Nachgefragt bei Björn Bromberger, Geschäftsführer des SC Neubrandenburg

Lena Meißner – die ambitionierte Triathletin des SC Neubrandenburg. Foto: Jo Kleindl

Das Sportjahr 2017…Was war da noch gleich? Ach ja, die Winter-Universiade in Almaty, die „World Games“ in Wroclaw, die Sommer-Universiade in Taipei, der Fußball-Konföderationen-Cup in Russland, die Schwimm-WM in Budapest, die Leichtathletik-WM in London, die Turn-WM in Montreal, das Formel 1-Duell zwischen Lewis Hamilton bzw. Sebastian Vettel und weitere diverse Welt-Titelkämpfe und EM in den olympischen bzw. nicht-olympischen Sportarten.

Auch für den SC Neubrandenburg und dessen Athletinnen bzw. Athleten gab es einige Höhepunkte…

Wie beurteilt jedoch SCN-Geschäftsführer Björn Bromberger das Sportjahr 2017 aus Sicht seines Vereines?!

Nachgefragt

Björn Bromberger über die Entwicklung des SC Neubrandenburg, das Sportjahr 2017 aus SCN-Sicht, die Angebote des Vereins, den Zuspruch zum SCN und kommende Herausforderungen

„Das Motto `Sport erleben – Leistung fördern` wird beim SCN gelebt…“

Frage: Das Sportfahr 2017 ist fast Historie. Wie verlief das Jahr für den SCN? Was waren für Sie die besonderen Momente?

Björn Bromberger: Für 2017 ist festzustellen, dass die Richtung stimmt. Wir waren national und international erfolgreicher als letztes Jahr. Gerade beim Nachwuchs konnten wir deutlich besser abschneiden. In unseren drei Schwerpunktsportarten (Leichtathletik, Triathlon und Kanusport) waren wir bei EM, WM und den Olympic Hope Games erfolgreich.

Besonders schön ist es, wenn die Sportler strahlen und mit Ihrer Leistung oder dem Erfolg zufrieden sind. Für mich war der Titel von Lijiao Gong (WM-Gold im Kugelstoßen in London – red. Anm.) ein Höhepunkt. Viele wissen gar nicht, dass Lijiao Mitglied im SCN ist. Sie hat damit auch eine besondere Beziehung zum SCN.

Aber auch unsere Nachwuchssportler konnten zeigen, dass sie erfolgreich sind. Lena Meißner, Tim Ader, Claudine Vita und Wiebke Glamm sind einige Beispiele dafür. Ich hoffe, dass wir nächstes Jahr noch den einen oder anderen Erfolg mehr feiern können. Aber auch personell konnten wir uns verstärken. Lisa Schiffer verstärkt unser Trainerteam bei den Kanuten, sodass wieder alle Stellen besetzt sind.

Frage: Wenn vom SC Neubrandenburg gesprochen wird, denken viele an Leichtathletik, Kanu-Rennsport und Triathlon. Wie viele Sportarten bietet der SCN eigentlich an? Wie viele Mitglieder zählt der Verein?

Björn Bromberger: Der SCN besteht aus neun Abteilungen, die den Sport für unsere Mitglieder organisieren. Wir haben aber noch viel mehr Sportarten im Repertoire. Die ganz Kleinen sind beim Pitti- oder Bummi-Sport.

Dann bieten wir Breiten- und Gesundheitssport, Fußball, Volleyball, Tanzen und Behindertensport an. Dabei sind die Volleyballerinnen, die Turniertänzer und die Behindertensportler landesweit oder darüber hinaus führend.

In der Abteilung Kanu geht es nicht nur um Rennsport, sondern auch im Wasserwandern, Outrigger und Drachenboot. Im Bereich Breiten- und Gesundheitssport präsentieren wir ein breites Spektrum von Aquagymnastik über Sportgruppen bis zu Reha-Sport. Damit lebt der SCN sein Motto: „Sport erleben – Leistung fördern“. Insgesamt trainieren so rund 1650 Mitglieder im SCN.

Frage: Wie ist der Zuspruch der jungen Sporttalente zum SCN?

Kanusport Symbolfoto

Symbolfoto

Björn Bromberger: Generell haben wir da einen hohen Zuspruch. So ist zumindest meine Rückmeldung von den Sportlern. Leider gestaltet sich der Verbleib von Sportlern am Standort in Neubrandenburg zum Teil schwierig. Als Hauptgrund wird die fehlende Universität genannt.

Mit der Hochschule Neubrandenburg gibt es bereits eine gute Zusammenarbeit. Auch mit örtlichen Unternehmen haben wir gute Erfahrungen gemacht. Je breiter das Angebot des SCN für junge Menschen ist, umso höher ist auch der Zuspruch der Sportler. Wir sind deshalb noch mehr bemüht, die Sportler auch nach der Schule zu begleiten und in Zusammenarbeit mit dem Olympiastützpunkt M-V am Standort zu halten.

Frage: Welche wichtigen Veranstaltungen / Wettkämpfe gibt es für den SCN und dessen Sportler bis zum Jahresende noch?

Björn Bromberger: Neben den verschiedenen Sichtungen und Kadertests der Abteilungen Kanu, Triathlon, Leichtathletik und Volleyball sind dieses Jahr noch das Weihnachtssportfest/Winterwurf mit der Landesmeisterschaft über 2000 Meter bzw. 3000 Meter und der Silvesterlauf geplant.

Letzte Frage: Welche Herausforderungen stehen für den SCN 2018 auf der Agenda?

Björn Bromberger: Der SCN arbeitet gerade an einer besseren IT-Struktur. Innerhalb des Vereins soll die Vernetzung besser werden und nach außen wird die Homepage erneuert. Das wird uns bis ins Jahr 2018 beschäftigen.

Sportlich wird die Schwierigkeit darin bestehen, die Leistungen des Jahres zu wiederholen bzw. zu bestätigen. Unsere Sportler sind ja keine Maschinen. Spannend wird die Entscheidung, wer zur EM der Leichtathleten nach Berlin fährt. Aber wir sind auch für 2018 optimistisch.

Vielen Dank, weiterhin bestes Engagement für Ihren Verein und maximale Erfolge für die SCN-Athleten!

Exkurs: Sportliches Kalenderblatt vom September 2016 zum SC Neubrandenburg

Sportlicher Blick zum SC Neubrandenburg / Vorgestellt: Christina Dittmer, die beim SC Neubrandenburg die Abteilung für den Handicap-Sport aufbaute und Paralympics-Starterin Lindy Ave entdeckte… (13.9.16)

Die 15.Paralympics in Rio de Janeiro stehen zurzeit im sportlichen Fokus. Aus Mecklenburg-Vorpommern waren und sind dabei siebzehn Athletinnen und Athleten aus Mecklenburg-Vorpommern aktiv vor Ort (Rostock-Sport berichtete) – Sportlerinnen und Sportler mit Handicaps aus dem deutschen Nordosten, die ihren Geburtsort oder ihren Verein in M-V haben.

Von Lindy Ave…

Lindy Ave – gebürtige Neubrandenburgerin und einstige SCN-Athletin. Foto: Oliver Kremer, sports.pixolli.com

Eine von diesen Sportlerinnen ist Lindy Ave, die bei Rostock-Sport auch schon vorgestellt wurde. Lindy ist Jahrgang 1998, wurde in Neubrandenburg geboren und startet für die HSG Uni Greifswald.

Mit ihren knapp 18 Jahren konnte die gebürtige Neubrandenburgerin bereits einige herausragende Erfolge feiern, so bei den Junioren-WM 2015 mit Gold über die 100 Meter bzw. jeweils Silber über die 200 Meter bzw. im Weitsprung und bei den Junioren-WM 2016 mit jeweils Gold über die 100 Meter bzw. 200 Meter sowie mit Bronze im Weitsprung.

Bei den Elite-WM 2016 konnte Lindy ebenfalls überzeugen – mit fünften Rängen über die 100 Meter bzw. 200 Meter und mit Rang sechs im Weitsprung.

…und ihrer Entdeckerin Christina Dittmer

Entdeckt hat die ambitionierte Sportlerin, die bei den Paralympics 2016 weitere internationale Erfahrung im Elite-Bereich sammeln möchte, Christina Dittmer vom SC Neubrandenburg. Christina Dittmer war zugleich die erste Trainerin von Lindy Ave.

Christina Dittmer ist ohnehin eine Wegbereiterin des Sportes für Athletinnen und Athleten mit Handicaps beim SC Neubrandenburg. Sie baute beim SCN im Jahre 2007 eine Abteilung für den Handicap-Sport beim SCN auf, die insbesondere in den Bereichen Leichtathletik und Boccia in Deutschland und darüber hinaus einen ausgezeichneten Ruf hat.

MM fragte bei Christina Dittmer nach

Christina Dittmer über die Entwicklung der Abteilung für Sport mit Athletinnen bzw. Athleten mit Handicaps beim SCN, ihre Arbeit vor Ort, die bisherigen sportlichen Erfolge, Paralympics-Starterin Lindy Ave und die Suche nach einer Nachfolgerin bzw. einem Nachfolger

„Ein Entwicklungsprozess, der anstrengend war, aber zugleich viel Freude bereitete…“

Frage: Frau Dittmer, vor neun Jahren schufen Sie beim SC Neubrandenburg eine Abteilung für den Sport für Athletinnen bzw. Athleten mit Handicaps. Wie verlief die Anfangszeit? Welche Hürden waren zu meistern?

Christina Dittmer: Der Verband für Behinderten- und Rehabilitationssport M-V (VBRS MV) hat 2007 in Zusammenarbeit mit dem Bildungsministerium ein Projekt ins Leben gerufen bei dem es darum geht, Menschen mit Behinderung genau solche Entwicklungschancen zu geben, wie zum Beispiel Kindern und Jugendlichen an den Sportgymnasien ohne Einschränkungen.

Ich wurde als Lehrerin bzw. Trainerin eingestellt und genau diese ausgezeichnete Zusammenarbeit zwischen den Schulen sowie dem Sportclub war aus der heutigen Sicht der einzige richtige Weg.

Heute habe ich mit dem Überregionalen Förderzentrum Neubrandenburg und der Kranichschule Neubrandenburg zwei Partnerschulen, bei denen die Schulleitungen und alle Kollegen hinter mir stehen.

Auch beim Sportclub Neubrandenburg war man nicht so sehr überzeugt davon, dass sich der Behindertensport etablieren kann. Anfang der 1990iger Jahre hatte man schon einmal eine Abteilung Behindertensport, die sich dann wieder aufgelöst hat. Zudem ist der Behindertensport sehr teuer. Kinder von Förderschulen und deren Eltern waren gewohnt, dass alle Leistungen kostenlos sind. Plötzlich sollte man Geld für zusätzliches Sporttreiben bezahlen. Das war nicht so leicht.

Des Weiteren mussten die Kinder an den Förderschulen lernen, dass man beim Training wirklich trainieren muss und dass nicht der Spiel-Spaß allein im Vordergrund steht. Das war ein mühevoller Entwicklungsprozess, der anstrengend war, aber auch immer Freude bereitete. Sonst hätte ich sicherlich nicht durch gehalten.

Frage: Wie ist inzwischen der Zuspruch zum Handicap-Sport beim SC Neubrandenburg aktuell betrachtet?

Christina Dittmer: Heute ist das ganz anders. Der Zuspruch in den Trainingsgruppen ist sehr gut. Heute fördere ich an der Kranichschule dreizehn Kinder und am ÜFZ Neubrandenburg zehn Kinder. Alle in der Sportart Leichtathletik. Nur die besten Sportler dürfen Mitglied beim Sportclub Neubrandenburg werden. Das ist ein Anreiz.

Frage: Insbesondere in der Leichtathletik und beim Boccia weisen die Neubrandenburger Sportlerinnen und Sportler mit Handicaps hervorragende Ergebnisse auf. Welche Erfolge waren dort in diesem Jahr zu verzeichnen?

Christina Dittmer: In der Leichtathletik haben wir in diesem Jahr an sehr vielen schönen Wettkämpfen teilgenommen. Bei den Landesmeisterschaften in Königs Wusterhausen waren die Medaillen unserer Sportler kaum zu zählen.

Aber auch beim Jugendländer-Cup in Rostock, bei dem die besten Sportlerinnen und Sportler aus ganz vielen Bundesländern an den Start gingen, waren wir mit einer Gold-, drei Silber-  und einer Bronze-Medaille im Mehrkampf sehr erfolgreich.

Den krönenden Abschluss bildeten dann die Deutschen Meisterschaften in Berlin. Dort erreichten wir 19 x Gold, 7 x Silber und 8 x Bronze. Das sind einfach großartige Ergebnisse.

Im Boccia haben wir ebenfalls schon einige Erfolge erzielt, so insbesondere der dritte Platz bei den Deutschen Meisterschaften für schwerstbehinderte Menschen zu nennen. Darauf sind wir stolz.

Frage: Sie sind zugleich Entdeckerin der Leichtathletin Lindy Ave, die 2016 auch bei den Paralympics startet. Erinnern Sie sich noch an die Anfangszeit mit Lindy? Was zeichnet Lindy aus?

Christina Dittmer: Lindy war schon immer fleißig und diszipliniert. Im Training hat sie die anderen Sportler mit gezogen. Das ist noch heute so. Es ist eine Freude, sie zu beobachten.

Sie gibt immer 100 Prozent. Oft muss man sie bremsen. Ein „Zuviel“ ist bei ihr manchmal nicht gut. Bedingt durch ihre Krankheit verkrampfen dann ihre Muskeln und es geht gar nichts mehr. Das war auch früher schon so. Dann fiel sie beim Training oft aus.

Ein großer Dank gilt hier ihren Eltern. Sie glaubten stets an Lindy, haben alle nur möglichen Therapien mit ihr gemacht und sorgten stets für ihre medizinische Betreuung. Das hat sich ausgezahlt. Andere hätten vielleicht gesagt: Lindy darf keinen Sport mehr treiben, das ist gefährlich für die Gesundheit des Kindes…

Aber dem war nicht so und das Ergebnis sehen wir jetzt. Es hat sich gelohnt, dran zu bleiben.

Frage: Ende des Jahres gehen Sie in den sportlichen (Un-)Ruhestand. Ist schon eine Nachfolgerin bzw. ein Nachfolger beim SCN in Sicht?

Christina Dittmer: Ich hoffe wirklich sehr, dass wir einen Nachfolger finden. Die Stelle ist überall ausgeschrieben. Aber es wäre wirklich mehr als schade, wenn diese tolle Entwicklung nicht weiter gehen würde. Scheu vor der Arbeit mit behinderten Kindern und Jugendlichen ist völlig unbegründet. Das sind ganz normale Jugendliche. Sie sind ehrgeizig, fleißig, auch pubertär und haben eben ein Handicap. Was ist daran so schlimm. Man muss sie einfach achten. Dann macht diese Arbeit sehr viel Spaß. Ich habe auch bei Null angefangen.

Vielen Dank, weiterhin bestes sportliches Engagement und alles erdenklich Gute!

Anmerkung: Bei den paralympischen Leichtathletik-Wettkämpfen 2016 in Rio de Janeiro gab es aus MV-Sicht vier Medaillen. Die gebürtige Schwerinerin Vanessa Low (für Leverkusen startend, ab 2017 für Australien) gewann Gold im Weitsprung bzw. Silber über 100 Meter in der Handicap-Klasse T 42. Silber errang die gebürtige Ueckermünderin Marianne Buggenhagen (für Berlin startend) im Diskuswerfen/Handicap-Klasse F 54/55. Zu Bronze kam die gebürtige Pasewalkerin Martina Willing (für Cottbus startend) im Speerwerfen/Handicap-Klasse F 55/56.

Vordere Plätze erreichten zudem die gebürtige Neubrandenburgerin Lindy Ave (HSG Uni Greifswald) mit Rang vier über die 4 x 100 Meter, Rang fünf über die 100 Meter und Rang sechs im Weitsprung (Handicap-Klasse T 38). Jana Schmidt vom LAV Rostock belegte über die 100 Meter Rang sechs und im Weitsprung Rang sieben (Handicap-Klasse T 42).

Aktuell (2017) wurde Lindy Ave, Jahrgang 1998, zur „Juniorsportlerin des Jahres“ gekürt. Die ambitionierte Athletin, unter anderem dreifache Juniorinnen-Weltmeisterin sowie Vize-Weltmeisterin über 200 Meter bzw. WM-Dritte über 100 Meter bei den IPC-WM 2017 in London, gehört zu den aussichtsreichsten Medaillen-Anwärterinnen im deutschen Team für die Paralympics 2020 in Tokyo.

Marko Michels