Im Gespräch mit Andreas Angerstein vom Rostocker Ruder-Club von 1885

Rostocker Ruder-Impression. Foto: Kati Köster (RRC)

Anfang April begann für die hiesigen Rudervereine das Anrudern in die Freiluft-Saison, deren internationale Höhepunkte die EM (31. Mai – 2. Juni in Luzern/Schweiz) und die WM (25.08. – 01.09. in Ottensheim/Österreich) sein werden. Der Rostocker Ruderclub von 1885 e.V. ist einer der Traditionsvereine in Mecklenburg-Vorpommern was den Rudersport angeht. Auf der Gehlsdorfer Seite der Hansestadt gelegen, bietet er seinen fast 200 Mitgliedern ein vielseitiges Angebot an Sportaktivitäten wie u.a. Wanderfahrten und Breitenrudern, Senioren- und Masterrudern, Studentensport bis hin zum Wettkampfsport für jedermann.

Andreas Angerstein, Vorsitzender des Rostocker Ruder-Clubs von 1885, über die Entwicklung seines Vereins, über Nachwuchsarbeit und Übungsleitersituation, und über sportliche Ambitionen…

„Unsere Türen stehen Interessenten aller Altersklassen offen…“

Frage: Noch ein letzter Blick zurück… Wie verlief das vergangene Jahr für die Ruderinnen und Ruderer des RRC?

Andreas Angerstein: Sehr unterschiedlich. Sportlich waren wir in den vergangenen Jahren sehr verwöhnt worden. 2018  hatte wir jedoch ein schwieriges Jahr. Aufgrund von Krankheit hatte Julia Leiding den Anschluss auf den ersten Regatten an die Spitzen-Ruderinnen der Nationalmannschaft verloren. Ans Aufhören hat sie nicht gedacht. Aufgeben ist nämlich nicht ihre Sache. Sehr stolz sind wir auf die Goldmedaille von Helen Kath und Mathilda Kitzmann bei den Deutschen Meisterschaften  der Junioren im Doppelvierer.

Und: Bei den Kindern haben wir einen sehr großen Zulauf. Hier sind unsere Übungsleiter bis an die Grenzen gegangen. Der Doppelvierer der Jungen der Altersklasse 14 wurde Siebenter beim Bundeswettbewerb.

Frage: Und 2019?

Andreas Angerstein: Aktuell sortieren wir die Trainingsgruppen neu. Wir wollen eine bessere Struktur in die Gruppen bringen. Unterstützung erhoffen wir uns sehr stark vom neuen Stadttrainer Marten Mark. Wir wünschen uns, dass wir in einiger Zeit seine „Handschrift“ erkennen können, will sagen, dass wir ein einheitliches Ruderbild bei den Kindern erkennen wollen.

Aktuell trainieren sieben Sportler im Landesleistungszentrum. Wir hoffen sehr, dass Mathilda Kitzmann es in die Nationalmannschaft schafft und sie unseren Verein bei der Junioren-WM 2019 in Tokyo vom 7. bis 11. August  vertreten wird.

Julia Leiding ist sehr gut ins neues Jahr gestartet. Physisch wie gewohnt mit einer sehr starken Ruder-Ergometerleistung (6:47 Minuten auf 2000 Meter, neue Bestzeit!) und mit Platz fünf im Einer. Das ist schon eine Hausnummer. Wir hoffen sehr, dass es Julia in die Nationalmannschaft schafft.

Frage: Welche Herausforderungen warten in den kommenden Monaten auf den RRC?

Andreas Angerstein: Wie bereits gesagt, liegen unsere größten Hoffnungen auf unsere Frauen: Julia Leiding und Mathilda Kitzmann. Es wäre schön, wenn sie den Sprung in ein Nationalmannschaftsboot schaffen. Bei den Kindern hoffen wir auf eine Entlastung unserer Übungsleiter durch den neuen Stadttrainer und dass sich so viele Kinder wie möglich für den Bundeswettbewerb in München im September qualifizieren werden. Zwei neue Einer sind auf dem Weg ins Bootshaus und werden unseren Bootsbestand weiter aufwerten und die ordentlich motivieren.

Mit dem neuen Vorstand sind wir gut aufgestellt. Wir freuen uns über die gesunde Mitgliederstruktur im Verein. Von den Kindern über Jugendliche und Studenten bis zur über 80-jährige Ruderin ist alles vertreten. Unsere Türen stehen weiteren Interessenten aller Altersklassen offen. Es gibt noch genug freie Rudersitze in den Booten. Unser Bootshaus liegt am Fuß- und Radweg entlang der Warnow in Gehlsdorf mit dem schönsten Blick auf Rostock.

Letzte Frage: Mit Blick auf Tokyo 2020… Welche Athleten und Athletinnen aus M-V haben Chancen auf die Olympia-Regatta? Wie ist Ihre Meinung zum internationalen Kräfteverhältnis?

Andreas Angerstein: Der gebürtige Rostocker Hannes Ocik von der Schweriner Rudergesellschaft steht als Schlagmann aus dem Deutschland-Achter schon sehr unter Druck. Das kennt er und wir erwarten, das Hannes weiterhin seine Klasse unter Beweis stellen wird. Hier ist Deutschland noch eine Macht, aber dann wird es schwer. Auch die anderen Nationen tun viel, um bei Olympia vorn dabei zu sein.

Wenn es Julia Leiding dieses Jahr schafft, in die Nationalmannschaft zu kommen, wird das viel Energie freisetzen und sie stark motivieren. International müssen die Frauen vor allem im Skullbereich aufpassen, dass sie den Anschluss an die Weltspitze nicht verlieren. Im Riemenbereich haben sie diese bereits verloren.

Vielen Dank und weiterhin bestes Engagement für den Rudersport!


 

Rudern

Rudern Symbolfoto

Exkurs

Die olympische Ruder-Regatta 1976 in Montreal

Vom 24. bis 31. Juli 2020 wird die Ruder-Regatta der XXXII. Olympischen Spiele in Tokyo ausgetragen. Unter den Ruderern und Skullern aus M-V hat allen voran der gebürtige Rostocker und Wahl-Schweriner Hannes Ocik gute Chancen dabei zu sein. Heute vor 43 Jahren durften übrigens erstmals Frauen um die Medaillen mitrudern.

Damals, in Montreal 1976, als die olympischen Ruder-Wettbewerbe auf dem Bassin olympique Ile Notre-Dame stattfanden, standen vierzehn Entscheidungen auf dem Programm. Das Bemerkenswerteste daran war aber, dass sechs davon für das Frauen-Rudern ausgeschrieben waren. Ein Meilenstein, 80 Jahre nach Einführung der ersten Olympischen Spiele der Neuzeit. Insgesamt nahmen 205 Ruderinnen und 388 Ruderer aus 31 Nationen an den Ruder-Konkurrenzen teil.

Die olympischen Goldmedaillen der Damen teilten sich die DDR (vier: Einer, Doppelvierer, Vierer mit sowie Achter) und Bulgarien (zwei: Doppelzweier, Zweier ohne). Insgesamt gingen von 18 Medaillen 15 an die Ostblock-Nationen. Lediglich der Amerikanerin Joan Lind (Einer, Silber), dem westdeutschen ‚Zweier ohne‘ (Bronze) und dem US-Achter (Bronze) gelang es, die Phalanx des Ostblocks zu durchbrechen.

Bei den Herren war ebenfalls die DDR führend – mit 5 x Gold (Zweier ohne, Zweier mit, Doppelvierer, Vierer ohne, Achter). Die restlichen drei Goldmedaillen erkämpften Finnland (eine dank Pertti Karppinen im Einer), Norwegen (eine: Doppelzweier) und die UdSSR (eine: Vierer mit).

Erstaunlich aus heutiger Sicht: Von 42 Ruder-Medaillen erkämpfte Europa 38. Der amerikanische Doppel-Kontinent kam durch die USA zu drei Plaketten und Australien-Ozeanien holte dank Neuseeland eine Medaille (Bronze im Herren-Achter).

Überhaupt war das Feld der Medaillen-Nationen sehr übersichtlich: Deutschland errang 18 Medaillen (DDR vierzehn, Westdeutschland vier), die Union der fünfzehn sozialistischen Sowjetrepubliken 9, Bulgarien bzw. die USA je drei, Norwegen, Großbritannien bzw. Tschechien je zwei sowie Finnland, Rumänien und Neuseeland je eine.

Erfolge aus MV-Blickwinkel

Einige Erfolgsmomente kamen ’76 auch aus dem heutigen Mecklenburg-Vorpommern. Die Bilanz: fünfmal Gold, einmal Silber, einmal Bronze.

So schaffte die in Stralsund geborene Monika Kallies (SC Dynamo Berlin) olympisches Gold im Achter. Die 1954 in Neukalen zur Welt gekommenen Anke Borchmann (SG Einheit Potsdam)  siegte im Doppelvierer. Die heutige Wahl-Schwerinerin Petra Boesler (verheiratete Wach, SC Berlin-Grünau) holte Silber im Doppelzweier.

Über Gold jubelten ebenfalls Siegfried Brietzke (in Rostock geboren, SC DHfK Leipzig) im Vierer ohne und Michael Wolfgramm (in Schwerin geboren, SC Dynamo Berlin) im Doppelvierer. Das Quintett Werner Klatt, Hans-Joachim Lück, Karl-Heinz Danielowski, Ulrich Karnatz und Karl-Heinz Prudöhl (alle ASK Vorwärts Rostock ) triumphierte mit dem DDR-Herren-Achter. Ebenfalls für den ASK startete der gebürtige Greifswalder Joachim Dreifke. Er sicherte sich Bronze im Einer.  Knapp 30 Jahre später übernahm Dreifke übrigens das Training des Ruder-Nachwuchses der Schweriner Rudergesellschaft (von 2004 bis 2019).

mic