Entwicklung der Laufbewegung in Mecklenburg-Vorpommern

Ein Text von Herbert Stromeyer und Andre Stache (SCL)

Laufbewegung in M-V bis 1975 ohne große Bedeutung

Den Beginn der Laufbewegung in Mecklenburg-Vorpommern bzw. in den drei VorgĂ€ngerbezirken Rostock, Schwerin und Neubrandenburg kann man auf die Zeit ab 1975 datieren. Vorher gab es bereits einen staatlich geförderten starken Leistungs- und Spitzensport in den Leistungssportclubs Rostock, Schwerin und Neubrandenburg auch im Langstreckenlauf. Daneben gab es einige junge wettkampf- und leistungsorientierte mĂ€nnliche LangstreckenlĂ€ufer in den sonstigen Sportgemeinschaften, die sich ihre Startmöglichkeiten bei den wenigen fĂŒr sie in der DDR oder im sozialistischen Ausland angebotenen Bahn-, Straßen- oder GelĂ€ndelĂ€ufen suchen mussten. Der Breiten- bzw. Volkslaufsport war bis dahin fast bedeutungslos. Zwar gab es ab 1967 die „Lauf dich gesund“- Bewegung und ab 1973 die Meilenbewegung „Eile mit Meile“, wobei es gelang, grĂ¶ĂŸere Teile der Bevölkerung vor allem bei Betriebssportfesten und sogenannten „Sportfesten der WerktĂ€tigen“ an den Start zu bringen, aber das waren lediglich sporadische Laufwettbewerbe. Hier ging es meist nur ĂŒber vergleichsweise kurze Laufstrecken bis 2 km, wobei die erreichten Laufzeiten untergeordnet waren. Die Freude am Laufen in der Gemeinschaft sollte entscheidend sein und entwickelt werden.

Beginn der Ära Rennsteiglauf als entscheidender Impuls fĂŒr die Laufbewegung

Einen entscheidenden Impuls fĂŒr die Laufbewegung, auch im heutigen Mecklenburg-Vorpommern, gab es Mitte der 1970er Jahre mit Beginn der Ära Rennsteiglauf in ThĂŒringen. Der Rennsteiglauf als Laufevent außerhalb der damals vom DTSB gewollten und geförderten Sportbewegung faszinierte vor allem die jungen Menschen in und außerhalb der Sportvereine, obwohl der Lauf damals die fĂŒr damalige VerhĂ€ltnisse gewaltige LĂ€nge von 75 km auf schwierigem Terrain hatte, erst spĂ€ter kam der 45km-Lauf dazu, noch viel spĂ€ter der Halbmarathon. Die Teilnahme am Rennsteiglauf war fĂŒr viele ein Traum. Dazu musste man allerdings hart trainieren, um dort gut abzuschneiden bzw. den Lauf zumindest gut zu ĂŒberstehen.

In dieser Zeit wurden auch im heutigen Mecklenburg-Vorpommern viele Laufgruppen gegrĂŒndet, in denen ein organisiertes Lauftraining gepflegt wurde. Die Laufgruppen integrierten sich grundsĂ€tzlich in bestehende Sportvereine und damit auch in das bestehende Sportsystem der DDR. Das hatte neben der Tatsache, dass man nur so an eine der begehrten Startkarten fĂŒr den Rennsteiglauf herankam, auch den nicht zu unterschĂ€tzenden Vorteil, dass man so die Trainingsmöglichkeiten und vor allem die finanziellen Hilfen der Sportvereine, die in der DDR durch Betriebe und Verwaltungen erheblich gestĂŒtzt wurden, in Anspruch nehmen konnte.

In allen damaligen Kreisen der drei Nordbezirke wurden in der zweiten HĂ€lfte der 1970er Jahre Straßen-, GelĂ€nde- und BahnlĂ€ufe fĂŒr Breitensportler organisiert, an denen vor allem die leistungsorientierten, in Sportvereinen organisierten jĂŒngeren mĂ€nnlichen LĂ€ufer teilnahmen. In den 80er Jahren kamen dann mehr und mehr weibliche Teilnehmer dazu. Die StreckenlĂ€ngen bei diesen lokalen LĂ€ufen betrugen meist zwischen 10 und 20 km. Sehr beliebt waren die StundenlĂ€ufe auf den damaligen Sportplatzaschenbahnen, die in großer Zahl organisiert wurden und die in erheblichem Umfang auch LaufanfĂ€nger anzogen.
In Verbindung mit den damaligen BezirksfachausschĂŒssen (BFA) fĂŒr Leichtathletik wurden ab 1978 in allen drei Bezirken des heutigen Mecklenburg-Vorpommern die sogenannten Ranglistenlaufe als VorlĂ€ufer des heutigen LVMV-Laufcups durchgefĂŒhrt, an denen die in Leichtathletikvereinen bzw. Laufgruppen organisierten aktiven LĂ€ufer um Wertungspunkte in allen Altersklassen der Erwachsenen kĂ€mpfen konnten. Die zu absolvierenden StreckenlĂ€ngen lagen allgemein zwischen 10 km und Marathon. Jeder Bezirk bemĂŒhte sich um eigene Laufhöhepunkte. Im Bezirk Rostock waren das zunĂ€chst die StĂ€dtelĂ€ufe mit Hunderten von Teilnehmern, in Schwerin kam etwas spĂ€ter der FĂŒnf-Seenlauf dazu, dessen Starterzahl gleich die Tausendergrenze ĂŒberschritt.

Der fast 70-jÀhrige Klaus Dieter Mauck beim City Lauf in Rostock | Foto: Ralf Sawacki

Starke Entwicklung der Laufbewegung in den 1980er Jahren.

In den 1980er Jahren wuchs das Laufangebot betrĂ€chtlich. Dabei handelte es sich zum großen Teil um kombinierte Straßen-und VolkslĂ€ufe im Sinne der heutigen Definition mit exakt vermessenen, bestenlistenreifen Strecken. Das erreichte Leistungsniveau bei den Breitensportlern stieg stĂ€ndig an, sowohl in der Breite als auch in der Spitze, was zunĂ€chst vor allem auf die jĂŒngeren mĂ€nnlichen LĂ€ufer, ab Mitte der 80er Jahre dann auch auf die mittleren mĂ€nnlichen Altersklassen M40 und M45 und die jĂŒngeren Altersklassen der Frauen zutraf. Noch heute kann man an den ewigen Bestenlisten im Straßenlauf und an den registrierten AK-Bestleistungen fĂŒr Mecklenburg Vorpommern ablesen, dass in dieser Zeit bis Anfang der 90er Jahre speziell in diesen Altersklassen nicht nur im Spitzen- sondern auch im Breitensportbereich ein hohes Leistungsniveau erreicht wurde. Der Anteil der noch Ă€lteren Senioren und Seniorinnen blieb zunĂ€chst bescheiden.

Schwierige Umstrukturierung nach der deutschen Wiedervereinigung

Zu Beginn der 1990er Jahre nutzten viele wettkampforientierte BreitensportlĂ€ufer in Mecklenburg-Vorpommern zunĂ€chst die neu gewonnene Reisefreiheit zu Starts in den alten BundeslĂ€ndern sowie im westlichen Ausland. Das Laufgeschehen im eigenen neu gegrĂŒndeten Bundesland geriet etwas ins Hintertreffen. Zudem kam es in den bisherigen Sportvereinen zu erheblichen Umstrukturierungen. Die bisher automatisch zufließenden erheblichen finanziellen Mittel der Großbetriebe und staatlichen Einrichtungen flossen nicht mehr, jeder Verein musste ums Überleben kĂ€mpfen. Die MitgliedsbeitrĂ€ge wurden meist drastisch erhöht.

Es ging auf Sponsorensuche, was im Ă€rmsten deutschen Bundesland Mecklenburg-Vorpommern nicht einfach war. Eine Reihe von Vereinen schaffte den Überlebenskampf nicht; auch einige Laufgruppen und mit ihnen einige von diesen Laufgruppen organisierte Laufveranstaltungen verschwanden. DafĂŒr entstanden ungefĂ€hr ab Mitte der 90er Jahre neue Laufgruppen und mit ihnen auch nach und nach viele neue LĂ€ufe, so dass man heute auch im kleinen bevölkerungsarmen Bundesland Mecklenburg-Vorpommern fast an jedem Wochenende mehrere LĂ€ufe zur Auswahl hat.

Laufcup als gut genutztes Angebot fĂŒr leistungsorientierte LĂ€ufer/innen

FĂŒr die leistungsorientierten LĂ€ufer/innen wurde bereits 1991 unter der Regie des neuen Leichtathletikverbandes LVMV der Laufcup M-V fĂŒr alle Altersklassen der Erwachsenen und der jugendlichen Altersklassen U18/20 (mĂ€nnlich und weiblich) installiert, der die bisherigen RanglistenlĂ€ufe der drei VorgĂ€ngerbezirke nun fĂŒr das gesamte Bundesland vereinheitlichte. Ab 2013 konnten auch die Jugendlichen der AK U16 daran teilnehmen. 2015 kam der Nachwuchslaufcup fĂŒr die noch jĂŒngeren AK U10, U12 und U14 hinzu. Beide Laufcups haben sich bis heute sehr gut entwickelt, wenn man von den erheblichen BeeintrĂ€chtigungen durch die Coronapandemie in den Jahren 2020 bis 2022 absieht. Die meisten leistungsorientierten LĂ€ufer/innen des Landes, die dem LVMV angehören und ein Startrecht des Verbandes haben, nehmen am Laufcup teil.

Citylauf in Rostock | Foto: Ralf Sawacki

Wesentlicher Ausbau des Laufangebots ab den 1990er Jahren

FĂŒr die sonstigen Breitensport- bzw. VolkslĂ€ufer wurden in den 90er Jahren neben vielen kleinen lokalen LĂ€ufen und bereits bestehenden Großveranstaltungen wie dem Schweriner FĂŒnf-Seen-Lauf und dem Usedom-Marathon einige neue Laufevents installiert, wie z.B. der Tollensesee-Marathon in Neubrandenburg, der Rostocker Citylauf, die Rostocker Marathonnacht, der Rostocker City-Sport-Abendlauf, der Darßmarathon, der RĂŒgenbrĂŒckenlauf, der Kap Arkona-Lauf auf RĂŒgen sowie der Ostsee-Staffelmarathon auf dem Fischland. Alle diese Laufveranstaltungen bestehen heute noch und konnten bisher in allen Jahren bzw. zumindest zeitweise mindestens tausend BreitensportlĂ€ufer/innen oder noch wesentlich mehr als Teilnehmer begrĂŒĂŸen.

Relativ neu sind auch in M-V die großen FirmenlĂ€ufe, an denen neben ambitionierten LĂ€uferinnen und LĂ€ufern vor allem viele LaufanfĂ€nger teilnehmen, die sich zum Teil auch mit mehreren Trainingseinheiten vorbereiten und damit die Laufbewegung bereichern. Diese FirmenlĂ€ufe gibt es inzwischen in allen grĂ¶ĂŸeren StĂ€dten des Landes wie Rostock, Schwerin, Wismar, GĂŒstrow, Greifswald und Stralsund. Es sind StaffellĂ€ufe fĂŒr Firmen, Institutionen, Behörden und Vereinen, wobei jeweils mehrere Staffeln gestellt werden können. Jede Staffel hat 3 bis 4 LĂ€ufer/innen, die jeweils eine Teilstrecke von 2 bis 4 km zu absolvieren haben.

Der Ă€lteste und grĂ¶ĂŸte Firmenlauf ist der Rostocker Firmenlauf, der in diesem Jahr 2022 mit insgesamt 2800 teilnehmenden LĂ€uferinnen und LĂ€ufern bereits zum 13. Mal ausgetragen wurde.

GegenwÀrtige Strukturen des Lauf-Breitensports in M-V

Mehr als in den anderen BundeslĂ€ndern sind die weitaus meisten BreitensportlĂ€ufer/innen in Mecklenburg-Vorpommern nach wie vor in Vereinen bzw. Laufgruppen organisiert, die fast alle auch dem Leichtathletikverband M-V angeschlossen sind. FĂŒr die leistungsorientierten LĂ€uferinnen und LĂ€ufer des Landes sind die vom LVMV veranstalteten WettkĂ€mpfe im Laufcup mit integrierten Landesmeisterschaften im 10 km-Straßenlauf, Halbmarathon- und Marathonlauf sowie im langen Bahnlauf und Crosslauf die wichtigsten Laufveranstaltungen.

Es ist erfreulich, dass sich immer mehr Frauen aller Altersklassen und in letzter Zeit auch viele Kinder und Jugendliche an den Laufwettbewerben und am Laufcup beteiligen. Es zeigt sich, dass ĂŒberall dort, wo sich engagierte ehrenamtliche Übungsleiter um den Nachwuchs bemĂŒhen und ein interessantes freudvolles Training anbieten, wie z.B. im kleinen Ort Laage bei Rostock, auch bei jungen Leuten die Begeisterung fĂŒr das Laufen geweckt werden kann. Das sollte uns auch optimistisch fĂŒr die Zukunft machen.

Bemerkenswert ist, dass dennoch der Anteil der Ă€lteren LĂ€ufer/innen bei unseren Laufveranstaltungen seit Beginn der 90-er Jahre stĂ€ndig zunimmt. Bei den Teilnehmern am Laufcup M-V ist dies besonders ausgeprĂ€gt. 2022 betrĂ€gt hier der Anteil der AK M40 und Ă€lter ca. 80% der mĂ€nnlichen Erwachsenen; bei den AK M50 und Ă€lter sind es noch ĂŒber 50%.

Der Anteil der AK W40 und Ă€lter belĂ€uft sich auf ca. 75 % der weiblichen Erwachsenen, bei den AK W50 und Ă€lter sind es immerhin noch mehr als 40%. WĂŒnschenswert wĂ€re es, wenn speziell der Anteil der jĂŒngeren AK M/WU20 bis M/W35 weiter gesteigert werden kann. Die Beteiligung der weiblichen LĂ€uferinnen an unseren Laufwettbewerben ist seit den 80er Jahren kontinuierlich angestiegen. Beim Laufcup M-V betrĂ€gt der Anteil der LĂ€uferinnen zur Zeit ca. 40 %. Ähnlich ist es auch bei den ĂŒbrigen Laufwettbewerben. Bei unserem Nachwuchslaufcup ist das VerhĂ€ltnis zwischen MĂ€dchen und Jungen bereits ungefĂ€hr ausgeglichen.

Laufgruppe des SC Laage im Jahr 2021 | Foto: Ralf Sawacki

Leistungsniveau im Langstreckenlauf im Bereich des LVMV

Nach subjektiver EinschĂ€tzung kann man zur Meinung gelangen, dass das Leistungsniveau bei unseren Breitensport-bzw. VolkslĂ€ufen gegenĂŒber den 1980er Jahren wesentlich gesunken ist. Das trifft zweifellos zu, wenn man die mittleren Laufzeiten der Teilnehmerfelder betrachtet.

Hier ist aber zu berĂŒcksichtigen, dass die Teilnehmerfelder meistens erheblich grĂ¶ĂŸer und Ă€lter sind als damals. Es sind eben nicht nur die leistungsorientierten jĂŒngeren LĂ€ufer wie damals dabei, sondern es trauen sich auch viele AnfĂ€nger und vor allem Ă€ltere Senioren und Seniorinnen, auf die Laufstrecke, die mit ihren Laufzeiten frĂŒher einen Start nicht gewagt hĂ€tten. Jetzt können sie sich auch noch mit relativ mĂ€ĂŸigen Laufzeiten im großen Teilnehmerfeld behaupten und das ist auch im Sinne der Laufbewegung.

Dass das Leistungsniveau bei unseren leistungsstĂ€rksten BreitensportlĂ€ufern nach wie vor hoch bzw. sogar noch höher ist als frĂŒher, kann man auch aus der aktuellen Liste der LVMV-Landesbestleistungen im Langstreckenlauf erkennen. Bei den Frauen ab der AK W30 wurden alle dort aufgefĂŒhrten Rekorde und AK-Bestleistungen nach 1990 erzielt, die meisten davon sogar in den letzten Jahren ab 2015. Bei den MĂ€nnern ab der AK M30 gibt es nur noch wenige Landesbestleistungen aus Zeiten vor 1990; ab der AK M60 wurden alle Landesbestleistungen nach 1990 erzielt, etliche davon in den letzten Jahren ab 2015.

Dass die meisten Rekorde und AK-Bestleistungen bei den Jugendlichen und den AK M20 und W20 noch aus DDR-Zeiten oder aus Zeiten kurz nach der Wiedervereinigung stammen, liegt daran, dass sie fast ausnahmslos von LĂ€uferinnen und LĂ€ufern erzielt wurden, die damals in den drei großen Leistungssportclubs des Landes unter profiĂ€hnlichen Bedingungen leben und trainieren konnten. Diese guten Bedingungen gibt es heute in M-V, zumindest fĂŒr den Laufbereich, nicht mehr. Eine Verbesserung dieser Leistungen ist nur realistisch, wenn sich die Förderbedingungen fĂŒr den Leistungs- bzw. Hochleistungssport im LVMV auch im Bereich Langstreckenlauf wesentlich, gegenĂŒber den heutigen VerhĂ€ltnissen, verbessern.

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