Im Gespräch mit Paul Döring, Sportdirektor beim BC Traktor Schwerin und Pressereferent beim Boxverband M-V

Boxen – Symbolbild

Herr Döring, im September fanden die Welt-Titelkämpfe der Männer in Jekaterinburg statt. Leider wurde das Ereignis nicht im Deutschen Fernsehen übertragen. Ist der Amateur-Boxsport keine Sendeminute mehr wert?

Paul Döring: Die diesjährigen Deutschen Elite Meisterschaften, die im Rahmen der Großsportveranstaltung „DIE FINALS“, in Berlin ausgetragen wurden, erhielten Sendezeiten im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Es wurden beispielsweise die Finalkämpfe von unserer Boxerin Sarah Scheurich (Frauen/75 Kilogramm) und und unserem Boxer Kevin Boakye-Schumann (Herren/75 Kilogramm) live in der ARD übertragen. Das ist eine großartige Sache und sorgte für großes Aufsehen mit bemerkenswerten Einschaltquoten.

Da die deutsche Nationalmannschaft bei der WM in Russland letztendlich keinen Medaillen-Erfolg hatte, ist es schwer abzuwägen, inwiefern das Fernsehen bei einem Medaillenerfolg berichtet hätte. Nelvie Tiafack (über 91 Kilogramm / NRW) hat mit seinem Einzug ins Viertelfinale zumindest für ein wenig Medien-Aufsehen gesorgt. Ich gehe davon aus, dass der sportliche Erfolg hierbei eine essentielle Rolle spielt.

Wie bewerten Sie das WM-Geschehen insgesamt?

Paul Döring: Die Weltmeisterschaft in Jekaterienenburg war ein sehenswertes und höchstinteressantes Turnier. Trotz der Suspendierung des Weltverbandes der AIBA und der damit nicht vorhandenen Olympia-Qualifikationsplätze bei diesem Turnier entsandten die Nationen ihre besten Box-Athleten. Die führenden Nationen waren wieder Usbekistan, Russland, Kasachstan und Kuba.

Die deutsche Staffel blieb bei dieser WM ohne Medaillenerfolg. Das deutsche Team besteht jedoch aus sehr jungen Faustkämpfern, die international teilweise unerfahren sind. Schaut man in die Reihen der erfolgreichen Nationen, so setzen diese auf Sportler, die jahrelang auf höchsten Niveau weltweit unterwegs sind oder sie greifen auf eine große Breite an guten Sportlern zurück.

Die Herren-Box-WM 2019 war sicherlich ein trauriges Ergebnis für den deutschen Boxsport, aber dennoch sollte der Fokus auf die Olympischen Spiele in Tokyo im nächsten Jahr liegen. Die Qualifikationsturniere dafür starten im März 2020. Da gilt es dann, Plätze zu sichern.

Zur WM der Herren

An den Weltmeisterschaften 2019 (9. – 21. September) nahmen insgesamt 365 Faustkämpfer aus 78 Ländern teil. Die acht WM-Goldmedaillen teilten sich Usbekistan (dreimal Gold), Russland (dreimal Gold) sowie Kasachstan bzw. Kuba (je einmal Gold). Insgesamt erkämpften 15 Länder Edelmetall. Deutschland war leider nicht darunter.

Die Frauen-WM werden demnächsat in Ulan-Ude/Sibirien ausgetragen. Mit MV-Beteiligung?

Paul Döring: Ornella Wahner (Elite-Weltmeisterin 2018 in der Gewichtsklasse bis 57 Kilogramm) musste aufgrund von gesundheitlichen Problemen pausieren und wird mit ihrem derzeitigen Trainingsrückstand nicht an den Weltmeisterschaften teilnehmen. Sie konzentriert sich derzeit auf ihre Aufbau-Phase und die Qualifikationsturniere im kommenden Jahr.

Die Vorbereitungen von Sarah verliefen reibungslos. Sie fliegt bereits zu ihrer dritten Frauen-Weltmeisterschaft. Ihr Ziel ist es,  ihre erste Medaille bei einer Elite-WM zu erkämpfen. Das Niveau des Frauen-Boxens ist in den vergangenen Jahren enorm gestiegen. Dennoch zählt Sarah im Mittelgewicht zur europäischen Spitze und hat realistische Chancen auf Edelmetall.

Zur WM der Frauen

Erwartet werden rund 280 Faustkämpferinnen aus mehr als 60 Nationen, die um zehnmal Gold fighten (3. bis 13. Oktober). Bei den letzten WM 2018 in Neu-Delhi war China mit viermal Gold, einmal Silber die Top-Nation. Für die deutsche Staffel holten Ornella Wahner, inzwischen BC Traktor Schwerin, Gold im Federgewicht und Nadine Apetz Bronze im Weltergewicht.

Ohne talentierten und motivierten Nachwuchs keine Spitzenklasse… Wie sieht es da im MV-Boxsport aus?

Paul Döring: Die Nachwuchsarbeit in MV ist ständig am „Rotieren“. Es gibt wieder einige neue Vereine, die Box-Nachwuchs ausbilden und gute Arbeit leisten. Der Stützpunkt in Schwerin lädt desöfteren zu gemeinsamen Blocktrainings ein, bei denen schon junge talentierte Sportler geschult, ausgebildet, aber auch gesichtet werden. Aufgrund der schmalen Dichte der Vereine und Nachwuchssportler ist die Zusammenarbeit dieser Vereine sehr wichtig.

Nach wie vor ist der Boxverband MV einer der führenden Verbände in Deutschland in puncto Nachwuchsveranstaltungen. Mit dem Ostseepokal, dem Turnier der Olympischen Hoffnungen und dem Internationalen Schweriner Boxturnier finden hierzulande gleich drei internationale Turniere statt. Des Weiteren ist der Boxverband MV Ausrichter der Deutschen U17- und U22-Meisterschaften.

Im Großen und Ganzen steht es gut um den Boxsport in MV – aber wie im Sport üblich darf kein Stillstand herrschen. Man muss stets motiviert voran gehen!

Was könnte in puncto Talente-Förderung noch besser werden?

Paul Döring: Meiner Meinung nach gibt es genügend Kinder und Jugendliche, die sich sportlich betätigen möchten. Die Gesellschaft denkt gesundheitsbewusst und Kampf- oder Verteidigungssport ist nach wie vor angesehen. Wichtig bei der Nachwuchsgewinnung sind geschulte und motivierte Trainer. Es ist an der Zeit, dass die älteren und erfahrenen Trainer in MV nicht nur Box-Nachwuchs, sondern auch Trainer-Nachwuchs bzw. ihre Nachfolger ausbilden. Ansonsten stehen wir bald vor einer großen Flaute. Es sollte im Sinne aller Trainer sein, dass ihr geliebter Boxsport auch in zwanzig Jahren noch existiert. Aus diesem Grund sollte der Sport auf junge engagierte Trainer setzen und diese an die Verantwortung heranführen.

Das Jahr geht ins Schlußviertel: Auf welche Turniere dürfen sich die Boxsportfreunde noch freuen?

Paul Döring: Da stehen noch einige auf dem Programm. In Schwerin findet vom 25. bis 27. Oktober das Internationale Schweriner Boxturnier der Altersklassen U17 und U19 statt. Zudem werden eine Woche später in Rostock die Deutschen Meisterschaften der Altersklasse U22 ausgetragen (30. Oktober bis 2. November). Das sind zwei sehr interessante Höhepunkte in diesem Jahr, bevor es dann im Januar mit der ersten Bundesliga in Schwerin weiter geht. Dort trifft der BC Traktor Schwerin am 11. Januar 2020 in der Palmberg-Arena in Schwerin auf den BSK Hannover-Seelze.

Besten Dank und weiterhin viel Erfolg für den Boxsport in M-V!