Vor fast 30 Jahren: Die Olympischen Spiele 1988 in Seoul – ein nachdenklicher Rückblick

Der Countdown für die Feier der 23.Olympischen Winterspiele in Pyeongchang, in Südkorea läuft. Noch etwas mehr als 200 Tage und dann beginnen die Spiele in Südkorea, die genau vom 9.Februar 2018 bis 25.Februar 2018 stattfinden werden. Danach folgen die 12.Winter-Paralympics an gleicher Stelle vom 9.März 2018 bis 18.März 2018.

Aber Olympia und Paralympia in Südkorea?! Klar, das gab es schon. Vor fast 30 Jahren…

Olympia und Paralympia 1988 im Rückspiegel

Kaum zu glauben, dass die Olympischen Spiele in Südkorea, die 24. der Neuzeit, bereits fast 30 Jahre zurück liegen. Ein Jahr zuvor wurde der DDR-Staatsratsvorsitzende Honecker noch durch Kanzler Kohl mit allen Ehren empfangen. Ein Jahr später begann die Wende im Ostblock und damit auch in der DDR.

Vor rund 30 Jahren kämpften die beiden „Deutschländer“ noch getrennt um olympische Medaillen und Platzierungen. Damals fanden die Spiele in Ostasien, in Seoul/Südkorea, statt. Die Welt war in Bewegung. Michael Gorbatschow und seine neue Politik von Glasnost und Perestroika, angelegt um den real existierenden Sozialismus zu demokratisieren, um vielleicht doch noch die Grundlage für den „dritten Weg“ jenseits von „Beton-Kommunismus“ und „selbstgefälligem Kapitalismus“ zu finden.

Von Seoul 1988 zur Gegenwart 2017

Letztendlich wurden die totalitären Regime im Ostblock – durch die Wirkung der Politik von Gorbatschow –  in Europa, Asien, Afrika oder Lateinamerika nahezu hinweggefegt. Die Hoffnung auf eine neue, bessere Zukunft, auf eine sozialere und gerechtere Welt wuchs. Nicht alle, um nicht zu sagen nur wenige Wünsche und Hoffnungen der Menschheit haben sich seitdem erfüllt.

Auch 2017 toben mehr als 40 blutige Kriege und kriegsähnliche Auseinandersetzungen auf fast allen Kontinenten. Noch immer prägen Armut, Hunger und Elend den Alltag in den meisten afrikanischen und vielen asiatischen und südamerikanischen Ländern. Die Menschen flüchten dorthin, wo es vermeintlich sicher ist, vielleicht ein besseres Leben gibt – nach Europa.

Der Terrorismus nahm und nimmt diabolische Ausmaße an. Finanzkrise, drohende Rezession bzw. Zunahme der Arbeitslosigkeit in fast allen europäischen Staaten, negative soziale Entwicklungen, Bildungsmisere und auch die Bedrohung der Demokratie durch Extremisten von links sowie rechts, nicht gerade vorbildliche Demokraten und auch immense Dopingprobleme in einigen Sportarten –  „Stichworte“, die nicht nur, aber auch, die Entwicklung in Deutschland zur Zeit reflektieren.

Erneut, wie schon 1988 im Jahr vor dem Fall der Berliner Mauer und dem Niederreißen des Stacheldrahtes an der deutsch-deutschen Grenze, scheint wieder vieles in Bewegung zu sein. Der globale Monopoly-Kapitalismus ist nämlich ebenso wie der Stalinismus gescheitert.

Sorge ist angebracht. Angst darf gar nicht erst entstehen. Sie führt stets zu Destruktivität, Passivität, macht den Blick auf die Welt eindimensional. Doch wie sich die Welt entwickeln wird, hängt von jeder/jedem Einzelnen ab. In jedem Risiko liegt auch eine Chance, eine Chance zum Positiven.

Wer hätte schon im Olympia-Jahr 1988 geglaubt und gehofft, dass der totalitäre, menschenverachtende Stalinismus bis 1991 eine vernichtende historische Niederlage erleiden würde – durch Menschen, die für ihre Freiheit stritten, nicht durch Politiker mit Sonntagsreden …

Der Traum auf echte Freiheit zerplatzte schnell, aber das Aufbegehren der Menschen zwischen Kap Arkona und Sächsischer Schweiz bewies, dass weder Partei- noch Wirtschafts-Protagonisten die Mehrheit dauerhaft niederhalten können, mögen ihre „Macht-Mittel“ noch so groß sein.

Einer bleibt jedoch Sinnbild für den Aufbruch in eine anfangs hoffnungsvolle neue Zeit – und es ist ein Politiker – der bereits genannte Michail Gorbatschow. Mehr als 20 Jahre nach Glasnost und Perestroika kam dann der nächste Zusammenbruch: Der angelsächsische totalitäre Finanz-Kapitalismus erlitt 2008 ff. eine vernichtende Niederlage – die Gier vieler wirtschaftlicher und auch politischer „Eliten“ war zu groß.

Seoul 1988 und der Sport

Aber zurück zu Olympia 1988: Wie war es sportiv 1988  in Seoul?

Vor mehr als einem Vierteljahrhundert  Jahren drückte man/frau in Deutschland, auch sehr, sehr viele Sportfans östlich der Elbe, einem Boris Becker (Deutschland-West) genauso die Daumen wie für Rad-Ass Olaf Ludwig (Deutschland-Ost), man hoffte auf Schwimmer Michael Gross (Deutschland-West) und auf Schwimmerin Kristin Otto (Deutschland-Ost), man litt mit Jürgen Klinsmann, nachdem das (west-)deutsche Fußball-Olympiateam so unglücklich nach Elfmeterschießen im Halbfinale gegen Brasilien ausschied.

Man jubelte über den Olympiasieg des Schweriner Diskuswerfers Jürgen Schult genauso wie über das Olympiagold der Dressurreiterin Nicole Uphoff aus Duisburg. Man drückte Steffi Graf die Daumen – ihre Anhänger in Hamburg oder in München, aber ebenfalls ihre Anhänger in Rostock oder in Dresden. Man war euphorisch über das Gold des Rostocker Zehnkämpfers Christian Schenk und zeigte sich begeistert über den ersten Platz der Sport-Schützin Sylvia Sperber aus dem bayrischen Penzing.

Ein Fechterin imponierte (subjektiv) besonders

Ganz besonders freuten sich jedoch viele Sportfans in West und Ost mit drei leidenschaftlichen, sympathischen und auch sehr attraktiven Damen aus Tauberbischofsheim, über den Sieg der deutschen Florett-Fechterinnen Anja Fichtel, Sabine Bau und Zita Funkenhauser im Einzel und im Mannschafts-Wettbewerb (Zum Team gehörten auch Annette Klug und Christiane Weber.).

Wie der Reitsport, wie der Tennissport oder wie das Eiskunstlaufen besitzt gerade das Fechten dieses „Extravagante“, dieses „Elitäre“ im positiven Sinne und dieses „Reizvolle des `Unbekannten`“.

Sabine Bau war damals – 1988 – im Fechten, um es „unelitär“ auszudrücken, bereits ein „sportlicher Hit“, nachdem sie schon 1986 Einzel-Vize- Weltmeisterin im Florett-Fechten wurde. Sie war aber auch neben der Planche – und dieses Urteil sei einem „objektiven Auge“ gestattet – ein „echter Hingucker“, und was fast schon „beängstigend“ ist, auch ziemlich „helle“.

Die Fechterin Sabine Bau hatte nicht nur in „West-Germany“ eine große Fan-Gemeinde, auch zwischen Ostseeküste und Erzgebirge waren die Freunde des Fechtsportes von der sportiven Ausnahme-Erscheinung begeistert.

Rüdiger Mevius, der frühere Geschäftsführer des Stadtsportbundes Schwerin und einst Florett-Fechter, fieberte schon während der Spiele 1988 in Seoul mit den westdeutschen Fechterinnen und Fechtern, allen voran Sabine Bau, mit …

„Sabine Bau war eine begnadete Fechtsportlerin, die bei den sportlichen Großereignissen immer auf die Minute top-fit war. Man merkte bei ihr stets die Leidenschaft, die sie für ihren Sport entwickelte. Durch ihre vielen Erfolge und ihr sympathisches Auftreten hat Frau Bau sehr viel zur Popularität des Fechtsportes in Deutschland beigetragen. Sie ist jedoch nicht nur ein Vorbild für die jungen Fechtsportlerinnen bzw. –sportler, sondern meistert ebenfalls ihre beruflichen Herausforderungen als Medizinerin mit Bravour.

Bei den Olympischen Spielen 1988, bei denen ja auch die Schweriner Jürgen Schult (Diskuswerfen) und Andreas Zülow (Boxen) Gold gewannen, sorgte sie zusammen mit Anja Fichtel, Zita Funkenhauser, Annette Klug und Christiane Weber im Florett-Mannschaftswettbewerb für einen weiteren goldenen Höhepunkt aus damaliger deutsch-deutscher Sicht.

Aus dem `Blickwinkel` von uns damaligen `Ost-Germanen`war es ein wenig frustrierend, dass der Fechtsport in der damaligen DDR im wahrsten Sinne des Wortes ein ziemliches `Mauerblümchen`-Dasein führte. Wir hatten wirklich gute Talente, die aber international kaum zum Einsatz kamen. Fechtsportler haben nun einmal ihren eigenen Kopf und lassen sich nicht so leicht biegen. Das wurde von der Sportführung und anderen Institutionen leider drastisch bestraft …”, so der ebenso leidenschaftliche frühere Fechter Rüdiger Mevius.

Mecklenburger und Vorpommern mit zahlreichen Medaillen 1988

Auch ein Zehnkämpfer ließ sich nicht verbiegen, ging seinen eigenen Weg und war vor wie nach der „Wende“ engagiert – der bereits erwähnte Christian Schenk vom SC Empor Rostock, der 1988 Olympiasieger wurde. Viele verübelten dem Rostocker, dass er kurz nach der „Wende“ in den „Westen“ rüber machte, dort seinen Weg – übrigens sehr erfolgreich – meisterte. Dem begnadeten Mehrkämpfer so etwas vorzuwerfen, zeugt aber von einer charakterlichen Unreife, von Neid und sportiver Unfairness. Gerade sein Engagement im Hinblick auf die Förderung des Sportes für Kinder in ganz Deutschland ist lobenswert – auch in M-V.

Für Sportvereine in Mecklenburg und in Vorpommern gab es Gold und Medaillen durch die Kanu-Rennsportlerinnen Ramona Portwich und Anke von Seck (beide Rostock): Gold für Anke zusammen mit Birgit Fischer im Zweier-Kajak über 500 Meter und Gold auch für Anke sowie für Ramona zusammen mit Birgit Fischer und Heike Singer im Vierer-Kajak über 500 Meter.

Der Rostocker Christian Schenk siegte im Zehnkampf vor dem Schweriner Torsten Voss. Gold und Silber über 800 Meter der Frauen sicherten sich Sigrun Wodars und Christine Wachtel (SC Neubrandenburg). Weitere Medaillen „Made in MV“ gingen an die Rostocker Turnerin Christine Thoms (Team/Bronze), Diskuswerferin Diana Gansky, die gebürtige Rüganerin (Silber), Turner Ulf Hoffmann, den gebürtigen Neustrelitzer (Team/Silber), den Langstreckler Hansjörg Kunze (Rostock/5000 Meter/Bronze), 4×400 Meter-Staffel-Läuferin Kirsten Emmelmann, die gebürtige Warnemünderin (Bronze), Siebenkämpferin Anke Behmer (Neubrandenburg), 4×100 Meter-Staffel-Läuferin Silke Möller (Rostock/Silber) und den Gewichtheber Andreas Behm (Stralsund/Bronze).

Im Boxsport jubelten zwei Sportler vom SC Traktor Schwerin über Gold und Silber: Andreas Zülow gewann im Leichtgewicht und Andreas Tews wurde Zweiter im Fliegengewicht. Henry Maske war damals übrigens im Mittelgewicht die Nummer eins.

Im Rudern holte die gebürtige Neubrandenburgerin Jana Sorgers Gold mit dem DDR-Frauen-Doppelvierer – im DDR-Herren-Doppelvierer, der Bronze errang, waren auch der gebürtige Schweriner Steffen Zühlke und der gebürtige Rostocker Steffen Bogs aktiv. Die gebürtige Wismarerin Kathrin Haacker wurde im DDR-Frauen-Achter vergoldet.

Am Schießstand konnte man M-Vler ebenfalls jubeln sehen: Der gebürtige Demminer Axel Wegner erwies sich im Sportschießen/Skeet am treffsichersten.

Ein guter Bekannter in M-V, der Segler Jochen Schümann, triumphierte zusammen mit Thomas Flach und Bernd Jäkel im Segeln/Soling.

Auch auf der Judo-Matte war M-V bei der Medaillen-Vergabe dabei. Der gebürtige Schweriner Torsten Brechot belegte Platz drei im Halbmittelgewicht.

Ein Diskuswerfer des SC Traktor Schwerin schrieb in Seoul in dreifacher Hinsicht olympische Geschichte –  Jürgen Schult. Einerseits gewann der Athlet vom SC Traktor Schwerin nicht nur mit dem damaligen olympischen Rekord von 68,82 Meter, andererseits wurde er an jenem für ihn goldenen ersten Oktobertag 1988 der letzte Olympiasieger der DDR – zwei Jahre später war der „Arbeiter-und-Bauern-Staat“ von der politischen Landkarte verschwunden. Zudem ist Jürgen Schult mit dem 1988er Gold der (vorerst) letzte Schweriner Leichtathletik-Olympiasieger.

In der westdeutschen Feldhockey-Auswahl spielte zudem ein gebürtiger Mecklenburger. Ulrich Hänel, 1957 in Plau am See geboren, gewann mit der westdeutschen Mannschaft wie schon 1984 Silber.

Bei den 8.Paralympics, ebenfalls in Seoul, vom 15.Oktober 1988 bis 24.Oktober 1988 war dann ebenfalls eine Vorpommerin in der westdeutschen Mannschaft aktiv: Martina Willing, 1959 in Pasewalk geboren, schaffte Silber im Kugelstoßen.

Olympische Medaillen in 137 Wettbewerben

Zwischen 17.September und 2.Oktober 1988 wurden Medaillen in 237 Wettbewerben plus den Entscheidungen in den olympischen Demonstrations- und Vorführsportarten 1988 Taekwondo, Baseball, Bowling, Badminton, und Wheelchair-Leichtathletik und Frauen-Judo. Die Konkurrenzen waren stark besetzt – insgesamt nahmen rund 8400 Athletinnen und Athleten aus 159 Nationen teil. Von den bedeutenden Sport-Ländern boykottierten nur Nordkorea, Kuba und Äthiopien die Spiele. Die stalinistische Diktatur in Nordkorea wollte nicht beim „ungeliebten Bruder“ im Süden starten – allerdings gab es auch seinerzeit, im Jahr nach dem offiziellen Ende der Militärdiktatur (1987) in Südkorea, dort längst alles andere als demokratische Strukturen.

Die 15 verschieden Sowjetrepubliken heimsten den Löwen-Anteil des Edelmetalls ein: 132 Medaillen, davon 55 x Gold. Die Deutschen aus Ost und West holten 142 Medaillen, davon 48 x Gold, wobei die DDR davon 102 Medaillen und 37 x Gold für sich beanspruchen kann. Die USA kamen auf 94 Medaillen, davon 36 x Gold. Die südkoreanischen Gastgeber wurden Vierte im infantilen Medaillen-Ranking mit 33 Medaillen, davon 12 x Gold.

Die erfolgreichsten Sportler waren die DDR-Schwimmerin Kristin Otto, der USA-Schwimmer Matt Biondi und der SU-Turner Wladimir Artjomow.

Bei den Paralympics 1988, mit mehr als 3000 Athletinnen bzw. Athleten aus 61 Ländern und 732 Entscheidungen in 16 Sportarten, waren hingegen die USA mit 273 Medaillen, darunter 92 x Gold, am erfolgreichsten. Die westdeutsche paralympische Mannschaft kam auf 193 Medaillen, darunter 76 x Gold. Die DDR nahm nicht an den Paralympics teil – im Gegensatz zu anderen „sozialistischen“ Ländern, wie Polen, der Sowjetunion, China oder Jugoslawien. Der Leistungssport für Athletinnen und Athleten mit Handicaps galt in der damaligen DDR als nicht sonderlich förderungswürdig.

Randbemerkungen …

Betrogen wurde in Seoul natürlich auch, so gab es offizielle Dopingfälle in der Leichtathletik, hier unvergessen Ben Johnson über die 100 Meter, im Ringen und im Gewichtheben. Von den inoffiziellen ganz zu schweigen …

Viel Unfairness bewiesen die Ostblock-Kampfrichter gegenüber den US-Amerikanerinnen um Brandy Johnson im Team-Wettbewerb, die um Bronze gebracht wurden. Beim traditionellen internationalen Turn-Contest in Cottbus ein Jahr später, 1989, schmückten sich hingegen die DDR-Funktionäre mit der Teilnahme der großartigen Turnerin Brandy Johnson … Pharisäertum auf deutsch!

Aber: Was änderte sich seit den Tagen von 1988?! Leider nicht viel. Im Gegenteil. In den wichtigsten nationalen und internationalen Sportverbänden haben nach wie vor selbstgefällige, selbstverliebte und machtlüsterne Apparatschiki das Sagen. Nach wie vor wird im Hochleistungssport betrogen – sei es bei Kampfrichter-Entscheidungen, durch Doping-Praktiken oder bei der Vergabe von Sport-Großereignissen.

Die Wirtschaft bestimmt einerseits das sportliche Sein, die Politik schmückt sich andererseits  gern mit den sportiven Erfolgen. Der Sport ist längst zur Beute von Politik und Ökonomie geworden – die wahren Werte sind zur Ware verkommen.

Fast 30 Jahre nach Seoul können wir feststellen, dass der Mensch nicht in der Lage ist, aus Fehlern zu lernen. Er wiederholt sie nicht „1:1“, nein, er begeht die selbigen auf andere, noch perfidere Weise.

Wurde wenigstens die „Doping-Geschichte“ der DDR und Westdeutschlands sachlich, fundiert und nachhaltig aufgearbeitet?! Leider nein. Die Aufarbeitung der DDR-Doping-Vergangenheit erfolgte plakativ und einseitig. Die westdeutsche Doping-Vergangenheit wurde bagatellisiert und steht „unter Verschluss“. Auch wieder so eine „geheime Verschluß-Sache“ – nur dieses Mal aus schwarz-rot-goldener Perspektive…

Es lebe der Sport – aber der aufrichtige…

Text/Foto: Marko Michels