Die fr├╝here Rostocker Erfolgskanutin Anke von Seck im Fokus

Anke von Seck ├╝ber Vergangenes und Kommendes im Kanu-Rennsport

Symbolbild – Kanusport

Unsere Kanu-Sportlerinnen und -Sportler waren in den vergangenen Monaten bereits intensiv gefordert. So fanden im Juni die Elite-EM in Belgrad statt, bei denen der geb├╝rtige Schweriner Peter Kretschmer, Jahrgang 1992 bzw. Olympiasieger 2012, Gold im Canadier-Zweier ├╝ber 1.000 Meter mit Yul Oeltze gewann. Ende Juli bei den Junioren-WM in Plowdiw errangen Lina-Marie Bielicke (SC Neubrandenburg) und Annette Wehrmann aus Magdeburg Silber im Canadier-Zweier ├╝ber 200 Meter.
Und ein sechzehnj├Ąhriger Rostocker Kanu-Rennsportler (fr├╝her Kanufreunde Rostocker Greif, aktuell HKC Hannover) r├Ąumte derweil mit achtmal Gold bei den Norddeutschen Meisterschaften in Wolfsburg m├Ąchtig ab.

Eine fr├╝here Erfolgskanutin des SC Empor Rostock jubelte bereits vor 30 Jahren. Gleich zweimal holte Anke von Seck 1988 in Seoul Olympiagold. Zu Gold und Silber kam sie auch in Barcelona 1992.

Interview

Anke von Seck (Jahrgang 1966) ├╝ber das aktuelle Geschehen im Kanu-Rennsport, die deutschen WM-Chancen 2018, ihre Olympiasiege und ihre gegenw├Ąrtigen Aktivit├Ąten

„Olympische Spiele sind in einem Sportler-Leben wirklich das Gr├Â├čte…“

Frage: Zwischen Juni und August ist Hoch-Saison im Kanu-Rennsport. Haben Sie noch Kontakt zu einigen deutschen Kanu-Rennsportlern? Verfolgen Sie deren Wettk├Ąmpfe?

Anke von Seck: Selbstverst├Ąndlich. Ich bin ehrenamtliche Trainerin bei der Kanugemeinschaft M├╝nchen und betreue dort die jungen Kanuten. Mein j├╝ngster Sohn, Marc Orth, wird demn├Ąchst bei den Deutschen Jugendmeisterschaften in Hamburg (vom 29. August bis 2. September,) starten. Ansonsten fahre ich regelm├Ą├čig zu den Deutschen Titelk├Ąmpfen. Dort trifft man ohnehin auch auf viele fr├╝here Kanu-Sportlerinnen und -sportler und hat zudem Kontakt zu den aktuellen Leistungstr├Ągern.

Frage: Was erwarten Sie aktuell  von den deutschen Kanuten bei den Elite-WM (23. bis 26. August) in Montemor-o-Velho?

Anke von Seck: Die deutschen Kanu-Rennsportlerinnen und -Sportler sind bei internationalen Regatten stets Erfolgsgaranten. Bei den letzten WM 2017 in Racice stellten sie wieder einmal das erfolgreichste Team. Sehr stark werden traditionell bei den Welt-Titelk├Ąmpfen auch die Ungarn, Russen, Weissrussen, Australier und Neuseel├Ąnder sein. Beim letzten gro├čen H├Ąrtetest vor den WM, den EM im Juni 2018 in Belgrad, ├╝berzeugte das deutsche Kanu-Team erneut, hatte die zweitbeste Ausbeute hinter Ungarn.

Ich denke schon, dass sich die deutschen Kanu-Rennsport-Asse auch in Montemor stark pr├Ąsentieren werden. Im neuen olympischen Zyklus 2016-2020 ist 2018 ja „Halbzeit“. Viele Teams, auch das deutsche, sind im personellen Umbruch. Dennoch bin ich ├╝berzeugt, dass gerade die deutschen Herren wieder f├╝r einige Medaillen sorgen werden. Auch die deutschen Frauen k├Ânnen in den Medaillen-Kampf eingreifen, haben durchaus ihre Chancen. Ich bin optimistisch.

Frage: Vor 30 Jahren erk├Ąmpften Sie ihre ersten beiden olympischen Goldmedaillen. 1992 folgte die dritte. Dazu waren Sie zwischen 1987 und 1991 achtmal Weltmeisterin. Was verbinden Sie mit Olympia? Was sind ganz besondere Erinnerungen f├╝r Sie an die Spiele?

Anke von Seck: Olympische Spiele sind in einem Sportler-Leben wirklich das Gr├Â├čte. Ich m├Âchte die olympischen Erfahrungen nicht missen, diese waren f├╝r mich ungemein wichtig. Sie sind f├╝r mich noch heute der beste Beweis daf├╝r, dass man alles erreichen kann, wenn man nur hart genug f├╝r den Erfolg trainiert. Die Spiele in Seoul 1988 waren nat├╝rlich schon ganz besonders, weil es meine ersten waren. Allerdings startete ich damals noch in der DDR-Olympiamannschaft. Zwar konnte man in die Stadt gehen, andere Wettk├Ąmpfe besuchen, aber man war st├Ąndig „unter Aufsicht“.
In Barcelona 1992 im gesamtdeutschen Teams war es hingegen freier und damit auch angenehmer. Aber beide Spiele, 1988 in Seoul und 1992 in Barcelona, bleiben unvergesslich!

Frage: Wie sieht Ihr Leben eigentlich heute mit und ohne Kanu aus?

Anke von Seck: Ich arbeite als Lehrerin f├╝r Sport und Biologie am Gymnasium in Dachau, bin also beruflich mit dem Sport noch intensiv verbunden. Daneben war ich, bis vor drei Jahren, noch auf Regatten in der Leistungsklasse am Start. Allerdings bin ich auch heute noch – auch ohne Regatta-Starts – mit dem Kanu auf dem Wasser aktiv.

Letzte Frage: Sind Sie noch „ab und zu“ in M-V?

Anke von Seck: Durchaus. Meine Familie, meine Eltern wohnen in Rostock und ich werde die n├Ąchsten zwei Wochen ebenfalls in Rostock sein. Es ist von Rostock aus nicht sehr weit nach Hamburg, dem Austragungsort der Deutschen Meisterschaften im Kanu-Rennsport 2018.

Vielen Dank und weiterhin viel Erfolg!


 

ÔÇŽ Info: M-V und der olympische Kanu-Rennsport

Die erfolgreichsten Kanutinnen und Kanuten bei Olympia aus M-V sind Ramona Portwich (Rostock) ÔÇô 3 x Gold, 2 x Silber ÔÇô 1988/96, Andreas Dittmer (Neustrelitz, Neubrandenburg) ÔÇô 3 x Gold, 1 x Silber, 1 x Bronze ÔÇô 1996-2004, Anke von Seck (Rostock) ÔÇô 3 x Gold, 1 x Silber ÔÇô 1988/92 und R├╝diger Helm (Neubrandenburg) ÔÇô 3 x Gold, 3 x Bronze ÔÇô 1976/80.

Von Ilse Kaschube bis Andreas Dittmer

Der olympische Medaillen-Regen f├╝r Kanutinnen und Kanuten aus M-V begann ├╝brigens mit der Silbermedaille von Ilse Kaschube (Neubrandenburg) 1972 im K 2 ├╝ber 500 Meter.

Ilse Kaschube, die heute mit dem ebenfalls fr├╝her sehr erfolgreichen Kanuten Klaus Zeisler verheiratet ist, ├╝ber ihren damaligen Erfolg: ÔÇ×Ich erinnere mich gerne an die Olympiade 1972 zur├╝ck. Ich war neunzehn Jahre jung und unbeschwert, wir wollten zeigen, dass wir in der Lage waren gute Leistungen zu bringen. Als es dann die Silberne wurde, waren wir selbst ├╝berrascht. Man kann es nicht mit ein paar Worten wiedergeben, was sich alles an der Regattastrecke abgespielt hat. Die Stimmung war gro├čartig, die Anfeuerungen der Zuschauer waren ab 250 Meter bis ins Ziel zu h├Âren. Wir wurden regelrecht ins Ziel gejubelt , so kam es uns jedenfalls vor. Es war einfach sch├Ân.ÔÇť

Und wie beurteilt der neben R├╝diger Helm erfolgreichste Kanu-Rennsportler aus M-V, Andreas Dittmer, seine olympischen Triumphe von 1996 bis 2004 (zudem noch Olympionike 2008 plus achtmal WM-Gold)?

Dazu sagte Dittmer in einem fr├╝heren Interview: ÔÇ×Zum sch├Ânsten Moment der KarriereÔÇŽ Der nachhaltigste, emotionalste Wettkampf waren die olympischen Entscheidungen 2004 in Athen. Ich galt ja vor diesen Spielen ├╝ber die 1000 Meter-Distanz als nahezu unschlagbar. Ich fuhr mit ÔÇ×breiter BrustÔÇť und noch mehr Optimismus nach Athen, war dreimal hintereinander Weltmeister auf dieser Strecke geworden. Doch es kam ÔÇ×allesÔÇť anders. Obwohl ich dort das schnellste Rennen meines Lebens ablieferte, war der Spanier David Cal doch knapp vor mir. Die Niederlage tat weh, gerade weil auch die Leistung stimmte.

Nur ÔÇô und hier half die sportliche Erfahrung ÔÇô ich akzeptierte, dass an diesem Tag ganz einfach ein Anderer besser war. 24 Stunden sp├Ąter wollte ich es dann ├╝ber 500 Meter unbedingt wissen. Ich war ungemein motiviert, hatte einen festen Siegeswillen, wollte Revanche und ÔÇ×meineÔÇť Goldmedaille und ÔÇô es gelang. Im Endspurt setzte ich ungeahnte Kr├Ąfte frei, wollte es wissen. Diese Goldmedaille war eine unglaubliche Genugtuung, ein echter H├Âhepunkt.ÔÇť

Rostocker Kanutinnen und Kanuten bei Olympia

Aus Rostocker Sicht waren ebenfalls einige Kanutinnen und Kanuten olympisch aktiv. Klaus-Uwe Will wurde 1968 in Mexico-City mit dem Vierer-Kajak Sechster. Sein Vereinskollege Hans-J├╝rgen Tode startet hingegen mit dem Zweier-Canadier ├╝ber die 500 Meter und 1000 Meter bei den Olympischen Spielen 1976 in Montreal, belegte ├╝ber 1000 Meter Rang f├╝nf.

Erich Suhrbier, 1938 in Rostock geboren, f├╝r die WSV Rheintreue D├╝sseldorf startend, nahm sowohl 1964 in Tokyo (Vierter im Kajak-Einer ├╝ber 1000 Meter) als auch 1968 in Mexico-City (Kajak-Vierer 1000 Meter) teil.

In Moskau 1980 kam die insgesamt sechsfache Weltmeisterin Roswitha Eberl (SC Empor Rostock) zwar nicht zum Einsatz, war aber im erweiterten olympischen Kanu-Aufgebot der DDR.

Und zwischen 1988 und 1996 sorgten unter den olympischen Ringen zwei Kanu-M├Ądel des SC Empor Rostock insbesondere f├╝r kanusportliche Furore: Ramona Portwich erk├Ąmpfte von 1988 bis 1996 dreimal Gold, zweimal Silber (plus 13 x WM-Gold 1987-1995) und Anke Nothnagel (verheiratete von Seck) schaffte von 1988 bis 1992 dreimal Gold, einmal Silber (plus 8 x WM-Gold 1987-1991).

Zahlreiche Kanu-Highlights f├╝r M-V von 1976 bis 2012

Die ersten olympischen Kanu-Rennsport-Goldmedaillen gab es zuvor 1976 durch R├╝diger Helm, Bernd Olbricht und Carola Zirzow (alle SC Neubrandenburg). Martin Hollstein (SC Neubrandenburg) erk├Ąmpfte dann 2008 mit Andreas Ihle im Zweier-Kajak ├╝ber 1000 Meter die vorerst letzte olympische Goldmedaille f├╝r einen Verein in M-V.

„Druschba-Wettk├Ąmpfe“ statt Olympia 1984

Um die eigenen Sportlerinnen und Sportler angesichts des Olympia-Boykotts 1984 nicht zu sehr zu frustrieren, veranstalteten die Ostblock-L├Ąnder 1984 dezentrale „Gegen-Spiele“, die „Wettk├Ąmpfe der Freundschaft“ – in den diversen Sportarten – in einzelnen „real-sozialistischen“ St├Ądten.

DDR und SU in Berlin-Gr├╝nau dominierend

In (Ost-)Berlin, auf der Regatta-Strecke in Berlin-Gr├╝nau,┬á fanden seinerzeit die Wettk├Ąmpfe im Kanu-Rennsport statt, die von der DDR und der Sowjetunion beherrscht wurden.

Die DDR-Kanutinnen bzw. -Kanuten schafften 6 x Gold, 5 x Silber, 1 x Bronze und der „Gro├če Bruder“ aus der UdSSR „nur“ 6 x Gold, 3 x Silber, 1 x Bronze. Medaillen sicherten sich auch Polen (3 x Silber, 2 x Bronze), Ungarn (1 x Silber, 5 x Bronze), die Tschechoslowakei (2 x Bronze) und Kuba (1 x Bronze).

R├╝diger Helm nach dreimal Olympia-Gold 1984 mit zweimal „Druschba“-Gold

R├╝diger Helm (SC Neubrandenburg), der 1976 in Montreal bzw. 1980 in Moskau bei den Olympischen Spielen 3 x Gold, 3 x Bronze erk├Ąmpfte, gewann in Berlin-Gr├╝nau 1984 im Kajak-Einer ├╝ber 1000 Meter – in der Disziplin, in der Alan Thompson 1984 bei Olympia Platz eins belegte… Eine zweite Goldmedaille erreichte R├╝diger Helm im Kajak-Vierer ├╝ber die 1000 Meter, gemeinsam mit Jens Fiedler, Peter Hampel und Hans-J├Ârg Bliesener (Sieger in dieser Disziplin in L.A. – Neuseeland).

Weitere erfolgreiche Kanutinnen und Kanuten in Berlin-Gr├╝nau

Im Kajak-Vierer ├╝ber 500 Meter belegte die DDR mit Birgit Fischer, Carsta K├╝hn, Heike Singer und Kathrin Giese (SC Neubrandenburg), die zwischen 1981 und 1985 vierfache Weltmeisterin im Vierer-Kajak wurde, hinter der SU Platz zwei.

Ansonsten gewann Deutschland-Ost, bei den „(Kanu-)Wettk├Ąmpfen der Freundschaft“ in Berlin Gr├╝nau 1984, durch Olaf Heukrodt, zwischen 1980 und 1992 bei den Spielen mit 1 x Gold, 2 x Silber, 2 x Bronze, den Canadier-Einer ├╝ber 500 Meter, ebenfalls durch Olaf Heukrodt bzw. durch Alexander Schuck┬á den Canadier-Zweier ├╝ber die 1000 Meter, durch Birgit Fischer den Kajak-Einer ├╝ber 500 Meter und durch Auch Birgit Fischer ┬ábzw. Carsta K├╝hn den Kajak-Zweier ├╝ber 500 Meter. Birgit Fischer errang letztendlich ┬áin ihrer Kanu-Karriere zwischen 1980 und 2004 bei Olympia 8 x Gold, 4 x Silber und 37 WM-Medaillen, darunter 27 x Gold.

Eine ├ťberraschung in Berlin-Gr├╝nau war damals der dritte Rang der Kubaner Jorge Garcia bzw. Reynaldo Cunhill im Kajak-Zweier ├╝ber 1000 Meter. Der dreifache Kanu-Olympiasieger von 1980, Wladimir Parfenowitsch (Weissrussische SSR), entschied den Kajak-Einer ├╝ber 500 Meter f├╝r sich. Der f├╝r die UdSSR startende Lette Ivans Klementjevs jubelte hingegen ├╝ber Gold im Canadier-Einer ├╝ber 1000 Meter.

Bei den „richtigen“ Spielen von 1988 bis 2012 schrieben dann zahlreiche Sportler_innen aus M-V Kanu-Geschichte, wie die schon erw├Ąhnten Ramona Portwich, Anke von Seck, Katrin Borchert, Olaf Winter, Andreas Dittmer, Stefan Ute├č oder Martin Hollstein.

Und bei den olympischen Wettbewerben 2012 im Dorney Lake bei Windsor, gewann der geb├╝rtige Schweriner Peter Kretschmer, der f├╝r den SC DHfK Leipzig startet, mit Kurt Kuschela (KC Potsdam) Gold im Zweier-Canadier ├╝ber 1000 Meter.

├ťbrigens: Der geb├╝rtige Greifswalder Peter Weigand (1941-2011) war f├╝r das U.S.-Team bei den Olympischen Spielen`68 in Mexico-City aktiv (Kajak-Zweier ├╝ber 1000 Meter)!

Text und Interview: M.Michels

 

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