Vom „Stufenbarren“ in den Skeleton-Schlitten: Anna Fernstädt im Fokus

Eine traditionsreiche Schlitten-Disziplin ist zweifellos Skeleton, das leider oftmals etwas im Schatten der Bob- oder Rennrodel-Schlitten stattfindet. Von einigen als „Rennrodeln bäuchlings“ tituliert, hat Skeleton in den letzten fünf Jahren jedoch deutlich an Popularität gewonnen.

Weltmeisterlich seit 1982

Seit 1982 gibt es Weltmeisterschaften für die Männer. Ab dem Jahr 2000 wetteifern auch die Frauen um weltmeisterliches Skeleton-Gold. 1928 und 1948, bei den zweiten und bei den fünften Olympischen Winterspielen jeweils in Sankt Moritz, war Skeleton für Herren schon olympisch. Seit den Winterspielen 2002 in Salt Lake City ist Skeleton, für die Herren und die Damen, nun im olympischen Programm.

Deutsches Frauen-Trio auf Medaillen-Kurs

Bei den Frauen waren aus deutscher Sicht zuletzt Jacqueline Lölling und Tina Hermann sehr erfolgreich. Doch auch eine weitere deutsche Skeletona ist im Kommen: Anna Fernstädt, Jahrgang 1996, vom RC Berchtesgaden gehört zu den hoffnungsvollen Talenten im Skeleton für „Schwarz-Rot-Gold“. So schaffte Anna schon drei Europacup-Siege, belegte Rang drei bei den Juniorinnen-WM 2016 und wurde auch Dritte beim Weltcup 2017 am Königssee. Dort werden zwischen dem 13.Februar und 26.Februar, parallel zur Bobsport-WM, ebenfalls die Skeleton-Welttitelkämpfe 2017 ausgetragen.

Sechsmal WM-Gold im Frauen-Skeleton für „Schwarz-Rot-Gold“

In der WM-Historie wurden seit 2000 (bis 2016) dreizehnmal Weltmeisterinnen im Skeleton gekürt. Sechsmal kamen die WM-Siegerinnen aus Deutschland, so 2000 Steffi Hanzlik, 2004 Diana Sartor, 2008 Anja Huber, 2009 bzw. 2011 Marion Trott, verheiratete Thees und 2016 Tina Hermann. Die bisherigen Olympiasiege im Frauen-Skeleton sicherten sich 2002 Tristan Gale (USA), 2006 Maya Pedersen (Schweiz), 2010 Amy Williams (Grossbritannien) und 2014 Lizzie Yarnold (Grossbritannien). Olympische Medaillen für die deutschen Skeletoni gab es 2010 mit Silber für Kerstin Szymkowiak und mit Bronze für Anja Huber.

Auch ein Vorpommer im Skeleton-Schlitten

Bei den Olympischen Winterspielen 2010 in Vancouver und in Whistler startete auch ein Vorpommer, der gebürtige Teterower Sandro Stielicke (BSC Winterberg), der Rang zehn errang. In den Gesamt-Weltcup-Wertungen im Herren-Skeleton schaffte Sandro Stielicke 2009/10 Rang drei und 2010/11 Rang zwei.

Wie geht es nun aber für Anna Fernstädt weiter? Welche Ziele hat Anna 2016/17?

Anna über ihren erfolgreichen Weltcup-Einsatz am Königssee, ihre Favoritinnen auf WM-Gold, das Faszinierende am Skeleton, kommende Herausforderungen und ihr Leben neben dem Skeleton-Schlitten

„Wieder Bronze wäre der Wahnsinn…“

Frage: Herzlichen Glückwunsch zum Bronze-Rang beim Weltcup in Königssee! Wie lauten nun die Ziele für die WM im Februar an gleicher Stelle? Ist Edelmetall auch dann das grosse Ziel?

Anna Fernstädt: Dankeschön. Erst einmal freue ich mich, dass ich überhaupt dabei bin! Mein Ziel ist eine Top-Sechs-Platzierung, aber vor allem vier gute Starts und saubere, konstante Fahrten. Falls dabei Bronze wie beim Weltcup rausspringt, wäre das natürlich Wahnsinn!

Frage: Bei den bisherigen sechs Weltcups im Frauen Skeleton 2016/17 gab es vier Siegerinnen: Elisabeth Vathje (Kanada, in Whistler und in Winterberg), Janine Flock (Österreich, in Lake Placid), Jacqueline Lölling (in Altenberg und am Königssee) und Mirela Rahneva (Kanada, in Sankt Moritz). Wer sind Ihre Favoritinnen auf WM-Gold 2017? Wie beurteilen Sie das internationale Kräfteverhältnis im Frauen-Skeleton 2017?

Anna Fernstädt: Meine Favoriten auf WM-Gold kommen aus Deutschland. Ich denke, das wird ein enger Kampf zwischen Tina Hermann und Jacqueline Lölling. Wen ich persönlich noch sehr, sehr stark einschätze, ist Mirela Rahneva aus Kanada. Mit ihrem Start und einigermaßen guten Fahrten ist sie ganz weit vorne mit dabei!

Unterschätzen sollte man zudem nicht, wenn man sich das Ergebnis, aber auch die Trainingsläufe am Königssee anschaut, auch Lizzy Yarnold (Grossbritannien), Janine Flock (Österreich) und Lelde Priedulena (Lettland). Die Genannten sind in dieser Saison sehr stark, aber es gibt natürlich auch noch andere, die dieses Jahr vorne mitfuhren und die man nicht vergessen darf.

Frage: Sie wurden 1996 in Prag geboren, starten jetzt für den RC Berchtesgaden. Wie gelangten Sie zum Skeleton? Was ist das Faszinierende für Sie an dieser Sportart? Und: Haben Sie sich auch schon im Rennrodeln und im Bobsport ausprobiert?

Anna Fernstädt: Ja, meine Mutter kommt aus Tschechien und aufgewachsen bin ich in Hessen. Meine Familie und ich sind dann vor sechseinhalb Jahren nach Berchtesgaden gezogen. Ich war acht Jahre lang im Kunstturnen aktiv und bin erst durch den Umzug auf Skeleton gekommen, da die Bahn ja quasi vor unserer Haustür ist.

Für mich ist das Faszinierende am Skeleton die Präzision in diesem Sport und das Gefühl, was man für den Schlitten braucht. Jede kleinste Bewegung wirkt sich aus, ob gewollt oder nicht. Man versucht, in jeder Kurve so viel Geschwindigkeit auszubauen, wie nur möglich, kann aber auch mit einer falschen Bewegung „alles in den Sand setzen“.

Ja, ich saß einmal im Bob hinten drin als „Bremserin“, das war mir allerdings ein bisschen zu langweilig. Als Pilotin oder Rodlerin habe ich mich nicht probiert, da mir gesagt wurde, dass ich zu alt zum Rodeln und zu jung zum Bobfahren bin, als ich das erste Mal an der Bahn war.

Frage: In einem Jahr finden die olympischen Wettkämpfe in Pyeongchang statt. Sind die Gegebenheiten der dortigen Bahn schon bekannt? Mitte März gibt es ja dort das Weltcup-Finale 2017 im Skeleton…

Anna Fernstädt: Ja, im Herbst waren ein paar Sportler dort, um die Bahn zu testen und sich die ersten Fahrspuren zu erarbeiten. Wie die Bahn im Endeffekt ist oder mit welcher Bahn sie am ehesten zu vergleichen ist, werden wir dann wohl im März zum letzten Weltcup erfahren…

Letzte Frage: Wie sieht Ihr Leben neben dem Skeleton aus? Sie sind ja angehende Polizeimeisterin… Wie ist da der Stand der Dinge? Welche Hobbies haben Sie zudem?

Anna Fernstädt: Genau, zurzeit befinde ich bei der Bayerischen Bereitschaftspolizei in der Ausbildung. Ab März bin ich dann für vier Monate am Fortbildungsinstitut der Bayerischen Polizei in Ainring. Durch die Spitzensportförderung sind wir die restliche Zeit für den Sport freigestellt, die Ausbildung ist deswegen von zweieinhalb auf fünf Jahre gestreckt. Für mich fängt 2017 das zweite Jahr an.

Zu den anderen Dingen: Ich hänge natürlich noch sehr am Turnen und versuche jedes Jahr, einen Kurzurlaub in meinem alten Verein zu machen. Außerdem fahre ich gern Ski. Ansonsten verbringe ich meine freie Zeit mit meiner Familie, Freunden und meinem Hund.

Vielen Dank, dann weiterhin alles erdenklich Gute, sportlich, beruflich sowie persönlich, eine optimale WM und maximale Erfolge bei allen Vorhaben!

Anmerkung: Skeleton und Olympia

Skeleton, die rasante Eissportart hat wahrlich eine große und abwechslungsreiche  Geschichte. Bei den Winterspielen 1928 in Sankt Moritz (Sieger: Jennison Heaton aus den USA), wie erwähnt, feierte Skeleton seine olympische Premiere. Danach dauerte es weitere 20 Jahre bis die Skeleton-Athleten, wieder nur die Herren, erneut unter den olympischen Ringen starten durften: 1948 in Sankt Moritz (Sieger: Nino Bibbia aus Italien).

Und viele Jahre, genau 54, mußten vergehen, bis Skeleton wieder Zutritt in die olympische Familie erhielt: 2002 in Salt Lake City war es wieder so weit (Siegerin: Tristan Gale aus den USA / Sieger: Jim Shea aus den USA). Seitdem, 2006 in Turin, 2010 in Vancouver und 2014 in Sotschi, ist Skeleton aus den olympischen Angeboten nicht mehr wegzudenken. In Pyeongchang 2018 feiern die Skeletoni, zumindest die männlichen, einen runden Geburtstag: Vor dann genau 90 Jahren wurde erstmals um olympische Medaillen im Skeleton gefahren…

Marko Michels

Foto (Bayerische Bereitschaftspolizei-Pressestelle): Anna Fernstädt.