Dr. Antje Vogelgesang von der HSG Uni Greifswald über das radsportliche 2018

Das Jahr 2018 – das war, das ist aus radsportlicher Sicht ein ganz besonderes. Die internationalen Höhepunkte waren insbesondere die Bahnradsport-WM in Apeldoorn und die Straßen-Radsport-WM in Salzburg. Im olympischen Zyklus 2016/2020 ist Halbzeit. Es sind „nur“ noch zwei Jahre bis zu den Spielen 2020 in Tokyo, bei denen natürlich auch wieder der Radsport eine Hauptrolle spielen wird. Hierzulande ging es ebenfalls „hoch her“. In ganz Mecklenburg-Vorpommern wurden die verschiedensten Wettbewerbe, Meisterschaften und Rundfahrten organisiert.

Einen besonderen Stellenwert hat der Radsport auch bei der HSG Uni Greifswald. Dr. Antje Vogelgesang ist Abteilungsleiterin und Nachwuchstrainerin beim Team Radsport. Mit Herz und Blut steckt sie ihre Radkids immer wieder von neuem mit ihrer Begeisterung zum Radsport an. Im Gespräch erzählt die Humanbiologin über die vergangenen elf Monate, die radsportliche Entwicklung bei der HSG Uni Greifswald, die mecklenburgische Erfolgsradsportlerin Lea Sophie Friedrich und über den Stellenwert des Radsportes…

Radsport

Radsport – Symbolfoto

Interview

„Haben enormen Zulauf im Nachwuchsbereich…“

Frage: Das radsportliche Jahr 2018 ist auf der Zielgeraden. Wie verliefen die letzten Monate für das Radsport-Team der HSG Uni Greifswald?

Dr. Antje Vogelgesang: Wir sind sehr zufrieden. Im Nachwuchsbereich bis zur Altersklasse U17 waren wir auch dieses Jahr wieder erfolgreich unterwegs, so dass wir uns über Landesmeistertitel und Siege vor allem in Straßenrennen und auf der Bahn freuen durften. Unsere Erwachsenen holten ebenfalls Titel bei den Landesmeisterschaften, starteten zudem bei den Deutschen Meisterschaften und Benjamin Bräuer auch in der Bundesliga. Letzterer begeisterte uns auch mit einem zweiten Platz der der Finaletappe der Internationalen Oder-Rundfahrt.

Sehr erfreulich ebenfalls die Entwicklung von Robert Bolsmann. Robert stieg dieses Jahr in den Stehersport ein und konnte sich dort etablieren.

Frage: Wie ist der Zuspruch zu Ihrem Radsport-Team? Kommen viele Radsport-Talente zu Ihnen?

Dr. Antje Vogelgesang: Wir haben enormen Zulauf im Nachwuchsbereich. Über 80 Kinder ab anderthalb Jahren treiben bei uns Sport und werden dabei natürlich auch auf dem Laufrad und dem Fahrrad geschult.

Unserer Kernaufgabe, dem Radsport, widmen sich die Kinder dann ab 8 Jahren ganz fokussiert. In dieser Gruppe trainieren aktuell 22 Kinder. Darüber hinaus ist es uns auch gelungen, im Erwachsenen-Bereich wieder mehr Sportler zu gewinnen. Wir haben eine Frau und zwei Männer im Elite-Bereich, einen Seniorenfahrer und darüber hinaus noch circa 30 Hobby- und Jedermannfahrer.

© HSG Greifswald -Team Radsport

Frage: 2018 war  auch von den verschiedenen WM in den diversen radsportlichen Disziplinen geprägt. Wie beurteilen Sie das internationale Kräfteverhältnis im Bahn- und Straßenradsport zwei Jahre vor Olympia?

Dr. Antje Vogelgesang: Im internationalen Vergleich steht der deutsche Radsport sowohl auf der Straße als auch auf der Bahn sehr gut da. Da der Kurs in auf der Straße in Tokyo jedoch sehr bergig verläuft, zählen die deutschen Starter mit ihren Sprint- und Klassikerspezialisten eher zu den Außenseitern. Es sei denn, Fahrer wie Emanuel Buchmann (Olympia-Zwölfter 2016) oder Maximilian Schachmann vollziehen bis dahin noch einen Entwicklungssprung und können am Berg mit den Besten mithalten. Aus heutiger Sicht zählen aber vor allem die Franzosen, die Briten sowie die Kolumbianer zu den ganz großen Gold-Aspiranten.

Auf der Bahn wäre die im Juni schwer gestürzte und seitdem querschnittsgelähmte Kristina Vogel fast schon ein Medaillengarant gewesen. Mit Miriam Welte, Pauline Grabosch sowie Maximilian Levy, Joachim Eilers, Roger Kluge und Theo Reinhardt sind die Chancen auf Edelmetall dennoch sehr hoch einzuschätzen, auch wenn traditionell die Briten auf der Bahn zu den ganz großen Favoriten zählen. Und Lea Friedrich steht ja auch in den Startlöchern.

Frage: Sie geben das Stichwort. Lea Sophie Friedrich aus Dassow leistete Herausragendes, gewann viermal Gold bei den Junioren-WM in Aigle. Was zeichnet Lea aus Ihrer Sicht aus?

Dr. Antje Vogelgesang: Mir ist Lea vor allem aus ihrer Nachwuchszeit bekannt, in der ich bei Wettkämpfen auf sie traf. Sie stach in all den Jahren durch ihre sportliche Leistungen heraus und verbesserte die Bahnrekorde in Rostock. Ich habe Lea als fokussiert und willensstark erlebt. Ich freue mich sehr über Ihre Entwicklung.

Letzte Lage: Wie ist Ihre Meinung zum Stellenwert des Radsportes in M-V und in ganz Deutschland? Medial werden ja eher andere Sportarten berücksichtigt…

Dr. Antje Vogelgesang: Der Radsport kämpft nicht nur in MV mit dem fehlenden medialen Interesse. König Fußball dominiert den nationalen Sport. Hinzu kommt, dass mit steigenden Auflagen und Kosten für Radrennen eine gezielte Nachwuchsförderung immer schwieriger wird – das spüren wir vor allem in MV. Durch seine Doping-Vergangenheit hat sich der Radsport in den Köpfen vieler als eine schmutzige Sportart eingebrannt.

Doch das Image wandelt sich wieder – zum Auftakt der Tour de France 2017 in Düsseldorf standen die Fans im strömenden Regen massenhaft an der Strecke und sorgten auch in der internationalen Fachwelt für Erstaunen, ob der großen Begeisterung. Mit der Rückkehr der Deutschland-Tour in diesem Jahr wurde der nächste wichtige Schritt gemacht, um den Radsport auch medial wieder so populär zu machen, wie er zu Zeiten eines Jan Ullrich bereits einmal war.

Vielen Dank und weiterhin bestes Engagement für den Radsport!


 

Weltmeisterlicher Radsport 2018 – Kurz und knapp informiert…

Bahnradsport-WM (28. Februar bis 4. März in Apeldoorn)

  • Erfolgreichstes Team: Niederlande
  • Das deutsche Team gelangte zu vier Titeln. Jeweils zwei Titel holten die im Juni schwer verunglückte Kristina Vogel sowie die einstige Fahrerin des „Track Cycling Teams M-V“, Miriam Welte.

 

BMX-WM (5./6. Juni in der aserbaidschanischen Metropole Baku)

  • Die Top-Teams waren Frankreich und Niederlande mit jeweils zwei Goldmedaillen.

 

Mountainbike-WM (9. bis 11. August in Lenzerheide/Schweiz) 

  •  Gastgeber Schweiz schnitt mit vier Gold- und einer Silbermedaille am besten ab.
  • Die deutschen Teilnehmer gewannen zweimal Silber (mit der Staffel; Leon Reinhard Kaiser im Cross Country Rennen der Junioren )

 

Straßenradsport-WM (22. bis 30. September in Salzburg)

  • erfolgreichste Nation: Die Niederlande
  • Das deutsche Aufgebot durfte sich über eine Goldmedaille im Team-Zeitfahren der Frauen mit der Wahl-Mecklenburgerin Trixi Worrack freuen.

 

Hallenradsport-WM – Kunstradfahren und Radball (23. bis 25. November in Lüttich/Belgien)

  • Das deutsche Team gewann alle fünf Kunstrad-Konkurrenzen
  • Der 22 Jahre alte Lukas Kohl aus Kirchehrenbach avancierte zum dreifachen Weltmeister
  • Insgesamt gingen zehn Medaillen an die deutschen Hallenradsportler
  • Ärgerlich: Direkt vor dem Hotel wurde der Mannschaftsbus des deutschen Teams aufgebrochen und sieben Räder im Wert von rund 15.000 gestohlen.

 

Text und Interview: M. Michels