Dr. Peer Kopelmann, Landestrainer M-V für die Para-Leichtathletik, über die EM 2018 in Berlin

Die Para-Leichtathletik EM in Berlin (20. bis 26. August) ist vorbei. Die Resonanz war großartig. Auch weil das deutsche Team vor heimischem Publikum furiose Leistungen erbrachte. Aus Mecklenburg-Vorpommern am Start waren Läuferin und Weitspringerin Lindy Ave und Kugelstoßerin Hanna Wichmann (beide HSG Uni Greifswald). Letztere startete als Junioren-Weltmeisterin von 2016 mit der Keule und JWM-Zweite mit der Kugel. Außerdem in Berlin mit dabei: die gebürtige Pasewalkerin Martina Willing (BPRSV Cottbus), Spezialistin in den Disziplinen Kugelstoßen, Diskus- und Speerwurf.

Lindy Ave (GER) während der European Championships Para- Athletics Berlin 2018. Foto: Binh Truong/DBS

Interview

Dr. Peer Kopelmann zu den Erfolgen von Ave und Wichmann, deren Entwicklung, über die Para-EM allgemein und kommende sportliche Herausforderungen

Frage: Herr Dr. Kopelmann, herzlichen Glückwunsch zu den Erfolgen Ihrer Schützlinge Lindy Ave und Hanna Wichmann in Berlin. Wie verliefen deren Wettkämpfe aus Ihrer Sicht? Wie lautet Ihr Resümee zu den Leistungen der beiden?

Dr. Peer Kopelmann: Lindy Ave und Hanna Wichmann haben die Erwartungen und kühnsten Hoffnungen deutlich übererfüllt. Mehr war für beide absolut nicht möglich. Hanna hat sich mit der Kugel den Traum von einer EM-Medaille erfüllt und dann mit dem Gewinn der Silbermedaille beim Keulenwurf noch einen drauf gesetzt. Sie hat sich erneut als nervenstark bewiesen und beide Medaillen letztendlich verdient gewonnen.

Bei Lindy sieht das etwas anders aus. Das gesamte Jahr stand im Zeichen des angestrebten erfolgreichen Berufsabschlusses. Das Training musste gegenüber den Vorjahren deutlich reduziert werden. Die Abschlussprüfungen und auch der leider nicht unproblematische Weg ins Berufsleben stellten gerade in den letzten Wochen vor der EM eine hohe nervliche Belastung dar. So war völlig unklar, mit welcher Form Lindy in Berlin an den Start geht und wie sie die hohe Wettkampfbelastung besteht.

Nach erfolgreicher Abschlussprüfung konnte Lindy dann befreit in die EM starten und gleich am Eröffnungstag Gold für Deutschland und zugleich ihren ersten großen Titel bei den Erwachsenen gewinnen. Im Verlauf der EM kam Lindy, auch dank unserer fleißigen Physio-Abteilung, dann immer besser in Form. Sie hat sich erneut als sehr ehrgeizige Kämpferin erwiesen, die auf der Zielgeraden immer alles gibt. Nach diesem wirklich sehr aufreibenden Ausbildungs- und Trainingsjahr ist sie in Berlin über sich hinaus gewachsen. Vor dieser Leistung muss man den Hut ziehen.

Frage: Welche weiteren sportlichen Ziele haben Lindy und Hanna?

Dr. Peer Kopelmann: Nach den EM folgen im November 2019 die Weltmeisterschaften in Dubai und 2020 die Paralympischen Spiele in Tokio. Diese sind das große Ziel beider Athletinnen. Da die WM im kommenden Jahr sehr spät ist, bilden diese quasi eine Zwischenstation auf dem Weg nach Tokio. Es wird aber sicher ungleich schwerer, sich für diese beiden Höhepunkte zu qualifizieren

Hanna Wichmann (GER) während der European Championships Para- Athletics Berlin 2018. Foto: Ralf Kuckuck / BS Berlin

Frage: Wie lautet Ihre Gesamteinschätzung der EM? Welche Länder waren besonders leistungsstark? Wie ist die Bilanz für das deutsche Team?

Dr. Peer Kopelmann: Beeindruckend in Berlin waren neben den gewohnt erfolgreichen britischen Athletinnen und Athleten vor allem die zahlreichen Erfolge des polnischen Teams. Auch die Ukraine und Frankreich haben sich als führende Para-Leichtathletik-Nationen Europas sehr positiv dargestellt. Mit 42 Medaillen – 14 Gold-, 19 Silber und 9 Bronzemedaillen – fällt aber auch die Bilanz des deutschen Teams positiv aus.

Hinter den genannten Nationen belegte das deutsche Team Rang 5 der Medaillenwertung. Nahezu alle Athletinnen und Athleten  konnten zum Saison-Höhepunkt ihre Leistungsvermögen abrufen, erzielten Saison- oder persönliche Bestleistungen oder gar, wie Birgit Kober und Marcus Rehm, Weltrekorde.

Frage: Wie sind die Trainingsbedingungen für Lindy und Hanna zu bewerten? Haben beide neben dem Sport auch berufliche Perspektiven?

Dr. Peer Kopelmann: Die Trainingsbedingungen in Greifswald sind befriedigend, im Sommer sogar ganz gut. Leider verfügen wir in Greifswald nur über eng begrenzte Hallenkapazitäten, so dass es in den für die Leichtathletinnen und Leichtathleten wichtigen Herbst- und Winter-Monaten schon zu einigen Einschränkungen beim Training kommt.

Lindy Ave startet nach ihrer unmittelbar vor der EM erfolgreich abgeschlossenen Berufsausbildung in  das Berufsleben. Sie beginnt im „Maritimen Jugenddorf Wieck“, einem langjährigen Partner der Greifswalder Para-Leichtathleten, ins Berufsleben. Hanna arbeitet seit zwei Jahren in der „Greifenwerkstatt“ des Pommerschen Diakonievereins in Greifswald. Von dort erhält Hanna viel Unterstützung für ihre sportliche Entwicklung, wird für Trainingslehrgänge und Wettkämpfe freigestellt.

Letzte Frage: Gibt es weitere herausragende Talente in M-V, die „auf dem Sprung“ zu internationalen Wettkämpfen sind?

Dr. Peer Kopelmann: Dank der zielgerichteten Talentsichtung und -förderung gibt es einige sportliche Talente, die durchaus das Potenzial haben, in den kommenden Jahren an internationalen Nachwuchsmeisterschaften teilzunehmen. Der Greifswalder Nils Krake oder Karol Mikesz werden in jedem Jahr zu den DBS-Sichtungslehrgängen eingeladen, bei denen das verantwortliche Trainerteam um Nachwuchsbundestrainerin Helena Pietsch ihre Entwicklung aufmerksam verfolgt.

Besten Dank und weiterhin viel Erfolg!

Info: Die gebürtige Pasewalkerin Martina Willing (für Cottbus startend), dreifache Speer-Para-Europameisterin (2012, 2014 bzw. 2016), dreifache Speer-Para-Weltmeisterin (1998, 2006 bzw. 2015), Kugel-Para-Weltmeisterin 2013 und dreifache Speer-Paralympics-Siegerin (1992, 1996 und 2008) war auch in Berlin erfolgreich. In jeder ihrer Disziplinen (Speer, Kugel und Diskus) holte sie EM-Silber.

 

M. Michels