Der Fechtsport zwischen Gegenwart und Historie

Symbolbild – Fechten

Auf die fechtsportliche Planche geht es natürlich auch 2018 wieder. So stehen die Elite-Europameisterschaften im Juni in Novi Sad auf dem Programm und dann im Juli, vom 19.Juli bis 28.Juli, die Elite-WM in Wuxi.

Zum dritten Mal Fecht-WM in Asien

Damit wird erst zum dritten Mal – nach 1999 in Seoul und 2008 in Peking – eine Fecht-Elite-WM in Asien ausgetragen. Dazu kommen noch die olympischen Konkurrenzen im Fechten bei den Spielen 1964 in Tokyo, 1988 in Seoul und 2008 in Peking bzw. bei den Olympischen Jugend-Sommerspielen 2010 in Singapur und 2014 in Nanjing.

Olympisches Fechten in Tokyo 1964, in Seoul 1988 und in Peking 2008

Bei Olympia 1964 in Tokyo stellten Ungarn mit 4 x Gold und die Sowjetunion mit 3 x Gold, 1 x Silber, 2 x Bronze die erfolgreichsten Fecht-Mannschaften. Für Deutschland gab es dank der Florett-Fechterinnen um Helga Mees einmal Silber, einmal Bronze. Ein Olympia-Fechter von 1964 hatte hingegen seine Heimat in der Nähe Schwerins, in Seehof. Franz Rompza, Jahrgang 1934, glänzte 1964 und 1968 bei Olympia im bundesdeutschen Degen-Team, das 1964 Rang sechs  Olympiasieger Ungarn vor Italien und Frankreich) und 1968 Rang vier (Olympiasieger Ungarn vor der Sowjetunion und Polen) belegte.

In Seoul, bei Olympia 1988, waren hingegen die deutsch-deutschen Fechterinnen bzw. Fechter am besten – mit insgesamt dreimal Gold, viermal Silber, einmal Bronze. Die DDR steuerte durch Udo Wagner im Florett-Fechten eine Silbermedaille bei. Olympische Goldmedaillen für Schwarz-Rot-Gold gab es durch Arnd Schmitt (Degen-Einzel der Herren), Anja Fichtel (Florett-Einzel der Damen) und das Florett-Frauen-Team mit Anja Fichtel, Sabine Bau, Zita Funkenhauser, Annette Klug und Christiane Weber. Imponierend damals insbesondere der Dreifach-Triumph im Frauen-Florett-Fechten (Einzel) durch Anja Fichtel (Gold), Sabine Bau (Silber) und Zita Funkenhauser (Bronze).

Und bei den olympischen Fecht-Entscheidungen 2008 in Peking waren Frankreich (2 x Gold, 2 x Silber), Italien (2 x Gold, 5 x Bronze), Deutschland (2 x Gold) und die USA (1 x Gold, 3 x Silber, 2 x Bronze) die besten Fecht-Teams. Für Deutschland erkämpften Britta Heidemann (Degen-Einzel der Frauen) und Benjamin Kleibrink (Florett-Einzel der Herren) jeweils eine Goldmedaille.

Die WM 1999 und 2008 im Rückblick

Die Welt-Titelkämpfe in Seoul 1999 wurden hingegen von den Fechterinnen und Fechtern aus Frankreich (5 x Gold, 1 x Silber, 2 x Bronze), Deutschland und Italien (jeweils 2 x Gold, 2 x Silber, 2 x Bronze) bestimmt. WM-Gold für Deutschland erkämpften seinerzeit  Arnd Schmitt im Degen-Einzel, der an gleicher Stelle ja 11 Jahre zuvor Olympia-Gold gewonnen hatte. Außerdem holten die Florett-Fechterinnen im Team um Sabine Bau, die ebenfalls 11 Jahre zuvor Olympia-Gold geschafft hatte, WM-Rang eins.

Die WM im Fechten 2008 in Peking fanden 16 Wochen vor den olympischen Wettkämpfen, ebenfalls in Peking, statt und waren eher ein Olympia-Test für die Fecht-Konkurrenzen. Medaillen wurden nur in zwei Entscheidungen vergeben – im Florett-Fechten der Herren (Team) – dort siegte Italien vor Deutschland – und im Degen-Fechten der Frauen (Team) – dort gewann Frankreich vor China und Deutschland.

Fecht-Wettbewerbe  in Asien waren also aus deutscher Sicht, ob bei Olympia oder WM, stets sehr erfolgreich.

Nun geht es aber 2018 nach Wuxi zu den WM und dann 2020 zu Olympia in Tokyo!

Exkurs: Im Blickfeld – Die deutsche Erfolgsfechterin Sabine Bau

Vor 30 Jahren, im September/Oktober 1988,  fanden die olympischen Fecht-Konkurrenzen in Seoul statt. Sabine Bau, Jahrgang 1969, gebürtige Würzburgerin, war damals im Fechten, um es „unelitär“ auszudrücken, bereits ein „sportlicher Hit“, nachdem sie schon 1986 Einzel-Vize- Weltmeisterin im Florett-Fechten wurde. Sie stellte bzw. stellt aber auch neben der Planche, dieses Urteil sei einem „objektiven Auge“ gestattet, einen „echten Hingucker“ dar. Zudem war und ist Sabine Bau ist ziemlich geistreich – eine promovierte Ärztin mit dem Schwerpunkt Orthopädie / Sportmedizin.

Fechtsportliches Kalenderblatt vom 31.Oktober 2008 bei rostock-sport.de

Die Fechterin Sabine Bau hatte vor drei Jahrzehnten nicht nur in Westdeutschland eine große Fan-Gemeinde, auch zwischen Ostseeküste und Erzgebirge waren die Freunde des Fechtsportes von der sportiven Ausnahme-Erscheinung begeistert.

Rüdiger Mevius, der frühere Geschäftsführer des Stadtsportbundes Schwerin, einst Florett-Fechter, später als „Senior“ bei den Degen-Fechtern „gelandet“, fieberte schon während der Spiele 1988 in Seoul mit den westdeutschen Fechterinnen und Fechtern, allen voran Sabine Bau, mit: „Sabine Bau war eine begnadete Fechtsportlerin, die bei den sportlichen Großereignissen immer auf die Minute top-fit war. Man merkte bei ihr stets die Leidenschaft, die sie für ihren Sport entwickelte. Durch ihre vielen Erfolge und ihr sympathisches Auftreten hat Frau Bau sehr viel zur Popularität des Fechtsportes in Deutschland beigetragen. Sie ist jedoch nicht nur ein Vorbild für die jungen Fechtsportlerinnen bzw. –sportler, sondern meistert ebenfalls ihre beruflichen Herausforderungen als Medizinerin mit Bravour.

Bei den Olympischen Spielen 1988, bei denen ja auch die Schweriner Jürgen Schult (Diskuswerfen) und Andreas Zülow (Boxen) Gold gewannen, sorgte sie zusammen mit Anja Fichtel, Zita Funkenhauser, Annette Klug und Christiane Weber im Florett-Mannschaftswettbewerb für einen weiteren goldenen Höhepunkt aus damaliger deutsch-deutscher Sicht.

Aus dem `Blickwinkel` von uns damaligen `Ost-Germanen`war es ein wenig frustrierend, dass der Fechtsport in der damaligen DDR im wahrsten Sinne des Wortes ein ziemliches `Mauerblümchen`-Dasein führte. Wir hatten wirklich gute Talente, die aber international kaum zum Einsatz kamen. Fechtsportler haben nun einmal ihren eigenen Kopf und lassen sich nicht so leicht biegen. Das wurde von der Sportführung und anderen Institutionen leider drastisch bestraft …“, so der ehemalige leidenschaftliche Fechter Rüdiger Mevius.

Doch was macht die einstige „Ms. Fechtsport“ heute? Blieb Sie ihrer Leidenschaft treu? Wie sieht ihr aktuelles Leben zwischen „Jogginghose“ (also Familie), weißem Kittel (ihrer Tätigkeit als Ärztin) und Florett (ihrer Sportart) aus? Was meint Sabine Bau zum deutsch-deutschen Sportverhältnis 1988 im Rückblick? Wie ist ihre Meinung zu aktuellen Entwicklungen?

„Komme auf jeden Fall noch nach M-V …“

Sabine Bau im Interview

„Wir können nicht immer rückblickend die Dinge verklären…“

Frage: Frau Dr. Bau, Sie waren so ungemein lange Weltspitze im Fechten, gewannen mehr als 20 Medaillen bei Olympia, WM oder EM. Vor zwanzig Jahren bei den Spielen in Seoul gehörten Sie mit Anja Fichtel und Zita Funkenhauser zur legendären deutschen Medaillen-Troika. Bei den deutschen Gefechten untereinander ging es – zumindest für den außen stehenden Beobachter – damals sehr emotional zu.

Im Rückblick: Was empfanden Sie bei Ihren ersten Olympischen Spielen ? Sie erschienen immer sehr selbstbewußt. War für Sie damals, vor Beginn der Spiele, eine Einzel-Medaille ein absolutes Muß? Wie war das Verhältnis zu Anja Fichtel und Zita Funkenhauser 1988 – „freundliche oder erbitterte Konkurrenz“?

Dr. Sabine Bau: Das sind aber viele Fragen auf einmal! Also, ich versuche es mal der Reihe nach! Die ersten Olympischen Spiele waren einfach ein total grandioses Erlebnis! Ich hatte nach meiner Teilnahme bei den WM 1986 und 1987 zwar mit der Qualifikation gerechnet, aber dass mir am Ende jedoch eine Gold- und eine Silbermedaille „um den Hals“ hängen würde, hätte ich mir vorher nie träumen lassen! Die Mannschaftsmedaille war greifbar, aber dass es Gold wurde – und das unter dem ungeheuren Erwartungsdruck nach unseren Einzelerfolgen – zeugte von einer wirklichen Teamleistung! Anja, Zita und ich standen in einem natürliche Konkurrenzverhältnis. Die Medien interessierten sich dabei mehr für Anja und Zita, so dass ich mich ganz „in Ruhe gelassen“ fühlte und mich auf den Sport konzentrieren konnte.

Frage: Seoul 1988 – zum letzten Mal marschierten die Deutschen aus Ost und West getrennt in ein Olympia-Stadion. Seoul 1988 – das waren auch erfolgreiche Spiele aus Mecklenburger Sicht: der Diskuswerfer Jürgen Schult aus Schwerin gewann Gold, der Rostocker Zehnkämpfer Christian Schenk eroberte ebenfalls Gold und der Boxsportler Andreas Zülow wurde auch Erster – nur drei Beispiele von vielen. Gab es schon damals deutsch-deutsche Kontakte unter den Sportlern?

Dr. Sabine Bau: Also bei den Spielen gab es weniger Kontakte. Bei anderen Wettkämpfen schon eher. Ich kann mich an interessante Gespräche, zum Beispiel mit Andrea Tomasch erinnern. (Anm. M.M.: Andrea Tomasch vom SC Dynamo Berlin war im Florettfechten unter anderem Dritte der DDR-Titelkämpfe 1988 und letzte DDR-Meisterin 1990.)erinnern.

Frage: Udo Wagner erkämpfte in Seoul im Florett-Einzel auch die erste Fechtmedaille für die damals noch existierende DDR. In Barcelona 1992 – im gesamtdeutschen Team – dann Gold mit dem Florett-Team. Vorher war er allerdings schon nach Tauberbischofsheim gewechselt. Hatten Sie ihn erst nach der „Wende“ kennengelernt, oder gab es schon persönliche, sportliche Gespräche in Seoul?

Dr. Sabine Bau: Mit Udo stand ich vor seinem Wechsel nach Tauberbischofsheim noch nicht in Kontakt. Aber dass die Fechter aus der ehemaligen DDR eine Verstärkung waren, zeigte auch die Goldmedaille durch Ingo Weissenborn bei den Weltmeisterschaften in Budapest 1991. Und ich nutzte diese Verstärkung, in dem ich im Training gegen die Jungs antrat.

Frage: Sie selbst waren nicht nur mit dem Florett erfolgreich und sind ebenfalls erfolgreich mit dem Stethoskop. Wie haben Sie die Doppelbelastung Sport und Medizinstudium so erfolgreich gemeistert? Half der Sport – trotz der großen Trainingsbeanspruchung – das Studium zu meistern?

… Als Trainerin hauptberuflich zu arbeiten, stand für Sie nie zur Debatte? – Und: Wie sieht der Tagesablauf der promovierten Medizinerin Sabine Bau aus?

Dr. Sabine Bau: Die Doppelbelastung war nur durch die Unterstützung meines Umfeldes zu bewältigen. Ich bin überzeugt, dass bei einem disziplinierten Tagesablauf sowohl ein Studium als auch der Sport – mit kleinen Abstrichen – ausreichend Zeit bekommen können.

Heute arbeite ich als Orthopädin drei Tage in der Woche in der Orthopädischen Klinik König-Ludwig-Haus in Würzburg. Zwei Tage arbeite ich als Medizinische Leitung in der Physiotherapiepraxis des Fechtclubs der VitalCentrum GmbH in Tauberbischofsheim. Nebenbei biete ich Fecht- und Vitalseminare an und versuche, weder meine Tochter noch meine Fortbildung zu kurz kommen zu lassen. Ich könnte schon einen 36-Stunden-Tag füllen!

Frage: In Peking 2008 gab es durch Benjamin Kleibrink und Britta Heidemann wieder Gold für den deutschen Fechtsport. Was zeichnet aus Ihrer Sicht Benjamin und Britta aus ?

Dr. Sabine Bau: Beide haben sich hoch professionell auf diesen Höhepunkt vorbereitet. Britta hat es hervorragend verstanden, den Medienrummel positiv als Motivation zu erleben und sich nicht zu sehr unter Leistungsdruck setzen zu lassen. Sowohl Britta als auch Benjamin haben in den entscheidenden Situationen einen kühlen Kopf bewahrt. Das ist im Fechtsport sehr wichtig.

Frage: Olympia und auch der Sport allgemein erscheinen heute immer gigantischer, kommerzieller und unehrlicher (Stichwort Doping). War „früher“ alles besser? Oder ist das nur eine Meinung „ewiger Pessimisten“?

Dr. Sabine Bau: Früher war es nicht besser. Die Welt verändert sich. Wir können nicht immer rückblickend die Dinge verklären. Die Annehmlichkeiten der Weiterentwicklung nehmen wir ja gerne mit! Solange Doping verboten ist – und das sollte meiner Meinung nach auch so bleiben – wird es in  den Sportarten, in denen „der Rubel rollt“, immer das Doping-Problem geben. Zum Schutze der Jugendlichen und um der „ehrlichen Sportler willen“ bin ich dafür, auch in Zukunft gegen Doping zu kämpfen.

Frage: Mecklenburg-Vorpommerns Landeshauptstadt hat mit dem kleinen Fechtclub Schwerin und insbesondere mit der Fechtgesellschaft Schwerin, die eine hervorragende Kinder- und Jugendförderung in Zusammenarbeit mit dem Sportgymnasium Schwerin leistet, zwei erfolgreiche Fecht-Vereine. Waren Sie eigentlich schon in Mecklenburg-Vorpommern bzw. speziell in Schwerin? Wie beurteilen Sie als Sportlerin, Medizinerin und als „normale Staatsbürgerin“ –  im 18.Jahr nach der deutsch-deutschen Vereinigung – den „Zustand“ Deutschlands?

Dr. Sabine Bau: Leider konnte ich trotz mehrerer Vorsätze einen Besuch in „Meck-Pomm“ bisher nicht verwirklichen. Das habe ich aber auf jeden Fall noch vor!

Zum anderen Teil der Fragen: Ich sehe natürlich die Unterschiede zwischen Ost und West, zum Beispiel ist die Ärztedichte in den neuen Bundesländern deutlich niedriger. Ich glaube, dass der Prozess des Zusammenwachsens noch einige Jahre andauert. Die neuen Bundesländer sollten ihre Ressourcen – zu denen für mich auch die einmaligen Landschaften zählen – versuchen noch besser zu nutzen Die Industrie darf sich nicht scheuen, in strukturschwächeren Gebieten zu investieren. Ein positives Beispiel ist für mich die Firma Bauerfeind mit Hauptsitz in Zeulenroda.

Vielen Dank und weiterhin alles Gute!

Marko Michels