Dreimal Gold für die Deutschländer

Rostocker Eiskunstläuferinnen können auch Eishockey. Hier bei einer früheren Show-Veranstaltung in Schwerin… Foto: M.M.

Die olympische Wintersport-Saison 2017/18 ist bereits in vollem Gange. Skisportler, Schlittensportler und Eissportler tragen aktuell und fort folgend ihre Weltcup-Konkurrenzen aus. Es geht um die Qualifikation für Winter-Olympia 2018 in Pyeongchang und um wichtige Standortbestimmungen rund 80 Tage vor Beginn der olympischen Wettkämpfe.

Grenoble 1968 – die zwiespältigen Winterspiele

Da bleibt noch etwas Zeit zurückzublicken, zum Beispiel auf die eher morbiden und wenig familiären X. Olympischen Winterspiele im französischen Grenoble vor knapp 50 Jahren, die mehr der Erschließung und Vermarktung der dortigen Region für wintersportive Zwecke dienten.

Keine olympische Stimmung und „Kalter Krieg“ im Rennrodeln

Die Wettkämpfe wurden nicht mehr an einem Ort, sondern sehr dezentral durchgeführt, so dass es sich atmosphärisch mehr um „Weltmeisterschaften“ in verschiedenen Orten in acht Sportarten (bei 35 Entscheidungen) handelte, als um richtige olympische Konkurrenzen. Viel Geld wurde außerdem für den olympischen „Winter-Spaß“ anno 1968 verpulvert…

Der „Kalte Krieg“ erreichte seinerzeit auch Olympia – und zum Opfer fielen diesem ebenfalls zwei ostdeutsche Rennrodlerinnen, die beschuldigt wurden, mit geheizten Kufen ihre guten Zeiten erreicht zu haben. So wurden die Siegerin Ortrun Enderlein, die Zweitplatzierte Anna-Maria Müller und die Viertplatzierte Angela Knösel disqualifiziert, ihre Medaillen und Platzierung erhielten andere: Gold wurde Erica Lechner (Italien), Silber Christa Schmuck (Westdeutschland), Bronze Angelika Dünnhaupt (Westdeutschland) und Rang vier Helene Macher (Polen) zuerkannt.

Eine ziemliche sportliche Sauerei war das Ganze damals, weil die Disqualifizierung mehr als widersprüchlich blieb. Zudem: Ortrun Enderlein hatte bereits – bei intensiven Kufen-Kontrollen – Olympia-Gold 1964 erkämpft und bei den WM 1965 bzw. 1967 – ebenfalls bei schärfsten Kontrollen – jeweils Gold errungen.

Anna-Maria Müller gab die passende Antwort auf die dubiose Qualifizierung folgend bei den Olympischen Winterspielen 1972 in Sapporo, als sie Gold schaffte.

Norwegen am besten

Erfolgreichste Nation bei den Winterspielen 1968 wurde Norwegen mit 14 Medaillen, darunter sechsmal Gold. Die uneinigen „Deutsch-Deutschen“ kamen auf zwölfmal Edelmetall, darunter dreimal Gold. Und die damaligen „Supermächte“ UdSSR und USA holten 13 Medaillen bzw. fünf Goldene (UdSSR) und 7 Medaillen bzw. einmal Gold (USA). Gastgeber Frankreich durfte über 9 Medaillen, darunter viermal Gold, jubeln.

Jean-Claude Killy mit dreimal Alpin-Gold, aber…

Dreifacher Olympiasieger wurde im alpinen Skisport Jean-Claude Killy (Abfahrt, Spezialslalom bzw. Riesenslalom), den man jedoch gegenüber den Konkurrenten im Spezialslalom bevorteilte, wobei insbesondere die Österreicher davon betroffen waren: Karl Schranz wurde nämlich um das Gold im Spezialslalom betrogen…

Zwischen Loipe, Schanze und beidem

Im Nordischen Skisport  war Norwegen klar die Nummer eins, über Gold für „Norway“ jubelten Harald Grönningen (15 Kilometer Langlauf), Ole Ellefsaeter (50 Kilometer Langlauf), Odd Martinsen, Pal Tyldum, Harald Grönningen bzw. Ole Ellefsaeter (4 x 10 Kilometer Staffel der Herren) und Inger Aufles, Babben Damon-Enger bzw. Berit Mördre (3 x 5 Kilometer Staffel der Frauen). Toini Gustafsson aus Schweden erreichte jeweils Gold über die 5 KIlometer Langlauf sowie 10 KIlometer Langlauf und Silber mit der schwedischen Langlauf-Staffel.

Die Erfolge im Skispringen gingen an die Sowjetunion (Wladimir Beloussow, Großschanze) und an die Tschechoslowakei (Jiri Raska, Normalschanze, dazu Silber von der Großschanze).

In der Nordischen Kombination distanzierte Franz Keller aus Nesselwang die Konkurrenz.

Nur zwei Biathlon-Wettbewerbe

Im Biathlon gab es hingegen nur zwei Wettkämpfe – und auch nur für die Herren. Der Norweger Magnar Solberg siegte im Einzel über die 20 Kilometer und die Sowjetunion belegte Rang eins mit der Staffel über 4 x 7,5 Kilometer in der Besetzung Alexander Tichonow, Nikolai Pusanow, Wiktor Mamatow und Wladimir Gundarzew.

Das sportliche Geschehen im Überblick

Und im bereits erwähnten Alpinen Skisport kamen neben Killy bei den Herren auch Olga Pall aus Österreich (Abfahrt), Nancy Greene aus Kanada (Riesenslalom) und Marielle Goitschel aus Frankreich (Spezialslalom) zu Goldmedaillen.

Zur Eisschnelllauf-Nation Nummer eins avancierten 1968 in Grenoble die Niederlande mit dreimal Gold, dreimal Silber, dreimal Bronze. So gewannen aus Sicht der Niederländerinnen und Niederländer Cornelis Verkerk (1500 Meter der Herren), Carolina Geijssen (1000 Meter der Frauen) und Johanna Schut (3000 Meter der Frauen) olympisches Gold.

Der Münchener Erhard Keller triumphierte aus deutscher Sicht über die 500 Meter. Diesen Erfolg wiederholte er 1972 in Sapporo.

Im angesprochenen Rennrodeln setzten sich im Herren-Bereich Klaus Bonsack/Thomas Köhler (SC Traktor Oberwiesenthal) im Doppelsitzer und Manfred Schmid (Österreich) im Einsitzer durch.

Im Bobsport durften die von Eugenio Monti aus Italien gelenkten Zweier- bzw. Vierer-Bobs jeweils Gold in Empfang nehmen.

Eiskunstlaufen mit Erfolgen für die USA, Österreich und die Sowjetunion

Goldene Momente im Eiskunstlaufen erlebten bei den Winterspielen 1968 Peggy Fleming (USA, vor Gabriele Seyfert aus Karl-Marx Stadt) bei den Frauen, Wolfgang Schwarz aus Österreich bei den Herren und Ljudmilla Beloussowa/Oleg Protopopow (Sowjetunion) im Paarlauf.

Das Eistanzen war vor fast 50 Jahren „nur“ olympische Vorführ-Disziplin.  Eingeladen waren dafür die besten Eistanz-Duos der Eiskunstlauf-WM 1967 in Wien. Damals – während der Winterspiele 1968 – waren Diane Fowler/Bernard Ford (Großbritannien) die amtierenden Weltmeister im Eistanzen. Die Vize-Weltmeister kamen aus den USA, Lorna Dyer/John Carrell.

Bei den WM 1968 nach Grenoble, Austragungsort war Genf, verteidigten Diane Fowler/Bernard Ford ihren Titel. Eistanzen wurde letztlich 1976 in das olympische Programm aufgenommen.

Eishockey-Turnier mit sowjetischem Triumph und drei MV-Akteuren

Natürlich gab es in Grenoble zudem ein olympisches Eishockey-Turnier – sogar mit Spielern aus M-V…

Bei den Olympischen Winterspielen 1968 in Grenoble, erreichten die DDR-Eishockey-Cracks bereits mit ihrer Teilnahme an der Finalrunde Beachtliches. Einer dieser Spieler war 1949 der in Grapzow geborene Dietmar Peters. In Rostock erlernte Peters das Eishockey spielen und nahm 1968 an den Olympischen Winterspielen in Grenoble teil. Dort wurde er als Neunzehnjähriger mit der DDR-Auswahl Achter – und war damit allerdings nicht der einzige Mecklenburger im DDR-Eishockey-Team 1968.

Denn: Mit Petra Prusa, Jahrgang 1944, stand damals auch ein gebürtiger Rostocker im DDR-Team.  Und zusätzlich war auch Bernd Karrenbauer, der zunächst in Rostock (bei der SG Dynamo Rostock), dann beim SV Dynamo Berlin spielte, in der DDR-Mannschaft aktiv. Bernd Karrenbauer wurde dabei ebenfalls in Mecklenburg geboren, 1944 in Rom bei Parchim.

Den DDR-Eishockey-Cracks gelang ein Sieg gegen Norwegen mit 3:1 und erreichte auch gegen die USA (4:6), Finnland (2:3), Schweden (2:5) und die Bundesrepublik (2:4) achtbare Resultate. Lediglich die Spiele gegen die UdSSR (0:9), gegen Kanada (0:11) und die Tschechoslowakei (3:10) verliefen suboptimal.

Turnier der „Großen Vier“

Ansonsten machten die „Großen Vier“, die UdSSR, Schweden, Kanada und die Tschechoslowakei, die damaligen Olympiamedaillen unter sich aus. Dabei lieferten sich die vier Teams fast ausschließlich spannende Duelle untereinander. Lediglich das 5:0 der UdSSR über Kanada war sehr deutlich. Die „Ahornblätter“ wiederum bezwangen Schweden mit 3:0 und waren auch gegen die CSSR mit 3:2 siegreich. Die Tschechoslowakei konnte jedoch die SU mit 5:4 bezwingen und spielte gegen Schweden 2:2. Schweden lieferte sich auch gegen die SU eine denkwürdige Partie und zog mit 2:3 äußerst knapp den Kürzeren.

Letztendlich entschied die UdSSR mit Trainer Arkadi Tschernyschow das Olympia-Turnier 1968 für sich, vor der Tschechoslowakei, Kanada, Schweden, Finnland, den USA, Westdeutschland und der DDR mit Trainer Rudi Schmieder.

Beste Spieler waren damals der Goalie Ken Broderick (Kanada), Anatoli Firsow (UdSSR) als bester Scorer und Josef Horesovsky (CSSR) als bester Verteidiger.

Für „Team Canada“, das von Jackie McLeod trainiert und von Pater David Bauer gemanagt wurde, sollte die Bronzemedaille in Grenoble das vorerst letzte olympische Edelmetall bis 1992 bedeuten… Erst in Albertville 1992 eroberten die Kanadier mit Silber wieder eine olympische Medaille im Eishockey. Kanada ist jedoch Rekord-Olympiasieger bei den Herren (neun Goldmedaillen, zuletzt 2014) vor Russland (einschließlich UdSSR und GUS, acht Goldmedaillen).

Grenoble 1968 – Rückblick und Ausblick nach 2018

Was bliebe zu Grenoble 1968 noch anzumerken? Es gab intensive Doping- und Geschlechter-Kontrollen. Kurz vor den Spielen wurde festgestellt, dass die österreichische Abfahrtsweltmeisterin von 1966 Erika Schinegger eigentlich ein Mann war. „Athletinnen“ aus Osteuropa beendeten kurz vor Winter-Olympia aufgrund der verschärften Geschlechterkontrollen ihre Karrieren…

Resümierend läßt sich feststellen, dass Grenoble 1968 nicht gerade ein olympischer Glanzpunkt war, alles andere als ein olympischer Meilenstein. Rund 1200 Sportlerinnen und Sportler aus 37 Ländern erlebten 1968 in Grenoble eher zwiespältige Olympische Winterspiele.

Hoffentlich wird Pyeongchang 2018 da deutlich besser… Zweifel sind allerdings berechtigt.

Marko Michels