Im Gespräch mit dem Allgemeinen Deutschen Hochschulsportverband (adh) über die kommende Sommer-Universiade in Neapel, über die Herausforderungen vor Ort, die Duale Karriere der Studierenden und die sportlichen Ziele.

Die studierenden Athletinnen und -Athleten haben ihren Jahreshöhepunkt noch vor sich: die 30. Sommer-Universiade in Neapel. Italien ist damit nach Turin (1959 und 1970), Rom (1975) und Sizilien (1997) zum fünften Mal Gastgeber des nach den Olympischen Spielen größten Multisport-Events der Welt. Erwartet werden in Neapel mehr als 8.000 Sportlerinnen und Sportler aus circa 170 Nationen. Vom 3. bis 14. Juli werden diese in 18 Sportarten und 222 Entscheidungen um die Medaillen wetteifern. Darunter derden auch einige Vertreter aus Mecklenburg-Vorpommern sein.

Gerätturnen bei der Universiade in Taipeh 2017 – Foto: © adh / Arndt Falter

Interview mit Thorsten Hütsch und Oliver Kraus

Es ist wieder Universiade-Zeit und kaum einer merkt und weiß es… Sind Universiaden noch im Trend und von Interesse?

Oliver Kraus: In Zentraleuropa mag es derzeit vielleicht „wichtigere“ Veranstaltungen geben, was schade ist, da die Universiade stets für großen Sport steht, wie zum Beispiel 2017 in Taipeh, als im mitreißenden Speerwurf-Wettbewerb Weiten über 90 Meter erzielt wurden. Doch: Auch wenn die Universiade in der Öffentlichkeit noch nicht so wahrgenommen wird, bleibt sie ein wichtiger Bestandteil in der Entwicklung international konkurrenzfähiger Athletinnen und Athleten.

So setzt der adh seit jeher auf den Nachwuchs, der einerseits durch die Teilnahme gefördert werden soll, andererseits aber auch gefordert wird, damit die Teilnehmenden über die Universiade-Erfahrung Motivation für zukünftige Ziel-Wettkämpfe wie Weltmeisterschaften oder Olympische Spiele schöpfen können.

Blickt man allerdings weiter nach Osten, fällt auf, dass die führenden Nationen aus Osteuropa und Asien immer wieder mit ihren A-Kadern in zahlreichen Sportarten antreten. In diesen Ländern genießt die Universiade den Stellenwert, den sie verdient.

Die Gretchenfrage im Hinblick auf die Universiaden wird im Vorfeld immer wieder diskutiert… Viele Spitzensportlerinnen und -Sportler gerade aus Nordamerika, Ostasien oder Osteuropa seien nur „formal“ an den Unis eingeschrieben und eigentlich Profis. Wie beurteilen Sie diese Diskussionen?

Thorsten Hütsch: In der Vergangenheit ist es bei einigen Nationen aus den genannten Kontinenten in Einzelfällen zur Teilnahme von Aktiven gekommen, bei denen man in Frage stellen könnte, ob sie ordentliche Studierende sind. Tatsächlich ist jedoch der Studenten-Status entscheidend.

Der Weltverband FISU mit seinen Kontrollorganen kann nicht für jeden teilnehmenden Sportler nachprüfen, ob dieser tatsächlich regelmäßig seine Vorlesungen besucht. Mit der 2018 neu eingeführten Reduzierung der Altersgrenze von 28 auf 25 Jahre wurde jedoch ein sehr wichtiger und wirksamer Schritt getan, um das „Einschreiben von sogenannten Profis“ einzudämmen.

In einer deutschen Sportwochenzeitung wurde eine weitere Problematik thematisiert. Dass nämlich die hoch gelobte „Duale Karriere“ in Deutschland, also Spitzensport und Studium gut zu verbinden, in der Realität zumeist nicht funktioniere. Sie sind nun nah dran am Geschehen: Wie ist Ihre Meinung dazu?

Oliver Kraus: Der adh verfolgt über das Projekt Partner-Hochschule des Spitzensports die Rahmenbedingungen zu schaffen, damit eine Duale Karriere bestmöglich umsetzbar ist. Es mag sein, dass es hin und wieder schwierig ist, die Doppelbelastung von Spitzensport und Studium zu vereinen, aber ohne das Commitment der Partner-Hochschulen würde dieser Weg für die zweigeteilte Karriere-Planung wesentlich schwieriger verlaufen.

Durch die Duale Karriere bekommen Spitzen-Sportlerinnen und -Sportler die Möglichkeit, ihr Studium zumeist individueller und ihren Bedürfnissen entsprechend angepasst zu gestalten. So genießen beispielsweise die meisten Athletinnen und Athleten den Bonus, nicht immer anwesend sein zu müssen.

Neben der aktiven Unterstützung durch unsere Partner-Hochschulen ist es dem adh aber auch wichtig, allgemein Förderangebote zu entwickeln und auszubauen, Rahmen-Bedingungen zu verbessern und generell die Anerkennung bzw. Würdigung der Doppel-Belastung bei politischen Entscheidungsträgern zu erhöhen.

Impression vom Tischtennis bei der Universiade 2017 in Taipeh – Foto: © adh / Arndt Falter

Universiaden werden immer kostspieliger. Brasilia gab vor vier Jahren aus finanziellen Gründen die Ausrichtung für 2019 zurück, Neapel sprang ein. Ist die Multisportveranstaltung mittlerweile zu gigantisch?

Thorsten Hütsch: Durch die vier vergangenen Sommer-Universiaden in Taiwan, Südkorea, Russland und China wurden sicherlich neue Maßstäbe gesetzt. Die dabei gesetzten Maßstäbe stellen eine große Hürde für zukünftige Ausrichter dar.

Der adh und seine Partner sind sich aber sicher, dass man diesen Weg des Gigantismus nicht mitgehen muss. Bei einer möglichen Bewerbung Deutschlands um eine Sommer-Universiade 2025 werden wir sicherlich mit anderen Merkmalen punkten.

Zum Sportlichen… Die Nominierungen für die deutsche Mannschaft sind noch nicht abgeschlossen. Wie viele Athletinnen und Athleten werden in Neapel starten?

Oliver Kraus: Anfang der Woche wurde der Großteil nominiert. Mit einigen Nachnominierungen in der Leichtathletik dürften rund 130 studierende Spitzensportlerinnen und Spitzensportler nach Neapel reisen, um in 14 der 18 angebotenen Sportarten um Edelmetall zu kämpfen.

Gibt es eine sportliche Zielstellung seitens des adh?

Thorsten Hütsch: Eine Prognose ist bei Universiaden immer äußerst schwierig, weil man nur schwer einschätzen kann, inwieweit es den anderen Nationen gelingt, hochkarätige Top-Athletinnen und -Athleten auf die Universiade zu orientieren. Die Hauptzielsetzung ist es, dass möglichst viele Aktive in den Bereich einer Final-Platzierung (Top Acht) kommen. Der Anteil dieser Aktiven konnte zuletzt zum Teil auf über 70 Prozent gesteigert werden. Ein realistisches Ziel für die Sommer-Universiade 2019 ist ein Anteil von über 60 Prozent.

Für die öffentliche Wahrnehmung und die Stimmung im Team sind selbstverständlich auch Medaillen wichtig. Ob das hervorragende Medaillen-Ergebnis von Taipeh 2017 (24 Medaillen) wiederholt werden kann, ist fraglich. Mein Wunsch wären 15-20 Medaillen. Das hängt von vielen Faktoren ab.

Was erwarten Sie von der Universiade in Südeuropa?

Skyline von Neapel

Oliver Kraus: Es wird aufgrund des Rücktritts von Brasilia und der damit späten Vergabe an den Interimsausrichter Neapel vor allem ein logistisches und koordinatives Husarenstück für alle, den lokalen Ausrichter sowie die National-Teams gleichermaßen. Eine verkürzte Vorbereitungsphase trifft auf städtebauliche Begebenheiten, die nur bedingt gute Voraussetzungen für das größte Multisportevent nach den Olympischen Spielen bietet.

Wenn normalerweise alle Athletinnen und Athleten ähnlich den Olympischen Spielen in einem Dorf untergebracht sind, sind es hier vor allem Kreuzfahrtschiffe, die das Gros der Aktiven und Betreuer beherbergen werden. Weitere Disziplin-Delegationen sind – abhängig von ihrem Spielort – in anderen Städten untergebracht. Das, kombiniert mit dem durchaus gewöhnungsbedürftigen Verkehr in Neapel, wird interessant zu stemmen sein. Daher auch die Reduzierung auf 8.000 Teilnehmende.

Das ist nur ein Beispiel von vielen, warum sich die Sommer-Universiade von denen zuvor deutlich unterscheiden wird. Allerdings passt daher auch das Motto „to be unique“ sehr gut. Ansonsten hoffen wir natürlich auf eine Stimmung, die ähnlich pulsieren wird, wie die lebendige Stadt unweit des Vesuvs.

Vielen Dank und eine erlebnisreiche Universiade mit vielen Erfolgen!

Thorsten Hütsch ist Sportdirektor des Allgemeinen Deutschen Hochschulsportverbands (adh) und Sportlicher Leiter vor Ort.

Oliver Kraus ist adh-Öffentlichkeitsreferent mit den Schwerpunkten Pressearbeit, Wettkämpfe und Nationalteam.

Das Interview führte Marko Michels

 



Die Sportlerinnen und Sportler aus M-V in Neapel

  • Judoka Annika Würfel (HU Berlin / VfK Bau Rostock)
  • Diskuswerferin Claudine Vita (HS Neubrandenburg / SC Neubrandenburg)
  • Wasserspringerin Saskia Oettinghaus (Uni Rostock / WSC Rostock)
  • Wasserspringerin Anna Shyrykay (Uni Rostock / WSC Rostock)
  • Volleyballerin Lea Ambrosius (SRH FH Riedlingen / SSC Palmberg)
  • Volleyballerin Elisa Lohmann (Euro-FH Hamburg / SSC Palmberg)
  • Segler Silas Oettinghaus (CAU Kiel / Rostocker Yachtclub)
  • Seglerin Johanna Meier (Uni Rostock / Akademischer Segelverein Warnemünde)
  • Segel-Ersatzmann und Coach Max Schuberth (FH Kiel /Rostocker Segelverein Citybootshafen)

Daneben starten auch:

  • Schwimmer Carl Louis Schwarz (TH Wildau / Potsdamer SV) – begann seine Karriere beim PSV Schwerin
  • Volleyballerin Denise Imoudo (FH Potsdam / Ladies in Black Aachen) – spielte zwischen 2013 und 2015 beim SSC Palmberg Schwerin
  • Diskuswerfer Henning Prüfer (Uni Potsdam / SC Potsdam) – gebürtiger Güstrower und früheres Mitglied beim SC Neubrandenburg und LAC Mühl Rosin Güstrow