Der bekannte deutsche Sportjournalist feiert seinen „90.“

Olympische Ringe (in Berlin). Michels

90 Jahre Heinz Florian Oertel. Das bedeutet nahezu 90 Jahre mit dem Mikrofon und mit spitzer Feder um die Welt. Tatsächlich, die sportliche Reporter-Legende Heinz Florian Oertel vollendet am 11.Dezember 2017 die 90 „Lenze“. Olympia fand mit ihm seit 1952 statt. Vor der Wende war er bei den Spielen entweder als Radio- oder Fernseh-Reporter dabei. Nach der Wende war er Herausgeber einiger Olympiabücher bis 2014. Dazu weitere Publikationen und Bücher zum Thema Sport, die gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland und eigene Lebenserfahrungen.

Subjektiv betrachtet gehört er zusammen mit Harry Valerien, Dieter Kürten, Gerd Rubenbauer und Wolfgang Hempel zu den renommiertesten Sportjournalisten in Deutschland in den Bereichen Funk und Fernsehen. Bei den Nachfolgern der Genannten bleibt dem echten Sportfan oft nichts anderes übrig, als den Ton auszuschalten.

Seine Kommentare und Reportagen, ob bei Olympia allgemein, während der diversen Friedensfahrten im Radsport, bei Eiskunstlauf-Großereignissen oder zu Leichtathletik-Wettkämpfen bleiben unvergessen. Ein Fußball-Reporter war er allerdings nie. Nicht unbedingt „seine“ Sportart…

Beeindruckend hingegen die Olympiabücher, die er nach 1990 herausgab. Zusammen mit den Olympia-Publikationen von Harry Valerien setzten diese (olympische) Maßstäbe!

Auf jeden Fall: Großen Glückwunsch aus M-V an den sportiven Altmeister im positiven Sinne!

Und ein früheres Interview mit Heinz Florian Oertel, vom 8.März 2010, darf natürlich nicht fehlen:

Reporter-Legende Heinz Florian Oertel über die Winterspiele 2010, sein Olympia-Buch und eigene olympische Erfahrungen / „Die kanadischen Gastgeber lebten den olympischen Traum!“

„Schnell – schneller – am schnellsten!“ Dieses sportliche Motto gilt für einen Klassiker unter den Olympiabüchern, deren Herausgeber der rasende Sportreporter Heinz Florian Oertel und die sechsfache Schwimm-Olympiasiegerin sowie ZDF-Moderatorin Kristin Otto sind. Gerade ist die olympische Flamme in Vancouver erloschen und da sind die Tage von Vancouver und Whistler schon druckfrisch auf Papier im Buchhandel erhältlich.

Noch einmal werden die Erfolge von Ski-Königin Maria Riesch, Biathletin Magdalena Neuner, Bob-Ass Andre Lange, dem Gold-Duo im Skilanglauf Claudia Nystad bzw. Evi Sachenbacher-Stehle & Co. wieder lebendig. Auch die Wettkämpfe im Short Track um Rostocks Kufenflitzerin Aika Klein werden ebenfalls in den Blickpunkt gerückt.

Das Buch wird nicht nur wie immer von Heinz Florian Oertel und Kristin Otto herausgegeben, die Leitung der Redaktion übernimmt ebenfalls traditionell der erfahrene Sport- und Olympia-Spezialist Volker Kluge, der somit für höchste journalistische Qualität bürgt.

„Die kanadischen Gastgeber lebten den olympischen Traum !“

Nachgefragt bei der deutschen Reporter-Legende Heinz-Florian Oertel

Heinz Florian Oertel über seine Zeit als Sportjournalist, olympische Erfahrungen, bekannte Sportler aus M-V, seine Sympathie für Mecklenburg-Vorpommern und Vancouver 2010

Frage: Die XXI. Olympischen Winterspiele in Vancouver und in Whistler sind schon wieder Vergangenheit. Mit der Rostocker Short Trackerin Aika Klein, dem gebürtigen Teterower Sandro Stielicke im Skeleton-Sport und dem gebürtigen Greifswalder Robin Szolkowy, der im Paarlauf mit Partnerin Aljona Sawtschenko Bronze gewann, waren auch eine Athletin bzw. zwei Athleten aus M-V oder zumindest mit M-V-Wurzeln am Start.
Sie gaben nun wieder ein Olympia-Buch, speziell zu diesem Wintersportereignis, heraus, was die Tage von Vancouver und Whistler noch einmal lebendig werden läßt. Wie ist Ihre Meinung zu den Winterspielen 2010 ? Welche Leistungen beeindruckten Sie besonders ? Was macht die Lektüre Ihres Olympiabuches 2010 (erschienen im Verlag Das Neue Berlin) – persönlich betrachtet – empfehlenswert ?

Heinz-Florian Oertel: Die Kanadierinnen und Kanadier haben es geschafft, dass die alte olympische Idee neu entfacht wurde, ja mit neuem Leben erfüllt wurde. Die Gastgeber haben es auf unnachahmliche Weise verstanden, Olympia in ihren Alltag zu integrieren. Zig Tausende Kanadier und deren Gäste füllten die Straßen der Olympiastadt und zelebrierten den olympischen Traum. Olympia lebte zwischen dem 12. und 21.Februar in Vancouver und in Whistler.

Beeindruckt haben mich die Leistungen einer jeden Olympionikin, eines jeden Olympioniken, denn sich bereits für die Olympischen Spiele qualifizieren zu können, ist eine Leistung, vor der man sich nur verneigen kann.

Was das Olympiabuch auszeichnet ?! Es gibt ja mittlerweile nur noch zwei Olympiabücher hierzulande. Ich gehöre nicht zu denjenigen, die nun die eigene Leistung anpreisen möchten, aber „Unser Olympiabuch – Vancouver 2010“ zeichnet sich durch seine fachlich versierten Beiträge, durch die erstklassigen Fotos, die Erinnerungen noch einmal aufleben lassen, und die kompakte, einzigartige Statistik aus. Wer die Tage von Vancouver und Whistler noch einmal Revue passieren lassen möchte, sollte auch zu „Unserem Olympiabuch“ greifen.

Frage: Herr Oertel, Sie berichteten seit 1952 von 17 Olympischen Spielen und acht Fußball-WM. Nach 1990 gaben Sie u.a.zusammen mit der früheren Erfolgsschwimmerin und heutigen Sportmoderatorin beim ZDF, Kristin Otto, weitere Olympiabücher heraus. Verfolgen Sie auch heute noch die Entwicklung des Weltsportes intensiv ? Blieben Sie Ihren – als Reporter – bevorzugten Sportarten, Leichtathletik und Eiskunstlauf, dabei treu ?

Heinz Florian Oertel: Für mich gibt es mittlerweile zwei Qualitäten des Sportes – das war nicht immer so, aber mittlerweile muß ich so deutlich unterscheiden – einerseits den „Elitesport“ und andererseits den „Volkssport“. Gerade der „Elitesport“, der Leistungssport, befindet sich in einem lebensgefährlichen Krankheitszustand, der seit den 1970er Jahren begann und zuletzt eine immer negativere Entwicklung nahm. Geld, Kommerz und Eigensucht regieren diesen „Elitesport“. Profi-Boxsport ist heutzutage oftmals nur noch „Zirkus und Klamauk“. In meinen einstigen Paradesportarten, wie Leichtathletik, Radsport oder nordischer Skisport, wird der Leistungssport durch die Dopingproblematik extrem überschattet. Nur im Eiskunstlaufen scheint die sportliche Welt noch einigermaßen in Ordnung.

Frage: „Liebe junge Väter oder angehende, haben Sie Mut ! Nennen Sie Ihre Neuankömmlinge des heutigen Tages ruhig Waldemar ! Waldemar ist da !“. Mit diesen Sätzen kommentierten Sie den zweiten Marathon-Olympiasieg von Waldemar Cierpinski 1980 und wurden damit „Kult“ in Ost und West und gehörten zusammen mit Ihrem westdeutschen Kollegen Harry Valerien zu den Besten Ihrer Zunft in Deutschland. Wie beurteilen Sie heute das Niveau der Sportberichterstattung im deutschen Fernsehen?

Heinz Florian Oertel: Der Sport ist inzwischen ein Spiegelbild der Gesellschaft: Der Hang zu Egoismus, Selbstdarstellung und Oberflächlichkeit nimmt immer weiter zu. Sport ist nunmehr eine Ware, die beliebig ist, die nur dem Vergnügen dient. Zwar stammt der Begriff des „Sportes“ ja vom lateinischen „desportare“ – sich vergnügen, zerstreuen sowie ablenken – aber hier sind inzwischen natürliche Grenzen überschritten. Ähnliches gilt für die Sportberichterstattung: Es soll eine gute Show abgeliefert werden, auch wenn das notwendige fachliche Hintergrundwissen fehlt. Notwendige Informationen läßt sich der einzelne Sportjournalist über hochbezahlte Zu- und Mitarbeiter zukommen, anstatt sich selbst mit Literatur und Presse sachkundig zu machen. Natürlich gibt es noch die angenehmen Ausnahmen, aber bei der Mehrheit der Sportkollegen gerate ich schon ins Grübeln …

Frage: Olympia wird immer kommerzieller, bombastischer und „durchgestylter“. Ein Rückblick auf olympische Stationen Ihrer langen Karriere: Welche Olympiastadt genossen Sie besonders? Wo war die olympische Atmosphäre besonders angenehm?

Heinz Florian Oertel: Für mich waren meine ersten Olympischen Spiele 1952 der realisierte Traum einer Olympiastadt. Damals war die Welt im „Großen und Ganzen“ noch in Ordnung. Die Menschen hatten noch Mut, Zuversicht und Tatkraft. Die Begriffe Frieden, Freundschaft und gegenseitige Begegnung wurden vom Sport nicht nur verbal vertreten, sondern aktiv mit Leben erfüllt. Diese spätere, zunehmende Ost-West-Konfrontationen, wie sie die Politik zuweilen aggressiv vertrat, hat es so im Sport unter den Athleten nie gegeben. Die Olympiaboykotte 1976 durch die afrikanischen Staaten, 1980 durch den Westen und dann 1984 durch den „Ostblock“ werden als geistlose „Lächerlichkeiten“ in die Annalen eingehen, die nichts bewirkten und die Athletinnen und Athleten, die an der Teilnahme gehindert wurden, um ihre sportlichen Träume brachten. – Helsinki 1952 war sowohl sportlich als auch persönlich für mich olympische Atmosphäre pur.

Frage: Sie waren Augenzeuge zahlreicher Erfolge der deutschen Sportler aus Ost und West. Dazu gehören u.a. die Siege der gebürtigen Wismarer Läuferin Marita Koch, des Schweriner Hochspringers Gerd Wessig oder des Radsportlers Täve Schur. Welche Sportler beeindruckten Sie seit 1952 am meisten?

Heinz Florian Oertel: Für mich – und das mag verblüffen – ist die Feldhandballerin Gisela Weidner, die 1949 das 1:0 und damit den Siegtreffer für ihre Luckenwalder Mannschaft in der damaligen brandenburgischen Landesmeisterschaft gegen Senftenberg warf, meine persönliche Sportheldin. Es war am 19. April 1949 meine erste Sportreportage für den Sender Cottbus der Landesrundfunkanstalt Brandenburg-Potsdam, und ich erinnere mich immer wieder gern an diesen Augenblick zurück. Ansonsten gibt es so unzählige herausragende Sportlerinnen und Sportler, dass es eigentlich unfair wäre, einige Namen zu nennen und andere Sportgrößen ungenannt zu lassen. Vielleicht nur fünf Beispiele von ganz, ganz vielen: der Langstreckenläufer Emil Zatopek, der berühmte Boxer Cassius Clay (auch Olympiasieger 1960 !), natürlich Täve Schur, Katarina Witt, die gebürtige Wismarerin und für Rostock startende Marita Koch und den einige Jahre bei Hansa Rostock spielenden Torjäger Achim Streich!

Frage: Die Doping-Diskussion in Deutschland ist mittlerweile eine unendliche Geschichte. Inzwischen steht fest, dass in beiden deutschen Staaten, und nicht nur dort, in erheblichem Maße leistungsfördernde Substanzen verabreicht wurden – aus ideologischen wie ökonomischen Gründen. Wie ist Ihre Meinung zur aktuellen Doping-Diskussion?

Heinz Florian Oertel: Jedes Doping, ob im Sport, im Privaten oder im allgemein beruflichen Bereich, ist eine Katastrophe. Man sollte sein Leben natürlich verbringen – ohne „Zusatzstoffe“, die wahrlich nicht zu Glückseligkeit verhelfen. Dazu gehören irgendwelche Pillen ebenso wie Alkohol oder „Koks“, usw.. Das Problem im Sport ist: Es wurde schon in der Antike gedopt, in der frühen Neuzeit ebenso und der DDR-Sport lebte 40 Jahre, in denen leider ebenfalls – wie auch in anderen Regionen der Welt – gedopt wurde. Nur, seit 1990 wird „auf Teufel komm` raus“ zu den „Hilfsmitteln“, die keine sind, gegriffen. Es gibt immer neue Möglichkeiten, um die Leistung unerlaubt zu verbessern – doch das ist eben nicht nur im Sport so. Gier nach Geld, Gier nach Ruhm und Erfolg – das sind die gegenwärtigen Maxime und Motivationen. Ich werde jedenfalls immer ein Doping-Feind in allen gesellschaftlichen Bereichen bleiben!

Frage: Mecklenburg-Vorpommern – Was verbinden Sie sportlich, kulturell und persönlich mit dieser Region?

Heinz Florian Oertel: Für mich ist Mecklenburg-Vorpommern wirklich ein unglaublich natürliches Landes mit einer herrlichen Ostseeküste und vielen, vielen Seen. Ich bin immer wieder gern hier. Für mich wird M-V auch gerade durch Gerd Wessig besonders gut repräsentiert. Wie der als Außenseiter 1980 in Moskau den Hochsprung-Olympiasieg mit Weltrekord von damals 2,36 Meter holte – das war einfach klasse und schafft in der ruhigen Art wohl nur ein Mecklenburger!

Vielen Dank! Bleiben Sie bitte weiter am olympischen Mikrofon und an der olympischen „Feder“. Alles Gute von M-V nach Spree-Athen!

Marko Michels