dort erreichten wir 19 x Gold, 7 x Silber und 8 x Bronze. Das sind einfach großartige Ergebnisse.

Im Boccia haben wir ebenfalls schon einige Erfolge erzielt, so insbesondere der dritte Platz bei den Deutschen Meisterschaften für schwerstbehinderte Menschen zu nennen. Darauf sind wir stolz.

Frage: Sie sind zugleich Entdeckerin der Leichtathletin Lindy Ave, die 2016 auch bei den Paralympics startet. Erinnern Sie sich noch an die Anfangszeit mit Lindy? Was zeichnet Lindy aus?

Christina Dittmer: Lindy war schon immer fleißig und diszipliniert. Im Training hat sie die anderen Sportler mit gezogen. Das ist noch heute so. Es ist eine Freude, sie zu beobachten.

Sie gibt immer 100 Prozent. Oft muss man sie bremsen. Ein „Zuviel“ ist bei ihr manchmal nicht gut. Bedingt durch ihre Krankheit verkrampfen dann ihre Muskeln und es geht gar nichts mehr. Das war auch früher schon so. Dann fiel sie beim Training oft aus.

Ein großer Dank gilt hier ihren Eltern. Sie glaubten stets an Lindy, haben alle nur möglichen Therapien mit ihr gemacht und sorgten stets für ihre medizinische Betreuung. Das hat sich ausgezahlt. Andere hätten vielleicht gesagt: Lindy darf keinen Sport mehr treiben, das ist gefährlich für die Gesundheit des Kindes…

Aber dem war nicht so und das Ergebnis sehen wir jetzt. Es hat sich gelohnt, dran zu bleiben.

Frage: Ende des Jahres (2016) gehen Sie in den sportlichen (Un-)Ruhestand. Ist schon eine Nachfolgerin bzw. ein Nachfolger beim SCN in Sicht?

Christina Dittmer: Ich hoffe wirklich sehr, dass wir einen Nachfolger finden. Die Stelle ist überall ausgeschrieben. Aber es wäre wirklich mehr als schade, wenn diese tolle Entwicklung nicht weiter gehen würde. Scheu vor der Arbeit mit behinderten Kindern und Jugendlichen ist völlig unbegründet. Das sind ganz normale Jugendliche. Sie sind ehrgeizig, fleißig, auch pubertär und haben eben ein Handicap. Was ist daran so schlimm. Man muss sie einfach achten. Dann macht diese Arbeit sehr viel Spaß. Ich habe auch bei Null angefangen.

Vielen Dank, weiterhin bestes sportliches Engagement und alles erdenklich Gute!

Marko Michels