Interview mit der Olympiasiegerin Claudia Nystad

Die XXI.Olympischen Winterspiele gingen in der Nacht (MEZ) mit einer beeindruckenden Schlussfeier im BC Place Stadium in Vancouver zu Ende. Magdalena Neuner, mit zweimal Gold und einmal Silber die erfolgreichste Athletin vom „Team Germany“, trug die deutsche Fahne.

Doch: Was bleibt von den olympischen Tagen in Vancouver und in Whistler ?!

Die Olympischen Winterspiele 2010 – das waren die bislang aufrichtigsten, authentischsten und menschlichsten Winterspiele aller Zeiten. Dabei begannen sie extrem traurig … Der tödliche Trainingsunfall des georgischen Rennrodlers Nodar Kumaritaschwili überschattete die Eröffnungsfeier, warf einen traurigen Schatten auf die Spiele.

Wenn Spiele so beginnen, stehen sie meistens nicht „unter günstigen Sternen“ … Aber sollte man Spielen, die traurig, nachdenklich beginnen, nicht eine Chance geben ?!

Ja, die olympischen Ideale mußten und wurden in Whistler und in Vancouver mit Leben erfüllt. Es gab große Momente, sehr, sehr traurige, große Sieger und noch größere Verlierer.

Die größten Gewinner der XXI.Olympischen Winterspiele waren jedoch die Sportlerinnen und Sportler selbst, das großartige kanadische Publikum und die Sportfans in aller Welt. 17 Tage wurde eindrucksvoller Sport geboten – facettenreich, exotisch, leistungsstark, spannend und emotionsreich, verbunden mit vielen individuellen Schicksalen, Dramen, Tragödien und Glücksmomenten.

Gewonnen hat auch das deutsche Team, das so ungemein sympathisch, natürlich und erfolgreich auftrat. Anders als viele Politiker vor Ort, deren gekünsteltes Lächeln, deren olympische Selbstgefälligkeit und deren Sucht nach den goldenen Fotos mit goldigen Olympionikinnen fast schon Züge einer realen olympischen Satire annahm.

Sportliche Heldinnen und Helden wurden geboren. Maria Riesch ist so eine. Eben so wie Magdalena Neuner. Claudia Nystad. Evi Sachenbacher-Stehle, die inzwischen erfolgreichste deutsche Skilangläuferin aller Zeiten. Viktoria Rebensburg. Die Rodel-Damen. Die Skeleton-Mädel. Die Team-Eisschnellläuferinnen. Auch Alexandra Grauvogl gehört zu den sportlichen Heldinnen in Deutschland. Alexandra Grauvogel ?! Ja, sie war nicht dabei, die so aussichtsreiche Medaillen-Aspirantin im Ski-Cross. Wegen eines Kreuzbandrisses, der die Teilnahme so unglücklich verhinderte. Alexandra steht aber für diejenigen, die auf tragische Weise Olympia verpassten, obwohl sie das Leistungsvermögen gehabt hätten, zumindest dabei zu sein. Dann in Sotschi 2014 !

Große Momente hatten nicht nur die deutschen Olympionikinnen und Olympioniken … Lindsey Vonn war eine der großen Siegerinnen, auch wenn sich die Goldmedaillen-Flut für sie nicht einstellte. Aber erste amerikanische Olympiasiegerin in der Abfahrt – das hat etwas, zumal das US-Girl mit Schienbein-Verletzung und weiteren gesundheitlichen Handicaps startete.

Doch was ist eine Schienbein-Verletzung gegen das, was der Slowenin Petra Majdic im Einzel-Sprint des nordischen Skisportes passierte … Beim Aufwärmen hatte sie einen Unfall, brach sich vier Rippen, zog sich einen Riss im Lungenfell zu, startete dennoch und wurde Dritte – eine übermenschliche Leistung.

Die traurigsten Momente ihres Lebens im schönsten Wettkampf ihres Lebens musste die Kanadierin Joannie Rochette in Vancouver erleiden. Ihre Mutter Therese starb zwei Tage vor Beginn der Wettbewerbe – die Emotionen der so sympathischen Eisläuferin bleiben unvergessen und berührten jedes Herz.
Joannies Bronzemedaille, die sie ihrer Mutter widmete, hatte goldene Tränen.

Die norwegische Skilangläuferin Marit Björgen wurde die erfolgreichste Athletin der Winterspiele mit dreimal Gold, einmal Silber und einmal Bronze. Norwegens Biathlon-König schaffte gar seine sechste Goldmedaille seit 1998.

Lee Jung-Su, der koreanische Short Tracker, Petter Northug, der norwegische Skilangläufer, der über 50 Kilometer Axel Teichmann nur knapp auf Rang zwei verwies, und Emil Svendsen, der norwegische Biathlet, wurde mit jeweils 2 x Gold, 1 x Silber die erfolgreichsten männlichen Athleten. Für „Premieren“ sorgten der kanadische Langläufer Brian Mc Keever und der Lette Haralds Silovs. Der fast vollständig erblindete Brian Mc Keever ist der erste Sportler, der sowohl an Paralympischen als auch Olympischen Spielen teilnahm. Haralds Silovs ist der erste Athlet, der bei Olympischen Spielen innerhalb von 24 Stunden in zwei verschiedenen Sportarten (Eisschnelllauf/Short Track) startete.

Simon Ammann fügte seinen beiden Goldmedaillen 2002 im Skispringen nun 2010 zwei weitere hinzu. Damit ist der Schweizer der Skispringer mit den meisten Einzel-Goldmedaillen. Die chinesische Short Trackerin wurde mit 3 x Gold die erfolgreichste Eissportlerin 2010. Ja, es gibt noch die großen Persönlichkeiten „auf Eis und im Schnee“.

Aber zurück zu den deutschen Stars und Sternchen: Die deutschen Olympionikinnen und Olympioniken boten wieder Herausragendes, aber die Frauen waren der Aktiv-Posten im Team. Ohne das olympische Fräulein-Wunder „Made in Germany“ wäre das Olympia-Team nicht wieder vorn gewesen. Starke Persönlichkeiten, wie Maria Riesch, die noch 2006 wegen eines Kreuzbandrisses Olympia verpasste, wurde Doppel-Olympiasiegerin in der Kombination bzw. im Slalom, die junge Viktoria Rebensburg schaffte Sensations-Gold im Riesenslalom, Biathletin Magdalena Neuner sorgte für sportive Sternstunden, die Skeletoni Kerstin Szymkowiak und Anja Huber holten das erste Edelmetall in dieser Sportart für Deutschland, die junge Eisschnellläuferin Stephanie Beckert erkämpfte zweimal Silber, Rodlerin Tatjana Hüfner setzte die deutsche Gold-Tradition in ihrer Sportart fort, die Eisschnellläuferinnen im Team-Sprint mit Anni Friesinger-Postma, Katrin Mattscherodt, Stephanie Beckert oder Daniela Anschütz-Thoms, usw., usw.

Auch der Jubel der Skilangläuferinnen Claudia Nystad und Evi Sachenbacher war in ihrem Teamsprint grenzenlos – Gold hatte ihnen kaum jemand zugetraut.
Als Zugabe folgte Silber in der Staffel. Die Langläuferinnen, vorher als „trainingsfaul“ von „Experten“ kritisiert, erwiesen sich als fleißige Medaillensammlerinnen.
Die viel zitierte Frauen-Power – im deutschen Olympia-Team gab es sie wirklich.

Aber sind Medaillen wirklich so wichtig, sind sie wirklich das „Nonplusultra“ ? Zählt nicht allein die Teilnahme mehr als der Sieg? Frommes, naives Wunschdenken. Wer die tief-traurigen Augen der so anmutigen Skeletona Melissa Hollingsworth aus Kanada nach dem Skeleton-Wettbewerb sah – dort landete sie als Top-Favoritin nur auf Rang fünf – wußte spätestens da, dass nur ein Motto gilt „Ein guter Platz, der zählt nicht viel, eine Medaille ist das Ziel !“.

Deutsche, Amerikaner, Norweger, Koreaner oder Schweizer erwiesen sich bis zum 12.Wettkampftag als „ausverschämte Gäste“, nahmen an Edelmetall mit, was sie nur kriegen konnten.

Dabei wollten die Kanadierinnen und Kanadier, die bei ihren bisherigen Heim-Spielen 1976 in Montreal oder 1988 in Calgary nie Gold gewannen, das erklärte Ziel „Stärkste Nation“ unbedingt erreichen. Doch es lief nicht wie gewünscht. Insbesondere nicht im alpinen Skisport, obwohl man gerade dort eine Erfolgstradition hatte.

Die kanadischen Skilanglauf-Damen, die seit 2002 bei Olympia, WM oder im Weltcup immer auf Medaillenfang gingen, blieben 2010 ohne Edelmetall. Auch im Skeleton der Damen, im Herren-Einzel im Eiskunstlaufen, im Paarlauf, in einzelnen Disziplinen des Eisschnelllaufens und vor allem im Rennrodeln lief es für den Gastgeber nicht wie gewünscht. Zu allem Übel verlor man in der Vorrunde gar gegen den Erz-Rivalen im Eishockey bei den Herren mit 3:5, aber es sollte ein „Happy End“ folgen …

Man sah den kanadischen Zuschauern zuvor allerdings ihre Enttäuschungen bei manchen aussichtsreichen Entscheidungen mit ungünstigem Ausgang für „Team Canada“ an, obwohl sie immer fair und gerecht blieben..

Das gilt auch für die kanadischen Sportler … Unvergesslich der herzliche Glückwunsch von Melissa Hollingsworth, die Top-Favoritin, die „nur“ Fünfte wurde, an Kerstin Szymkowiak oder Anja Huber im Skeleton.

Aber Kanada kann kämpfen, wie gerade in der Nationalsportart Eishockey schon eindrucksvoll bewiesen. Nachdem es im Schlittensport (Rennrodeln/Zweierbob der Herren) oder Skisport (einschließlich Biathlon) überhaupt nicht gut lief, setzte der Gastgeber zum Endspurt an. Goldene oder medaillenträchtige Momente wurden im Ski-Cross, im Herren-Skeleton, im Eishockey, im Curling, im Eistanzen, im Eisschnelllaufen, im Short Track oder im Damen-Zweier-Bob zelebriert. Man gewann zwar nicht – wie erhofft – die meisten Medaillen, dafür stellte man verdientermaßen die zahlreichsten Olympiasiegerinnen und Olympiasieger – insgesamt 14. Die 15.Goldmedaille hat sich ohnehin das kanadische Publikum verdient.

Doch nicht alles lief „gut“ bei diesen Winterspielen…
Für den „Fauxpas“ der Spiele sorgte ein niederländischer Trainer.
Der schickte seinen Schützling auf die unkorrekte Bahn. Falsche Entscheidung. Falsche Richtung. Das Gold ging „richtigerweise“ an die Konkurrenz.

Und: Nicht alles war zudem optimal bei Winter-Olympia 2010. Von der Bob- und Rodelbahn ganz zu schweigen. Die Eismaschinen funktionierten zunächst beim Eisschnelllauf nicht, die Zeitnahme beim Biathlon war defekt, u.a. wurden drei Schwedinnen bei der Verfolgung zu spät auf die Strecke geschickt. Wetter-Kapriolen waren an der Tagesordnung, Wettbewerbsverschiebungen und – verzerrungen die Folge. Olympia-Gegner randalierten in der Innenstadt.

Vorwürfe an die Olympiastadt sind jedoch fehl am Platze. Vancouver und Whistler wollten keine perfekten, sondern menschliche Spiele. Am Ende waren sie menschlicher, als manche ertragen konnten. Sie passten in die aktuelle widersprüchliche Zeit.

Olympia 2010 – das waren auch die Spiele der Sport-Politiker, der Sport-Funktionäre und Sport-Manager, also jene Spezies, die sich für wichtig halten, aber es in den seltensten Fällen sind.

Es wurden leider auch die Spiele der Funktionäre: Wie begeistert war so mancher Sportpolitiker, wenn es ihm gelang, einer erfolgreichen Olympionikin mit Gold die Hand schütteln zu können.. Daheim geht es ja zurzeit wenig „goldig“, begeisternd zu.
Wie borniert mitunter Sportfunktionäre sein können, zeigt die Reaktion einiger IOC-Altvorderen auf die Freude der kanadischen Eishockeyspielerinnen nach dem gewonnenen Finale gegen die USA. Da wurde auf dem Eis mit Sekt angestoßen und „Polonäse“ mit Zigarre gelaufen. „Solche Bilder“ wolle man nicht sehen !, so der offizielle IOC-Kommentar.

Wenn jemand „so“ feiern will, dann in der Kabine. Oder wie einige Funktionäre in luxuriösen Hotels, wo sicher nicht nur Selters getrunken und Abstinenz geübt wird.
Statt feucht-fröhliche Siegesfeiern zu kritisieren, wäre „trockene“ und deutliche Kritik zu vereisten Ski-Pisten oder zu gemein-gefährlichen Bob- bzw. Rodel-Bahnen seitens des IOC sicher angebrachter.

Es gab aber auch die uneingeschränkt fröhlichen Momente im Olympiasport 2010: Viele trendige Sportarten wurden begeistert aufgenommen: Die Ski-Crossies „mundeten“ ähnlich wie die Auftritte von Shaun White mit dem Snowboard oder von der Australierin Lydia Lassila im Trick-Ski. Deutschland blieb zwar nicht im „Trend“, war aber medaillensüchtig im Schlittensport, bei den Alpinen oder im Bobsport bei den Herren. Andre Lange und Kevin Kuske komplettierten in Whistler ihre eindrucksvolle Medaillen-Bilanz auf viermal Gold und einmal Silber – einzigartig.

Einzigartiges – im künstlerisch wie sportlichen Sinne – leisteten nicht zuletzt die nordamerikanische Eistanz-Paare Tessa Virtue/Scott Meir sowie Meryl Davis/Charlie White. Beide Duos zelebrierten Kunst auf dem Eis !

Die „Kracher“ für die kanadischen Sportfans waren jedoch die Olympiasiege im Damen-Eishockey und vor allem im Herren-Eishockey. 1920 gewann Kanada die erste Eishockey-Medaille überhaupt. In Vancouver gab es die achte – dank des Tores von Super-Star Sidney Crosby zum 3:2 in der Verlängerung gegen die USA. Kanada im Ausnahmezustand !

Auch die Welt war im olympischen Ausnahmezustand: 3,5 Milliarden Menschen sahen und „hörten“ die Wettkämpfe der Olympischen Winterspiele 2010 – die Hälfte der Menschheit. Trotz Kommerzes, extremer Vermarktung, Dopinggerüchten, Funktionärsgebaren oder sonstiger Vorbehalte – Olympia und die olympische Idee leben.

Der Sport bewegt: Das wurde auch bei der letzten Entscheidung der Olympischen Winterspiele deutlich, als Kanada die USA schlugen. Ausgelassene Freuden-Tänze auf dem Eis und auf den Rängen. In den Straßen Vancouvers und in ganz Kanada.

Diese Winterspiele, die so viele Emotionen weckten, bleiben unvergesslich.

Was auch die Erfolge der bereits angesprochenen Skilangläuferin Claudia Nystad vom WSC Erzgebirge Oberwiesenthal betrifft. Als es darauf ankam, war sie da – und ihre mittlerweile handzahmen Kritiker ebenfalls …

„Medaillen sind das Symbol für den Schweiß, das Blut und die Tränen einer jeden Sportlerin, eines jeden Sportlers !“

Claudia Nystad über die Olympischen Winterspiele 2010, destruktive Kritik, die Stimmung bei den deutschen Skilangläuferinnen, ihr soziales Engagement und ihre „sommersportlichen Vorlieben“

Frage: Claudia, erst einmal einen ganz herzlichen Glückwunsch zu Ihrem Gold im Teamsprint mit Evi und natürlich auch zu Staffel-Silber. Wie harmonieren eigentlich eine fröhliche Bajuwarin, wie Evi, und eine eher nachdenkliche Sächsin und „halbe Wikingerin“, wie Sie, im Training und außerhalb der Loipe. Immer alles „bestens“ ?

Claudia Nystad. Foto: Deutscher Skiverband

Claudia Nystad: Vielen Dank für die Glückwünsche. Ja, Evi und ich harmonieren im und neben dem Training sehr gut, anders kann man auch nicht so erfolgreich sein, wie wir es im Team waren. Dass Evi fröhlich ist und ich nachdenklich, das wurde allerdings über Jahre in den Medien aufgebaut, wenn man uns privat kennt, dann kann es durchaus sein, dass sich das Bild komplett dreht. Aber die Erfahrung will ich keinem vorweg nehmen. (Anmerkung:

Frage: Mehr als „bestens“ war Ihr Wettkampf im Teamsprint. Dabei: Was gab es in den letzten zwölf Monaten nicht alles an Negativ-Schlagzeilen aus dem Lager der deutschen Skilangläuferinnen: Trainer-Wechsel war angesagt, von „Zicken-Kriegen“ wurde gesprochen, viel mediale Häme und Spott ausgeschüttet, das Engagement der Athletinnen harsch kritisiert. In den meisten Fällen unsachlich wie unbegründet.
Wie sind Sie, aber auch Ihre Team-Kameradinnen, mit dieser Kritik, dieser Häme umgegangen ? Schweißt so etwas eher zusammen ? Und: Fühlen Sie nun angesichts des Teamsprint-Goldes und des Staffel-Silbers eine „große Genugtuung“ ?

Claudia Nystad: Ich fühle keine Genugtuung … Mir tun solche Menschen leid, die sich über andere Personen profilieren wollen. Wenn wir als fast „zahnlose, alte Frauen, die zu faul sind, zu trainieren und ausgetauscht gehören“, trotzdem in der Lage sind, auf das Podium zu kommen, dann haben wir entweder ein überdurchschnittlich hohes Talent oder Olympia ist vom Niveau zu niedrig für uns, oder ganz einfach: Es stimmt nicht, was in den Medien über uns gesagt wurde.

Ich denke, es ist die dritte Variante, wobei ich eine der Frauen bin, die Zeitungen in der Saison nicht liest, da ich an den Berichten über mich festgestellt habe, dass manchmal höchstens ein Prozent stimmt, aber das auch nur, wenn der Name richtig geschrieben wurde.  Aus der Sicht von Athleten braucht man ein Umfeld, was einen in Erfolgszeiten und auch in harten Zeiten unterstützt sowie aufbaut. Es ist nur oft leider so, dass alle zu uns halten, wenn die Fahne gehisst wird und in schwierigeren Zeiten stehen wir fast allein da.

Frage: Sowohl im Teamsprint als auch in der Staffel demonstrierten Sie große Power. War Ihr Siegeswillen nach den ganzen Diskussionen ganz einfach „unbändig“ ?

Claudia Nystad: Als Athlet kann ich mich nicht vom Druck aus den Medien stören lassen, sonst hätte ich keine Chance auf internationalen Erfolg bei Großereignissen wie Olympia. Dass ich an den Sprint- und Staffeltagen in so guter Form war, lag an der Vorbereitung. Ich habe dieses Mal darauf verzichtet, jedes der sechs Rennen zu bestreiten, um mich auf zwei ganz bestimmte Läufe besser konzentrieren zu können. Damit habe ich mentale, als auch physische Energie gespart und war durch meine Erfahrungen aus den letzten Jahren perfekt vorbereitet. Dass allerdings solche, meist verletzenden Aussagen nicht helfen, ein Team voran zu bringen, das muss ich, und da bin ich mir sicher, keinem erklären.

Frage: Sie gelten für die Norwegerinnen und Norweger als „Drama-Queen“, nachdem sie den Nordländerinnen schon einige Male „gutes Edelmetall“ wegschnappten. Sie sind nun seit fünf Jahren mit dem Norweger Trond Nystad verheiratet. Angesichts der „ewigen Kritik und Nörgeleien `Made in Germany`“ hatten Sie da schon einmal gedacht: „Das alles tue ich mir hier nicht mehr an. Jetzt starte ich für Norwegen.“ ?! Wie beurteilen Sie generell den Stellenwert des Skilanglaufes in Deutschland ?

Claudia Nystad: Ich habe in der Tat darüber nachgedacht, nach der Heirat die norwegische Staatsbürgerschaft anzunehmen. Aber die Konkurrenz in Norwegen ist auch nicht gerade einfach. Außerdem bin ich jetzt sehr froh, dass ich es nicht getan habe, weil mir so die schönen Momente entgangen wären, die ich mit Evi bei dem Teamsprint in Vancouver 2010 erlebt habe. Der Stellenwert von Skilanglauf in Deutschland ist meiner Ansicht nach sehr hoch, da durch die vielseitigen Wettkampfarten und interessanten Massenstarts enorme Spannung aufgebaut wird.
Im Vergleich zu Biathlon haben wir allerdings in den letzten Jahren in Sponsoren-Hinsicht und an Publicity etwas verloren.

Frage: Gerade die deutschen Winter-Olympionikinnen in Whistler und in Vancouver überzeugten, ob Biathletin Magdalena Neuner, die Skifahrerin Maria Riesch bzw. Viktoria Rebenburg, Rodlerin Tatjana Hüfner, die Skeletoni Kerstin Szymkowiak oder Anja Huber, Paarläuferin Aljona Sawtschenko, (Bobfahrerin Sandra Kiriasis), die Eisschnellläuferinnen Jenny Wolf bzw. Stephanie Beckert oder nun Evi und Sie. Schinden sich Sportlerinnen mehr als ihre Kollegen ? Sind sportive Frauen willensstärker und selbstkritischer – und schieben Misserfolge nicht nur auf äußere Umstände ? In Deutschland gibt es ja nicht nur im Sport die viel zitierte „Frauen-Power“ ?

Claudia Nystad: Der Grad zwischen Erfolg und Misserfolg ist sehr schmal. Ich denke nicht, dass es in dieser Hinsicht einen Unterschied gibt, zwischen uns deutschen Frauen und deutschen Männern. Wir sind alle ausgebildet in dem gleichen und einzigartigen Sportförderungssystem (Sportschulen, Sportfördergruppen Bundeswehr und Bundespolizei, etc.). Erfolg ist eher ein Faktor von Talent und unterstützendem Umfeld und hat weniger zu tun mit spezifischen männlichen oder fraulichen Qualitäten.

Frage: Sie gehören zu den Sportlerinnen, die auch über den sportlichen Tellerrand hinausblicken, sich für soziale Projekte engagieren. So versteigerten sie zu Gunsten der Stiftung „Hänsel und Gretel“, die Kinderschutzprojekte für missbrauchte Kinder fördert, ihre olympische Staffel-Goldmedaille 2002. Sich von der olympischen Goldmedaille zu trennen, die ja das „Nonplusultra“ für eine Sportlerin bzw. einen Sportler symbolisiert, ist Ihnen dieser Schritt nicht schwer gefallen ? Gibt es einen ganz besonderen Beweggrund für Ihr soziales Engagement ?

Claudia Nystad: Die Medaille an sich ist das Symbol für den Schweiß, das Blut und die Tränen. Wichtiger für den Athlet ist der lange Weg, den man gehen muss, um zu den Olympischen Spielen zu kommen und die Emotionen, die sich während dem Weg dorthin bzw. danach auftun. Mir ist dieser Schritt überhaupt nicht schwer gefallen, weil es das erste Mal war, dass ich mit meinem Namen anderen Menschen in Not helfen konnte. Ich fühle mich eher privilegiert, dass ich in einer Situation bin, in der dieses soziale Engagement im großen Stil möglich ist.

Frage: Bei Ihnen hat der Alterungsprozess ja mit 18 aufgehört. Sotschi 2014 dürfte doch das nächste Ziel sein ? Oder wollen Sie lieber die norwegischen Fjorde erkunden ?

Claudia Nystad: Gerade jetzt bin ich in der Stimmung, mit meiner Mannschaft die Erfolge zu feiern und wir werden die Saison zusammen zu Ende laufen. Was danach kommt, das besprechen wir auch erst danach.

Frage: Was macht eine Claudia Nystad eigentlich im Sommer ? Träumen Sie unter heißer Sonne von verschneiten, klirrend kalten Gegenden ? Wird ganz einfach nur der gekühlte Cocktail genossen ?

Claudia Nystad: Ich träume immer von warmen Stränden und heißer Sonne und nicht zuletzt von Beach-Boys. Ich bin eine Sommersportlerin, aber leider gefangen im Körper einer Wintersportlerin 😉 . Anders, als viele wissen, ist unsere Haupttrainingszeit im Sommer und somit auch die Zeit, wo wir am meisten reisen und trainieren.

Frage: Zurück zu den Begleitumständen bezüglich des Teamsprint-Olympiasieges … – Was die Kritik von Medien, Trainern und Funktionären der letzten Monate betrifft: Welche „Lehren“, Erkenntnisse ziehen bzw. zogen Sie aus diesen „verbalen Einlassungen“ ?

Claudia Nystad: Im Nachhinein weiß ich, dass jeder mit Erfolg umgehen kann, aber fast keine Menschen mit Misserfolg. Die sehr wenigen Menschen, die in schwierigen Zeiten zu mir gehalten haben, sind meine wahren Freunde.

Frage: Bereits vor Olympia gab es Druck von Sport-Politikern, -Funktionären oder sonstigen -„V.I.P.`s“ hinsichtlich der Medaillen-Ausbeute – in allen Sportarten. Wie ist die Meinung einer Sportlerin dazu ?

Claudia Nystad: Ich finde es eher schön, dass sich so viele hoch profilierte Menschen unserer Gesellschaft für Sport interessieren. Für mich entsteht dadurch kein Druck. Ich freue mich, dass das Augenmerk somit auf unseren Sport gelenkt wird.

Letzte Frage: Was waren für Sie die besonderen Momente der Winterspiele 2010 ?

Claudia Nystad: Die Hilfsbereitschaft aller Attachés im olympischen Dorf hat mich tief beeindruckt. Eine der Frauen hat mir zum Beispiel vor meinem ersten Rennen meinen Laufanzug, der nicht perfekt gepasst hat, umgenäht. Die freiwilligen Helfer haben extrem hohe Anerkennung verdient. Bei Regen und Schnee standen sie draußen und hatten für jeden ein freundliches Wort. Auch das schlechte Wetter hat mich beeindruckt, sieben Tage Dauerregen … Wobei: An unserem Goldmedaillentag war es wunderschöner Sonnenschein!

Fakten zu Claudia Nystad

Jahrgang 1978 – Verein: WSC Erzgebirge Oberwiesenthal – Beruf: Sportsoldatin, Grafik-Design-Studentin – Erfolge: Olympische Spielen 2002-2010 – 2 x Gold, 3 x Silber, Weltmeisterschaften 2003-2009 – 1 x Gold, 4 x Silber, 3 Weltcup-Siege

Und hier der ultimative endgültige Medaillenspiegel der XXI.Olympischen Winterspiele 2010

(Anmerkung: Dieser „Spiegel“ schien ja medial ohnehin das Wichtigste zu sein, nur vergaßen dabei viele, dass in einem Spiegel alles seitenverkehrt erscheint. Die Realität „via Spiegel“ bleibt immer relativ …)

Rang-Nation-Gold-Silber-Bronze

01.Kanada 14-7-5
02.Deutschland 10-13-7
03.USA 9-15-13
04.Norwegen 9-8-6
05.Südkorea 6-6-2
06.Schweiz 6-0-3
07.China 5-2-4
08.Schweden 5-2-4
09.Österreich 4-6-6
10.Niederlande 4-1-3
11.Russland 3-5-7
12.Frankreich 2-3-6
13.Australien 2-1-0
14.Tschechien 2-0-4
15.Polen 1-3-2
16.Italien 1-1-3
17.Slowakei 1-1-1
17.Weißrussland 1-1-1
19.Großbritannien 1-0-0
20.Japan 0-3-2
21.Kroatien 0-2-1
21.Slowenien 0-2-1
23.Lettland 0-2-0
24.Finnland 0-1-4
25.Estland 0-1-0
25.Kasachstan 0-1-0

M.Michels