Nachgefragt bei der Olympiasiegerin 1976

Olympia und Kanu-Rennsport „Made in Neubrandenburg“ – das ist seit genau 40 Jahren eine Erfolgsgeschichte.

Diese fing 1972 auf der olympischen Regattastrecke in Oberschleißheim-Feldmoching an.

Seinerzeit hatte Ilse Kaschube für die erste Olympia-Medaille im Kanu-Rennsport für den SCN gesorgt, als sie Silber im Kajak-Zweier über 500 Meter mit Petra Grabowski hinter dem UdSSR-Duo Ludmilla Pinajewa/Jekaterina Kurischko gewann.

In Montreal 1976 wurde diese Bilanz dann eindrucksvoll erweitert.Im Kajak-Zweier (Herren) über die 500 Meter gewannen Bernd Olbricht (SC Neubrandenburg) und Joachim Mattern (SC Berlin-Grünau) Gold vor der UdSSR und Rumänien. Im Kajak-Einer (Herren) über 1000 Meter triumphierte Rüdiger Helm (SC Neubrandenburg) vor Geza Csapo (Ungarn) und Vasile Diba (Rumänien) und im Kajak-Einer über 500 Meter siegte Carola Zirzow (SC Neubrandenburg) vor der Russin Tatjana Korschunowa und Klara Rajnai (Ungarn).

Die anderen Olympia-Medaillen im Kanu-Rennsport 1976 sicherten sich: Bernd Olbricht (mit Joachim Mattern) im Kajak-Zweier über 1000 Meter mit Silber, Rüdiger Helm im Kajak-Einer über 500 Meter mit Bronze, noch einmal Rüdiger Helm (mit Frank-Peter Bischof, Bernd Duvigneau, Jürgen Lehnert) im Kajak-Vierer über 1000 Meter mit Bronze und Carola Zirzow sowie Bärbel Köster (wie Carola Zirzow Mitglied des SCN) im Kajak-Zweier über 500 Meter mit Bronze.

Und auch bei den Olympischen Spielen 1980 in Moskau gab es viel Grund zum Jubeln im Lager der SCN-Kanuten. Rüdiger Helm wurde Erster im Einer-Kajak über 1000 Meter, im Zweier-Kajak über 500 Meter holten Bernd Olbricht/Rüdiger Helm Bronze und im goldenen DDR-Vierer-Kajak über 1000 Meter waren ebenfalls Rüdiger Helm und Bernd Olbricht vertreten.

1984 durften auch die SCN-Kanuten wegen des Olympia-Boykotts der meisten realsozialistischen Länder nicht in Los Angeles starten. 1988 in Seoul und 1992 in Barcelona konnten die SCN-Kanuten dann leider kein olympisches Edelmetall erringen, aber 1996 änderte sich das schon wieder: Andreas Dittmer fischte das olympische Edelmetall aus dem Wasser: Gold im C 2 über 1000 Meter 1996 in Atlanta, Gold im C 1 über 1000 Meter 2000 in Sydney, Bronze im C 1 über 500 Meter ebenfalls in Sydney, Silber im C 1 über 1000 Meter 2004 in Athen und Gold im C 1 über 500 Meter ebenfalls in Athen.

Für den vorläufigen olympischen Schlusspunkt aus SCN-Sicht sorgte 2008 in Peking Martin Hollstein mit Gold im Zweier-Kajak über 1000 Meter.

Aber die Allererste, die olympisches Kanu-Rennsport-Gold für den SC Neubrandenburg erkämpfte, ist Carola Zirzow, verheiratete Drechsler.

Nachgefragt bei Carola Zirzow, verheiratete Drechsler

C.Zirzow-Drechsler über ihre sportliche Karriere

„Ich war einfach nur froh und glücklich…“

Frage: Frau Drechsler, Sie waren 1976 die Sportlerin, die den ersten Einzel-Olympiasieg für Neubrandenburg holte. Wie erlebten Sie die Wettkämpfe 1976?

Carola Drechsler: Für mich als junge DDR Sportlerin waren die Olympischen Spiele in Montreal etwa ganz Großes. Ich hatte mich zwar hier in Brandenburg für den olympischen K1 qualifiziert, was aber noch lange nicht bedeutete, ihn auch wirklich zur Olympiade fahren zu können. Wir hatten nämlich noch vier Wochen vor den Spielen in Kanada ein Trainingslager, in dem es für mich dann täglich darauf ankam, bei allen Trainingsrennen als Erste ins Ziel zu kommen.

Dort wurden dann endgültig die Boote und die Besatzungen festgelegt. Als ich dann als K1-Fahrerin fest stand, ist eine große Last von mir gefallen. Die Wettkämpfe an sich waren für mich ja nichts Ungewöhnliches, da ja die Konkurrenz, die gleiche wie bei allen Weltmeistershaften war. Mit diesen Gedanken bin ich dann auch in den Wettkampf gegangen, um die Nervosität zu bekämpfen. Mir war im tiefsten Inneren schon bewusst, dass ein Olympiastart etwas ganz Besonderes ist und man nur alle vier Jahre diese Chance bekommt. Daher war ich sehr erleichtert, als ich dann am Ende wirklich als Erste die Ziellinie überquerte.

Freuen  konnte ich mich am Anfang noch nicht so richtig. Ich war einfach nur froh und glücklich, alles geschafft und damit alle Erwartungen erfüllt zu haben.

Frage: Wie war ansonsten die Stimmung bei Olympia 1976 in Montreal? Konnten Sie zumindest ein wenig von Land und Leuten mitbekommen?

Carola Drechsler: Von Montreal selber haben wir gar nichts gesehen – nur die Regattastrecke und die Umgebung auf der Fahrt dorthin. Wir konnten uns auch nicht „selbstständig bewegen“. Ich glaube im Nachhinein sagen zu können, dass auf jeden Sportler auch ein Stasi-Mitarbeiter kam, der wirklich „alles bestens“ unter Kontrolle hatte. Wir durften auch zum Abschlussball mit keinen „fremden“ Sportlerinnen und Sportlern sprechen bzw. tanzen. Im Gegenteil: Nach der offiziellen Ansprache musste das DDR-Team die Veranstaltung geschlossen verlassen. Wir hatten auch während der Wettkämpfe keine Gelegenheiten zu „freundschaftlichen“ Gesprächen mit anderen Athletinnen bzw. Athleten, wie es ja jetzt die Regel ist.

Frage: Wie verlief – in der Rückblende – der Gold-Wettkampf seinerzeit für Sie?

Carola Drechsler: Fast 40 Jahre nach den Spielen kann ich sagen, dass ich kein Jahr meiner sportliche Karriere bereue. Der Sport hat mich zu einer gewissen Persönlichkeit geformt. Mir hat es in meiner aktiven Zeit riesigen Spaß gemacht und ich fand mich im SCN mit meinem Trainer und meinen Trainingskollegen gut aufgehoben. Ich hatte damals keine Ahnung von den ganzen Stasi-Machenschaften.

Sicherlich war nicht jeder Tag gleich schön. Man hat auch geschimpft und sich im Schilf versteckt, weil man einfach keine Lust zum Trainieren hatte, aber die ganzen Erfolge waren dann doch ein schöner Lohn.

Ich bin jetzt erst so richtig stolz auf meinen Olympiasieg, denn es ist nicht selbstverständlich, dass man genau zum richtigen Zeitpunkt fit ist. … Ich glaube. in der DDR hatte  das noch eine größere Bedeutung als heute. Damals viel man nämlich ohne Gnade durch das „Raster“.

Frage: Nach 1976 mußten Sie Ihre sportliche Laufbahn beenden. Was überwiegt mehr als 35 Jahre danach – Freude über den Olympiasieg oder Verbitterung angesichts der Ungerechtigkeit, die Ihnen widerfuhr?

Carola Drechsler: Diese Frage habe ich ja schon teilweise beantwortet. 40 Jahre nach meinem ungewollten Karriere-Aus sehe ich diese Frage mit ganz anderen Augen. Damals bin ich natürlich in ein ganz tiefes Loch gefallen. Man hat mir von heute auf morgen gesagt, dass meine sportliche Laufbahn beendet ist. Das hieß auch, dass ich damals mein Physiotherapie-Studium abbrechen musste (Anmerkung: Ich wollte später im Sport tätig werden…). Ich habe dann im damaligen Energiekombinat angefangen zu lernen, bin dann auch bis 1992 dort geblieben und bildete mich mit einem Studium weiter.

Da ich ja nun sportlich  nicht mehr so aktiv war – von einem unkontrolliertem Abtrainieren abgesehen – war ich froh, dass ich „so“ meinen späteren Mann kennen lernte. Zu meinen aktiven Zeiten hätte ich dafür gar keine Zeit gehabt.

Frage: Und … Sind Sie heute noch sportlich aktiv? Was machen Sie beruflich?

Carola Drechsler: Ich arbeite seit 1993 bei meinem Mann in der HNO Praxis als Arzthelferin. Da ich immer noch bei Neubrandenburg wohne, also mich nicht so verhielt, wie einige ehemalige Stasi-Mitarbeiter, die gleich nach der Wende in den Westen gingen (Anmerkung: Letztendlich hatte ich auch „Zeit“, den Rest meiner Stasi-Akte zu lesen, der größte Teil ist angeblich verbrannt…) und wir den schönen Tollensesee mit der Lieps und einen wunderschönen Radweg haben, fahre ich fast täglich meine Runde  um den See, circa  40 Kilometer.

An den Wochenenden kommt mein Mann mit oder wir packen unsere Räder ins Auto und dann geht es nach Waren um die Müritz oder in andere schönen Radwander-Gegend. Wettkampfmäßig mache ich aber heute gar nichts mehr.

Last but not least: Weiterhin wandern wir beide sehr gerne in der Natur oder joggen.

Vielen Dank und alles erdenklich Gute!

Marko Michels