„Man kann auch mit wenig Geld wunderschöne Winterspiele austragen…“

Seit Mitte November 2017 sind auch die Eisschnellläufer in ihren Weltcups der olympischen Saison 2017/18 aktiv. Die bisherigen Stationen im November 2017 und im Dezember 2017 waren Heerenveen, Stavanger, Calgary und Salt Lake City. Die nächsten Höhepunkte sind die Premiere der Einzelstrecken-EM in Kolomna Anfang Januar 2018 und der Weltcup ebenfalls noch im Januar 2018 in Erfurt.

Symbolfoto
group of men skating on ice sports arena. warm-up before competitions in speed skating

Olympia im Februar und die WM im März

Im Februar 2018 folgt mit den olympischen Wettkämpfen in Pyeongchang der Jahreshöhepunkt und nach den Spielen stehen dann noch im März 2018 die Sprint-WM in Changchun, die Mehrkampf-WM in Amsterdam und das Weltcup-Finale in Minsk auf dem Programm.

Blick auf das bisherige Weltcup-Geschehen 2017/18

Bei den bisherigen 28 Weltcup-Entscheidungen im Eisschnelllaufen der Herren 2017/18, mit den Disziplinen 500 Meter, 1000 Meter, 1500 Meter, 5000 Meter, 10000 Meter, Teamverfolgung bzw. Teamsprint, waren Kanada mit acht Siegen sowie die Niederlande bzw. Russland mit jeweils sechs Siegen am besten. Die restlichen Siege erkämpften Norwegen (vier), Südkorea (drei) und Italien (einen).

Vier Podestränge für Deutschland

Aus deutscher Sicht sorgten bis dato Nico Ihle (Rang zwei über 500 Meter in Heerenveen), Patrick Beckert (Rang drei über 5000 Meter in Calgary bzw. Rang zwei über 5000 Meter in Salt Lake City) und Moritz Geisreiter (Platz drei über 5000 Meter in Salt Lake City) für vier Weltcup-Podestränge 2017/18.

Nico Ihle, Spezialist über die 500 und 1000 Meter © Nico Ihle

Im Fokus: Nico Ihle

Nico Ihle, der Spezialist über die 500 Meter bzw. 1000 Meter, buchte damit auch sein Olympia-Ticket für Pyeongchang im Februar 2018, wo der Athlet der Chemnitzer SG nach Vancouver 2010 und Sotschi 2014 seine dritten Winterspiele erleben wird. Geboren wurde Nico Ihle im Jahre 1985.

Damals wurde der Weißrusse Igor Schelesowski Sprint-Weltmeister in Heerenveen und aktuelle Olympiasieger (der Winterspiele 1984 in Sarajevo) waren über die 500 Meter der Russe Sergej Fokitschew und über die 1000 Meter der Kanadier Gaetan Boucher.

Auch aktuell gehören die Eisschnellläufer aus Russland und Kanada auch auf den Kurz-Distanzen zu den Mit-Favoriten, wie auch die Niederländer und eventuell die Südkoreaner. Sehr stark präsentierte sich in der Weltcup-Saison 2017/18 zudem der Norweger Havard Holmefjord Lorentzen.

Wie ist jedoch das Feeling von Nico Ihle, der ebenfalls gute Medaillen-Chancen über die 500 Meter und 1000 Meter in Pyeongchang hat, fünf Wochen vor Olympia?

Immerhin wurde Nico Ihle 2017 Vize-Weltmeister über die 500 Meter in Gangneung und Dritter der Sprint-EM in Heerenveen. Drei Weltcup-Erfolge konnte der Chemnitzer außerdem schon feiern: über die 1000 Meter über die 1000 Meter in Berlin im Dezember 2014, über die 500 Meter in Nagano im November 2016 und über die 500 Meter in Berlin im Januar 2017.

Nico Ihle über die olympische Saison 2017/18, sein Sommertraining, seine olympischen Ambitionen, die Konkurrenz, die Faszination am Eisschnelllaufen und die Zukunft der Winterspiele

„Man kann auch mit wenig Geld wunderschöne Winterspiele austragen…“

Frage: Die Weltcup-Saison 2017/18 ist bereits in vollem Gange und Ihnen gelang gleich zu Beginn der Saison mit Rang zwei die Olympia-Qualifikation. Wie verlief eigentlich Ihr Sommertraining?

Nico Ihle: Es ist ja in der Tat so, dass im Sommer erfolgreiche Wintersportler gemacht werden. Viele denken, dass wir Winter-Athleten dann Urlaub machen, aber das stimmt natürlich nicht. Es wird selbstverständlich intensiv trainiert.

Bei mir war es so, dass ich nach Ende der letzten Saison schaute, was ich noch besser machen könnte, um noch erfolgreicher zu sein. Das war eher ein „Klagen“ auf hohem Niveau, denn bereits die vorolympische Saison war eine gute und so ging es vor allem darum, an welchen „kleinen Stellschrauben“ ich „drehen mußte“, um noch etwas besser zu werden. Insgesamt war ich mit dem Sommer-Training sehr zufrieden, wie die erfolgreiche Olympia-Qualifikation gleich zu Beginn der Saison bewies.

Frage: Welche Ambitionen haben Sie für die olympische Saison?

Nico Ihle: Ich wollte gleich zu Beginn der Saison ein Zeichen setzen, zeigen wo es lang geht und auch den Konkurrenten deutlich machen, mit wem sie es zu tun haben. Das gelang mir perfekt.

Dazu kommt, dass in den letzten Jahren das Niveau über die 500 Meter und 1000 Meter stark angestiegen ist und bereits Hundertstel- und Tausendstel-Sekunden über den Erfolg entscheiden können.

Des Weiteren können sich immer mehr Läufer Hoffnungen auf eine Medaille machen. Daher wußte ich, dass es in den folgenden Rennen nach der erfolgreichen Olympia-Qualifikation nicht durchgängig vordere Ränge geben würde und mitunter auch „nur“ der fünfzehnte Rang erreicht wird. Aber davon ließ und lasse ich mich nicht beeindrucken.

Es gibt in dieser Saison letztendlich nur einen wichtigen Wettkampf – und das ist jener bei den Olympischen Winterspielen im Februar in Pyeongchang.

Da sind WM, EM und Weltcups nur „Beiwerk“, Wettkämpfe, die man mitnehmen sollte, um auf seinen Top-Niveau zu bleiben.

Ein Sprinter muß immer zusehen, dass er seine Geschwindigkeiten erzeugen kann, da sind derartige Wettkämpfe sehr hilfreich. Nur über den Wettkampf werde ich schneller bzw. besser und letztendlich ist ein Wettkampf das beste Training für mich.

Nico Ihle, Spezialist über die 500 und 1000 Meter © Nico Ihle

Frage: Wer sind Ihre Mit-Favoriten über die 500 Meter und 1000 Meter?

Nico Ihle: Inzwischen ist es so, dass aus den großen Eisschnelllauf-Nationen mindestens ein Top-Läufer kommt, der um die Medaillen mitkämpfen kann.

Ich rechne insbesondere mit den russischen Athleten, sofern sie dann auch starten dürfen, dazu kommen die Niederländer und Kanadier und auch der Norweger Havard Holmefjord Lorentzen ist ein Kandidat für Edelmetall.

Es gibt durchaus zehn Läufer, die das Potenzial besitzen, ganz vorn dabei zu sein. Die Tagesform und auch das nötige Quäntchen Glück spielen am Ende die entscheidende Rolle bei der Vergabe der Medaillen.

Frage: Was bedeutet Ihnen die Teilnahme an den Winterspielen 2018? Es sind ja, wie eingangs erwähnt, bereits Ihre dritten…

Nico Ihle: Ich bin ungemein happy in Pyeongchang meine dritten Spiele erleben zu dürfen. Welcher Athlet kann das schon von sich sagen… Auch ein gewisser Stolz erfüllt mich, wenn ich daran denke, wieder ein Teil eines deutschen Olympia-Teams zu sein, das 150 bis 160 Athletinnen bzw. Athleten umfassen wird.

Was das persönliche Ranking meiner bisherigen Spiele betrifft: Sie hatten sowohl positive wie negative Aspekte. Meine ersten Winterspiele 2010 in Vancouver blieben mir jedoch nachhaltiger in Erinnerung, nicht zuletzt, weil die Kanadierinnen bzw. Kanadier für ein besonderes olympisches Flair sorgten, das ungemein Ruhe ausstrahlte. In Sotschi 2014 wurde Olympia durch die ungemein strengen Kontrollen und die politischen Diskussionen überlagert.

Leider waren die Wettkampfstätten für die Eisschnellläufer sowohl in Vancouver 2010 als auch in Sotschi 2014 nicht nachhaltig, das heißt, wir Athleten haben danach dort nie wieder einen Wettkampf bestritten, da die Hallen nur für die jeweiligen Winterspiele errichtet wurden. Das empfinde ich schon sehr schade.

Ich hoffe nur, dass die Wettkampf-Halle für die Eisschnellläufer zu den Winterspielen 2018, die sich in Gangneung befindet, eine Nutzung auch über Winter-Olympia 2018 hinaus erfahren wird. Die Halle dort ist sehr prachtvoll, auch ein wenig montrös.

Vor Jahresfrist war noch nicht alles fertig, aber ich gehe davon aus, dass die Koreaner sich mächtig ins Zeug legten und bei Beginn der Spiele alles fertig und in bestem Zustand sein wird.

Ich freue mich jedenfalls auf die Wettkämpfe. Das Eis liegt mir in Korea, generell in Asien. Es ist dort weicher. Ich kann dadurch mehr Druck auf das Eis erzeugen und stehe besser im Eis drin. Das ist zwar kraftraubender, aber für jemanden wie mich, der ohnehin mit mehr Kraft auf das Eis geht, dem liegt das. Für andere, die eher über die Technik laufen, ist es eher ein Nachteil.

Frage: Was ist für Sie persönlich das Faszinierende am Eisschnelllaufen?

Nico Ihle: Eisschnelllaufen ist ja eine Ganzkörpersportart. Was mich dabei schon immer faszinierte, ist die Geschwindigkeit, die man erreichen kann. Wir laufen schneller als ein Auto in der Innenstadt fahren darf – das sind über 60 km/h. Und das alles erfolgt aus eigenem Antrieb, ohne Hilfsmittel!

Bei anderen Sportarten geht es bergab oder mittels Motoren, aber bei uns Eisschnellläufern ist es reine Muskelkraft. Wahrscheinlich ist es weltweit die einzige Sportart, bei der man nur mit Muskelkraft derartige Geschwindigkeiten erreichen kann. Hinzu kommt, dass ich meine Schlittschuhe voll unter Kontrolle haben muß und das auf einer 1,1 Millimeter breiten Klinge…

Es ist also nicht nur eine exzellente Körperbeherrschung notwendig, sondern ebenfalls eine exzellente Klingenbeherrschung, sonst machen die Kufen, was sie wollen und nicht, was man selbst möchte!

…Eisschnelllaufen ist sehr attraktiv und kann die Zuschauer begeistern. Man sollte künftig mehr in die Schulen gehen, um sportbegeisterte Kinder von dieser so großartigen Sportart zu begeistern.

Frage: Die Vergabe und die Austragung der Olympischen Winterspiele steht ja sehr in der Kritik. Wie ist dazu Ihre Meinung?

Nico Ihle: Man sollte Winterspiele generell nur an Orte vergeben, wo auch nach Ende der olympischen Wettkämpfe eine weitere nachhaltige Nutzung gewährleistet und eine gewisse sportliche Infrastruktur mit Wettkampfstätten bereits vorhanden ist.

Lieber das Geld in die Sanierung vorhandener Sportstätten investieren, als extrem teuer und aufwändig neu zu bauen… Der Kommerz-Gedanke sollte in den Hintergrund treten und im Vordergrund sollte die Vermittlung der ursprünglichen olympischen Werte stehen.

Zudem sollte der Fokus auf die Sportler und ihre Sportarten gerichtet sein, denn es geht bei Olympia insbesondere um den fairen und friedvollen Wettstreit. Gerade die vermeintlichen Randsportarten sollten im Fokus stehen. Man kann auch mit wenig Geld wunderschöne Winterspiele austragen!

Ich bin jedenfalls sehr gespannt, wohin – nach Peking 2022 – die nächsten Winterspiele vergeben werden…

 

Vielen Dank, dann eine weiterhin optimale Vorbereitung auf Pyeongchang und maximale Erfolge dann bei Winter-Olympia!

 


 

Zur Info: M-V mit bedeutender Eisschnelllauf-Tradition

Rostockerinnen und Rostocker in den 1970ern  bestens dabei

M-V und speziell Rostock hat zumindest in der Historie großartige Eisschnellläuferinnen und Eisschnellläufer vorzuweisen. Die Olympiasiegerin von 1960 über 500 Meter sowie Olympia-Zweite 1960 über die 1000 Meter, Helga Haase, wohnte bis 1952 zeitweise in Schwerin-Neumühle. Horst Freese, der gebürtige Rostocker Eisschnellläufer und für die Bundesrepublik startend, war Olympionike 1976 in Innsbruck. Dort  startete auch Karin Kessow, die Weltmeisterin von 1975 (Mehrkampf), die im damaligen vorolympischen Jahr in Assen Tatjana Awerina (UdSSR) und Sheila Young (USA) auf die anderen Podestplätze verwies.

Heike Lange, 1975 Vize-Weltmeisterin im Eisschnelllauf (Sprint) in Göteborg hinter Sheila Young (USA) und vor Cathy Priestner (Kanada), war außerdem – wie Karin Kessow oder Horst Freese – als Rostockerin auf den olympischen Strecken 1976 unterwegs. Medaillen gab es für das Rostocker Trio in Innsbruck`76 leider nicht, insbesondere Karin Kessow „schrammte“ haarscharf an den Olympia-Medaillen „vorbei: Sie wurde Vierte über die 3000 Meter und Fünfte über die 1500 Meter.

Karin Kessow, Weltmeisterin 1975 und Olympia-Teilnehmerin 1976. Foto: M.M.

Karin Kessow, verheiratete Drbal, blickt noch heute gern auf ihre Zeit in Rostock zurück bzw. ist noch immer in Kontakt mit Rostock …: „Mit der heutigen Trainerin für Short Track beim ESV Turbine Rostock Karin Schmidt  war ich ja in einer Trainingsgruppe. Ihre Mutter Gerda Hoffmann war unsere Trainerin. Nicht zuletzt dank ihrer Betreuung konnte ich 1970 Spartakiade-Siegerin werden. Die Grundlagen für meine spätere international erfolgreiche Laufbahn wurden in Rostock gelegt. Glücklicherweise hatten Karin und ich zwei Jahre Altersunterschied, so wurden wir nie direkte Konkurrentinnen und blieben Freundinnen…“

Calgary 1988 mit einem gebürtigen Barther

Bei den Olympischen Winterspielen 12 Jahre später, 1988 in Calgary, konnte ein weiterer Eisschnellläufer mit MV-Wurzeln überzeugen. Der gebürtige Barther Roland Freier wurde jeweils Achter über die 5000 Meter und die 10000 Meter.

Olympiasieg für Jacqueline Börner aus Wismar

Jacqueline Börner, unter anderem Olympiasiegerin von 1992 über 1500 Meter. Foto: M.M.

Und eine gebürtige Wismarerin, Jacqueline Börner, Jahrgang 1965, wurde 1992 bei den Olympischen Winterspielen 1992 über 1500 Meter sogar Olympiasiegerin. Mit einem Vorsprung von fünf Hundertstel Sekunden verwies Jacqueline Börner (2:05,87 Minuten) seinerzeit die große Favoritin Gunda Niemann (2:05,92 Minuten)  auf Platz zwei. Dritte wurde die Japanerin Seiko Hashimoto. Gunda Niemann konnte sich in Albertville`92  allerdings noch mit Gold über die 3000 Meter und die 5000 Meter trösten. Die US-Amerikanerin Bonnie Blair holte vor 23 Jahren die beiden restlichen Olympiasiege über die 500 Meter und 1000 Meter.

Jacqueline Börner hatte übrigens zwei Jahre zuvor, bei den Mehrkampf-WM 1990 in Calgary, den WM-Titel vor Seko Hashimoto und Constanze Moser-Scandolo errungen…

 

Marko Michels