Deutschlands bester Eisschnellläufer Nico Ihle in der Olympia-Vorbereitung auf Pyeongchang 2018

Jetzt in Berlin und schon zum zweiten Mal in diesem Sommer auf dem Eis. Es läuft gut in Sachen Olympia-Vorbereitung für den besten deutschen Eisschnellläufer Nico Ihle. Zusammen mit Bruder Denny legt er sich im Sportforum in die Kurve, an der Bande kontrolliert und koordiniert Klaus Ebert das schnelle Sachsen-Duo.

„Bisher blieben alle gesund, es gab keine Verletzungen – und in Sachen Kraftwerten haben wir zwei Wochen Vorlauf gegenüber dem vergangenen Jahr.“

Ebert spricht in der Regel über seine Schützlinge, selten über sich. Dabei hat er, in Absprache mit dem Sportdirektor, sein Pensionärs-Dasein verschoben. Er betreut die beiden Sprinter bis zu den Olympischen Spielen. „In aller Sachlichkeit“ habe er sich mit den beiden Ihles besprochen. „Sie kennen meinen Arbeitsstil.“ Und der heißt: im Sommer die Grundlagen für den Winter legen.

Zum Beispiel mit intensivem Radtraining. Da das Chemnitzer Rund derzeit renoviert wird, mussten die liebgewordenen gemeinsamen Einheiten mit den besten deutschen Bahn-Experten ausfallen. Aber Klaus Ebert fand einen rund 1000-m-langen Berg, der für regelmäßige Tests genutzt wird. Im Schnitt 500 Watt, im Spitzenbereich bis 1000 Watt treten die Eisschnellläufer. „Denny ist meist ein Stückchen vorneweg, er legt sich unglaublich rein.“ Auf dem Eis steht er häufig im Schatten des „kleinen Bruders“, nun gibt er den Ton an – für beide Seiten eine positive Ergänzung.

Im letzten Winter hatte sich Denny Ihle, trotz OP-Nachwirkungen, wieder „rangetastet“ (Ebert) „Jetzt sucht er die Bestätigung.“ Und das Ziel heißt: Qualifikation für die Spiele in Südkorea. „2xIhle in Gangneung“, das wär‘ ein Ding – wobei der Coach Nico dann vieles zutraut.

Vor allem, weil der 500-m-Vizeweltmeister auch über 1000 Meter Chancen auf das Podest hat. Das System aber basiert auf der kurzen Sprintstrecke. „Deshalb waren die 1500 m nie ein Thema. Wir wollen vorne schnell sein. Es ist ein Prozess von Jahren, dass man sich dann an die 1000 Meter ran arbeitet.“

Entsprechend wurde zuletzt beim Kilometerbolzen auf dem Bike versucht, das Stehvermögen zu verbessern. Viele Retuschen gibt es nicht, beim Ebert & Ihle-Programm. Das Pensum mit weiteren Einheiten zu „übertreiben“ wäre wenig zielgerichtet. Und so folgt nach der Berliner Eis-Expedition ein vierwöchiges Heimspiel.

Der Trainer nennt das den „Chemnitzer Plan.“ Die Brüder wohnen zuhause bei ihren Familien. Partnerinnen, Großeltern und Verwandte helfen mit bei der Organisation. Es funktioniert wie ein Uhrwerk, die Komponenten greifen ineinander.

„Eigentlich wie ein Lehrgang, auch am Wochenende ist Training angesagt. Gekocht wird zuhause, wir sparen sogar ein Haufen Geld – und ein Nachteil ist dieses System kein bisschen.“

Suchen Sie mal bei Wikipedia nach Eintragungen über den Erfolgstrainer Klaus Ebert – kaum was zu finden. „Das ist auch gut so“, meint der 65-Jährige. Seine eigene Karriere auf Kufen sei „unbedeutend“ gewesen. 1972 schlug er die Trainer-Laufbahn ein, zuerst im Juniorenbereich, ab 1985 bei den Senioren.

„Aber niemals im Sprintbereich.“ Ebert führte die Langstreckenläufer Frank Dittrich und Jens Boden über 5000 und 10 000 m zu Medaillen, „wovon wir selbst nicht zu träumen gewagt hatten“. Er betreute Gunda Niemann-Stirnemann, die 2001 Weltmeisterin mit Weltrekord wurde. Und drückte anschließend die „Tempo-Taste“.

In Zusammenarbeit mit Bundestrainer Thomas Schubert („von dem ich viel lernte“) kniete sich Klaus Ebert in den Sprintbereich hinein. Strecken, früher im deutschen Eisschnelllaufen weniger prominent besetzt, rückten – auch durch Samuel Schwarz – in den Fokus. Heute sind die flotten Jungs der DESG in der Weltklasse angekommen.

Im Team-Sprint gab es Medaillenplätze im Weltcup, Nico Ihle gelang der Griff nach den Sternen. „Das reiht sich in die Ergebnisse mit Frank (Dittrich) mit ein“, sagt Klaus Ebert in bekannt zurückhaltender Manier. Um sich unverzüglich wieder Richtung Kraftraum zu begeben. Ganze Berge „heavy metal“ warten in der Folterkammer auf die Ihle-Brothers.

Klaus Dobbratz/Beate Dobbratz, DESG-Presse, Internationale Sport-Korrespondenz

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Exkurs

Blick in die Eisschnelllauf-Tradition von M-V

Vor 42 Jahren, 1975, gewannen die gebürtige Rostockerin Karin Kessow WM-Mehrkampf-Gold und die ebenfalls gebürtige Rostockerin Heike Lange WM-Sprint-Silber. Beide starteten wie der gebürtige Rostocker Horst Freese 1976 in Innsbruck auch bei den Winterspielen. Lang, lang ist es her…

Und dennoch erinnern sich die Protagonistinnen von einst gern zurück, so auch Karin Kessow, verheiratete Drbal, die 1976 auch Olympionikin in Innsbruck war: „Mit der heutigen Leiterin des Rostocker Olympiastützpunktes für die Sportart „Short Track“ (Kurzbahn-Eisschnelllauf) war ich ja in einer Trainingsgruppe.

Ihre Mutter Gerda Hoffmann war unsere Trainerin. Nicht zuletzt dank ihres Trainings konnte ich 1970 Spartakiade-Siegerin werden. Die Grundlagen für meine spätere international erfolgreiche Laufbahn wurden in Rostock gelegt.  Glücklicherweise hatten Karin und ich zwei Jahre Altersunterschied, so wurden wir nie direkte Konkurrentinnen und blieben Freundinnen.

Aber auch heute habe ich noch regen Kontakt nach Rostock. Im Sommer, zumeist im August, haben die Berliner Eisschnellläufer und die Rostocker Short Tracker ihre Trainingslehrgänge zum gleichen Zeitpunkt (Ist aber Zufall!) in Zinnowitz auf Usedom, so dass die „Beziehungen“ zwischen Rostock und Berlin eng sind…“

Vor mehr mehr als 25 Jahren: Gold für Jacqueline Börner aus Wismar

Und die gebürtige Wismarerin und Wahl-Berlinerin Jacqueline Börner, verheiratete Schubert, die 1990 Mehrkampf-Weltmeisterin sowie 1992 in Albertville Olympiasiegerin über die 1500 Meter wurde, blickt ebenfalls gern auf ihre aktive Zeit – gerade aus olympischer Sicht – zurück: „… Olympia ist für jede Sportlerin und jeden Sportler so großartig. Es gibt sportlich nichts Besseres.

Der Olympiasieg war die Erfüllung eines Lebenstraumes, ein großes Glück, eine Selbstbestätigung und ein erfolgreicher Augenblick, den man nicht vergisst. An die ersten drei Tage danach erinnere ich mich gar nicht mehr so genau (Nicht etwa, weil ich zu viel `Champus` getrunken hätte!), ich lebte wie in Trance. Es war Freude und Glücksgefühl zugleich!

Auch wenn ich ansonsten nicht `bibelfest` bin: Der liebe Gott hat es mehr als gut mit mir gemeint: Er hätte mir in Albertville`92 auch Bronze `schenken` können – und ich wäre sehr, sehr glücklich gewesen … Jedoch Gold – das war der `Hammer`!“

Karin Kessow und Jacqueline Börner – zwei Eislauf-Asse mit MV-Wurzeln.

Gegenwärtig hat M-V zwar kein olympischen Eisschnelllauf-Ass auf den langen Kanten  „im Ärmel“, dafür jedoch hoffnungsvolle und ambitionierte Kurzbahn-Eisschnellläufer beim ESV Turbine Rostock, welche einmal die Qualifikation zu den Olympischen Winterspielen schaffen könnten.

Eisschnelllaufen – seit mehr 90 Jahren im olympischen Programm

Ansonsten gehört der „Langbahn“-Eisschnelllauf zu den traditionsreichen olympischen Wintersportarten, denn schon bei den ersten Spielen 1924 in Chamonix war dieser im olympischen Programm. Damals gingen die Medaillen – nur Herren-Wettbewerbe waren ausgeschrieben – an Finnland, die USA und Norwegen. Der Finne Clas Thunberg gewann über die 1500 Meter, 5000 Meter, 10000 Meter sowie im Mehrkampf und der US-Amerikaner Charles Jewtraw jubelte über die 500 Meter.

Erst 36 Jahre später, bei den Winterspielen 1960 in Squaw Valley, durften auch die Eisschnellläuferinnen ihr Können unter den fünf olympischen Ringen beweisen. Lidija Skoblikowa aus der UdSSR wurde damals zweimal Erste über die 1500 Meter sowie 3000 Meter; ihr Mannschaftskamerad Jewgeni Grischin schaffte zweimal Gold`60 über die 500 Meter und 1500 Meter.

Eine gebürtige Danzigerin, die bis 1952 in Schwerin-Neumühle wohnte, sogar für die BSG Empor Schwerin bis 1952 Handball spielte, wurde in Squaw Valley dann Olympiasiegerin über die 500 Meter und Olympia-Zweite über die 1000 Meter: Helga Haase, die damals dem SC Dynamo Berlin angehörte. Vier Jahre später, 1964 in Innsbruck, war sie immerhin noch Vierte über 1000 Meter und Fünfte über 1500 Meter.

Last but not least: Die bisherigen Olympionikinnen und Olympioniken im Short Track des ESV Turbine Rostock Anne Eckner, Jahrgang 1979, bei Winter-Olympia 2002, Arian Nachbar, Jahrgang 1977, bei Winter-Olympia 1998, 2002 sowie 2006, Ulrike Lehmann, Jahrgang 1982, bei Winter-Olympia 2002, Andre Hartwig, Jahrgang 1983, bei Winter-Olympia 2002 sowie 2006 und Aika Klein, Jahrgang 1982, bei Winter-Olympia 2002, 2006 und 2010.

Marko Michels

Foto (Michels): Impresson vom Eisschnelllaufen.