Judoka Luise Malzahn über ihren olympischen Wettkampf, Rio und das dortige Leben, ihre nächsten Ziele und Ambitionen

Die judosportlichen Höhepunkte des Jahres, die olympischen bzw. paralympischen Turniere, sind längst wieder Sportgeschichte. Zwar waren die Japanerinnen und Japaner, beim olympischen Turnier im August,  in Rio sehr stark, aber längst nicht so überlegen wie noch bei den Weltmeisterschaften im vorolympischen Jahr, 2015 in Astana. Damals standen mit den Team-Wettbewerben der Damen und Herren zwar auch zwei nichtolympische Konkurrenzen auf dem Programm, die zweimal Gold für Japan brachten, aber in Astana 2015 lautete die japanische Judo-Bilanz noch 8 x Gold, 4 x Silber, 5 x Bronze…

Auch Russen und Franzosen stark

In Rio waren – wie judosportlich gewohnt – auch die Franzosen (fünf Medaillen, 2 x Gold) und Russland (drei Medaillen, 2 x Gold) sehr stark. Gastgeber Brasilien schaffte drei Medaillen, darunter 1 x Gold, und war mit der Bilanz nicht so recht zufrieden. Auch die Südkoreaner dürften sich nur mit der Medaillen-Anzahl (drei) trösten, aber Olympia-Gold schafften sie 2016 nicht.

Insgesamt gewannen Judoka aus 26 Ländern olympische Medaillen in Rio, darunter zehn Staaten eine oder mehrere Goldmedaillen. 386 Judoka aus 138 Nationen waren letztendlich auf der olympischen Tatami 2016 aktiv.

Zwischen deutscher Bilanz und südamerikanischen Erfolgen

Das deutsche Judo-Team kann und darf mit der Rio-Bilanz ebenfalls nicht zufrieden sein.  Nur einmal Bronze, durch Laura Vargas Koch im Mittelgewicht der Frauen, holte das deutsche Team von der olympischen „Judo-Matte“ 2016. Da waren die Ziele andere…

Überzeugend war wieder einmal Frankreichs Schwergewicht Teddy Riner, der nach Olympia-Bronze 2008 in Peking, Olympia-Gold 2012 in London auch in Rio 2016 wieder Olympia-Gold holte. Dazu schaffte Teddy Riner bei WM zwischen 2007 und 2015 siebenmal Gold sowie bei EM zwischen 2007 und 2016 fünfmal Gold. Und Olympia-Gold gab es endlich auch für die charismatische Majlinda Kelmendi aus dem Kosovo im Halbleichtgewicht.

Paralympische Judo-Medaillen für Schwerin

Beim folgenden paralympischen Turnier im September setzten insbesondere die Mannschaften aus Usbekistan (zweimal Gold, dreimal Bronze), der Ukraine (einmal Gold, zweimal Silber, dreimal Bronze) und Aserbaidschan (jeweils einmal Gold, Silber, Bronze) die judosportlichen Akzente. Japan kam hier auf einmal Silber, zweimal Bronze.

Aus deutscher Sicht gab es zweimal Silber bzw. einmal Bronze. Nikolai Kornhassvon der Gundelfinger Turnerschaft belegte dabei den dritten Platz im Leichtgewicht bei den Herren. Und die Zwillingsschwestern Carmen bzw. Ramona Brussig (beide PSV Schwerin) erkämpften jeweils Silber im Superleichtgewicht bzw. im Halbleichtgewicht. Ramona Brussig hatte bereits 2004 bzw. 2012 Gold sowie 2008 Silber bei den Paralympics errungen. Carmen Brussig schaffte 2008 Bronze bzw. 2012 Gold.

Im Blickfeld: Luise Malzahn

Eine deutsche Judoka, die in Rio zwar kein Edelmetall holte, aber dennoch große Aufmerksamkeit verdient, ist die 26-jährige Luise Malzahn aus Halle an der Saale. Die ausgezeichnete Judoka konnte in der Vergangenheit, gerade seit 2011 im Elite-Bereiche zahlreiche Medaille und Erfolge feiern. So kommt Luise bei Grand Prix-, Grand Slam- und World Masters-Turnieren auf viermal Gold, siebenmal Silber bzw. neunmal Bronze, bei WM auf fünfmal Bronze und bei EM auf fünfmal Silber bzw. viermal Bronze. Deutsche Meisterin war Luise Malzahn zwischen 2008 und 2015 schon viermal und bereits vor zehn Jahren, in Miskolc, jubelte Luise über Gold bei den U 17-EM.

Leider lief es für die Hallenserin in Rio nicht so wie gewünscht. Ein Kreuzbandriss im Vorfeld der Spiele beeinträchtigte Luise, aber beim olympischen Turnier erreichte sie dennoch den Kampf um Bronze. Hier unterlag die ambitionierte Judoka spektakulär, nach einem intensiven Würgegriff ihrer Kontrahentin Anamari Velensek aus Slowenien. Die Medaillen in ihrer Gewichtsklasse bis 78 Kilogramm gingen letztendlich an die US-Amerikanerin Kayla Harrison (Gold), an die Französin Audrey Tcheumeo (Silber) sowie die erwähnte Anamari Velensek (Slowenien) bzw. Mayra Aguiar (Brasilien).

Wie ist die Gemütslage aber zurzeit bei Luise Malzahn? Die 26-jährige Hallenserin über ihren olympischen Wettkampf in Rio, die Stadt und das Leben dort, ihre beruflichen Herausforderungen und neue Ziele sowie Ambitionen

„Welche Sportart ist schon fair…“

Frage: Luise, mit dem Abstand von fast zwei Monaten… Wie lautet Ihr persönliches sportliches Resümee zu Rio?

Luise Malzahn: Ich hatte mir für die Olympischen Spiele in Rio viel vorgenommen. Ich wollte endlich die verdiente Olympia-Medaille gewinnen, die mir und meiner Familie nach so vielen Jahren zusteht. Die Aussichten waren sehr gut. Ich hatte eine sehr erfolgreiche Qualifikationsphase.

Nach dem erneuten Kreuzbandriss sieben Wochen vor meinem olympischen Wettkampf war mir klar, dass es brutal hart und schwierig sein wird, dieses Ziel zu erreichen. Nichts desto trotz habe ich alles gegeben und wortwörtlich bis zum Umfallen gekämpft.

Frage: Ihr Kampf um Bronze schockte doch etwas – gerade der extreme Würgegriff Ihrer Gegnerin… Dabei gilt Judo als eine ausgesprochen faire Sportart. Wie erlebten Sie diesen Kampf?

Luise Malzahn: Welche Sportart ist schon fair? Am Ende kämpft jeder Judoka auf der Matte allein für seine Ziele und ist dabei teilweise auch rücksichtslos und egoistisch. An diesem Kampf ärgert mich aber nur das Weggucken des Kampfrichters, der diese Aktion hätte schon viel eher unterbrechen müssen. Das war schon äußerst ungewöhnlich und fragwürdig.

Frage: Rio ist abgehakt… Welche nächsten Ziele haben Sie?

Luise Malzahn: Am vergangenen Donnerstag unterzog ich mich einer erneuten Kreuzband- Operation, die leider nicht umgänglich war, sollte ich weiter Leistungssport machen wollen. Somit steht jetzt erst einmal eine langwierige Reha auf dem Plan. Mein Ziel ist es daher, Ende 2017 wieder an einem Turnier der IJF-Weltserie teilzunehmen, um mich für die EM und WM 2018 anzubieten. Das Ziel einer Olympia-Medaille ist weiterhin präsent.

Frage: Wie sieht derzeit Ihr Tagesablauf aus – zwischen Tatami, Kriminalistik und Spaziergängen an der Saale?!

Luise Malzahn: Ich genieße die Zeit in meiner Heimatstadt Halle mit meiner Familie und Freunden, die in den letzten Monaten viel zu kurz kam. Da ich noch einige Zeit krank geschrieben bin, werde ich meine Dienststelle erst wieder Ende des Jahres besuchen können. Bis dahin besteht mein Alltag aus Physiotherapie, Reha und Krafttraining, um mein Knie wieder auf bevorstehende Höchstleistungen einzustellen.

Letzte Frage: Rio waren ja Spiele der Gegensätze… Wie haben Sie, jenseits des Sportes, die 2016er Spiele empfunden? Blieb ein Blick für das wahre Leben in Rio?

Luise Malzahn: Für mich war Brasilien und auch Rio de Janeiro nichts Neues, da wir im Vorfeld schon oft zu Trainingslagern und Wettkämpfen dort waren. Ich habe vor allem die Zeit nach meinem Wettkampf genutzt, um Land und Leute zu erkunden.

Wir als Sportler wurden überall herzlich empfangen und begrüßt. Und trotz der starken sozialen und finanziellen Gegensätze in Rio, habe ich das Gefühl, dass es den Einwohnern trotzdem an nichts fehlt und sie ein zufriedenes Leben führen. Daran können wir uns als Deutsche sicher eine Scheibe abschneiden.

Vielen Dank, weiterhin alles erdenklich Gute, eine baldige Genesung und maximale Erfolge – beruflich, persönlich und sportlich! Bestimmt klappt es mit der olympischen Medaille 2020!

Übrigens: Am 15.Oktober findet der 12.Neptun-Cup im Judo-Sport in Rostock statt… Und vom 22.Oktober bis 23.Oktober wird das erste Matthias-Hermann-Gedenkturnier in Schwerin veranstaltet. Der langjährige erfolgreiche Judo-Trainer verstarb 2014 im Alter von nur 47 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung…

Marko Michels