Im Gespräch mit Eiskunstläuferin Annika Hocke

Eine ereignisreiche Eiskunstlauf-Saison 2017/18 ging mit den Weltmeisterschaften in Mailand Ende März zu Ende. Nach der Grand Prix-Serie, den EM in Moskau, den Vier-Kontinente-Meisterschaften in Taipei und den olympischen Entscheidungen in Pyeongchang waren die Welt-Titelkämpfe in der italienischen Metropole das krönende Finale des olympischen Eiskunstlauf-Jahres. Aus deutscher Sicht konnten erneut, wie schon in Pyeongchang, Aliona Savchenko/Bruno Massot im Paarlaufen jubeln. Während sie sich in Pyeongchang vor Sui Wenjing/Han Cong (China) bzw. Meagan Duhamel/Eric Radford (Kanada) durchsetzten, gewannen Aliona bzw. Bruno in Mailand vor JewgeniaTarassowa/Vladimir Morosow (Russland). Die Kanadierin Kaetlyn Osmond aus Kanada triumpfierte derweil in der Damenkonkurrenz. Bei den Herren siegte Nathan Chen aus den USA. Das beste Eistanz-Duo stellte Frankreich – mit Gabriella Papadakis/Guillaume Cizeron.

Eine gute Saison hatte auch das zweite deutsche Paarlauf-Duo Annika Hocke (Jahrgang 2000) und Ruben Blommaert (Jahrgang 1992) vom SC Charlottenburg und SC Berlin.

Annika Hocke und Ruben Blommaert (Foto: Michl Heckmair)

Interview

Annika Hocke über ihre Saison mit Ruben Blommaert, den olympischen Wettkampf, die WM in Mailand, ihren Trainingsalltag, weitere Ambitionen und ihren Ausgleich zum Eiskunstlaufen

„Besser hätte ich mir meinen Start in die Paarlauf-Welt nicht vorstellen können…“

Frage: Herzlichen Glückwunsch erst einmal zu einer guten Eiskunstlauf-Saison 2017/18. Wie lautet Ihr Resümee?

Annika Hocke: Phantastisch! Besser hätte ich mir meinen Start in die Paarlauf-Welt nicht vorstellen können. Wir haben es nach nur wenigen Monaten gemeinsamen Trainings geschafft, uns für die Olympischen Spiele zu qualifizieren und es dort ins Finale geschafft. Unser EM-Start verlief mit Platz acht sehr gut. Und zum Abschluß bei der WM haben wir es erneut ins Finale geschafft und uns dort sogar noch auf Platz dreizehn verbessern können. Mit einer neuen persönlichen Bestleistung haben wir unsere erste gemeinsame Saison in Mailand krönen können.

Frage: Und zu Pyeongchang… Wie lief der Paarlauf-Wettkampf aus Ihrer persönlichen Sicht? Was waren für Sie – auch jenseits des Eiskunstlaufens – die besonderen Highlights der Olympischen Winterspiele?

Annika Hocke: Der Paarlauf-Wettkampf in Pyeongchang wird für mich ein unvergessliches Ereignis bleiben. Nicht nur, weil wir ein tolles Kurzprogramm gelaufen sind und das olympische Finale erreichten. Wirklich bewegend war die Aufholjagd von Aliona und Bruno nach dem Patzer im Kurzprogramm und diese Traum-Kür, die Aljona nach so vielen Jahren harter Arbeit endlich das ersehnte Olympia-Gold gebracht hat. Für mich war es DER Moment dieser Spiele in Pyeongchang.

Nachdem unsere Wettbewerbe vorbei waren, sind wir aber auch zu allen Spielen der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft gegangen, die von Sieg zu Sieg eilte, das Finale erreichte und Olympia-Silber erkämpfte. Es war schön, das aus der Nähe mit zu erleben.

Frage: Zu den WM in Mailand… Wie charakterisieren Sie den dortigen Wettkampf? Wie waren die Organisation und die Stimmung vor Ort?

Annika Hocke und Ruben Blommaert bei der EM 2018 (Foto: privat)

Annika Hocke: Bei der WM in Mailand war die Halle an allen Tagen gut gefüllt und die Stimmung extrem gut. Es ist schön, wenn man unten auf dem Eis steht und spürt die Unterstützung von den Rängen. Das hat uns ja auch noch einmal zu einer neuen persönlichen Bestleistung gepuscht. Es waren auch sehr viele deutsche Fans da, weil Mailand ja von hier aus schnell und gut zu erreichen ist. Aber man muss auch sagen, dass das Publikum generell sehr fair und motivierend war.

Vor allem jene, bei denen die Programme nicht so liefen, wie zum Beispiel beim Chinesen Boyang Jin, der fünfmal stürzte, wurden großartig angefeuert. Da freut man sich als Athlet, wenn auch diejenigen, die nicht gerade ihren besten Tag haben, unterstützt werden und dann trotz aller Fehler auf einer Sympathie-Wolke durch das Programm getragen werden.

Frage: Wie sieht eigentlich ein Trainingstag bei Ihnen aus?

Annika Hocke: Ich stehe morgens zwischen 6.00 Uhr und 7.00 Uhr auf, fahre einmal quer durch die Stadt zur Schule (Diese liegt direkt auf dem Gelände des Sportforums Hohenschönhausen!). Mittags haben wir dann die erste Trainingseinheit mit Trockenübungen und Eis. Dann wieder Schule und von circa 16.00 Uhr/17.00 Uhr an wieder Trocken-Training und Eis. Zwischendrin muss man dann noch Physiotherapie, Ballett und Athletik-Training unterbringen. Also… Der Tag ist eigentlich immer zu kurz. Abends bin ich dann so gegen 20.00 Uhr/20.30 Uhr zu Hause.

Frage: Wie geht es nun für Sie weiter – sportlich und beruflich?

Annika Hocke: Durch unsere gute Leistung bei der WM werden wir mindestens einen Grand Prix bekommen. Dann planen wir natürlich wieder mit einem EM- und WM-Start. Generell wird unsere Saison in diesem Jahr sicher später beginnen (müssen), denn Ruben, der Sportsoldat ist, muss jetzt erst mal für neun Wochen zur Bundeswehr. Gemeinsames Training gibt es also erst einmal lange Zeit fast gar nicht. Danach werden wir zwei neue Programme einstudieren und dann auch wieder voll trainieren. Ich gehe in die elfte Klasse und habe noch jede Menge Stoff und Klausuren nachzuholen. Außerdem nutze ich die Zeit  jetzt, um einen Führerschein zu machen und trainiere natürlich allein weiter, bis Ruben wieder da ist.

Letzte Frage: Welchen Ausgleich zum Eiskunstlaufen haben Sie?

Annika Hocke: Da gibt es eigentlich nicht so viel, wofür Zeit bleibt. Schule und Sport füllen mich komplett aus. Wenn aber etwas Zeit vorhanden ist, am Sonntag zum Beispiel,  dann backe ich leidenschaftlich gern. Da ich ja sehr auf mein Gewicht achten muss, profitiert Ruben dann häufig von meinen neuen Keks-Kreationen.

Vielen Dank und weiterhin alles erdenklich Gute – persönlich, in der Schule und sportlich!


 

M-V ebenfalls mit hervorragenden Eiskunstläuferinnen und Eiskunstläufern

Rostocker Eiskunstläuferinnen bei einer früheren Show-Veranstaltung in Schwerin Foto: M.M.

Eiskunstläuferinnen und Eiskunstläufer aus dem deutschen Nordosten waren dieses Mal leider nicht dabei, aber Mecklenburg-Vorpommern hatte in der Vergangenheit bereits hervorragende Eiskunstläufer, die bei Weltmeisterschaften Beachtliches erreichten. Der 1979 in Greifswald geborene Robin Szolkowy konnte mit Partnerin Aliona Savchenko (beide für Chemnitz startend) bei den WM 2008 in Göteborg, 2009 in Los Angeles, 2011 in Moskau, 2012 in Nizza und letztendlich 2014 in Saitama im Paarlaufen triumphieren. Bei den EM 2007, 2008, 2009 sowie 2011 gab es dazu noch Gold und bei den Olympischen Spielen 2010 bzw. 2014 jeweils Bronze.

Zu Edelmetall bei internationalen Großereignissen in der Paarlauf-Disziplin kam zudem ein gebürtiger Rostocker. Rolf Oesterreich (Jahrgang 1952) erkämpfte mit Partnerin Romy Kermer (beide für Berlin startend) 1975 und 1976 jeweils WM-Silber sowie WM-Bronze 1974. Von 1974 bis 1976 kürte sich das Duo dreimal zum Europameister. Der Höhepunkt war zweifellos Olympia-Silber 1976.

Ein weiterer gebürtiger Rostocker war dagegen im Herren-Einzel sehr gut dabei. In den 1960ern avancierte Ralph Borghard (Jahrgang 1944) dreimal zum DDR-Meister (1963, 1964 sowie 1966). Bei den EM 1963 und 1966 belegte er jeweils Rang sechs und bei den WM 1966 erreichte er Platz vierzehn.

Aktuell werden junge Eiskunstlauf-Talente aus M-V beim 2000 gegründeten Rostocker Eiskunstlauf-Verein engagiert und kompetent betreut.

Text und Interview: M. Michels