Vor mehr als 80 Jahren – die winterlichen Spiele von 1936/Was „lernt“ uns das…

In sechs Monaten, am 18.Februar 2018, werden die 23.Olympischen Winterspiele (9.2.18-25.2.18) ┬áin Pyeongchang – sofern sie denn gefeiert werden k├Ânnen, was angesichts der suboptimalen Weltlage alles andere als sicher ist – 9 Tage alt sein. Wahrscheinlich werden es organisatorisch perfekte, aber auch sehr sterile, seelenlose Spiele werden. Es gilt ja auch, mit den „Spielen“ neue M├Ąrkte f├╝r den Wintersport und dessen Utensilien zu erschlie├čen.

Ja, die Spiele waren leider nie die „m├Ąchtige St├╝tze des Friedens“, wie sie der Begr├╝nder der Olympischen Spiele der Neuzeit, Baron Pierre de Coubertin, eigentlich wollte. St├Ąndig gerieten sie in den Sog von politischen und wirtschaftlichen Interessen.

Das war vor mehr als 80 Jahren nicht anders. Im Gegenteil.

Garmisch-Partenkirchen 1936 – die winterlichen Propaganda-Spiele

Es sollte die Ouvert├╝re zu den Sommerspielen 1936 werden und wurde letztendlich eine gelungene (politische) Propaganda-Veranstaltung mit sportlichem Zusatz-Programm. Es sollte die Sportlerinnen bzw. Sportler im Mittelpunkt stehen und am Ende setzten politische und funktion├Ąrstechnische Protagonisten die entscheidenden Akzente. Es sollte weiterhin ein faires Miteinander werden und entpuppte sich – im Nachgang – als sportliches Schmierentheater.

Die vierten Olympischen Winterspiele, die vor 81 Jahren in Garmisch-Partenkirchen stattfanden, bleiben unvergesslich. Weniger aufgrund der sportlichen Leistungen, gro├čartige gab es auch dort, aber vor allem als Lehrbeispiel daf├╝r, was passiert, wenn Politik, Wirtschaft und „Berufsfunktion├Ąrstum“ sich der Spiele bem├Ąchtigen.

1936 – Wie war das noch?!

Ein „F├╝hrer“ erfuhr vom emotionalisierten Publikum eine begeisterte Huldigung. Der gr├Â├čte Sportverband der Welt, das IOC, lie├č sich, naiv oder bewu├čt – beides ist gleich schlimm, vor einen „PR-Karren“ spannen.

Die Wirtschaft erlangte lukrative Bau-Auftr├Ąge. Menschen mu├čten Baust├Ątten weichen. Die eigenst├Ąndigen M├Ąrkte Garmisch und Partenkirchen wurden auf Druck und unter Zwang der Staatspartei NSDAP zusammengelegt, um eine entsprechende Ortsgr├Â├če f├╝r einen olympischen Austragungsort zu schaffen.

„Minderheiten“, Andersdenkende und Unerw├╝nschte, so weit nicht schon vorher aus dem ├Âffentlichen Leben gedr├Ąngt, wurden w├Ąhrend der Spiele lediglich geduldet. Sportlerinnen und Sportler lie├čen Distanz zu Politik und Wirtschaft vermissen. Ein Team (die Schweiz) mu├čte das Quartier gar r├Ąumen, weil eine Geheimpolizei (Gestapo) dieses f├╝r sich beanspruchte. Und ein gewisser Herzog Adolf Friedrich zu Mecklenburg war seinerzeit Mitglied des IOC und des Organisationskomitees von GAP – also „Mecklenburg“ war am dortigen Geschehen intensiv beteiligt…

Es gab auch guten Sport…

Ja, es gab dennoch ausgezeichnete Leistungen im Sport, pr├Ąsentiert in hervorragenden Sportst├Ątten und bei viel Publikumszuspruch. Der Norweger Birger Ruud gewann das Spezialspringen. In der alpinen Kombination gewannen Christl Cranz bei den Frauen und Franz Pfn├╝r bei den Herren. Dreimal Gold, einmal Silber holte der Norweger Ivan Ballangrud im Eisschnelllaufen.

Den einzigen Erfolg f├╝r ein nichteurop├Ąisches Land erlangte der USA-Zweier-Bob mit Ivan Brown bzw. Alan Washbond. Im Eishockey wurde sensationell Gro├čbritannien, freilich mit einigen eingeb├╝rgerten Kanadiern, Olympiasieger vor den „richtigen“ Kanadiern. Im Eiskunstlaufen erk├Ąmpfte die Norwegerin┬á Sonja Henie ihren dritten Olympiasieg. Maxi Herber bzw. Ernst Baier setzten sich im Paarlaufen durch.

Aber um welchen Preis wurden diese Erfolge erzielt?! Um den Preis, dass Olympia endg├╝ltig seine Unschuld, seine Aura verlor. Die folgenden Sommerspiele in Berlin 1936 setzten der politischen Propaganda-Show unter den f├╝nf olympischen Ringen noch eine „uns├Ągliche Krone“ dazu auf. Dass dort auch Olympiasiege f├╝r Mecklenburg zu verzeichnen waren – durch den Military-Reitsportler Ludwig Stubbendorff auf „Nurmi“ in der Einzel- sowie Mannschaftswertung – ist nur eine Rand-Notiz.

Wurden aus 1936 Lehren gezogen?

Hat man, haben die Politik, die Wirtschaft und die Sportverb├Ąnde aus den Spielen von 1936 gelernt?! Nein, das haben sie entgegen aller Beteuerungen nicht. Es gab einige Boykottspiele, so 1976 in Montreal, 1980 in Moskau oder 1984 in Los Angeles. Olympia stand im Zeichen des Terrors, so 1972 in M├╝nchen oder 1996 in Atlanta. Es gab ungehemmte politische Einflu├čnahmen, insbesondere 2004 in Athen, 2008 in Peking oder 2016 in Rio. Es wurden wintersportliche Retorten-St├Ądte erschaffen, so 1960 in Squaw Valley, 1992 in Albertville oder 2014 in Sotschi.

Die Spiele wurden immer kostspieliger, gigantischer, profitorientierter und abgehobener. Politiker, Getr├Ąnkehersteller, TV-Stationen und „Hauptsponsoren“ diktieren de facto schon, welche Sportarten ins Programm geh├Âren, welche Sportarten gestrichen werden k├Ânnten und die Wettkampfzeiten – damit „passende Werbe-Bl├Âcke“ entsprechend platziert werden. Der olympische Sport dient nur als „Petersilie“, schm├╝ckendes Beiwerk, zur Dauer-Werbesendung von Sportger├Ąte-Herstellern, Getr├Ąnke-Fabrikanten und Fast Food-Junkies.

Wie war das mit der olympischen Grund-Idee?!

„Lassen Sie uns Ruderer, L├Ąufer, Fechter ins Ausland schicken. Das ist das Freihandelssystem der Zukunft! Und an dem Tag, an dem es in die Sitten des alten Europa eingedrungen sein wird, wird der Sache des Friedens eine neue und m├Ąchtige St├╝tze erwachsen sein!“, meinte einst der Begr├╝nder der Olympischen Spiele der Neuzeit, Baron Pierre de Coubertin.

Wie ist es jetzt, heute, aktuell um den Frieden bestellt?! Zurzeit toben mehr als 40 Kriege bzw. kriegerische Auseinandersetzungen. Der Terror beeinflu├čt den Alltag auf allen Kontinenten. 60 Millionen Menschen sind auf der Flucht – so viele, wie seit Ende des zweiten Weltkrieges nicht mehr. Noch immer verhungern j├Ąhrlich Millionen, darunter viele Kinder. 62 der vermeintlich materiell Reichsten geh├Ârt so viel, wie dem gesamten ├Ąrmeren Teil der Menschheit, also dreieinhalb Milliarden Menschen. Gelangt man zu diesem „Reichtum“ im Schwei├če seines Angesichts?!

Kann, darf man dann – bei dieser geduldeten Selbstzerst├Ârung – noch Olympia feiern? … Ja, wenn man zu den Wurzeln des olympischen Idealismus zur├╝ckkehrt, wie Lillehammer 1994 oder zuvor das durch aktuellen Terror geschundene Barcelona 1992 bewiesen. Wird Olympia aber weiterhin so zelebriert, wie 1996 in Atlanta, 2006 in Turin, 2008 in Peking, 2014 in Sotschi oder 2016 in Rio, sollte man schleunigst das Ruder herum rei├čen – und nicht nur das.

Marko Michels

Foto (Michels): Olympische Ringe vor dem Olympiastadion von 1936 in Berlin.