Nachgefragt bei Stefan Pentschew, Abteilungsleiter Ringen beim SV Warnemünde

Für die Ringerinnen und Ringer ist Jahreshalbzeit. Nach den kontinentalen Meisterschaften folgen vom 14. bis 22. September die WM in Kasachstan  – der letzte große globale Härtetest im Ringen vor Olympia 2020. Dazu stehen zahlreiche Turniere für den Nachwuchs und die Senioren auf dem Programm.

Der SV Warnemünde darf derweil feiern – seinen 70. Geburtstag! Und rechtzeitig zum Jubiläum sorgte eine junge Ringerin für ein goldenes Geschenk: Bei den Kadetten-EM in Faenza/Italien im Juni wurde Rebekka March Europameisterin in der Klasse bis 49 Kilogramm.

Zwei Ringer mit Kopfschutz in Aktion

Ringen – Symbolbild

Interview

Abteilungsleiter Stefan Pentschew über das Ringen in der Hafenstadt im Wandel der Zeiten, das Warnemünder Traditionsturnier, neue Herausforderungen und den Zuspruch junger Sport-Talente zum Ringen

Frage: Zum 48. Mal fand 2019 das Warnemünder Traditionsturnier im Ringen statt. Was zeichnet das Turnier aus?

Ringer Stefan Pentschew vom SV Warnemünde in der Saison 2003/2004.

Stefan Pentschew in der Saison 2003/2004. Archivfoto: Wolfgang Gross

Stefan Pentschew: Ich bin seit circa 35 Jahren Mitglied beim SV Warnemünde, Abteilung Ringen, und kenne das Turnier schon sehr lange. Früher fand es auf dem Sportplatz – direkt dort, wo jetzt die neue Halle steht – unter freiem Himmel statt. Da hatten wir dann mit starker Sonnen-Einstrahlung, heißen Planen, aber auch Regenschauern zu tun. Für Teilnehmer von außerhalb war dieser Start, 100 Meter vom Stand entfernt, immer ein Highlight.

Neben all den Kämpfen in der DDR-Liga und DDR-Oberliga hatte dieses Turnier immer einen freundschaftlichen Charakter. Sportler, die sich in der Liga gegenüberstanden und hart miteinander kämpften, kamen sich hier näher, es entwickelten sich Freundschaften. Viele Sportler und Vereine nutzten das Turnier für einen Kurzurlaub am Meer. Die Bedeutung war demzufolge immer hoch, aber wie gesagt – mit diesem freundschaftlichen Charme.

Frage: Rostock bzw. Warnemünde und Ringen – das hat Tradition. Wie beurteilen Sie die Entwicklung seit den 1960ern?

Stefan Pentschew: Diese Entwicklung ist sehr mit politischen Entscheidungen und Umbrüchen verbunden. Als Jahrgang 1972 habe ich da sicherlich nicht komplett alle Informationen. Das Ringen in Rostock hatte tatsächlich den Höhepunkt Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre mit den zwei Olympiasiegern Rudolf Vesper und Lothar Metz.

Durch die Entscheidung zur Verlegung der Kinder- und Jugendsportschule von Rostock nach Frankfurt wurde der Strom der talentierten Ringer umgeleitet. Heinz-Helmut Wehling war dann wohl das erste große Talent, welches zumindest einen Teil der Erfolge (bis 1976 ASK Vorwärts Rostock, ab 1977 für den ASK Vorwärts Frankfurt an der Oder startend) erzielt hat. So blieben die Erfolge im Männer-Bereich nur den Betriebssportgemeinschaften vorbehalten und hier hauptsächlich bei den Besten-Ermittlungen.

Erst mit der politischen Wende und der Entscheidung, junge Sportler in M-V weiter zu trainieren, waren wieder Erfolge im nationalen Männer-Bereich zu verzeichnen. Jedoch führte die Wende dazu, dass demographisch betrachtet weniger Kinder vorhanden sind, dem gegenüber jedoch ein wesentlich breiteres Spektrum an Möglichkeiten hinsichtlich der Freizeitgestaltung steht…

Es ist daher leider schwer, Kinder für diesen schönen Sport zu begeistern. Es wird wohl eine Randsportart bleiben. In den letzten Jahren haben unsere Veteranen aus Rostock und Warnemünde national und international die Fahnen hoch gehalten. Dieses Jahr sind wir überglücklich mit den Ergebnissen der Jugend.

Erfolge, wie das EM-Gold von Rebekka, pushen unseren Sport aber enorm – gerade bei den Heranwachsenden. Rebekka startet übrigens auch beim European Olympic Youth Festival in Baku vom 19. bis 29. Juli 2019!

Frage: Der Zuspruch der jungen Sport-Talente zum Ringen ist also wieder da?

Stefan Pentschew: Nach schwierigen Jahren, mit sehr wenig Kindern, haben wir uns zurzeit mit einem Team von Trainern und Kindern stabilisiert. Aufgrund der Anzahl der Kinder ist es hier notwendig, vereinsübergreifend zusammenzuarbeiten. Auf anderem Weg werden wir uns nicht erfolgreich etablieren können.

Die Kinder kommen und trainieren mit Freude, sehen natürlich auch gerne eine Belohnung in Form von Urkunden und Medaillen. Wir müssen versuchen, unsere Sportart mehr in den Fokus zu rücken, um noch mehr Nachwuchssportler gewinnen zu können.

Frage: Bei Veteranen-WM sind Rostocker und Warnemünder oft erfolgreich. Wann sind die nächsten Welt-Titelkämpfe? Welche Chancen rechnen Sie sich aus?

Stefan Pentschew: Im Oktober finden in Tiflis (Georgien) die Weltmeisterschaften der „Über 35-jährigen“ statt. Aus Rostock Warnemünde werden starten Martin Buhz, Dirk Stastny, Gunnar Sprunk und ich. Georgien liegt im Herzen des Kaukasus, da werden überdurchschnittlich viele Sportler aus den ehemaligen Sowjetrepubliken erscheinen. Es wird also wieder mal nicht einfach.

Nach wie vor ist jedoch das Mattentraining die wichtigste Vorbereitung. Und da müssen sich von den Genannten noch einige mächtig steigern, um Erfolg zu haben. Des Weiteren ist der Erfolg von der Tagesform und dem Losglück abhängig – sprich, Chancen müssen erarbeitet werden, sind aber da.

Letzte Frage: Welche sportlichen Herausforderungen warten in den kommenden Monaten noch auf Ihre Ringerinnen und Ringer?

Stefan Pentschew: Wir starten im Herbst erstmals seit 2012 wieder mit einer Mannschaft in einer Männerliga. Wir werden gemeinsam mit Rostock und Stralsund die „Kampfgemeinschaft Küstenringer“ in der Oberliga Brandenburg aufstellen. Das ist der konsequenten und nachhaltigen Nachwuchsarbeit geschuldet. Ein gutes Team, das auf jungen Nachwuchssportler und gestandene Männern mit reichlich Erfahrung „bauen“ kann. Dabei sind  auch erstmals zwei weibliche Gewichtsklassen. Wir sind gespannt.

Vielen Dank, weiterhin bestes Engagement für den Ringersport und maximale Erfolge!

Seit dem 5.Juli 2019 und noch bis zum 31.Mai 2020 findet im Heimatmuseum Warnemünde eine Sonderausstellung zur Geschichte des Warnemünder Sportes statt. Auch die Entwicklung des Ringkampfsportes in Warnemünde wird innerhalb dieser Ausstellung natürlich berücksichtigt.