„Bogenschießen wächst und wird immer größer…“

Bogenschützin Lisa Unruh im Gespräch

Immer mehr Sport-Events füllen inzwischen den Sportkalender. WM, EM, World Games, Universiaden, Olympia und die Paralympics, dazu noch Weltcups oder Grand Prix-Wettkämpfe – mitunter verliert dabei auch der größte Sportenthusiast den Überblick. Nun stehen im Juni die zweiten Europaspiele – nach Baku 2015 – auf dem Programm.

162 deutsche Athletinnen und Athleten (Stand 23. Mai) werden dann, vom 21. bis 30. Juni in Minsk um Medaillen, gute Platzierungen und Punkte für die Olympia-Quali wetteifern. Die Konkurrenz ist groß, denn in der weißrussischen Metropole werden mehr als 6.000 Athletinnen und Athleten aus 50 Ländern erwartet. Gigantisch ist das Ganze zudem: 200 Entscheidungen in 15 Sportarten an neun Tagen stehen auf dem Programm…

Auch eine deutsche Top-Bogenschützin hat in Minsk wieder Großes vor: Lisa Unruh. Was erhofft sich die 31-jährige, zweifache Weltmeisterin von den Europaspielen? Welche weiteren Herausforderungen warten auf sie? Wie sieht ihr Trainingsalltag aus? Nachgefragt…

© Lisa Unruh

Es gibt inzwischen so viele Sport-Events. Was für eine Bedeutung haben da noch die Europaspiele? Es ist doch im Grunde nichts anderes, als viele EM an einem Ort auszutragen…

Lisa Unruh: Nun, wenn man es so betrachtet, stimmt das wohl. Aber: Warum bin ich Sportler geworden!? Nicht weil ich unheimlich gerne trainiere, sondern weil ich an Wettkämpfen teilnehmen will. Ich möchte mich verbessern, unter schwierigen Bedingungen gut schießen und mich mit Freunden aus anderen Ländern treffen. Irgendwann ist man danach „süchtig“ und es macht mir einfach riesigen Spaß. Es sind erst die zweiten Europaspiele, die jemals ausgetragen wurden, und es hat einfach ein Olympia-Feeling. Man lebt in einem „Dorf“ mit allen anderen Nationen, man lernt andere Sportarten kennen und kann sich einmal anschauen, wie die das so machen und vielleicht noch etwas dazulernen. Ich finde es super!

Bogenschießen ist ja nicht gerade ein Publikumsrenner… Wie beurteilen Sie Ihre Sportart? Was könnte noch besser werden um das Bogenschießen besser zu vermarkten?

Lisa Unruh: Tatsächlich muss ich Ihnen da widersprechen. Denn: Als in Rio der Janeiro sogar die Abend-Nachrichten wegen meines Finales verschoben wurden, habe ich ein derart positives Feedback bekommen, was ich nie geglaubt hätte. Die Leute sagten, dass es unheimlich spannend war, zuzuschauen und wie sie mitgefiebert haben. Die meisten Menschen kannten meinen Sport noch nicht einmal.

Mein Weltverband „World Archery“ macht das schon sehr professionell, alle Weltcup-Finals, EM- und WM-Finals sind live auf YouTube anzusehen. Es sind zwar „nur“ immer die Bronze- und Gold-Matches, aber alles andere wäre auch einfach zu langatmig und würde wahrscheinlich niemanden interessieren.

Hinzu kommt, dass wir in diesem Jahr in Berlin die Deutschen Meisterschaften zusammen mit zum Beispiel der Leichtathletik und anderen Sportarten haben, was medial groß zu sehen sein wird. Bogenschießen wächst und wird immer größer. Das finde ich großartig. Schritt für Schritt! Es wird höchstwahrscheinlich nie an Fussball heranreichen, das wäre lächerlich zu denken, ich bin realistisch. Aber das Interesse wächst.

Natürlich kann man immer mehr machen. Ich denke da mehr an Werbung, denn mit Bogenschießen kann man auch viele spektakuläre Dinge machen und die Sache dadurch gut wirken lassen. Schauen wir mal, wie sich die Zukunft entwickelt.

Wo ist für Sie der „Mehrwert“ beim Bogenschießen? Was macht ihn so einzigartig?

Lisa Unruh: Bogenschießen ist (m)eine Leidenschaft. Die Pfeile fliegen zu lassen, das Gefühl zu haben, man beherrscht den Bogen und nicht andersherum. Diese Mischung aus mentaler Stärke, Koordination und Kraft macht es unheimlich komplex. Von außen sieht es so einfach aus, was es aber so gar nicht ist. Wenn Menschen zum ersten Mal meinen eigenen Bogen in die Hand nehmen und ihn spannen, höre ich oft, wie schwer er ist und dass man ja total zittert. Das macht es aus, es einfach wirken zu lassen und das ist auch die Schwierigkeit dahinter.

Wie sieht dabei Ihr Trainingsalltag aus?

Lisa Unruh: In einer Woche, in der kein Wettkampf stattfindet, trainiere ich im Schnitt 40 Stunden. Sonntags mache ich meistens frei, obwohl ich dann ganz gerne noch eine kleine Lauf-Einheit einbaue. Ich trainiere hauptsächlich das Schießen an sich und gehe noch zusätzlich mindestens dreimal in der Woche in den Kraftraum – zweimal Ausdauer, einmal Yoga und tägliche Meditation gehören auch dazu.

China, Korea und Japan gehören zu den Top Nationen im Bogensport. Sie drangen nun in die asiatische Phalanx ein. Wie gelang Ihnen das Kunststück?

Lisa Unruh: Dieses „Kunststück“ gelang mir natürlich nicht alleine. Ich habe ein starkes Team hinter mir, meine Trainer, die mich unterstützen und mir technische Hinweise geben, Physiotherapeuten, die alles wieder gerade rücken, Sportpsychologen, mit denen man über alles reden kann, der Verband und das Land Deutschland, die einem die Wettkämpfe finanzieren, Sponsoren, die Material zur Verfügung stellen und einem unter die Arme greifen, Familie und Freunde, die immer hinter einem stehen und die Bundespolizei, die einem Sicherheit gibt, dass man am Ende nicht allein da steht, sondern einen sicheren Job nach der Sport-Karriere hat. Nur so funktioniert es.

Sie sind noch jung, erreichten sportlich schon fast alles. Welche nächsten Ziele peilen Sie an? Sind Sie noch voll motiviert?

Lisa Unruh:. Ich bin absolut motiviert, ansonsten würde ich das alles nicht mehr machen. Das große Ziel ist es, sechs Quotenplätze für die Olympischen Spiele zu gewinnen, die man in zwei Wochen bei den Weltmeisterschaften vom 10. bis 16. Juni in `s-Hertogenbosch (Niederlande) ergattern kann.

Und wohin soll Ihre berufliche Reise gehen?

Lisa Unruh: Ich werde der Bundespolizei treu bleiben.

Vielen Dank und viel Erfolg bei den WM und den Europaspielen!

 

Erfolge von Lisa Unruh (eine Auswahl):

    • Olympia-Silber 2016
    • World Games-Gold 2017
    • EM-Gold 2015
    • Hallen-WM-Gold 2016 und 2018 mit dem Team
    • WM-Gold im Feldbogenschießen 2014 (nicht olympisch)

Text und Interview: Marko Michels

No items found

Reklame

Nach oben scrollen