Die frühere Eiskunstläuferin Christine Stüber-Errath über ihre Karriere, die olympischen Wettkämpfe 2018 und ihr aktuelles Leben

© Christine Stüber-Errath

Reges Zuschauer-Interesse fanden bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang die Eiskunstlauf-Wettbewerbe. Auch vor 42 Jahren war das Interesse am Eiskunstlaufen immens. Seinerzeit standen die XII. Olympischen Winterspiele 1976, unter anderem mit den dortigen Eiskunstlauf-Entscheidungen, im sportiven Fokus. Eine, die dort das Niveau maßgeblich bestimmte, war Christine Errath, Jahrgang 1956, vom SC Dynamo Berlin. Hinter der Amerikanerin Dorothy Hamill bzw. der Niederländerin Dianne de Leeuw und vor Anett Pötzsch (SC Karl-Marx-Stadt), die Olympiasiegerin 1980, sowie Isabel de Navarre (EC Bad Tölz) belegte Christine Errath den Bronze-Rang. Zwei Jahre zuvor, 1974, hatte sie bereits WM-Gold in München errungen. Bei EM war die Berlinerin dreimal erfolgreich: 1973 in Köln, 1974 in Zagreb und 1975 in Kopenhagen.

Aktuell zeigt Christine Errath, nunmehr verheiratete Stüber, ihr eiskunstläuferisches Können im Film von Alexandra Sell „Die Anfängerin“, der derzeit in den Kinos zu sehen ist. Bei der Vorführung des Films im „Capitol“ in Schwerin war Christine Stüber-Errath am 11. Februar 2018 auch vor Ort.

Interview

Christine Stüber-Errath über ihre sportliche Karriere, ihren olympischen Wettkampf 1976, über nie endenden Kampfgeist und Zuversicht, über wahr werdende Träume, die olympischen Eiskunstlauf-Wettkämpfe 2018, den Film „Die Anfängerin“, ihr Buch „Meine erste 6,0“ und ihr aktuelles Leben

„Das Leben hält so viele kleine und große Wunder bereit…“

Frage: Vor 42 Jahren wurden Sie bei den Winterspielen 1976 Olympia-Dritte. Wie verlief der Wettkampf? Wie war damals die Vorbereitung darauf?

Christine Stüber-Errath: Das war für mich ein sehr bewegtes Jahr. Im November 1975, also wenige Wochen vor Beginn der Olympischen Spiele 1976, stürzte ich bei einem Schaulaufen und musste verletzt von der Eisbahn getragen werden. Ich lag im Krankenhaus und sah, meine olympische Chance in weite Ferne rücken.

Doch es gibt immer einen Weg! Das ist meine Lebensphilosophie. Ich begann dann im Dezember 1975 wieder mit dem Training. Um in den Schlittschuh zu gelangen, hielt ich vor jedem Training meinen kranken Fuß in einen Eimer mit Eiswürfeln, bis er taub war. Nur so war es möglich, in den harten Schlittschuh zu gelangen.

Ich musste die Zähne sehr zusammenbeißen. Aber ich hatte eben den ganz großen Traum von einer olympischen Medaille – und Träume können durchaus wahr werden. Das konnten wir ja aktuell gerade bei Aliona Savchenko und Buno Massot erleben. So schön, wie die Beiden gelaufen sind und verdient gewonnen haben! Alle Zuschauer waren von der Kür berührt …

Zurück jedoch zu 1976: So war es für mich 1976 auch ein kleines Wunder, dass ich in Innsbruck letztendlich die Bronzemedaille erkämpfen konnte. Noch heute bin ich darauf stolz. Und ich sage immer wieder, dass frau/man nicht aufgeben darf. Das Leben hält so viele kleine und große Wunder bereit.

Frage: Welche Herausforderungen brachte nun die aktuelle Filmrolle mit sich?

Christine Stüber-Errath: Schon 2010 fragte mich Alexandra Sell, die Regisseurin von „Die Anfängerin“, ob ich die Film-Idee unterstützen würde. Ich war erst skeptisch, weil ich glaubte, dass es schwierig sei, diesen Sport authentisch auf der Leinwand abzubilden. Alexandra Sell entwickelte jedoch eine so beeindruckende Geschichte, dass ich mich sehr geehrt fühlte, in dem Film mitwirken zu dürfen.

Es geht darin ja vor allem um Träume, die wahr werden können. Also genau mein Thema. Außerdem wollte ich mit nunmehr 60 Jahren auch anderen Menschen Mut machen, dass es nie zu spät ist, seine Träume zu leben.

Was mich aber schon am Drehbuch besonders begeistert hat, ist die Authentizität, mit der „Die Anfängerin“ die Sportart Eiskunstlaufen abbildet: Angefangen von der grandiosen Hauptdarstellerin, Ulrike Krumbiegel, die alle Szenen im Film selber läuft, ohne Double, bis hin zu den zahlreichen Berliner Eiskunstläuferinnen und Läufern, die in dem Film mitwirken, über die Fans, die aus ganz Deutschland zu den Dreharbeiten angereist sind – alles ist echt in diesem berührenden Film.

Ohne Tricks erzählt Alexandra Sell von der Emanzipation der Hauptfigur, die sich von ihrer strengen Mutter (Großartig Annekathrin Bürger als Dr.Irene Handschke!) am Ende des Films nichts mehr sagen lässt, ihrer Mutter aber trotzdem verzeiht.

Der Zuschauer kann erstmals einen ehrlichen Blick hinter die Kulissen des Trainings beim Eiskunstlaufen werfen. Das ist schon sehr hart für die Zuschauer, die miterleben, dass man beim Eiskunstlaufen auch hinfällt. Und das tut oft weh.

Für mich war es eine Herausforderung, nach 20 Jahren Eis-Pause wieder mit dem Training zu beginnen. Heute als Hobbyläuferin… Auch ein Wagnis! Ich wollte mich mit meinem Auftritt natürlich nicht blamieren. Aber ich hatte auch die Chance, anderen Menschen Mut zu machen, dass man sich in jedem Alter etwas zutrauen kann und soll.

Ich bin inzwischen 61 Jahre und durch das Üben in meiner Eislaufgruppe vergesse ich auf dem Eis auch alle meine Sorgen. Jeder Zuschauer kann sich überzeugen, dass es mir doch wieder gelungen ist, ein wenig über das Eis zu schweben.

Frage: Zu den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang. Verfolgten Sie das dortige Geschehen intensiv?

Christine Stüber-Errath: Ich fieberte mit allen Athletinnen und Athleten mit. Es ist einfach das Größte für jeden, bei Olympia dabei sein zu dürfen. Nur alle vier Jahre hat frau/man die Chance, dort eine Medaille zu gewinnen. Das macht die Wettbewerbe so besonders.

Und Erfolge, die nicht vorhersehbar waren, bringen Olympia auch ganz nah zu den Herzen der Zuschauer. Wenn ich nur an die Begeisterung über die Silbermedaille unserer Eishockeyspieler denke. Einfach toll. Ich finde auch, dass niemand von den Sportlerinnen bzw. Sportlern unangemessene Kritik verdient hat. Man muss sich vorstellen, dass es wirklich nach Jahren des Trainings immer auf den Moment ankommt und auf die Tagesform. Manchmal fehlt da auch das kleine bisschen Glück.

Frage: Wie war eigentlich das ganze Drumherum bei den olympischen Wettkämpfen im Eiskunstlaufen 1976? Mit Romy Kermer und den gebürtigen Rostocker Rolf Oesterreich (Silber, Paarlaufen) und Manuela Groß/Uwe Kagelmann (Bronze, Paarlaufen) gewannen ja noch zwei Duos ihres damaligen Vereines Medaillen in Innsbruck…

Christine Stüber-Errath: Wie eingangs erwähnt, stand Olympia für mich damals unter einem besonderen Stern. Da ich vorher auch nicht zu den Qualifizierungswettkämpfen, wie zum Beispiel der DDR-Meisterschaft antreten konnte, wurde ich unter Vorbehalt in die Mannschaft „delegiert“. Und meine Trainerin, Inge Wischnewski, konnte ich nur während der Trainingsstunden sehen. Sonst betreute mich Jutta Müller, die ja nicht meine vertraute Trainerin war. Anett Pötzsch zählte zu ihren Schützlingen und Anett hatte auch das Ziel, eine Medaille zu gewinnen. Diese Situation zerrte sehr an meinen Nerven.

In meiner Erinnerung ist natürlich die einzigartige Atmosphäre im Olympischen Dorf, in dem ja alle Sportlerinnen und Sportler gemeinsam wohnen. Zu meiner Zeit allerdings getrennt, also Frauen und Männer in extra Häusern. Das war schon lustig, was da manche angestellt haben, um sich auch einmal privat miteinander zu unterhalten. Ich werde nie vergessen, wie ein USA-Eiskunstläufer versucht hat, sich in Frauen-Kleidern Zutritt ins „Frauen-Dorf“ zu erschleichen. Hat aber geklappt…

Frage: Was war ansonsten für Sie ganz persönlich der Höhepunkt Ihrer eiskunstläuferischen Karriere?

Christine Errath-Stüber: Das bleibt Olympia 1976 und dieser unvergessliche Moment, in dem ich als Medaillengewinnerin auf dem Treppchen stand. Das war ein Moment für die Ewigkeit.

Frage: Und wie beurteilen Sie die olympischen Eiskunstlauf-Wettkämpfe 2018?

Christine Errath-Stüber: Ich bin hin- und hergerissen. Auf der einen Seite möchte ich sagen, dass die Kür von Aliona Savchenko und Bruno Massot das Schönste und Berührendste war, was ich jemals im Paarlaufen gesehen habe. Auf der anderen Seite empfinde ich das Eiskunstlaufen von heute als zu technisch. Die vielen vierfachen Sprünge und Sprung-Kombinationen verzerren oft den Eindruck von einem harmonischen Programm.

Außerdem kann ich es bei den Frauen, aber auch verstärkt bei den Männern kaum ertragen, wenn sich die Athleten bei einer Pirouette artistisch verdrehen. Das tut mir fast körperlich weh und ich empfinde das auch nicht als ästhetisch. Aber das ist meine Meinung. Ich finde im Eiskunstlaufen könnte „weniger“ manchmal „mehr“ sein.

Letzte Frage: Wie sieht Ihr Leben heute aus – sportlich, beruflich und persönlich? Es gibt ja auch ein interessantes Buch über ihre Karriere…

Christine Errath-Stüber: Natürlich gehe ich weiterhin regelmäßig aufs Eis. Und ich genieße, so oft ich kann mit meinem Mann, Dr. Paul Stüber, die zauberhafte Natur vor unserer Haustür in Wildau. In diesen Tagen und Wochen treffe ich außerdem fast jede Woche Zuschauer und Fans von „Die Anfängerin“. Der Film und die anschließenden Filmgespräche kommen bei den Kinobesuchern sehr gut an. Die Hintergründe zu diesem Film zu erfahren ist ausgesprochen spannend.

Ich plaudere sehr gern aus dem „Nähkästchen“. Und in diesem Zusammenhang wünsche ich mir wirklich sehr (!), dass noch mehr Kinos den Film in ihr Programm nehmen. Denn: Es hat in dieser Form noch nie einen so authentischen Film übers Eiskunstlaufen gegeben. Wie es zu diesem Film überhaupt gekommen ist und was wir alles durchkämpfen mussten, dass am 18. Januar 2018 die bundesweite Premiere tatsächlich gefeiert werden konnte, das steht auch in meinem Buch „Meine erste 6,0“, das ich nach den Dreharbeiten und kurz vor meinem 60. Geburtstag 2016 herausgegeben habe.

Gemeinsam mit dem Berliner Journalisten, Jens Rümmler, erfahren hier die Leser in einer Art Plauderei sehr persönliche Details über meine verrückte Lebenskür. Das Buch „Meine erste 6,0“ ist übrigens im Selbstverlag erschienen und inzwischen mehrere Tausend Mal von mir selbst und meinem lieben Mann verkauft und verschickt worden. Es bewegt mich intensiv, wenn mir die Leser und Fans schreiben, dass sie so ein ehrliches, emotionales Buch nicht erwartet haben und dass sie nicht aufhören konnten, zu lesen. Das ist ein wundervolles Kompliment.

Der Titel ist der Tatsache geschuldet, dass ich als Eiskunstläuferin niemals die Höchstnote 6,0 von den Preisrichtern erhalten habe. Nun hat mir das Leben die „6,0“ geschenkt. Und über mein ungewöhnliches Leben als Eiskunstläuferin und was danach alles passiert ist, berichtet das Buch.

Es ist ein tiefer Blick in meine Seele. Und jeder kann erfahren, dass es nicht schlimm ist hinzufallen, man muss nur wieder aufstehen können. Es ist jederzeit über www.christine-errath.de, im Buchhandel und über Amazon erhältlich.

Vielen Dank und weiterhin alles erdenklich Gute – persönlich, beruflich und sportlich!

M. Michels