Im Gespräch mit Erfolgsringerin Aline Rotter-Focken

Aline hat es tatsächlich gebucht, das Olympia-Ticket für Tokio 2020. Mit einer überzeugenden Leistung bei der WM in der kasachischen Hauptstadt Nur-Sultan. Gleich in ihrem ersten WM-Kampf machte es die 28-jährige Ringerin aus Krefeld spannend, setzte sich in der 76- Kilogramm-Klasse hauchdünn mit 5:4 gegen Kiran Bishnoi (Indien) durch. Kampf- und Nervenstärke zeigte die Weltmeisterin von 2014, damals in der Gewichtsklasse bis 69 Kilogramm, während des gesamten WM-Turnieres und holte schließlich Bronze.

Ringerin Aline Rotter-Focken hält WM-Bronze in den Händen | Nach dem Kampf um Platz Drei in Nur-Sultan

Aline Rotter-Focken mit ihrer Bronzemedaille. Foto: privat

Aline, herzlichen Glückwunsch zum Olympia-Ticket! Wie war die WM aus deiner Sicht?

Aline: Die WM war wirklich wieder ein absolut tolles Erlebnis und ein Sport-Event auf höchsten Niveau. Wenn ich auf meine bisherigen Welttitelkämpfe und auf die WM  2019 zurückblicke, kann ich noch weniger nachvollziehen, dass sich hierzulande (fast) niemand für unseren Sport interessiert. Es war ein sehr professionelles Event, mit tollen Gastgebern sowie super-freundlichen Helfern und einer wahnsinnigen Stimmung.

Dein erster Kampf gestaltete sich ja als „knappe Kiste“…

Aline: Ja, dieser Kampf war wirklich schwierig für mich. Ich hatte mit sehr vielen Nervosität zu kämpfen und wollte alles richtig machen. Und so passieren nun einmal die Flüchtigkeitsfehler, auch wenn diese mich fast den Kampf, damit meine Quali und auch die Medaille gekostet hätten. Aber nach meinem anfänglichen Zögern und meinem tollen Start in der Ringerbrücke konnte ich mich noch einmal heran kämpfen und den Kampf zum Glück drehen.

Im Achtelfinale und Viertelfinale warst du hingegen dominierend. Zufrieden mit beiden Fights?

Aline: Mit diesen beiden Kämpfen war ich zufrieden. Ich kannte beide Gegnerinnen und hatte auch schon öfter gegen sie gekämpft. Auch wenn es – wie gesagt – bei der WM immer noch ein anderes Flair ist. Aber dort lief alles nach Plan.

Im Halbfinale hast du der viermaligen Weltmeisterin Adeline Gray beim 2:5 einen großen Kampf geliefert. War mehr drin?

Aline: Es war definitiv mehr drin, und das wusste ich auch vorher. Wir kennen uns sehr lange und haben auch schon sehr viel trainiert, als ich noch ein Limit drunter gerungen habe. Ich wusste um ihre Klasse und sie ist auch nicht umsonst, mit dem 2019er Titel, fünfmalige Weltmeisterin geworden. Aber: Ich bin davon überzeugt, dass ich sie besiegen kann, wenn ich meine Angriffe noch besser platziere und vielleicht ebenfalls ein wenig mehr Glück im Spiel ist.

Um Bronze musstest du gegen die Lokalmatadorin Elmira Syzdykowa ran. Was waren die entscheidenden Momente?

Aline: Sie kenne ich bereits sehr gut. Wir haben schon etliche Duelle ausgefochten, die meistens sehr hart und zudem mitunter etwas unsportlich liefen. Ich wusste, dass die Kasachin sehr defensiv ist und eine sehr gute Bein-Abwehr hat. Deswegen bin ich den Kampf taktisch angegangen und habe wenig riskiert. Als ich dann eine 3:0 Führung hatte, war mir klar, dass ich das jetzt nur noch gut verteidigen muss, denn Angriffe sind nicht ihre Stärke.

WM-Medaillen

An den WM vom 14.9. bis 22.9. in Nur-Sultan nahmen mehr als 900 Ringerinnen bzw. Ringer aus über 100 Ländern teil. Am erfolgreichsten waren Russland (19 Medaillen, 9 x Gold), Japan (9 Medaillen, 3 x Gold), die USA (7 Medaillen, 5 x Gold) und der Iran (7 Medaillen, 1 x Gold). Insgesamt schafften 33 Länder Edelmetall. Die deutsche Mannschaft kam zu vier Bronzemedaillen durch Frank Stäbler (griechisch-römisch, -67 Kilogramm), Denis Kudla (griechisch-römisch, -87 Kilogramm), Anna Schell (Frauen, -68 Kilogramm) und Aline Rotter-Focken (Frauen, -76 Kilogramm).

Was steht nach den WM auf dem Wettkampf-Programm?

Aline: Auf dem Wettkampfprogramm steht vorerst gar nichts mehr… Ende des Jahres gibt es noch eine Deutsche Mannschaftsmeisterschaft, die ich für meine Mannschaft Nordrhein-Westfalen ringen werde. Darauf liegt aber kein Fokus und ich werde sie voll aus dem Training heraus ringen. Jetzt stehen der Urlaub und – ganz wichtig – Regeneration an erster Stelle.

Gibt es schon Pläne für die Olympia-Vorbereitung?

Aline: Nein, eine feste Marschroute gibt es momentan noch nicht. Auch unsere Trainer müssen die WM und deren Ergebnisse erst einmal verarbeiten und haben einen Urlaub verdient. Danach treffen wir uns alle gut erholt, mit freiem Kopf und hochmotiviert, um den Weg nach Tokio zu planen. Ich habe aber sehr großes Vertrauen in meinen Trainer Patrick Loes, dass es ihm auch dort, bei Olympia,  gelingen wird, mich wieder auf den Punkt fit zu machen.

Ringen steht leider nicht im medialen Fokus. Warum sollte sich aus Deiner Sicht jeder Sportinteressierte einen Ringkampf anschauen?

Aline: Die Weltmeisterschaft in Kasachstan hat wieder bewiesen: Ringen ist schnell, actiongeladen, emotional und einfach fair. Allein, was  ich an Höhen und Tiefen bei dieser Weltmeisterschaft durchgemacht habe, ist unbeschreiblich. Dieses würde auch allen anderen so ergehen, wäre die nötige mediale Aufmerksamkeit vorhanden. Dann könnten auch alle die Regeln und das Ziel unserer so traditionsreichen Sportart verstehen. Ringen ist so besonders, weil es einerseits hart, aber auch intensiv ist.  Wir Ringerinnen und Ringer schenken uns nichts auf der Matte, sind jedoch neben der Matte meist gut befreundet und gehen sehr respektvoll miteinander um. Das gibt es sehr selten in anderen Sportarten, vor allem in Kampfsportarten.

Bleibt eigentlich vor Tokio noch Zeit für andere schöne Dinge?

Aline: Vor Tokio bleibt genauso wenig Zeit für Privates, wie auch bisher. Ich habe auch jetzt sehr hart und intensiv trainiert, um es überhaupt dorthin zu schaffen. Trotzdem gehört zu jeder Arbeit auch immer ein Feierabend und Freizeit. Diese ist bei uns zwar rar gesät, aber unabdingbar für mich und wird  immer mit Freunden und Familie voll ausgenutzt. Die Arbeit habe ich bereits vor der WM noch etwas heruntergeschraubt, höre aber auch bis Tokio nicht ganz auf, einfach weil es mir gut tut, auch unter anderen Leuten zu sein und mich in anderen Bereichen weiterzuentwickeln. Der Sport bleibt aber besonders im nächsten Jahr noch an allererster Stelle.

Vielen Dank und weiterhin viel Erfolg!

 

Die WM-Kämpfe von Aline Rotter-Focken in Nur-Sultan 2019

Vorrunde: gegen Kiran Bishnoi (Indien) 5:4

Achtelfinale: gegen Sabira Alijewa (Aserbaidschan) 10:0

Viertelfinale: gegen Alla Belinska (Ukraine) 5:1

Halbfinale: gegen Adeline Gray (USA) 2:5

Kampf um Bronze: gegen Elmira Syzdykowa (Kasachstan) 3:0

 

Ringkampfsportliche Termine in M-V bis Dezember

26. Oktober
Ostseepokal in Rostock

Jugend C, D und E sowie weibliche Schüler (griechisch-römisch, freier Stil)

7. Dezember
Skoda-Cup in Demmin
weibliche Schüler und Jugend bzw. Jugend C, D und E (griechisch-römisch, freier Stil)

14. Dezember
Weihnachtsturnier in Torgelow
Jugend C und C (griechisch-römisch)