Deutschlands Top-Ringerin Aline Rotter-Focken im Interview

Am vergangenen Wochenende sind die Ringer Weltmeisterschaften im griechisch-römischen Stil und im Freistil zu Ende gegangen. Vor den Welttitelkämpfen in Budapest war auch Deutschlands derzeit beste Ringerin Aline Rotter-Focken noch sehr hoffnungsvoll. Bereits 2014 holte sie Gold in der Gewichtsklasse bis 69 Kilogramm. 2017 wurde sie Fizeweltmeisterin. Weil aber genau diese Gewichtsklasse nicht mehr olympisch ist, muss die 27-Jährige seit diesem Jahr in einer anderen Gewichtsklasse starten. Sie entschied sich für das Limit bis 76 Kilogramm und konnte dort im Sommer sogar beim „Yasar-Dogu“-Memorial in Istanbul den Turniersieg erringen.

Nur bei der WM lief es leider nicht optimal. Nach Siegen gegen die Ukrainerin Anastasija Schustowa (12:0) und die Französin Cynthia Vescan (4:0) unterlag Aline im Viertelfinale der kanadischen Olympiasiegerin von 2016, Erica Wiebe, knapp mit 4:6.

Interview

Erfolgsringerin Aline Focken. Foto: Aline Focken/privat

Aline Rotter-Focken über die WM in Budapest, ihre neue Gewichtsklasse, die nächsten Herausforderungen und ihre Ambitionen

„Setze auf Technik, Taktik und mentale Stärke…“

Frage: Aline, leider klappte es in Budapest nicht mit der erhofften WM-Medaille. Wie lautet dein persönliches Resümee zu den Welttitelkämpfen und zum Kampf gegen Erica Wiebe?

Aline Rotter-Focken: Mein persönliches Resümee fällt trotzdem recht positiv aus. Ich habe mein Ziel, eine WM-Medaille zu holen, zwar nicht erreicht, aber ich habe gegen Erica Wiebe aus Kanada, eine der besten Ringerinnen der Welt, einen super Kampf hingelegt.

Vor einigen Wochen unterlag ich noch mit 0:7 gegen sie, kann deshalb mit meiner Leistungssteigerung zufrieden sein. Klar, ich hätte sie in Budapest durchaus bezwingen können, das weiß ich jetzt umso mehr, aber Ihre bessere Physis haben es mir dann schwer gemacht, meine Führung über die Zeit zu bringen.

Frage: Du musstest in eine neue Gewichtsklasse wechseln. Welche Herausforderungen brachte das mit sich? Musste auch das Training verändert werden?

Aline Rotter-Focken: Ich habe mein Training angepasst, aber nicht groß umgestellt. Ich habe noch mehr an meiner Schnelligkeit und Explosivität, aber auch an meiner Beweglichkeit und speziellen Ausdauer gearbeitet, um die körperlich stärkeren Gegnerinnen trotzdem unter Druck setzen zu können und müde zu machen. Außerdem konnte ich das ganze Jahr für mein Training nutzen und nicht einige Wochen mit der Gewichtsreduktion usw. verschwenden.

Frage: Nun startest du in der Gewichtsklasse bis 76 Kilogramm. Angenommen man bliebe deutlich von den 76 Kilogramm entfernt, kann man dieses Gewichtsdefizit eigentlich durch eine ausgefeilte Technik und Kampf-Strategie wettmachen?

Aline Rotter-Focken: Ja, das ist mein Plan. Nach über 23 Jahren Ringen und 15 Jahren Leistungssport werde ich körperlich nicht mehr all zu viel an effektiver Muskelmasse zulegen können. Mich „hoch zu futtern“, ist aber auch keine Option, da ich meine Schnelligkeit verlieren würde, deshalb setze ich auf Technik, Taktik und mentale Stärke.

In der Gewichtsklasse bis 76 Kilogramm siegte Adeline Gray aus den USA vor Yasemin Adar aus der Türkei. Bronze ging jeweils an Erica Wiebe aus Kanada und Hiroe Minagawa aus Japan.

Frage: Wie beurteilst du die WM 2018 insgesamt – im Hinblick auf die Resultate der Frauen und Männer? Wie stellt sich das internationale Kräfteverhältnis derzeit dar?

Aline Rotter-Focken: Budapest war eine krasse WM. Selten sind so viele Favoriten, Weltmeister, Olympioniken etc. schon in der Vorrunde ausgeschieden. Daran sieht man aber auch, wie enorm sich das Ringen auf der ganzen Welt entwickelt. Immer mehr Länder investieren, gerade auch ins Frauen-Ringen, und schließen immer mehr zur Weltspitze auf. Ich bin gespannt, wer am Ende in Tokyo und den darauffolgenden Jahren alles um die olympischen Medaillen kämpfen wird. Der Sport entwickelt sich extrem. Ich hoffe das erkennen auch Außenstehende und das IOC an.

Frage: Wie sieht dein weiteres Wettkampfprogramm 2018/2019 aus? Welche Resultate musst du erreichen um sicher bei Olympia 2020 dabei zu sein?

Aline Rotter-Focken: Mein Jahr 2018 ist wettkampftechnisch beendet. Für mich steht jetzt erst einmal ein wenig Freizeit und meine verspäteten Flitterwochen an, bevor es danach in die Grundlagenphase geht, um mich optimal auf 2019 vorzubereiten. Im April 2019 stehen die Europameisterschaft in Bukarest und im September 2019 die WM in Astana an. Um mich direkt für Tokyo zu qualifizieren, muss ich in Astana unter die ersten Fünf kommen.

Vielen Dank und weiterhin maximale Erfolge!

 

Die Ringer Weltmeisterschaften 2018 in Zahlen

An den Welttitelkämpfen in Budapest nahmen rund 700 Ringerinnen und Ringer aus fast 80 Nationen teil. Aus deutscher Sicht waren 18 Athletinnen und Athleten aktiv vor Ort. im Medaillenranking am erfolgreichsten waren Russland (dreizehn Medaillen, darunter zehnmal Gold), die USA (zwölf Medaillen, darunter viermal Gold), Japan (zehn Medaillen, darunter fünfmal Gold) und die Türkei (neun Medaillen, darunter einmal Gold).

In den insgesamt dreißig Entscheidungen konnten Ringerinnen (Freistil) und Ringer (Freistil, Griechisch-römisch) aus 32 Ländern Edelmetall holen – ein Beleg dafür, wie populär und erfolgreich Ringen global betrachtet ist. Vierzehn Nationen konnten eine oder mehrere Goldmedaillen erkämpfen. Die Team-Wertungen entschieden bei den Frauen Japan (156 Punkte), bei den Herren im Griechisch-römischen Ringen Russland (178 Punkte) und im Freistil-Ringen ebenfalls Russland (178 Punkte) für sich.

Der Deutsche Frank Stäbler schrieb sogar Ringer-Geschichte (Griechisch-römisch): Er ist der erste Ringer, der dreimal hintereinander in drei verschiedenen Gewichtsklassen Weltchampion wurde. 2015 in Las Vegas in der Gewichtsklasse bis 66 Kilogramm, 2017 in Paris in der Gewichtsklasse bis 71 Kilogramm und 2018 in Budapest in der Gewichtsklasse bis 72 Kilogramm.


 

Olympia und der Ringkampfsport aus deutscher Sicht

In zwei Jahren ist es so weit. Dann steigen in Tokyo die Olympischen Spiele und damit auch die Ringerturniere (zwischen dem 24. Juli und 9. August 2020). Rückblickend gab es gab es in der deutschen Historie bereits einige olympische Erfolge. Die Bilanz zwischen 1896 und 2016 (inkl. der DDR-Ergebnisse) weist insgesamt 8 x Gold, 24 x Silber,und 18 x Bronze auf. Dabei ist hinzuzufügen, dass Alexander Leipolds Olympia-Gold (2000 im Weltergewicht, Freistil) wegen erhöhter Nandrolonwerte, deren Ursachen auch natürliches Ursprungs sein konnten, aberkannt wurde.

Die 8 Olympiasiege erkämpften:

  • Carl Schuhmann (1896, Gewichtsklasse ohne Limit)
  • Kurt Leucht (1928, griechisch-römisch, Bantamgewicht)
  • Jakob Brendel (1932, griechisch-römisch, Bantamgewicht)
  • Wilfred Dietrich (1960, Freistil, Schwergewicht)
  • Rudolf Vesper (1968, griechisch-römisch, Weltergewicht)
  • Lothar Metz (1968, griechisch-römisch, Mittelgewicht)
  • Pasquale Passarelli (1984, griechisch-römisch, Bantamgewicht)
  • Maik Bullmann (1992, griechisch-römisch, Halbschwergewicht)

Ringer aus M-V bei den Olympischen Spielen

Ringen: Auch in M-V mit Tradition. Foto: Maik Micera

Lothar Metz (ASK Vorwärts Rostock) nahm zwischen 1960 und 1972 viermal an Olympischen Spielen im griechisch-römischen Stil teil und seine Bilanz ist „atemberaubend“: 1 x Gold, 1 x Silber und 1 x Bronze. Den Olympiasieg errang er ’68 in Mexico-City. Metz‘ Klubkollege Rudolf Vesper (wie dieser Jahrgang 1939) war zweimal Olympionike: 1964 und 1968. Beim ersten Mal noch „Lehrling“ (Achter) wurde Vesper beim zweiten Anlauf Olympiasieger. Ohne Medaillengewinn, trotz guter Leistungen, blieb der in Teusin bei Demmin geborene Klaus Pohl.  Er startete 1968 (Leichtgewicht, GR) und 1972 (Weltergewicht, GR, 7. Platz). Für den Weltmeister von 1977, Heinz-Helmut Wehling (ASK Vorwärts Rostock), gab es ein Jahr zuvor, bei den Spielen ’76 in Montreal, Bronze. Bei Olympia 1972 war es sogar Silber gewesen.

Hervorragende Platzierungen erreichte auch Roland Gehrke. Dieser schrammte zweimal ganz knapp an einer Medaille (Superschwergewicht; Freistil) vorbei. In Montreal 1976 und in Moskau 1980 wurde er jeweils Vierter. Hans-Dieter Brüchert wurde 1976 in der Klasse bis 57 kg im Freistil-Ringen olympischer Silbermedaillen-Gewinner.

Dietmar Hinz, Jahrgang 1953 mit Geburtsort Loitz, schaffte im Halbfliegengewicht in Montreal 1976 Platz fünf. Der gebürtige Rostocker Otto Steingräber, Jahrgang 1957, war Olympia-Teilnehmer 1980 in Moskau (Weltergewicht, Freistil). Des Weiteren nahmen Armin Weier aus Vorbein (1980, Mittelgewicht, Freistil), Olaf Koschnitzke aus Grevesmühlen (1988, Halbschwergewicht, GR), Olaf Brandt aus Greifswald (1992, Fliegengewicht, GR) und Rene Schniekel aus Lübz (1996, Superschwergewicht, GR, 6.Platz) an den Spielen teil.

Ganz knapp kämpfte sich übrigens schon der gebürtige Anklamer John Roland Redman (für die USA startend) an einer Medaille (Leichtschwergewicht, Freistil) vorbei. 1920 in Antwerpen wurde er Vierter.

M.Michels