Interview mit Erfolgs-Judoka Annika Würfel und Trainer Dirk Spörcke

Die letzten Wochen waren in Sachen Judo äußerst ereignisreich. Auf dem Programm standen unter anderem die U 21-EM in Sofia, die Elite-WM in Baku und die Judo-Wettkämpfe bei den Olympischen Jugendspielen in Buenos Aires. Dabei gab es wieder einmal einen riesen Erfolg für Mecklenburg-Vorpommern. Die achtzehnjährige Annika Würfel vom VfK „Bau“ Rostock bewies erneut ihr großes Können auf der Tatami und gewann bei den U 21-EM Silber.

Judo – Symbolbild

Interviews

Annika Würfel über ihr EM-Silber, kommende Wettkämpfe, ihr Training und die Herausforderungen neben der Tatami

„Es war wirklich ein toller Erfolg…“

Frage: Noch einmal herzlichen Glückwunsch zum EM-Silber. Wie verlief die Meisterschaft aus Ihrer Sicht? Wie war das ganze „Drumherum“?

Annika Würfel: Dankeschön, das war wirklich ein toller Erfolg. Diese EM war ja meine zweite. Nachdem ich im letzten Jahr Bronze bei der U18-EM gewinnen konnte und in diesem Jahr in der neuen Altersklasse auch bei einigen European Cups erfolgreich war, wollte ich natürlich schon gerne um eine Medaille mitkämpfen und die älteren Sportlerinnen etwas ärgern. Ich fühlte mich auch gut und die Vorbereitungen sowie die Anreise verliefen problemlos, was auch wichtig ist. Schließlich starteten meine Kämpfe direkt am ersten Wettkampftag. Dass es nun die Silbermedaille wurde, freut mich natürlich sehr.

Frage: Was sind die kommenden sportlichen Höhepunkte für Sie, noch in diesem Jahr bzw. 2019?

Annika Würfel: Die Saison ist mit diesem Höhepunkt für mich vorläufig zu Ende. Auf dem Terminplan stehen aber noch das Bundesliga-Finale am 3. November, in dem ich für die TSG Backnang kämpfen werde und das Trainingslager im November in Japan. Das Jahr 2019 startet dann wieder mit den nationalen Meisterschaften und geht über die internationalen Qualifikationsturniere bis hin zu den Höhepunkten EM und WM, bei denen ich dann hoffentlich einen Startplatz belegen werde.

EM-Silber für Annika Würfel (links) – Foto: Dirk Spörcke

Frage: Ende September wurden die Elite-WM in Baku ausgetragen. Wie beurteilen Sie die dortigen Ergebnisse?

Annika Würfel: Die japanische Delegation war traditionell wieder sehr erfolgreich vertreten und zeigte vor allem bei den Frauen ihre Stärke und Vormachtstellung, in dem sie fünf von sieben Weltmeistertiteln erkämpfen konnten. In den anderen beiden Gewichtsklassen gewannen sie Silber.

Besonders beeindruckt bin ich von Daria Bilodid (Ukraine) und Uta (Japan), die beide mein Jahrgang sind und jeweils Weltmeisterin in den niedrigen Gewichtsklassen wurden. Aus deutscher Sicht freue ich mich natürlich über die Medaille von Alexander Wieczerzak, der nun zum zweiten Mal hintereinander eine WM-Medaille erkämpfen konnte. Auch wenn ich dem deutschen Team durchaus noch eine oder zwei weitere Medaillen zugetraut hätte, die Konkurrenz ist weltweit natürlich sehr stark. Es sind aber einige internationale Favoriten überraschend schon sehr früh ausgeschieden, was zeigt, wie dicht die Weltspitze zusammen ist. Da kann jeder Fehler entscheidend sein.

Frage: Im Oktober folgten noch die Wettkämpfe bei den Olympischen Jugend-Spielen in Buenos Aires. Für Deutschlands Judoka ist nur Raffaela Igl vom TSV Abensberg dabei. Wäre das auch nicht etwas für Sie gewesen?

Annika Würfel: Die Olympischen Jugendspiele sind schon ein tolles Event. Leider bin ich dafür genau ein Jahr zu alt, deshalb kam ich nicht mehr in Frage. Außerdem darf pro Land nur jeweils eine weibliche und ein männlicher Judoka teilnehmen und der muss auch noch eine bestimmte Weltranglisten-Position haben. Das hat bei den Jungen keiner geschafft. Raffaela hat nun mit ihrem Golderfolg in Argentinien gezeigt, dass sie genau die Richtige für diese Aufgabe war.

Letzte Frage: Wie sieht eigentlich Ihr Trainingsalltag aus? Sind Sie jeden Tag auf der Tatami?

Annika Würfel: Bisher hatte ich in meinem Heimatverein fünfmal die Woche Training auf der Judomatte. Seit Oktober trainiere ich aber am Olympiastützpunkt Berlin. In Berlin startet auch mein Studium und ich kann dann zweimal am Tag trainieren. Zum Judo-Training kommen dann noch Ausdauersportarten wie Laufen oder Schwimmen dazu oder auch der Gang in den Kraftraum.

Vielen Dank und weiterhin maximale Erfolge!

Riesen Erfolg für Annika Würfel (links): Silber bei der U21-EM in Sofia – Foto: Dirk Spörcke

Trainer Dirk Spörcke über seinen sportlichen Schützling Annika Würfel

„Ich bin sehr stolz auf sie!“

Frage: Herzlichen Glückwunsch zu EM-Silber… Wie verlief das Turnier für Annika aus Ihrer Sicht? Wie beurteilen Sie ihre Kämpfe?

Dirk Spörcke: Danke sehr, die Silbermedaille ist der größte Erfolg in Annikas bisherigen Karriere. Ich bin sehr stolz auf sie. Annika hat ein großartiges Turnier gekämpft und sich von Kampf zu Kampf gesteigert. Dabei war die Auftaktbegegnung eigentlich der nervenaufreibendste Kampf. Gegen die Polin Aleksandra Kaleta geriet Annika in eine Festhalte und konnte sich gerade so noch daraus befreien, um später selbst durch eine Festhalte zu gewinnen.

Hätte sie sich nur paar Sekunden später befreit, wäre der Wettkampf schon zu Ende gewesen. Aber Annika zeigte Nervenstärke und gewann. Auch gegen Coraline Marcus Tabellion (Kanada) gewann Annika vorzeitig mit Ippon (ganzer Punkt). Die Kanadierin wurde später noch Drittplatzierte genauso wie Annikas Halbfinalgegnerin Nina Estefania Esteo Linne aus Spanien. Der Kampf gestaltete sich lange offen und wurde zu einer Nervenschlacht. Annika hatte zwar die besseren Ansätze aber die entscheidende Wertung gelang erst kurz vor Schluss mit einer großen Außensichel und löste großen Jubel über den Finaleinzug aus.

Im Finale kämpfte Annika anfangs gut mit, stützte sich dann aber bei einem Wurf der Französin Faiza Mokdar unglücklich mit dem Arm ab, so dass sie aufgeben musste. Insgesamt bewies Annika ihre großen Fortschritte im Laufe diesen Jahres. Sie ist nicht nur technisch besser geworden, gerade im mentalen Bereich hat sie enorm zugelegt. Die Silbermedaille ist ihr Lohn für jahrelange aufopferungsvolle Trainingsarbeit und eine vorbildliche Einstellung.

Frage: Wie verlief die EM-Vorbereitung für Annika?

Dirk Spörcke: Vor jedem Höhepunkt lädt der Bundestrainer zu einer so genannten unmittelbaren Wettkampfvorbereitung (UWV) ein. Diese fand für die U21-Nationalmannschaft in Kienbaum statt, wo die Athleten noch einmal sehr hart trainierten, vor allem viel kämpften und an letzten technischen Feinheiten arbeiteten. Davor und danach trainierte Annika entweder bei uns in ihrem Heimatverein in Rostock oder auch schon an ihrem neuen Trainingsstützpunkt, dem Olympiastützpunkt in Berlin, an dem sie ab Oktober fest trainiert.

Letzte Frage: Welches sind die nächsten Herausforderungen 2018/19 für Annika?

Dirk Spörcke: Die Saison ist für Annika mit der Europameisterschaft zu Ende. In diesem Jahr steht aber noch das Bundesliga-Finale (3.November 2018) an, in dem sie mit ihrem Verein, der TSG Backnang, den Titel des Deutschen Meisters verteidigen möchte. Außerdem geht es mit der Nationalmannschaft im November noch in ein zweiwöchiges Trainingslager nach Japan.

Das nächste Jahr 2019 beginnt dann erstmalig für Annika mit einem Start bei den Deutschen Meisterschaften der Frauen Ende Januar. Weiter  geht es dann mit den Deutschen Meisterschaften U21 Ende Februar/Anfang März. Mit den vielen internationalen Turnieren und den European Cups geht es folgend in die Qualifikationsphase für die EM und WM im kommenden Jahr.

Vielen Dank und weiterhin bestes judosportliches Engagement!

WM und Olympische Jugendspiele in Zahlen

An den WM in Baku nahmen 756 Judoka aus 124 Ländern teil. Diese kämpften um die Medaillen in fünfzehn Entscheidungen. Am erfolgreichsten war Japan mit 17 Medaillen, darunter 8 x Gold. Die restlichen WM-Titel teilten sich Südkorea (zwei) und Frankreich, Georgien, der Iran, die Ukraine bzw. Spanien (je einen). Für die deutsche Mannschaft gab es einmal Bronze – durch Alexander Wieczerzak, den Weltmeister 2017,  im Halbmittelgewicht.

Neun Entscheidungen standen hingegen auf dem Programm der Olympischen Jugendspiele in Buenos Aires. In den Einzel-Konkurrenzen gewannen Kasachstan, Russland, Ungarn, Aserbaidschan, Weißrussland, Deutschland, Rumänien und Venezuela je eine Goldmedaille. Der Gesamt-Erfolg aus deutscher Sicht ging an Raffaela Igl in der Gewichtsklasse bis 78 Kilogramm. Im MIxed-Team-Wettkampf siegte ein multinationales Team mit Kämpferinnen und Kämpfern aus Weißrussland, Taiwan, Usbekistan, Venezuela, Mexiko, Slowenien und Italien.

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EXKURS: Historische Judo-Erfolge für M-V

Judo – Symbolbild

In der Vergangenheit sorgten schon einige Judoka aus M-V bei internationalen Meisterschaften/Turnieren für sportliche Furore: So wurde der 1964 in Schwerin geborene Torsten Oehmigen, der nach seiner Heirat Torsten Brechot hieß und während seiner aktiven Karriere insbesondere für den SC Dynamo Hoppegarten startete, bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul Bronzemedaillen-Gewinner im Halbmittelgewicht. Bereits vor Seoul`88 war Torsten Brechot schon auf der Judo-Matte erfolgreich, wie sein erster Platz bei den Junioren-EM 1983 und sein WM-Silber von 1985 beweisen.

Der Schweriner Brechot hatte allerdings schon einen erfolgreichen Vorgänger. Andreas Preschel, drei Jahre früher als Torsten Brechot in Schwerin geboren und ebenfalls in Hoppegarten aktiv, wurde 1983 Weltmeister im Halbschwergewicht in Moskau.

Zahlreiche internationale und nationale Erfolge feierten außerdem Andreas Paluschek (Rostock), Robert Hütter (Rostock), Günter Krüger (Pasewalk), Fred Ohlhorn (Schwerin) oder Roland Borawski (Schwerin). Aus Schweriner Sicht überzeugte ebenfalls Susi Zimmermann. Sie gewann 2011 in San Salvador ihre dritte Weltcup-Medaille. Ein Jahr zuvor erkämpfte die Landeshauptstädterin WM-Silber mit dem Team.

Nicht zuletzt sammeln die Zwillingsschwestern Ramona und Carmen Brussig vom PSV Schwerin „nonstop“ paralympische und weltmeisterliche Medaillen und Erfolge – seit fast zwei Jahrzehnten.

Ein Judoka, der zwar für den SC Leipzig aktiv war, aber nach seiner sportlichen Karriere zunächst als Berufsschullehrer in Schwerin arbeitete und somit „MV-Bindungen“ aufweist, ist Harald Heinke. Er war zweimal Europameister (1978/1979), zweimal Vize-Europameister (1977/1980) und WM-Dritter (1979). Bei den Olympischen Spielen 1980 in Moskau gewann Heinke zudem Bronze im Halbmittelgewicht – zusammen mit Bernard Tschoullouyan, hinter Schota Chabareli (UdSSR) und Juan Ferrer (Kuba).

 M.Michels