Ringer, Gewichtheber, Basketballspieler, Motorsportler, Leichtathleten, Tennis-Spieler und Radsportler machten den Anfang

Viele Sportfreunde blicken schon gespannt auf den Februar bzw. März 2018 mit den XXIII.Olympischen Winterspielen sowie den XII.Winter-Paralympics in Pyeongchang und nicht zuletzt bereits auf den August bzw. den September 2020, wenn in Tokyo die XXXI. Olympischen Spiele der Neuzeit bzw. die XVI.Sommer-Paralympics ausgetragen werden…

Und das von einem Jahr (2017) aus, das von mehr als 40 Kriegen bzw. kriegerischen Konflikten, von 60 Millionen Flüchtlingen weltweit und von einer globalen Wirtschaftskrise, von der nur wenige Länder nicht betroffen sind, geprägt ist…

Olympia und dessen Wettkämpfe sind da eigentlich zweitrangig. Sport sollte jedoch eine Völker verbindende Idee vermitteln, das Miteinander fördern und kulturelle Barrieren vergessen lassen… Insofern passen Olympische Spiele, die sich aber auf ihre Wurzeln besinnen müssen, sehr gut in dieses Jahr 2017.

Das Jahr nach dem zweiten Weltkrieg – Das sportliche Geschehen 1946

Blickt man auf das Sportgeschehen vor mehr als 70 Jahren zurück, als Europa infolge des zweiten Weltkrieges noch weitgehend zerstört war, 60 Millionen Menschen ihr Leben lassen mußten und rund 100 Millionen Menschen seinerzeit global aufgrund von Vertreibungen und Kriegszerstörungen flüchteten, so sollte jede und jeder eine gewisse Demut, Bescheidenheit und Empathie entwickeln. Demut vor dem Leben an sich und Empathie gegenüber Anderen, die hart um ihr Überleben kämpfen müssen. Und das nicht nur in Länder der vermeintlichen „zweiten“ oder „dritten Welt“.

Jammern hilft nicht, Destruktivität ebenso nicht, aber „Schönrednerei“, Ausblenden der Realitäten bzw. Pharisäertum ebenfalls nicht.

Sportliche Enthusiasten machten 1946 den Neu-Beginn möglich

Vor mehr als 70 Jahren, einige Monate nach dem Ende des zweiten Weltkrieges in Europa bzw. in Asien, versuchten sportliche Enthusiasten, den Sport als Völker verbindende Idee wiederzubeleben, waren doch die Olympischen Spiele 1940 und 1944 aufgrund des Kriegsgeschehens ausgefallen, war für die olympische Idee kein Platz in den Herzen und Köpfen der meisten Menschen.

Gewichtheber, Basketballspieler, Leichtathleten, Tennis-Spieler, Radsportler, Ringer, Motorsportler und Fußballspieler gehörten dabei zu den Aktivisten, die für aktives, sportliches Tun eintraten.

Die EM im Ringen in Stockholm – Türkei am erfolgreichsten

So fanden 1946 die Ringer-Europameisterschaften im freien Stil in Stockholm statt, die insbesondere von den Leistungen der türkischen, schwedischen, finnischen und ungarischen Athleten bestimmt wurde.

Für die schwedischen Gastgeber siegten Bengt Fahlkvist (Gewichtsklasse bis 87 Kilogramm) und Bertil Antonsson (Gewichtsklasse über 87 Kilogramm). Gold für die Türkei sicherten Gazanfer Bilge (Gewichtsklasse bis 62 Kilogramm), Celal Atik (Gewichtsklasse bis 67 Kilogramm) und Yasar Dogu (Gewichtsklasse bis 73 Kilogramm).

Die Finnen Lennart Viitala und Eino Virtanen gewannen die Gewichtsklassen bis 52 Kilogramm bzw. bis 79 Kilogramm. Der Ungar Lajos Bencze war hingegen in der Gewichtsklasse bis 57 Kilogramm am besten. Schweizer Ringer schafften seinerzeit ebenfalls Medaillen: 2 x Silber, 1 x Bronze.

Freundschaftlicher Zweikampf bei den WM im Gewichtheben 1946

Im Gewichtheben gab es 1946 sogar schon Weltmeisterschaften in Paris, an denen auch die Sportler aus der Sowjetunion teilnahmen. In den fünf angebotenen Gewichtsklassen setzten sich Arvid Andersson (Schweden, Federgewicht), Stanley Stanczyk (USA, Leichtgewicht), Khadr El-Touni (Ägypten, Mittelgewicht), Grigori Novak (Sowjetunion, Halbschwergewicht) und John Davis (USA, Schwergewicht) durch. Die erfolgreichsten Teams kamen aus den USA (2 x Gold, 2 x Silber, 1 x Bronze) und aus der Sowjetunion (1 x Gold, 2 x Silber, 2 x Bronze).

Oslo 1946: Die dritten Leichtathletik-EM

Die dritten Leichtathletik-Europameisterschaften der Sportgeschichte wurden dann ebenfalls bereits im August 1946 organisiert – in Oslo. Das sportliche Niveau bestimmten dabei Schweden (11 x Gold, 5 x Silber, 6 x Bronze) und die Sowjetunion (6 x Gold, 7 x Silber, 4 x Bronze). Insgesamt erkämpften Athletinnen und Athleten aus 15 Ländern Medaillen, darunter 10 Länder eine oder mehrere Goldmedaillen.

Sprint-Königin aus der Sowjetunion und Sprint-König aus Großbritannien

Der Sprint-König von Oslo 1946 war der Brite Jack Archer, der die 100 Meter in 10,6 Sekunden lief. Über die 200 Meter konnte Nikolai Karakulow (Sowjetunion) in 21,6 Sekunden gewinnen. Im Marathon-Lauf gab es einen finnischen Doppel-Sieg durch Mikko Hietanen (2:24:55) vor Väino Muinonen (2:26:08). Im Hochsprung schaffte Anton Bolinder (Schweden) 1,99 Meter, der Isländer Gunnar Huseby 15,56 Meter im Kugelstoßen und im Zehnkampf gab es ein spannendes und dennoch freundschaftliches Duell. Der Norweger Godtfred Holmvang (6987 Punkte) siegte knapp vor Sergej Kuznezow (Sowjetunion, 6930 Punkte).

Bei den Frauen avancierte Jewgenija Setschenowa mit ihren Erfolgen über die 100 Meter (11,9 Sekunden) und 200 Meter (25,4 Sekunden) zur Sprint-Königin von Oslo. Die Niederländerin Fanny Blankers-Koen triumphierte über die 80 Meter Hürden und mit der niederländischen 4 x 100 Meter-Staffel. Eine ganz knappe Entscheidung fand im Weitsprung statt, den die Niederländerin Gerda van der Kade-Koudijs mit 5,67 Metern vor Lidja Gailis (Sowjetunion) mit 5,66 Metern und Walentina Wassiljewa (Sowjetunion) mit 5,63 Metern gewann.

Weltmeisterlicher Radsport 1946 in Zürich

Weltmeisterlich Rad gefahren wurde auf der Bahn und auf der Straßen 1946 in Zürich. Bei den Bahn-Rad-WM waren die Niederlande mit 2 x Gold, 2 x Bronze das erfolgreichste Land. Die anderen drei Titel gingen an Frankreich, die Schweiz und Italien. Beim Sprint der Profis war Jan Derksen (Niederlande) der Beste, beim Sprint der Amateure war Oskar Plattner (Schweiz) die Nummer eins.

Die Straßen-WM-Titel 1946 errangen bei den Profis Hans Knecht (Schweiz) vor Marcel Kint (Belgien) bzw. Rik van Steenbergen (Belgien) und bei den Amateuren Henry Aubry (Frankreich).

Zwischen Snooker und Basketball 1946

Internationale Meisterschaften wurden vor sieben Jahrzehnten ebenfalls im Snooker (WM) und im Herren-Basketball (EM) ausgetragen. Das Finale der WM im Snooker in London bestritten Joe Davis (England) und Horace Lindrum (Australien), die sich bereits neun Jahre zuvor (1937) gegenüber standen. Letztendlich gewann Joe Davis das Finale im Mai 1946 mit 78:67.

Bei den Basketball-EM in Genf nahmen zehn Teams teil, wobei das Finale knapp von der Tschechoslowakei gegen Italien gewonnen wurde (34:32). Dritter wurde Ungarn vor Frankreich.

Motorsportliche Grand Prix-Wettkämpfe mit Erfolgen für Italien und Frankreich

Auch motorsportlich gab es 1946 einige Veranstaltungen. Den Grand Prix von Nizza entschied Luigi Villoresi (Italien) vom Maserati-Team für sich. Den Wettbewerb „Coupe Rene Le Begue“ in Saint-Cloud gewann Raymond Sommer (Frankreich, Maserati). Und die Sieger der Grand Prix in Albi, in Genf und in Turin waren Tazio Nuvolari (Italien, Maserati), Giuseppe Farina (Italien, Alfa Romeo) und Achille Varzi (Italien, Alfa Romeo).

Tennis in Wimbledon 1946 mit Siegen für die USA und auch für Frankreich

In Wimbledon wurde 1946 auch das traditionsreiche Tennis-Turnier veranstaltet. Dort setzten sich Yvon Petra (Frankreich, Herren), Pauline Betz (USA, Frauen), Tom Brown bzw. Jack Kramer (USA, Herren-Doppel), Louise Brough bzw. Margaret Osborne (USA, Damen-Doppel) und Louise Brough bzw. Tom Brown (USA, Mixed) durch. Den Davis-Cup 1946 erkämpfte die USA nach einem 5:0 gegen Australien in Melbourne.

Fußballsport in Deutschland 1946 – die ersten „Meister“

Fußball konnte in Deutschland, dessen Sportlerinnen und Sportler ansonsten von den internationalen Wettkämpfen ausgeschlossen blieben,  1945 bzw. 1946 bereits wieder. In der amerikanischen Besatzungszone („Oberliga Süd“) wurde 1945-1946 der VfB Stuttgart amerikanischer Zonen-Meister. In der französischen Besatzungszone gewann die dortige Oberliga für die Regionen Saarland-Rheinland-Pfalz bzw. Südbaden-Süd-Württemberg-Hohenzollern der 1.FC Saarbrücken. Erst später, 1946-1947, wurden fußballsportiv in der britischen und sowjetischen Besatzungszone die dortigen „Zonen-Meister“ ermittelt.

Die Olympischen Spiele 1948 in London – mit Bescheidenheit, Demut und echtem Miteinander

Drei Jahre nach Ende des zweiten Weltkrieges und zwei Jahre nach den ersten großen internationalen Sportwettkämpfen 1946  wurden wieder Olympische Spiele organisiert. London war seinerzeit zum zweiten Mal nach 1908 Gastgeber der Spiele (und wurde es dann 2012 zum dritten Mal).

Trotz der damaligen Notlage, den unermesslichen Kriegsfolgen und des beginnenden Kalten Krieges schafften es die Britinnen und Briten denkwürdige, herzliche und aufrichtige Spiele zu organisieren.

Deutsche Sportlerinnen und Sportler waren noch nicht wieder zugelassen und auch die UdSSR nahm nicht in London 1948 teil. Dennoch zählten die Spiele 1948 rund 4100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus 59 Ländern.

Das sportliche Geschehen in London 1948

Trotz einer Fanny Blankers-Koen aus den Niederlanden, die jeweils Gold über die 100 Meter, 200 Meter, über die 80 Meter-Hürden und mit der niederländischen 4 x 100 Meter-Staffel erkämpfte, dominierten die Amerikanerinnen und Amerikaner in der Leichtathletik und holten zwölfmal Gold (insgesamt 27 Medaillen). Harrison Dillard war dabei der Sprint-König von London 1948 mit Gold über 100 Meter und über 4 x 100 Meter.

Im Gewichtheben lieferten sich die USA und Ägypten einen Zweikampf, der zugunsten der USA mit 4 x Gold (insgesamt 8 Medaillen) endete. Im Halbschwergewicht wurde ein gewisser Harold Sakata hinter Stanley Stanczyk Silbermedaillen-Gewinner – Sakata spielte im James-Bond-Streifen „Goldfinger“, 16 Jahre nach London,  im Jahr 1964 den diabolischen Ganoven Oddjob, wurde also mehr als Schauspieler denn als Athlet weltberühmt!

Im Boxen stellte Südafrika die beste Boxstaffel mit 2 x Gold und je 1 x Silber und Bronze. Das Schwergewicht gewann allerdings der Argentinier Rafael Iglesias.

Die besten Ringer 1948 kamen aus der Türkei (6 x Gold, insgesamt 11 Medaillen), die besten Schützen kamen aus der Schweiz und den USA mit je 1 x Gold und Silber sowie im Fechten „duellierten“ sich Frankreich und Ungarn um die Spitzen-Position, die nach Goldmedaillen 3:3 und nach der Anzahl der Medaillen 5:4 für Ungarn endete.

Schweden setzte eine Erfolgs-Tradition fort

Schweden setzte die olympische Erfolgstradition im Modernen Fünfkampf fort (Gold durch William Grut) und im Reiten waren Franzosen und Mexikaner die erfolgreichsten mit 2 x Gold und zwei weiteren Medaillen. Frankreich war nicht nur „auf dem Rücken der Pferde“, sondern auch im Radsattel sehr imposant und erradelte 3 x Gold sowie 2 x Bronze. Aber: Der beste Rad-Sprinter kam aus Italien – Mario Ghalli hieß der 1948er Olympiasieger in dieser Disziplin.

Beste Turn-Nation 1948 war Finnland mit 6 x Gold und 10 Medaillen. Die Schwimmerinnen und Schwimmer der USA entschieden den Medaillenspiegel im Schwimmbecken für sich (8 x Gold, insgesamt 15 Medaillen).

In den maritimen Sportarten Kanu-Rennsport, Rudern und Segeln waren Großbritannien (Rudern, 2 x Gold, 1 x Silber), Schweden (Kanu-Rennsport, 4 x Gold, darunter 2 x Gold für Gert Fredriksson) und die USA (Segeln, 2 x Gold, je 1 x Silber und Bronze) die Top-Nationen.

Die Wettbewerbe im Wasserspringen gestalteten sich zur USA-Meisterschaft mit internationaler Beteiligung, von 12 Medaillen gingen 10 an das USA-Team. Im Kunstspringen bzw. Turmspringen bei den Damen war Victoria Draves die Dominatorin.

In den Mannschaftsballsportarten triumphierten vor 68 Jahren Italien im Wasserball, Schweden im Fußball, Indien im Feld-Hockey und die USA im Basketball – damals nur Herren-Wettbewerbe …

Auch künstlerisch wurde in London 1948 um Medaillen gewetteifert, wobei die olympischen Goldmedaillen in den einzelnen Bereichen der  Kunstwettbewerbe  Finnland (2) und Österreich, Großbritannien, Frankreich, Schweden, Italien und Polen „erkämpften“.

London 1948 – Bedeutung

London 1948 bewies, dass die olympische Idee, der olympische Gedanke, ja das olympische Miteinander den mörderischen zweiten Weltkrieg überlebt hatte. Insofern verliehen die Spiele 1948 der olympischen Bewegung wieder neue Hoffnung und Vitalität.

Und es gab 1948 tatsächlich noch eine familiäre Atmosphäre – unter den Sportlern wie Zuschauern.

Im Jahr 1948 wurden zudem die „Stoke Mandeville Games“ für Sportlerinnen und Sportler mit Handicaps, speziell für Kriegsversehrte, ausgetragen.

Übrigens: Die erste aktive Olympia-Teilnehmerin aus Mecklenburg und Vorpommern nach dem zweiten Weltkrieg gab es folgend 1952 bei den Olympischen Spielen in Helsinki. Die Turnerin Brigitte Kiesler, geboren 1924 in Ludwigslust, wurde mit der Bundesrepublik Deutschland Fünfte im Mannschaftsmehrkampf und Vierte in der Gruppengymnastik mit Handgeräten.

Nun geht es jedoch 2018 nach Pyeongchang und 2020 nach Tokyo – mit hoffentlich friedlichen Spielen in einer friedlicheren Welt…

Marko Michels

Foto (Michels): Bleibt die (sportliche) Welt friedlich?! / Zitat Michail Gorbatschow: „Wir alle sind Passagiere an Bord des Schiffes Erde, und wir dürfen nicht zulassen, dass es zerstört wird. Eine zweite Arche Noah wird es nicht geben…“