Nachgefragt bei Dr. Birger Voigt, Trainer beim 1.LAV Rostock

Trainingsgruppe Mehrkampf 2018 beim 1.LAV Rostock: v.l.n.r Birger Voigt, Anna Neubert, Maja Küßner, Lena Kraatz, Hannah Bittorf, Niklas Tuschling und Bruno Boysen / Foto: Dr. Birger Voigt, 1.LAV Rostock

Sommerzeit ist insbesondere auch Leichtathletik-Zeit. Aktuell stehen die Diamond League-Meetings und die baldige Elite-EM vom 7.August bis 12.August in Berlin im Fokus. Es gab bzw. gibt aber auch zahlreiche internationale und nationale Leichtathletik-Meisterschaften in M-V oder zumindest mit Athleten aus M-V, so die U 18-EM in Györ, die U 20-WM in Tampere oder die Deutschen Meisterschaften in Nürnberg.

Ein kommender Leichtathletik-Höhepunkt in M-V sind die kommenden Deutschen U 20- bzw. U 18-Meisterschaften in Rostock.

Wie beurteilt nun Dr. Birger Voigt, Trainer für Mehrkampf, Hochsprung und Stabhochsprung beim 1.LAV Rostock, das gegenwärtige Leichtathletik-Geschehen?!

MV-SPORT fragte nach

Dr. Birger Voigt über seine Trainingsgruppe beim 1.LAV Rostock, die Herausforderungen dabei, den Zuspruch der Rostocker Sport-Talente zur Leichtathletik, den schwierigen Übergang von den Nachwuchs- zu den Elite-Wettkämpfen, aktuelle Meisterschaften und die EM in Berlin

„Kann mich über zu wenig junge Leichtathletik-Talente in Rostock nicht beklagen…“

Frage: Sie sind Trainer für Mehrkampf, Hochsprung und Stabhochsprung beim 1.LAV Rostock. Wie viele Schützlinge betreuen Sie da? Welche kommenden sportlichen Herausforderungen haben diese zu bestreiten? Und: Streben noch immer genügend Sport-Talente in Rostock zur Leichtathletik, speziell zu „Ihren“ Disziplinen?

Dr. Birger Voigt: Das sind ja doch gleich einige Fragen auf einmal… In meiner Trainingsgruppe trainieren aktuell drei Siebenkämpferinnen und ein Zehnkämpfer sowie zwei Sprinter.

Prinzipiell bin ich für die genannten Disziplinen Anlaufpunkt beim 1.LAV Rostock, aber die Zugehörigkeit zu den Trainingsgruppen wird durch eine Vielzahl an Faktoren bestimmt, die oft historisch in vielen Trainingsjahren wachsen.

Die Kinder sind oft seit dem Grundschul-Alter bei uns, die Spezialisierung zum Mehrkampf oder Einzeldisziplinen erfolgt frühestens ab dem 15.Lebensjahr. Dann wird der Trainingsprozess und auch der Umgang miteinander immer individueller. Und wie in anderen Lebensbereichen auch, versteht man sich manchmal gut oder auch gar nicht. Die Kombination Athlet-Trainer muss im Leistungssport schon sehr gut zusammenpassen, damit dauerhaft Höchstleistungen erreicht werden können.

Neben den alltäglichen Herausforderungen des Trainings und der Schule gibt es Normierungen, denen alle Leistungssportler unterworfen sind. Dazu zählen die Zugehörigkeit zum Landes- oder Bundeskader sowie die Teilnahme an deutschen und internationalen Meisterschaften. Alles ist mit einem hohen Trainingsaufwand verbunden. Ganz konkret stehen in diesem Sommer noch die Deutschen Meisterschaften der U20/U18 in Rostock, die U16-Meisterschaften in Bochum-Wattenscheid sowie die Deutschen Mehrkampfmeisterschaften in Wesel auf dem Plan.

Durch die Vielzahl der Sportangebote und der in Deutschland besonders beherrschenden Position des Fußballs, ist speziell bei den Jungen die Anzahl der Nachwuchsathleten in der Leichtathletik geringer als dies in früheren Zeiten der Fall war. Auch ist das Mehrkampftraining durch die sieben oder zehn Disziplinen deutlich aufwendiger als es Einzeldisziplinen sind und gleichzeitig natürlich auch abwechslungsreicher.

Es gibt wirklich nicht viele Kinder, die sprinten, springen, stoßen und werfen können, aber sehr viele Top-Athleten, die im Mehrkampf begonnen haben und jetzt in Einzeldisziplinen Weltspitze sind. Mit diesen Gedanken im Hinterkopf kann ich mich über zu wenige junge Talente in der Leichtathletik in Rostock nicht beklagen.

Frage: Im Juli wurden die U 18-EM in Györ und die U 20-WM in Tampere mit MV-Beteiligung ausgetragen. Der Schweriner Hochspringer Luca Meinke wurde in Tampere Fünfter und stellte mit der Höhe von 2,21 Meter eine neue Bestleistung für M-V in dieser Altersklasse auf (Die bisherige hatte noch der Olympiasieger von 1980, Gerd Wessig, seit 1978 inne!). Auch die anderen Starterinnen und Starter aus M-V überzeugten. Gibt es nach Jahren der Flaute die Hoffnung, dass bei internationalen Elite-Meisterschaften wieder mehr MV-Teilnehmer in der Leichtathletik dabei sind?

Dr. Birger Voigt: Wir hatten auch in den vergangenen Jahren, speziell aus Neubrandenburg kommend, immer wieder junge Leichtathleten, die nicht nur an internationalen Jugendmeisterschaften teilgenommen, sondern auch vordere Plätze belegen konnten. Diese Tendenz scheint sich in der Tat auch auf die Leistungszentren in Rostock und Schwerin auszuweiten und lässt daher für die Zukunft weiter hoffen.

Frage: Warum ist aus Ihrer Sicht der Übergang von den U 18 / U 20-Wettkämpfen hin zu den Elite-Meisterschaften oft so schwierig?

Dr. Birger Voigt: Bis zum 19. Lebensjahr treten die Jugendlichen immer nur gegen maximal vier Jahrgänge ihres Altersklassen-Bereiches an. Danach fällt diese Begrenzung und sie messen sich, klammert man einmal die wenigen U 23-Wettkämpfe aus, mit allen Altersklassen.

Außerdem ist oft die schulische Ausbildung mit Abschluß der U 20 zu Ende und „der Ernst des Lebens“ beginnt nun auch für die Sportler. Dabei ist der Übergang oft schwierig, weil man in der Leichtathletik nur als absoluter Top-Athlet mit dem Sport seinen Lebensunterhalt bestreiten kann. Die Kombination von Leistungssport und Studium bzw. Berufsausbildung hat oft zur Folge, dass bei den Trainingszeiten gestrichen wird. Und schon steckt man in der Abwärtsspirale weiter fallender sportlicher Leistungen, die noch weniger Förderung bedeutet usw. …

Frage: Mit Blick auf den 1.LAV Rostock. Wie beurteilen Sie dessen Entwicklung in den letzten Jahren?

Dr. Birger Voigt: Der 1. LAV Rostock feiert in diesem Jahr sein 20-jähriges Jubiläum und hat in den vergangenen Jahren durch das Speerwurf– und Mehrkampfteam im Leistungssportbereich der höheren Altersklassen Zuwachs bekommen.

Da sich der leistungssportliche Zweig des LAV meist aus den Talenten der unteren Jahrgänge speist, darf die konsequente Förderung der Nachwuchsarbeit im Kinderbereich auch in Zukunft nicht vernachlässigt werden. Aber nicht nur die Jugendlichen haben von den strukturellen Veränderungen der vergangenen Jahre profitiert. Neben vielen Angeboten im Breiten- und Gesundheitssport gibt es auch für ambitionierte Erwachsene jenseits des 30.Lebensjahres eine Gruppe Sportler, die den Wettkampfsport im Senioren-Bereich trainieren und vorbereiten.

Letzte Frage: Im August wird es bei den Leichtathletik-EM in Berlin spannend. Wie schätzen Sie das internationale Kräfteverhältnis in der europäischen Leichtathletik ein? Welche Chancen haben die deutschen Teilnehmer, gerade in den Mehrkämpfen, im Hochsprung und im Stabhochsprung?

Dr. Birger Voigt: Kai Kazmirek und Carolin Schäfer können meines Erachtens im Mehrkampf in die Medaillenränge vorstoßen, genau wie auch Mateusz Przybylko im Hochsprung oder Raphael Holzdeppe im Stabhochsprung der Männer. Gerade bei einer komplexen Disziplin wie dem Stabhochsprung kann aber auch immer einiges nicht so funktionieren, wie geplant. Im Frauenhochsprung wird eine Medaille sehr schwer und meines Wissens ist bis dato noch keine deutsche Stabhochspringerin für die Heim-EM in Berlin nominiert worden.

Vielen Dank und weiterhin bestes Engagement für die Leichtathletik!


Rückblick auf Györ und auf Tampere

Vom 5.Juli bis 8.Juli wurden die U 18-Leichtathletik-EM in Györ ausgetragen. Dabei waren auch Cheyenne Kuhn (SC Neubrandenburg, Sprint) und Erik Marquardt (SC Neubrandenburg, Diskuswerfen). Bei ihrer ersten internationalen Meisterschaft wurde Cheyenne Fünfzehnte und Erik Elfter. Insgesamt starteten die Györ rund 1200 Leichtathletinnen bzw. Leichtathleten aus 50 Ländern, 29 davon gewannen auch Medaillen. Aus deutscher Sicht gab es sieben Medaillen, darunter Gold für Stabhochspringerin Leni Wildgrube, 400 Meter-Hürdenläuferin Gisele Wender, 200 Meter-Läufer Alexander Czysch und Weitspringer Nick Schmahl.

Zwei Tage nach Györ folgten die U 20-Leichtathlet-WM in Tampere mit rund 1500 Leichtathletinnen bzw. Leichtathleten aus 158 Nationen, von denen 43 auch Edelmetall errangen. Das deutsche Team schaffte vier Medaillen. Gold holten die 4 x 100 Meter-Staffel der Frauen (Victoria Dönicke, Corinna Schwab, Sophia Junk, Denise Uphoff) und Weitspringerin Lea-Jasmine Riecke. Für M-V ging in Tampere ein Quartett an den Start. Luca Meinke (Schweriner SC) wurde Fünfter im Hochsprung, Tim Ader (SC Neubrandenburg) Vierter im Diskuswerfen, Dovile Scheutzow (Schweriner SC) Sechzehnte im Stabhochspringen und Julia Ulbricht (1.LAV Rostock) Achtzehnte im Speerwerfen.


Erfolge für Leichtathletinnen und Leichtathleten aus M-V auch in London und in Nürnberg

Beim Leichtathletik-Team-Weltcup am 14./15.Juli 2018 in London mit den Mannschaften aus China, Frankreich, Deutschland, Großbritannien, Jamaika, Polen, Südafrika und den USA siegte Claudine Vita vom SC Neubrandenburg im Diskuswerfen. Die Gesamt-Team-Wertung gewannen die USA vor Polen, Großbritannien und Jamaika.

In Nürnberg, bei den Deutschen Leichtathletik-Elite-Meisterschaften vom 20.Juli 2017 bis 22.Juli 2018, erkämpfte Patrick Müller vom SC Neubrandenburg Silber im Kugelstoßen. Die gebürtige Greifswalderin und frühere SCN-Athletin Anna Rüh (jetzt SC Magdeburg) kam im Diskuswerfen auf Rang drei. Rang drei gab es zudem für Thaina Santos-Westphal, Cindy Keipke bzw. Martha Gettel (SC Neubrandenburg) über die 3 x 800 Meter in der Altersklasse „weibliche Jugend/U 20“. Vierte Plätze sicherten sich Diskuswerferin Claudine Vita (SCN) im Diskuswerfen und Tobias Hell (Schweriner SC) im Dreisprung.

… Die deutschen Meistertitel im Halbmarathon (8.April 2018 in Hannover) und im Marathon (29.April 2018 in Düsseldorf) wurden indes bereits im Frühjahr vergeben. Den deutschen Meistertitel im Marathon erlief  Tom Gröschel (TC Fiko Rostock). Der Schweriner Philipp Baar (jetzt ART Düsseldorf) schaffte hingegen im Halbmarathon Bronze und Gold im Team-Wettkampf des Marathon-Laufes (mit Sebastian Reinwand und Andreas Straßner von ART Düsseldorf).

Die Schwerinerin Martina Strutz (Hagenower SV, Stabhochsprung) konnte an den Deutschen Meisterschaften in Nürnberg verletzungsbedingt nicht teilnehmen und mußte die Saison 2018 beenden. Martina wird sich Ende Juli einer Operation an der linken Achillessehne unterziehen.

M.Michels