Rita Gruchow vom Landesturnverband M-V über die Rhythmische Sportgymnastik

Das Jahr 2018 war für die Rhythmischen Sportgymnastinnen bereits ein sehr Ereignisreiches. Der erste ganz große internationale Höhepunkt wurde im Juni mit der EM in Guadalajara (Spanien) ausgetragen. Das Jahreshighlight stellte jedoch die Weltmeisterschaft (vom 10. bis 16. September in Sofia dar).

Sportgymnastik

Gymnastin mit Reifen – Symbolfoto

Interview

Landesfachwartin Rita Gruchow über die WM in Sofia, über anstehende Wettkämpfe und über Entwicklung inkl. Erfolge der Turnsportart in M-V…

„Man kommt einfach nicht mehr davon los…“

Frage: Gerade finden die WM in der Rhythmischen Sportgymnastik statt. Wie lautet Ihr Resümee?

Rita Gruchow: Das absolut führende Land in der Rhythmischen Sportgymnastik ist bekanntlich seit Jahren  Russland. Dahinter folgen insbesondere auch die Ukraine oder Weißrussland. So gingen bislang auch in Sofia, in den Einzel-Konkurrenzen,  die Titel an Russland. Dina Averina gewann dabei mit dem Reifen, dem Ball, den Keulen und im Mehrkampf jeweils Gold. Ihre Landsfrau Aleksandra Soldatova setzte sich hingegen mit dem Band durch. Und auch im Team-Wettkampf holte Dina, zusammen mit ihrer Zwillingsschwester Dina und Aleksandra Soldatova, Gold vor Bulgarien und Italien.

Drei Gruppen-Finals stehen ja noch aus, aber auch dort sind die russischen Gymnastinnen favorisiert. Auch zwei deutsche Sportgymnastinnen waren in Sofia aktiv: Noemi Peschel (TSV Schmieden) und Julia Stavickaja (Bremen 1860)  belegten Mittelfeldplätze. In den

Frage: Wie verlief das bisherige Jahr für die Sportgymnastinnen aus M-V?

Rita Gruchow: Die Sportgymnastinnen haben ein erfolgreiches Wettkampf-Jahr absolviert. So konnten sich bei der Landesmeisterschaft im März sechzehn Gymnastinnen für die Regionalmeisterschaft (Regio Cup) in Bremen qualifizieren. Ein Mädchen des Rostocker Hanseturnvereins schaffte hier sogar die Weiter-Qualifizierung zum Deutschland-Cup. Des weiteren entsandte der TSV Schwerin drei Gymnastinnen zur Deutschen Meisterschaft in der Leistungsklasse.

Frage: Welche wichtigen Wettkämpfe folgen Ihre Turnerinnen noch?

Rita Gruchow: Für den Nachwuchsbereich findet in Schwerin Anfang Dezember der Sternchenpokal statt. Dabei handelt es sich um einen überregionalen Wettkampf.

Frage: Wie viele Aktive gibt eigentlich im Land? Wie ist das Altersspektrum? Und: Welches sind die sportlichen Hochburgen in MV?

Rita Gruchow: Die Gymnastik teilt sich in zwei große Bereiche ein: die Rhythmische Sportgymnastik und Gymnastik/Tanz.  Im Bereich Gymnastik/Tanz startet allein und sehr erfolgreich der TSC Neubrandenburg, der hier fast jedes Jahr den Deutschland-Cup  in den Einzel-Wettbewerben und in der Gruppe gewinnt.

Die Rhythmische Sportgymnastik wiederum gliedert sich in Freizeitsport, gehobenen Wettkampfsport und den Leistungsbereich, wobei hier die Grenzen fließend sind. Die Einteilung in die entsprechenden Kategorien ist Ermessen des jeweiligen Vereins. Mit dem Freizeitbereich zusammen gibt es in MV circa 120 Gymnastinnen in 4 Vereinen.  Als Sportgymnastinnen würde ich jene 16 Mädchen bezeichnen, die sich zum Wettbewerb Regio Nord qualifizierten und hier einen anspruchsvollen Dreikampf entsprechend der Regeln des DTB präsentierten, sowie die 3 Leistungsgymnastinnen. Diese Mädchen kommen vom Hanseturnverein Rostock und TSV Schwerin. Weiterhin sind Gymnastinnen beim PSV Schwerin und FSV Bentwisch aktiv. Hier steht die Gruppen-Gymnastik im Vordergrund.

Letzte Frage: Was ist für Sie persönlich das Faszinierende an der RSG?

Rita Gruchow: Die Rhythmische Sportgymnastik ist eine wunderschöne Sportart, die Anmut, Eleganz, Körperbeherrschung und hohes athletisches Können erfordert. Zudem ist ein  der möglichst perfekte Umgang mit den Handgeräten  Band, Ball. Reifen, Keule und Seil notwendig. Nicht zuletzt ist es so: Wer einmal als Sportgymnastin aktiv war, kommt einfach nicht mehr davon los. Dazu kommt die Musik-Interpretation durch die Gymnastin. Die Rhythmische Sportgymnastik ist also etwas, was so einfach bzw. schön ausschaut und doch so schwer zu machen ist!

Vielen Dank und weiterhin bestes Engagement für die Rhythmische Sportgymnastik!

 


Historisches zur Rhythmischen Sportgymnastik

Deutsche Gymnastinnen mit 14 WM-Medaillen

„Kompakt“ gab es für Gymnastinnen aus Deutschland (DDR, Westdeutschland und vereint) bei Weltmeisterschaften bisher 5 x Gold, 6 x Silber, 3 x Bronze. Gold errangen dabei Carmen Rischer (3 x WM-Gold 1975 mit dem Band, mit dem Reifen, zusammen mit Mitsuru Hiraguchi/Japan, und im Mehrkampf) sowie Christiana Rosenberg (WM 1975 mit den Keulen und mit dem Ball).

Vor 55 Jahren, im Jahr 1963 in Budapest, fanden die ersten Weltmeisterschaften in der RSG statt und 28 Gymnastinnen aus 10 Ländern nahmen an diesen Welttitelkämpfen teil. Für die DDR starteten in der ungarischen Metropole seinerzeit Renata Valkstein, Irene Binder und Ute Lehmann. Drei Entscheidungen wurden in Budapest ausgetragen und dreimal siegte die für die UdSSR startende Ukrainerin Ljudmilla Sawinkowa. Die Sowjetunion erkämpfte dreimal Gold, dreimal Silber, einmal Bronze. Bulgarien kam auf zweimal Bronze.

Bereits vier Jahre später (in Kopenhagen 1967) war dann eine deutsche WM-Teilnehmerin aus der DDR vorn mit dabei. So wurde Ute Lehmann Zweite im Mehrkampf.  In Madrid 1975 durfte Carmen Rischer (Bundesrepublik) über WM-Gold im Mehrkampf jubeln, ihre Mannschaftskollegin Christiana Rosenberg über Silber.

In den Folgejahren errangen deutsche Gymnastinnen weiteres Edelmetall in den Einzelkonkurrenzen. Bronze erturnte sich Ute Lehmann 1967 mit dem Seil. Christiana Rosenberg gewann 1975 jeweils Gold mit dem Ball und mit den Keulen sowie Silber mit dem Band. Im gleichen Jahr konnte sich Carmen Rischer über zwei Goldene mit dem Band sowie mit dem Reifen (zusammen mit der Japanerin Mitsuru Hiraguchi), und über zwei Silbere mit dem Ball und mit den Keulen freuen. Carmen Rischer holte dann – nach ihren großen WM-Erfolgen ’75 – noch eine WM-Silbermedaille 1977 in Basel. Bianca Dittrich (DDR) wurde 18 Jahre später, 1985 in Valladolid, mit dem Ball WM-Dritte.

Anmerkung: 1975 nahmen die Länder des Ostblocks nicht an den WM in Madrid, im damaligen „Franco-Spanien“ teil.

Im Gruppen-Finale 1973 in Rotterdam sicherten sich die DDR-Gymnastinnen übrigens Bronze.

Deutsche Gymnastinnen und Olympia

Auch bei olympischen Wettkämpfen leisteten deutsche Gymnastinnen Herausragendes. Vor 66 Jahren, 1952 in Helsinki, war Gruppengymnastik erstmals im olympischen Programm. Damals siegten die Schwedinnen vor den Russinnen und den Ungarinnen. Brigitte Kiesler, 1924 in Ludwigslust geboren, wurde seinerzeit mit der Bundesrepublik Fünfte im Turn-Mannschaftsmehrkampf und sogar Vierte in der Gruppengymnastik mit Handgeräten.

Und 32 Jahre später, bei den Spielen 1984 in Los Angeles, kam dann die Rhythmische Sportgymnastik endgültig in das olympische Programm – mit dem Einzel-Mehrkampf. Regina Weber (Bundesrepublik) erreichte bei der Olympia-Premiere der Einzel-Gymnastik/Mehrkampf eine hervorragende Bronze-Platzierung hinter der Kanadierin Lori Fung und der Rumänin Doina Staiculescu. Allerdings waren auch die Spiele von ’84 wie bereits jene in ’76 Montreal und ’80 in Moskau von einem Boykott zahlreicher Länder überschattet.

 

Text und Interview: M. Michels